Montag, 27. April 2020

viele Dinge


Die Regalbretter waren eine Station; wenn Dinge dort landeten, waren sie aus dem Kreislauf herausgefallen und blieben liegen.
Karl Ove Knausgård, Kämpfen, S. 295

Das Buch von Knausgård hat mich nun über Wochen begleitet und beschäftigt. Ich hatte es auf Rat eines Freundes im Zusammenhang mit meinem autobiografischen Schreiben zu lesen begonnen. Nach meiner Meinung halten die verschiedenen Teile nicht zusammen, aber es gab viele Aspekte, die mich sehr beeindruckt haben, vor allem seine sehr ehrliche, trockene Art, über den Alltag zu schreiben, über die verschiedenen Ebenen der inneren und äusseren Realität, die sich im ganz normalen Leben parallel oder vermischt abwickeln, über die gleichzeitige Existenz der Körper, Seelen und Dinge, die zu all den Komplikationen führen, die wir jeden Tag erleben.

Um den Satz von den Landestationen in einem Haushalt, auf dem die Dinge aus dem Kreislauf herausfallen und liegenbleiben, beneide ich Knausgård. Auf norwegisch ist er womöglich noch trockener.

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Ordnung der Dinge sich wie Ebbe und Flut verhielt, naturhaft an- und abschwellend. Auf Fotos aus meiner frühen Kindheit sind die unteren Räume, das Ess- und das Wohnzimmer, noch relativ karg eingerichtet. Es gibt schöne Gegenstände, die genügend Raum um sich haben, einen alten Kasten und einen kasachischen Teppich, den die Eltern auf die Hochzeit geschenkt bekamen. Moderne Designstücke wie die schwarzen Ameisenstühle von Eames, eine Stehlampe, das modernistische Clubtischchen mit einem Steinmosaik, das der Vater gemacht hatte. Über die ganze Fensterfornt des Esszimmers zog sich die Werkbank, die auf drei Schubladenmöbeln ruhte. In den kleineren lagen die Goldschmiedewerkzeuge meines Vaters, die für uns Kinder lange Zeit tabu waren. In den breiten, flachen Schubladen hatte er Zeichnungen und Bilder versorgt. In zwei Regalmöbeln, die der Werkbank aufgesetzt waren, wurden Kunstbände und die Hefte der Kulturzeitschrift Du aufbewahrt. Darunter stand die Bernina-Nähmaschine in ihrem schweren Gehäuse. Wenn meine Mutter nähte, stellte sie die Maschine auf den Esstisch, und der leere Koffer wurde mir zu einem Parkhaus für die Dinky Toys-Autos. Als meine Mutter mit den Gesangsstunden begann, musste ein Klavier angeschafft und im Wohnzimmer untergebracht werden. Die neue Enge erforderte einen mehr pragmatische als ästhetische Aufstellung der Dinge, es kam das Cello dazu, das eine Zimmerecke besetzte. Die Sammelbegeisterung beider Eltern füllte die Regale über den Fenstern, Sammlungen brauchten Vitrinen, immer mehr Bilder zwangen zu unkonventionellen Hängungen. Meine Mutter hatte immer wieder Haushalthilfen, junge Frauen, welche eine Haushaltlehre machten und ihr Praktikum bei uns absolvierten. Oder eine Frau, die gegen Bezahlung die Wäsche bügelte. Sie war das so gewohnt aus ihrer Kindheit, und als sie wieder ausserhalb des Hauses zu arbeiten begann, ging es wohl nicht anders.

Manchmal wurde ein Teil unseres Hauses zum Atelier der Eltern. Im Keller hatte der Vater seine Werkstatt, in der er zum Beispiel seine Mosaiken machte. Oder die Treibhalbkugel mit dem Pech vorbereitete. Das Treiben und Zisellieren setzte er dann an der Werkbank fort, im Esszimmer. Einmal übernahm er vom Schwiegervater, der Zunftmeister bei den Webern war, einen grösseren Auftrag. Er sollte eine Silberplatte mit dem Wappentier der Zunft, mit dem Vogel Gryff, verzieren. Abend für Abend hörten wir vor dem Einschlafen das rhythmische Picken des Ziselierhammers, bis er einmal abrupt aufhörte und laut zu fluchen begann. Die Katastrophe war eingetreten, er hatte das Silber überstrapaziert und den Punzen hindurchgehauen. Es zeigte sich, dass er ein zu reines Silberblech gekauft hatte, und er musste von vorne beginnen. Der Schwiegervater bezahlte zum Glück das zweite Blech. Auch die Mutter nahm einmal das Esszimmer vollkommen in Beschlag wegen einem Auftrag. Für die St. Christophoruskirche in Kleinhüningen entwarf und gestaltete sie einen grossen textilen Wandbehang für das Weihnachtsfest. Den Entwurf vergrösserte sie mit einem Raster auf Papierbahnen, die auf dem Boden ausgelegt werden mussten und das ganze Zimmer füllten. Der Esstisch wurde vorübergehend ins Wohnzimmer verlegt, die entstehende Enge und die provisorische Lage aller Dinge im Haushalt liess die Ordnung schnell gänzlich erodieren. Wir lernten, uns im Chaos der Gegenstände und Abläufe einzurichten.

Wir hatte in unserem jetzigen Haus, das 1907 gebaut wurde, sehr lange Zeit nur eine Toilette, im ersten Stock. Im Parterre gab es links neben dem Eingang einen kleinen Durchgang zu Küche, einen winzigen Raum, der ursprünglich zwei Türen hatte, die wir aber sofort aushängten. Ich installierte in dem Raum ein sehr einfaches Regal, mit drei an einem Balken befestigten, quadratischen Regalbrettern. Wir nutzten den Raum und die Installation zur Unterbringung von Vorräten und Putzgeräten. Bald wurde es auch zu einer Station im Sinne des Satzes von Knausgård. Für Aussenstehende war die Ordnung, die wir in dem Sammelsurium durchaus noch sahen, unmöglich zu durchschauen. Aber es wurde auch uns manchmal zuviel, und bei Lebensmitteln wird das Vergessen bestraft durch Insekten, die sich einnisten und von der Station ausbreiten können. Immer wieder aufräumen, reduzieren, neu strukturieren half auf die Dauer nicht. Im Zuge einer Renovation der Küche wurden in den kleinen Raum eine Toilette und eine Dusche eingebaut. Ein Teil der vorher dort versorgten Dinge ist nun in der neu strukturierten Küche untergebracht, der selten gebrauchte Teil musste in den Keller umziehen. Wenn ich heute Fotos der Station anschaue, staune ich, wie wir mit dieser bunten, unübersichtlichen Fülle im Alltag klar kamen. Ein bisschen wehmütig macht es mich auch, denn es strahlt eine eigene, sehr menschliche Ästhetik aus.


Samstag, 25. April 2020

magische Dinge


Als kleiner Bub waren mir Trophäen wichtig, Dinge, die ich von meinen Abenteuern zurück in die vertraute Umgebung meines Zimmers mitnehmen und, zur Erinnerung oder als Beleg für das Erlebte, aufbewahren musste. Ich inszenierte die Objekte gerne auch zu kleinen Ausstellungen, zum Beispiel auf dem Nachttischchen in einer Ferienpension. Ein solches Bild habe ich noch vor Augen, ich weiss aber nicht mehr, wo und wann das gewesen ist. Dass ich nicht ganz alles auf diese Weise zeigen konnte, daran erinnere ich mich. Der Grund war, dass ich mich bei meiner Trophäenjagd auch zu verbotenen Aktionen hinreissen liess. Auf meinem Nachttisch damals fehlte das kurze Stück einer goldenen Kordel, das ich heimlich in einer Kapelle von einer Fahne abgerissen hatte. In diesem aggressiven Akt drückte sich vielleicht mein stiller Protest gegen die vielen Kirchenbesuche mit meinen Eltern aus, sei es, um bestimmte Kapellen und Kirchen aus kunsthistorischem Interesse zu besichtigen, sei es auch, um die katholische Pflicht des sonntäglichen Messebesuchs noch an den entlegensten Ferienorten zu erfüllen. Die goldene Schnur musste also in meinem Hosensack bleiben und wurde nur im Versteckten angeschaut.

Den Hang, zu sammeln und auszustellen, zeigten beide Eltern. Eine der ersten Sammlungen, die eine eigene Vitrine bekam, betraf kleine Modelle historischer Autos. Das war erstaunlich, denn weder mein Vater noch meine Mutter interessierten sich sonderlich für Autos. Aber diese kleinen, oft sehr zierlichen Nachbildungen von Oldtimern aus der Geschichte des Automobils, Pennen, wie wir sie komischerweise nannten, hatten es ihnen angetan. Ich meine, dass der befreundete Fotograf dabei eine Rolle spielte, der zuerst so eine Sammlung besass, und vielleicht meinen Eltern die ersten Modelle schenkte. Eine Zeit lang hing die Vitrine in unserem Esszimmer, dann, als sich das Interesse, vor allem meiner Mutter, auf neue Gebiete verschob, zog die Ausstellung ins Bubenimmer um. Wir sammelten noch eine Weile weiter, wobei mein Bruder sich dank seiner Kenntnisse gezielt besonders wichtige und berühmte Modelle wünschte und schenken liess. An den Itala des italienischen Fürsten Scipione Borghese kann ich mich gut erinnern, ein Riesenauto, mit dem 1907 das Rennen von Paris nach Peking gewonnen wurde, und das wir in zwei verschiedenen Zuständen seiner damaligen Ausstattung hatten. Irgendwann erlahmte auch unser Interesse an den kleinen Autos, die Sammlung verstaubte, einzelne Modelle gingen kaputt, obwohl die ursprüngliche Abmachung das Spiel mit ihnen ausgeschlossen hatte. Die Vitrine verschwand schliesslich, als unser Zimmer bei meinem Eintritt ins Gymnasium renoviert und für Schularbeiten tauglicher gemacht wurde.

Ab wie vielen ähnlichen Objekten, Dingen mit der gleichen Funktion, aus demselben Material, mit ähnlicher Bedeutung und so weiter, spricht man von einer Sammlung? Ab fünf, ab zehn, ab fünfzig? Nach dem letzten Kriterium habe ich drei Sammlungen. Eine mit Schneckenhäusern, eine mit Messern und eine mit kleinen Köpfen und Figuren. Die ersten beiden, die Schnecken und die Messer, haben mehrere hundert meiner Studentinnen kennengelernt. Ich habe an den Schneckenhäusern gezeigt, wie sich die Regeln des Bauplans analysieren, dann variieren und wieder anwenden lassen. Bei der Beschäftigung mit den Messern ging es um die Prüfung und Bewertung von Artefakten, sowohl auf ihre Funktion hin, als auch in Bezug auf die Ästhetik. Beide Sammlungen haben ihre Wurzeln in meiner Kindheit und Jugend, weshalb sie sich dazu eigneten, ein Gespräch über das Sammeln bei Kindern und Jugendlichen, als ästhetische Praxis, zu eröffnen. Die erste Gruppe von Köpfchen schliesslich habe ich gezielt zusammengetragen, um das Projekt 'têtes de moules' in Gang zu setzen. Später wurde meine Sammlung von den Teilnehmern um ein Vielfaches erweitert und schliesslich in einer grossen Installation ausgestellt. Auch darin waren Objekte enthalten, die ich schon in meiner Kindheit um mich hatte, Figuren und Köpfe, die meine Eltern auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden gekauft und im Haus aufgestellt hatten. Man kann sich vorstellen, dass die Räumung dieses Haushalts eine Riesenaufgabe war, welche die zweite Frau meines Vaters fast alleine geschultert hat.


Donnerstag, 23. April 2020

Zolligeschichten 2


Die Bezeichnung Zolligeschichten, für Erzählungen von mir, die meine Frau zwar interessant, aber im Moment nicht passend fand, hatte einen Grund. Es gab eine Zeit, da ich einen Morgen pro Woche im Zoo verbrachte und Tiere zeichnete. Dabei konnte man einiges erleben.

Während unserer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule hatte wir jeweils am Montagmorgen Tierzeichnen im Zoologischen Garten, beim Basler Maler Gusti Stettler. Er hatte eine klare Vorstellung davon, mit welchen Tieren man als Anfänger zu beginnen hatte. Rinder, Hirsche, Ziegen. Keine Vögel, und schon gar keine Bären oder Raubkatzen, die seien für uns zu schwierig. Ich begann mit den afrikanischen Zwerggeissen, ich glaube, mein allererstes Blatt aus diesem Unterricht habe ich noch. Da die Modelle nie lange stillhielten, musste ich eine Strategie lernen. Man beginnt mit einer Stellung, und wenn das Tier wegläuft, sich dreht oder hinlegt, fängt man ein eine zweite Zeichnung an, und so weiter, bis man drei vier Skizzen auf dem Papier hat. An diesen zeichnet man abwechselnd dann weiter, wenn die Ziege, oder was auch immer, wieder ungefähr in einer der Stellungen verharrt. Da wir vom Lehrer angehalten wurden, mehrere Montage beim gleichen Tier zu bleiben, stellte ich bald fest, dass sich gewisse seiner Eigenheiten, Formen, Silhouetten, Proportionen, aber auch Bewegungsabläufe und typische Haltungen, ins Gedächtnis einprägen. So kann man begonnene Zeichnungen auswendig ergänzen oder gar fertigstellen. Stettler klopfte einem aber auf die Finger, wenn man zu sehr aus der Routine schöpfte und seiner Meinung nach nicht mehr richtig hinschaute. Nach einer Weile durfte man sich die Tiere frei aussuchen. Ich spezialisierte mich während kürzerer oder längerer Phasen auf Menschenaffen, dann auf Vögel, und schliesslich auf die Raubkatzen.

Der Montagmorgen war eine interessante Zeit, um im Zolli zu sein. Die grossen Raubkatzen zum Beispiel bekamen an diesem Tag nichts zu essen, und waren in dieser verordneten Fastenzeit viel lebendiger als sonst. Oder sie wurden auf eine Weise gefüttert, die man lieber vor spärlichem Publikum ausprobierte, mit ganzen Ratten für die schwarzen Panther, die bald aussahen wie geteert und gefedert, über und über verklebt waren mit Blut und weissen Haaren. Es gab nur sehr wenige Besucher, meist ältere Leute, Rentnerinnen und Rentner, welche die Tiere persönlich kannten, sie begrüssten und manchmal sogar umgekehrt erkannt und begrüsst wurden. Bei den Menschenaffen setzten sich in jener Zeit neue Methoden durch, wie man die zootypische Langeweile und Schwermut der Primaten vermindern könne durch abwechslungsreiche Spielangebote. Sie bekamen jeweils am Montag Nachschub, und immer etwas Neues. Jutesäcke für die Orang Utan. Holzwolle in Hülle und Fülle für die Schimpansen und Gorillas. Wir vergassen zwischendurch ob des Spektakels das Zeichnen. Es ergaben sich aber auch witzige Motive, ein junger Orang zum Beispiel, der sich einen Kapuzenmantel aus den Säcken zurechtriss und sich immer wieder neu damit verkleidete, die andern provozierte und erschreckte. Ich habe mehrere Blätter mit diesem Clown gefüllt. Wir legten unsere Zeichenutensilien auf dem Betonsims vor den grossen Glasfronten der Käfige ab. Vor allem die Schimpansen zeigten sich sehr interessiert, wenn wir in unseren Kästchen und Tüten nach dem Knetgummi oder den Kohlen kramten. Bei den Gorillas fanden wir heraus, dank unseres Halbwissens aus Artikeln und Filmen über Dian Fossey, wie man mit ihnen in Kontakt kommen kann. Wenn man sie direkt fixiert, wenden sie sich ab. Dreht man sich aber umgekehrt von ihnen ab und schaut nur ab und zu, quasi verschämt und über die Schulter, durch das Glas zu ihnen, nehmen sie das Spiel auf, und es ergibt sich eine Art Flirt über die Artgrenze hinweg. Sehr aufregend!

Mit uns künftigen Zeichenlehrern war ein Lehrling im Tierzeichnen, der Tierpräparator werden wollte. Wir kannten ihn schon aus dem dreidimensionalen Gestalten, das er auch mit uns zusammen absolvierte. Wegen seines Plappermauls und der Ausrüstung, die er dort trug, erhielt er von einem von uns einen Übernamen. Der Edi mit der Gärtnerschürze. Hatte er uns schon in der Werkstatt dauernd mit seinen Ratschlägen traktiert, so war er nun im Zoo erst recht in seinem Element. Er wusste alles und kannte alle. Immer um zehn Uhr durften wir im Zollirestaurant Pause machen. Als wir einmal von dort wieder zu unseren Feldstühlen zurückkehrten, kamen wir mit Edi, der links und rechts alles kommentierte, am Gehege der Fischotter vorbei. Eine niedere Betonmauer, dahinter der Wassergraben, dann die Pseudolandschaft mit Betonfelsen, darauf verteilt ein paar Fischotter. Edi beugt sich weit über das Mäuerchen und streckt einem der Tiere, mit dem er persönlich befreundet ist, seine Hand entgegen. Wusch! Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie der Otter Edis Hand ansprang und sich mit seinen breiten Kiefern in seinen Daumenballen festbiss. Die Hand zurückzuziehen nützte dem armen Kerl auch nichts, weil ein fauchender, ziemlich schwerer Pelzknäuel daran hing. Edi hatte grosses Glück, dass der Fischotter sich nach ein paar Sekunden ins Wasser platschen liess, ohne ihm den ganzen Daumenmuskel wegzureissen. Er hatte aber nach diesem Vorfall mehrere Wochen lang den Arm in der Schlinge. Und uns schien, dass er etwas weniger schwatzte.






Dienstag, 21. April 2020

Zolligeschichten 1


Als Zolligeschichten bezeichnete meine Frau früher Erzählungen von mir, über Dinge und Begebenheiten, die nach ihrer Meinung vor allem mich interessierten, weniger die Zuhörer. Vor allem in den Augenblicken, in denen ich zu solchen Geschichten anhob, wo ein persönliches Gespräch unter den Anwesenden möglich oder gerade am Entstehen gewesen wäre, das ich nun aber mit der ausführlichen Schilderung eines zwar an sich interessanten, aber im Moment eher peripheren Gegenstandes abgewürgt, wenn nicht für die verbleibende Zeit der Begegnung verunmöglicht hätte. Die mitschwingende Unterstellung, ich weiche auf diese Weise, oder gar generell, einem Austausch mit meinen Gesprächspartnern aus, sagen wir, über unsere aktuelle Befindlichkeit, über die Beziehungen, oder über die Dinge, welche die andern wirklich interessierten, musste ich natürlich zurückweisen, auch wenn sie vielleicht da und dort zutreffen mochten. Ich empfand meine Zolligeschichten nicht als Ausweichmanöver. Mich interessieren einfach sehr viele Dinge, unter anderem Geschichten von und mit Tieren.

Als ich in der dritten Primarklasse war, brachte unser Lehrer drei junge Kätzchen mit ins Klassenzimmer. Aus umgekippten Turnbänken hatte er ein Gehege gebaut, ein paar Kartonschachteln und -röhren hineingelegt, auch ein zwei alte Kissen, und in diese Installation die Katzenbabys hineingesetzt. Wir durften ringsherum Platz nehmen, in der ersten Reihe knieend, dahinter auf Stühlen, wir waren über dreissig Schüler, es war also eng. Was wir zu sehen bekamen, war für die meisten neu. Die Kätzchen waren zuerst sehr eingeschüchtert und versteckten sich in den Schachteln, dicht aneinandergedrängt. Bald aber begannen sie, die neue Umgebung zu erkunden, dabei in der ihnen eigenen drolligen Weise sich von allem und jedem sekundenweise ablenken zu lassen, von einem Staubfussel, der angefallen werden musste, vom eigenen Schwanz, der im Augenwinkel auftauchte und, weil er nicht zu erhaschen war, zu einem wilden Wirbeltanz verleitete. Wenn eines in einer Röhre verschwand, musste ein anderes von der Gegenseite nach dem Rechten schauen, die Begegnung in der Mitte konnten wir nicht sehen, aber dass sie zu einer wilden Balgerei in grosser Enge führte, konnte man an der Bewegung der Kartonhülse erkennen. Unser Gelächter und die vielen Jöööh's erschreckten die Tiere nur am Anfang.

Der Lehrer eröffnete uns schliesslich den tieferen Zweck seiner Vorführung. Er musste die Kätzchen loswerden, wir sollten also zu Hause fragen, ob wir vielleicht eines bei uns aufnehmen dürften. Ich habe nicht gefragt, wie mir später immer wieder unter die Nase gerieben wurde, sondern meine Mutter beschworen. Mami, ich muss unbedingt so ein Kätzchen haben, bitte, bitte, bitte. Und so durfte ich eines haben, einen fast ganz weissen Kater mit getigertem Schwanz, und ein paar dunkeln Tupfen über den Ohren und auf dem unteren Rücken. Er hatte keinen richtigen Namen, wir riefen ihn einfach Busi, worauf er nach kurzer Zeit sehr gut hörte. Ich erinnere mich noch an die erste Nacht, als er bei uns war. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Ich nahm den kleinen Kater zuerst zu mir ins Bett und spielte noch eine Weile mit ihm. Als ich dann schlafen wollte, wurde es schwierig, weil er sich entweder möglichst auf mich oder ganz nahe an mich legen wollte und dabei unglaublich laut schnurrte und mich mit den Vorderpfötchen tretend bearbeitete. Oder aber er ging wieder auf die Jagd nach allem, was sich bewegte. Wenn ich einen Zeh auch nur um einen Millimeter rührte, sprang er ihn mit voller Wucht seines kleinen Körpers an und stach mich mit seinen scharfen Krallen durch alle Stoffschichten hindurch empfindlich. So trug ich ihn schliesslich schweren Herzens hinaus. Weil er meine Absicht durchschaute und immer von neuem versuchte, zwischen meinen Beinen hindurch ins Zimmer zurück zu wischen, musste ich ihn schliesslich überlisten, indem ich ihn auf meinen Pullover bettete. Den traktierte er schnurrend mit seinem Milchtritt, und geriet dabei so in Extase, dass ich mich davonstehlen und die Türe zumachen konnte.

Der Kater wurde nie kastriert, er durfte die pelzigen Marmeln unter seinem hocherhobenen Schwanz das ganze Leben lang spazieren führen, mit allen Konsequenzen. Wir stellten fest, dass es nach ein paar Jahren in der Umgebung immer mehr weisse Katzen mit getigertem Schwanz gab. Mani Matters Lied vom Ferdinand und den vielen Ferdinändli im Quartier war daher für mich klar ein Lied auf unseren Kater. So friedlich wie Matters Ferdinand war er aber nicht. Er kämpfte zur Verteidigung seines riesigen Reviers, wir bekamen Berichte von Sichtungen unseres Katers bis hinauf an den Rand des Hörnliwaldes. Und seine Ohren wurden zuerst gefranst, dann durch die sich alljährlich wiederholten Verletzungen etwas kürzer und unregelmässig gerundet. Sein mächtiger Kopf wurde dadurch noch imposanter. Manchmal kam er mehrere Tage nicht nach Hause. War er schwer verwundet, hörte man das an seinem Ruf, wenn er unten zur Küchentür hereinkam. Meine Mutter sagte, wenn sie diesen lang gezogenen Klagelaut vernahm, immer schnell, ich solle gehen und schauen. Sie wolle das gar nicht sehen. Wir waren mit dem Kater nie beim Tierarzt, soweit ich mich erinnern kann. Ich wusch seine Wunden mit Kamillentee, er legte sich für mehrere Tage auf den Fenstersims und schlief durch, so lange, bis es ihm wieder besser ging. Die Narben unter dem Fell waren deutlich spürbar, wenn man ihn streichelte.

Der Kater lebte immer noch, als ich aus dem Elternhaus auszog, da war er schon dreizehn oder mehr Jahre alt. Mein Vater und seine zweite Frau kümmerten sich weiter um ihn. Kurz vor seinem Tod, oder besser, vor seinem letzten Verschwinden, tauchte ein junges, ausgehungertes Kätzchen auf, das sich an seinen Futternapf heranschlich und daraus frass. Natürlich kam unser Maudi, als er es merkte, angerauscht und wollte den Futterdieb verdreschen. Das Kätzchen aber duckte sich auf den Boden und hob auffordernd sein Hinterteil in die Höhe, ein einfaches Angebot, sex for food. Der Alte liess sich nicht lange bitten, besprang sie, und erlaubte ihr zu fressen. So ging das einige Tage lang, bis sich Leute aus der Nachbarschaft bei meinem Vater und seiner Frau meldeten. Ihnen sei ein kleiner Kater entlaufen, und jemand habe gesagt, er sei in ihrem Garten gesehen worden. Man wies auf den Umstand hin, dass es sich bei dem Besuch um eine Katze handle, und nicht um einen Kater, aber man machte ab, das Tier mit einem Trick zu fangen und zu schauen. Die kleine Katze war sehr scheu und liess sich nicht anfassen, also musste man sie mit Futter in die Küche locken und die Türe hinter ihr mit einer Schnur zuziehen. Als sie gefangen war und er sie auf den Arm nehmen konnte, stellte mein Vater fest, dass es sich tatsächlich um einen Kater handelte!

Mein alter Kater kam eines Tages einfach nicht mehr zurück von seinen Wanderungen. Ein würdiger Abgang,fanden wir.











Sonntag, 19. April 2020

Forschungen - Buebezüg


Die DKW-Hummel meines Vaters hatte ihre Macken. Er war, als Werk- und Zeichenlehrer, kunsthandwerklich sehr versiert, zeigte sich Motoren und elektrischen Einrichtungen gegenüber aber erstaunlich ungeduldig und unbeholfen. Wenn er sich also draussen auf dem Trottoir an seinem Töff zu schaffen machte, endete es oft in einem Gemurkse, begleitet von Flüchen und um den Preis ölverschmierter, aufgerissener Hände. Meist stotterte die Maschine nach ihrer schweisstreibenden Wiederzusammensetzung immer noch, und er musste sie schliesslich doch zum 'Cenci' bringen, was auch bedeutete, dass er zwei Tage mit dem Tram zur Schule fahren musste. Schmach und Zeitverlust!

Ich interessierte mich als Kind und Jugendlicher, im Gegensatz zu meinem Bruder, kaum für Maschinen, hatte deshalb keine Ahnung von einem Töffmotor, als ich mit 18 Jahren von meinem Cousin C. eine defekte Lambretta geschenkt bekam, begleitet vom Versprechen, er würde sie mit mir zusammen instand stellen. Ich fand den Gedanken interessant und wollte gerne einen Roller fahren, glaubte jedoch keinen Moment daran, dass wir es schaffen würden. Mein Cousin, der die Lehre als Maschinenbauer abgeschlossen hatte und schon ein richtiger Selfmademann war, ging die Sache rasch und beherzt an, und wir bugsierten die Maschine mit vereinten Kräften die Aussentreppe hinunter in den Keller. Die abgeschraubten Blech- und Gussteile dienten als Gefässe für die Schrauben, mit denen sie befestigt gewesen waren, und bald waren alle Abstellflächen und Ecken des Kellerraums bedeckt mit Schälchen und Schalen. Allzu Öliges durfte auf Kartonstücken auslaufen, und es roch bald intensiv nach Getriebeöl, Schmierfett und Russ. Ich versuchte gar nicht erst, die Übersicht zu behalten und vertraute ganz auf meinen Cousin.

Und ich lernte schnell, zum Beispiel, dass man für die Ablösung gewisser Teile eine Abziehvorrichtung braucht, mit viel Phantasie und Improvisationsgabe aber auch ohne eine solche auskommen kann. Oder wie man einem rostenden Benzintank eine Handvoll Schraubenmuttern und Petrol einverleibt, ihn eine Weile im Kreis herumschwenkt und so inwendig putzt. Grossen Wert legte meine Cousin aus eigener Erfahrung auf die Verhütung von Unfällen durch abrutschendes Werkzeug, worüber ich sehr froh war, denn es gab eigentlich nur wenige Schrauben, die sich leicht lösen liessen. Zudem waren unsere Schlüssel zum Teil alt, ihre Wangen nicht mehr sauber parallel, und es legte sich immer gleich ein Ölfilm über alle zu behandelnden Teile, obwohl wir dauernd rieben, putzten und dabei Unmengen von Lappen verbrauchten. Die wenigen Schrammen, die ich mir trotzdem holte, waren schmerzhaft genug und heilten schlecht. Einige Teile waren auch kaputt, innerste Teile wie die Kolbenringe, von denen ich vor dieser Unternehmung weder den Namen noch die Funktion gekannt hatte. Zum Glück gab es in Birsfelden einen Töffladen, der für die Marke Lambretta spezialisiert war. Wir fuhren zu Beginn zu zweit dorthin, wenn wir etwas ersetzen mussten, denn ich traute mir noch nicht zu, die richtigen Angaben für eine Suche nach dem gewünschten Ersatzteil liefern zu können.

Mit der Zeit konnte mich mein Cousin alleine in den Laden schicken. Wichtig war immer, dass man den Jahrgang der Maschine mehrmals und nachdrücklich nannte, denn die Firma hatte die Dimensionen auch sehr wichtiger Maschinenteile manchmal im Jahrestakt geändert. Ich habe nie erlebt, dass der Verkäufer über einen Wunsch die Stirne runzelte oder abwehrte: das haben wir nicht! Er holte eine Trittleiter und stellte sie zielsicher vor eine grosse Wand mit Holzschubladen, die bis unter die Decke reichten. Dann begann er, Schubladen und Schublädchen herauszuziehen, kramte herum, dabei immer wieder nachfragend: 1967 haben Sie gesagt? Dann zog er ein paar kleine Umschläge aus Ölpapier heraus und kam zur Theke. Ich meine, 1964 bis 65 haben sie da den gleichen Durchmesser gehabt, 1967 habe ich nicht mehr. Dann überprüfte er seine Vermutung mit der Schieblehre, unterbrochen von Kontrollblicken in einen alten Katalog, um schliesslich den Verkauf abzuschliessen. Der Preis war meist so niedrig, dass man sich fragte, woran das Geschäft etwas verdiente. Wir konnten den Töff schliesslich wieder zusammensetzen, nur einige wenige Schrauben blieben übrig. Als wir ihn wieder die Treppe hinauf in den Garten geschoben hatten, füllten wir etwas Benzin in den Tank, und mein Cousin trat ein paarmal kräftig den Starthebel. Schon nach dem dritten Mal sprang der Motor zu meiner grössten Überraschung an. Wir standen zwar in einer dicken Qualmwolke, und bei Betätigung des Gasgriffs soff die Maschine ab, aber sie war einmal gelaufen und liess sich auch wieder starten.

Es brauchte noch viele Anstrengungen, die ich nun weitgehend selber bewältigen konnte, bis ich den Töff fahren konnte. Lange hatte ich ihn dann nicht. Ich bestand die Fahrprüfung nicht, und der Motor machte immer wieder Schwierigkeiten, so dass ich bald die Lust verlor und eine Zeit lang kein Kontrollschild mehr hatte. Die Lambretta auf diese Weise, ohne Nummer, auf dem Trottoir stehen zu lassen, war keine gute Idee, denn sie wurde eines Tages von der Sperrgutabfuhr mitgenommen. Halbherzig, telefonisch, versuchte ich noch, ihre Spur aufzunehmen, liess es dann aber, indem ich mir einredete, es habe halt nicht sein sollen.


Donnerstag, 16. April 2020

Pause 2


Niemand kann sich an eine vergleichbare Situation erinnern. Die spanische Grippe verursachte vor hundert Jahren eine Pandemie, und schon damals wurde das öffentliche Leben eingeschränkt, wenn auch nicht im gleichen Mass wie heute. Das Wissen über Viren und deren Verbreitung war noch jung, und man hatte eben den Ersten Weltkrieg überlebt. Wir werden erst nach ein paar Jahren wissen, ob es zu den jetzt verordneten Vorkehrungen bessere Alternativen gegeben hätte.

Unsere Quarantäne in der vertrauten Umgebung, in einem Haus mit Garten, ist keine wirklich schlimme Erfahrung, sollte es jedenfalls nicht sein. Wenn man etwas den Blick hebt über den Zaun, zum Beispiel nach Indien, wo eine riesige Zahl von Wanderarbeitern irgendwo im Land hängen geblieben ist. Weder in der Heimat, noch in der vertrauten städtischen Arbeitsumgebung, an einem Ort, den man sich nicht aussuchte und wo man nicht willkommen ist. Und die spärlichen Geldreserven sind schnell aufgebraucht. Man überlegt sich, ob man besser an Hunger oder am Virus sterben solle, wie einer in der Zeitung zitiert wird.

Meine Grosseltern väterlicherseits erkrankten als junge Eltern zweier Buben 1918 an der spanischen Grippe. Sie wurden so krank, dass beide gleichzeitig ins Spital mussten. Mein Vater war erst wenige Wochen alt, musste notfallmässig abgestillt und bei einer Nachbarin im Haus untergebracht werden. Der zweieinhalbjährige Bruder wurde zu den Verwandten nach Cornol gebracht. Die Grosseltern überlebten, obwohl sie zu der damaligen Risikogruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen gehörten. Mein Vater hatte bei der freundlichen Nachbarin praktisch jede Nahrung verweigert und war zu einem kleinen Skelettlein abgemagert. Aber auch er überlebte, sonst gäbe es mich nicht.

Meine Mutter ist in einem Pflegeheim in Riehen. Vor der Pandemie ging sie jeden Tag mit ihrer Gehhilfe, dem Roulator, wie sie es nennt, in den Park, manchmal bis zu einer Stunde. Jeweils am Sonntagabend luden wir sie zum Nachtessen ein. Bei schönem Wetter kam sie zu Fuss, sonst nahm sie für beide Wege ein Taxi. Nun ist das alles nicht möglich, und niemand weiss, ob sie eine Aufhebung der Einschränkungen noch erleben wird. Trotzdem ist sie erstaunlich munter, pflegt ihre Blumen und arrangiert immer wieder neu, was dem Verwelken widerstand. Sie hat mir neulich am Telefon erzählt, dass sie als kleines Mädchen einmal wegen Masern für sechs Wochen im Kinderspital in Pflege und Quarantäne war, eine lange Zwangspause für ein Kind. Für mich wäre das sehr schwierig geworden.

Im Kindergarten hatte ich keine Vorstellung davon, was eine Pause sein könnte. Vielleicht wurde ja das gemeinsame Essen der mitgebrachten Äpfel und Brotschnitten als Znünipause bezeichnet, aber für mich war das nur eines unter den Ritualen, die man im Stuhlkreis abhielt, der merkwürdigerweise Stübli genannt wurde. Es gab einen asphaltierten Hof und auch etwas Grünfläche, die wegen der Hanglage des Kindergartens fast nirgendwo eben war. Draussen konnten wir die wilden Spiele machen. Mein liebstes war, in einen Holzreifen zu steigen, ihn mit seitlich ausgebreiteten Armen hochzuheben und dann, als Düsenjäger oder fliegende Untertasse, zwischen den andern herumzurasen. Auf dem Asphaltplatz mussten wir in Zweierkolonnen einstehen vor den Ausflügen. Das waren erzwungene Unterbrüche unserer andauernden Bewegung. Zu einem Fasnachtsumzug sollten wir uns einmal formieren, da waren wir schon kostümiert und hatten die selbstgemalten Masken aufgesetzt. Die Augenlöcher waren vom Fräulein gestanzt worden in einem einheitlichen Anstand und die Larven wurden kaum an die vielen Kindergesichter angepasst, so dass wir nur schlecht sehen konnten, wo wir hintraten. Alle Kinder des Doppelkindergartens sollten sich versammeln, halb blind und, wegen der Vorfreude auf den Umzug, zappelig. Es war schwer für die beiden Lehrerinnen, Disziplin und Ordnung in die Schar zu bekommen, und es dauerte lange. Weil mir die Warterei öd wurde, liess ich mich mit einem andern Bub auf ein Fangenspiel an Ort ein. Wir klatschten uns wechselseitig ab, bis der andere plötzlich davonrannte, und ich reflexartig hintendrein. An dieses Spiel konnte ich mich dann erst Wochen später erinnern. Ich erwachte mit verschleiertem Blick und rasenden Kopfschmerzen auf dem Bänklein in der Garderobe, umgeben von Erwachsenen, die wie Türme um mich aufragten. Ich erkannte die Schulärztin, die ich nicht mochte, und hörte sie sagen, sie werde mich jetzt zum Auto hinuntertragen. Das wollte ich auf keinen Fall und behauptete, ich könne selber gehen. Das heisst, ich meinte, das zu sagen, es kam aber kein Ton heraus. Man erzählte mir später, dass ich, mit der Maske vor dem Gesicht, kopfvoran in eine der Betonsäulen des Vorplatzes gerannt, zusammengebrochen und fast eine Viertelstunde lang bewusstlos gewesen sei. Ich hatte eine schwere Gehirnerschütterung, der Doktor stellte es an den ausbleibenden Reflexen fest. Die Kopfschmerzen waren schlimm und liessen erst nach zwei Tagen nach. Dann aber hatte ich genug davon, ruhig zu liegen. Als am dritten Tag der Hausarzt ins Zimmer trat, war ich gerade im Begriff, meinen Salto von der Kommode aufs Bett zu verbessern. Der Arzt riet meinen Eltern, mich wieder in den Kindergarten gehen zu lassen. Bevor etwas Schlimmes passiere.

Montag, 13. April 2020

Geschichten vom Rhein 3



Simon Starling, Shedboatshed, Gegenwartsmuseum Basel, 2005

Als der Lehrer ihnen in der Schule von dem englischen Künstler erzählt hatte zur Vorbereitung, und von dessen Projekt, das mit Holzbau zu tun habe, ahnte sie schon, dass es sich um Simon handeln könnte, den sympathischen Verrückten, der vor einem Jahr mit seinem alten Göppel angefahren war und sie fast beim Umziehen im Hüttlein überrascht hatte, oben beim Verein. Meistens zog sie sich ja zu Hause um, weil es im Clubhaus weder Garderobe noch Dusche gab für Frauen. Sie war die erste Aktive und musste selber schauen. Damals stand er also vor ihr, entschuldigte sich knapp, auf englisch. War komisch aufgeregt, so dass sie sich überlegte, ob sie abhauen sollte. Er starrte aber die ganze Zeit das Hüttlein an, redete vor sich hin. I can't believe it. It's perfect, just perfect. Rannte rundherum, machte Fotos mit einem kleinen Apparat. Stellte sich wieder vor sie. Do you speak english? Ja, war zufällig ihre zweite Muttersprache, falsch, die Vatersprache. Er lachte: What a coincidence. Ob das Hüttlein ihr sei, er meine natürlich, ob das ihrem Verein gehöre. Er hatte offenbar das Ruder gesehen, das über dem Holzstoss an der Wand hing. Sie erklärte ihm, dass es dem Wasserfahrerverein gehöre, und ja, dass sie da ihren Sport ausübe. Nun wollte er unbedingt mit jemandem von der Vereinsleitung reden, er suche genau so einen Schopf, er benutzte das Wort shed. Für ein Kunstprojekt. Er heisse Simon Starling und würde nächstes Jahr in Basel ausstellen, im Museum. Sie glaubte ihm nicht, führte ihn aber zum Clubhaus, wo er sich Telefonnummern aufschrieb und weitere Fotos machte. Sie hatte noch immer ihre nassen Klamotten an und wollte nach Hause.

An der Generalversammlung des Vereins damals, als der Präsident zum erstem Mal davon berichtet hat, dass ein englischer Künstler, zusammen mit einem Basler Museum, das Hüttlein haben wolle, da gab es grosses Gelächter. Einerseits, weil die Mannen eine solche Idee, aus einer alten Hütte einen Weidling zu bauen, völlig birnenweich fanden, typisch Künstler halt. Der werde sowieso gleich absaufen. Andererseits war es aber auch witzig, dass ihnen Arbeit und Kosten für Abriss und Entsorgung abgenommen werden sollten, ausgerechnet von so siebengescheiten Kunstkennern aus der Stadt. Man stimmte grossmehrheitlich dafür, wollte sehen. Der Präsident betonte, wie sympathisch ihm und dem Vizepräsident der Künstler und die Leute des Museums begegnet seien. Sie hatte den Künstler ja schon kennengelernt, der war wirklich sehr sympathisch gewesen, nach ihrem ersten Schreck und Misstrauen. Gegen Ende des Sommers, als ihre Wettkampfsaison schon zu Ende war und man die Weidlinge fürs Überwintern vorzubereiten begann, kamen zwei Männer, die den Schuppen zuerst fotografierten von allen Seiten, und dann mit dem Abriss begannen. Sie schaute ihnen einmal zu, zusammen mit ein paar der Jungs aus dem Verein. Der eine der Bootsbauer hiess Tilo, ein dunkelhaariger mit einer grossen, schwarzrandigen Brille, der war der Chef. Sie zerlegten die Hütte sehr sorgfältig, sie war ja damals schon in der Lehre als Zimmerin, konnte das beurteilen. Sie hatten das richtige Werkzeug, Nageleisen und Hämmer mit Kuhfüssen, um die vielen Nägel zu ziehen. Alle Einzelteile schrieben sie mit Kreide an und schichteten sie auf, wie die Treppenmacher. Den Künstler sah sie in dieser Zeit nur einmal kurz, der war offenbar nicht immer da. Dann versorgten sie alles Material und alle Werkzeuge in zwei Containern. Es hiess, sie würden das Boot später unter dem grossen Dach bauen, dort wo der Verein die Weidlinge unterstellt im Winter, und wo im Sommer auch Feste gefeiert werden. Eine Art grosse Halle ohne Wände. Dort hängt auch ein alter Weidling aus Holz, ganz oben an den Balken. Als der Verein im Frühling die Boote wieder einwasserte und die Halle frei wurde, kamen die zwei Männer zurück, der Tilo, und Johannes hiess der andere, und begannen zu bauen. Und das ging unglaublich schnell, zwei Wochen etwa, Mitte April war dann schon die Taufe mit Einwassern und das Fest. Die Männer im Verein, von denen die meisten ja auch Handwerker waren, staunten nicht schlecht. Sie kam manchmal nach der Arbeit oder nach der Berufsschule noch vorbei mit dem Velo, um zu schauen, wie das Boot Form annahm. Es interessierte sie beruflich, und die beiden waren freundlich, und lustig. Und sie kamen draus, das war deutlich. Sie hatten zwei Balken auf stabile Böcke gelegt, darauf montierten sie zuerst den Boden zusammen. Passten Bretter des Holzschopfs sorgfältig zu einer genügend grossen Fläche zusammen und verklebten sie mit einem wasserfesten Leim, den sie im Betrieb auch manchmal verwendeten. Klebrig wie Honig, macht die Hände rabenschwarz. Füllt aber Lücken selber, weil er aufschäumt. Für die Form hatten sie Papierschablonen gemacht. Die legten sie auf und sägten die Silhouette nach mit der Stichsäge.

Ein paar Tage später waren bereits die Spanten aufgeschraubt, die den Seitenwänden die Krümmung verleihen sollten. Sie hatte sich schon gefragt, wie sie die Stabilität hinbekommen würden, denn an der alten Hütte gab es keine Eichenbalken, alles nur weiches Nadelholz. Sie durfte es sich aus der Nähe anschauen. Tilo hatte Flacheisen besorgt, schon in die richtigen Winkel gebracht und verschweisst. Damit konnten sie schmale Balken zu Spanten verschrauben, die wiederum auf den Boden geklebt wurden. Dafür, und auch später für die Montage der Seitenwände, war nun das Dach sehr praktisch. Tilo und Johannes setzten Spriesse zwischen die Teile, die sie niederdrücken wollten, und die Dachbalken über ihren Köpfen, bauten Hilfskontruktionen, die zeitweise wie Fachwerk aussahen. Das gefiel ihr, das wollte sie sich merken. Simon Starling war auch in dieser Bauphase nur einmal da. Er schien sehr zufrieden mit dem, was er sah, bedauerte nur, dass er nicht mittun konnte. Aber er war im Stress, er hatte sein erstes Kind bekommen und musste zu Hause sein, sie meinte, in Berlin, nicht in England.

Die Einwasserung des Weidling sollte im Verein gefeiert werden, das wurde bekannt gegeben durch ein kleines Plakat und einen Hinweis auf der Website. Ein Spanferkel sollte es geben, offeriert und gebraten von Tilo, das fanden ihre männlichen Kollegen gut. Und einige ältere Männer im Verein wollten es nicht verpassen, wenn das Dinge absoff. Es kamen also viele Leute an dem Nachmittag, obwohl das Wetter nicht besonders schön war. Jetzt war natürlich auch der Künstler da, der Simon, wie ihn alle schon nannten. Zuerst wurde das Boot getauft, auf den Namen EVE, wobei das zweite E seitenverkehrt aufgemalt war. Sie fand das schön, dieses symmetrische Zeichen, das der Künstler entworfen hatte. Sie glaubt, es war auch der Name seiner Frau, eine Widmung. Und in seiner Rede kam er auf dieses Zeichen zu sprechen. Erklärte, dass es nochmals, wie der Name des Projekts, Shedboatshed, diese Verwandlung symbolisiere. Darüber musste sie lange nachdenken. Das Boot wurde dann beim Bödeli unten über eine Rolle ins Wasser gelassen. Alle waren gespannt, die Sprücheklopfer freuten sich schon. Dann, ein sanftes Schaukeln, der Weidling schwamm wie ein Schwan. Ein paar rannten nach unten, wollten sehen, wie das Wasser hineinströmt. Dann Rufe. Er bleibt trocken, das gibts ja nicht. Er schwimmt! Ein Mann, der auch zu den Kunstleuten gehörte und zum ersten Mal hier war, einer mit Tattoos und Ohrringen, band es fest und stieg hinein, drehte sich grinsend um und schaukelte das Boot extra fest. Grosser Applaus. Das Spanferkel war wirklich gut, mit einer knusprigen Haut. Sie ass das zum ersten Mal.

Was sie gerne wissen würde, und sich nie getraut hat zu fragen, ob der Künstler die Idee schon gehabt hatte, als er nach Basel kam, und dann mit dem Velo nach Muttenz. Ob er es auch so sehe, dass er unglaubliches Glück gehabt habe, wie alles so zusammenpasste. Und, was denn eigentlich sein Kunstwerk sei bei dem Ganzen, wo der ganze Bau, hin und zurück, ja von andern gemacht worden sei. Von Leuten wie sie, die Zimmerin. Oder fast wie sie. Der Tilo war ja auch so etwas wie ein Künstler, so wie der redete. Aber wenn sie ihm zuschaute, war er wie ihr Lehrmeister. Ruhig, zielstrebig. Gut organisiert. Hatte die richtigen Werkzeuge und das Material bereit. Fluchte höchstens leise, wenn etwas nicht klappte, begann einfach wieder, machte es besser. So wollte sie eigentlich auch werden als Handwerkerin. Oder als, sie stockt. Ihre Freundin hat den Vorkurs begonnen, an der Gestaltungsschule in Basel. Fragt sie immer wieder, ob sie nicht auch Lust habe, erzählt vom Zeichnen und Malen. Vom Fotografieren, das machen ja alle, aber wie sie davon spricht, wird es zu etwas Besonderem. Sie haben lange über Shedbaotshed gesprochen, und auch gestritten. Die Freundin fand, das sei keine Kunst, und obwohl Helen ja die Handwerkerin war, mit Eltern, die noch nie in einem Museum gewesen waren, für die der Guiness-Tukan aus Gips, der auf ihrem Clubtischchen stand, Kunst war, wollte sie dagegen halten. Immer wenn sie seither in den Weidling stieg, musste sie an diese Verwandlung denken, obwohl ihre Fahrzeuge längst aus Kunstsstoff waren. Sie fand den Gedanken daran irgendwie schön, es war schwer zu erklären. Ein Bild halt. Wenn man so etwas denken und machen konnte, dann war alles möglich, einfach alles. Sogar der Freundin gegenüber nachgeben, ihrer offensichtlichen Werbung, die weit mehr will, als sie nur beruflich auf ihre Seite zu ziehen. Sich outen. Die Eltern würden flippen, wenn sie sagen würde, dass sie den Beruf wechseln möchte, oder schon nur, eine andere Richtung auf die Ausbildung draufpacken. Und dann noch, dass sie auf Frauen steht, so eine ist. Der Vater würde nach dem ersten Schock zu ihr halten, da war sie sicher. Blöd nur, dass alle Machos im Verein und im Betrieb, die immer schon gesagt hatten, dieser Sport und dieser Beruf seien nichts für Mädchen, triumphieren würden. Denn so eine ist für die ja keine richtige Frau.