In der Erinnerung kam Jules die nächtliche Zugreise von Paris nach Le Havre wie ein mehrfach unterbrochener, immer wieder aufgenommener Traum vor. In Rouen war er aufgewacht, weil der Zug angehalten und noch mehr Reisende aufgenommen hatte. Ab dann war es ihm kaum mehr möglich gewesen zu schlafen, weil seine Banknachbarn zu beiden Seiten ihre Köpfe auf seine Schultern sinken liessen, einer von ihnen dazu vernehmlich schnarchend. Übermüdet und steif waren sie schliesslich ausgestiegen. Erfahrene Amerikareisende hatten Henri und ihm geraten, sich vor der medizinischen Kontrolle und der Befragung durch die Beamten das Gesicht zu waschen, sich zu kämmen und die Kleider in Ordnung zu bringen. Sie hatten daraufhin keinerlei Anstoss erregt. Man leuchtete ihnen in die Augen, Henri musste noch eine Impfung nachholen lassen. Der anschliessende interrogatoire war ihm sehr seltsam vorgekommen und hatte ihn in seinem tranceartigen Erschöpfungszustand zu anhaltendem, mühsam unterdrücktem Kichern gebracht. Wer würde wohl auf die Frage, ob er Anarchist sei, oder Polygamist, mit Ja antworten, fragte er Henri, der darauf auch Mühe hatte, ernst zu bleiben. Dann waren sie auf dem Quai gestanden, in Sichtweite des Schiffs, das ihnen riesig vorkam. Tische waren für sie aufgestellt, und man hat sich aus grossen Suppentöpfen, dazu Bergen von Brotschnitten, bedienen können. Wie er schliesslich in die Kabine gelangt war, die ihm nun schon zu einer Art Zuhause wurde, hatte er schon fast vergessen. Es war nochmals eine mühselige Plackerei mit dem Gepäck gewesen, die Kisten hatten sie gegen eine Quittung in einem Depot abgeben können, dann mussten sie einen Treffpunkt für einen späteren Zeitpunkt abmachen, weil Henri in der dritten Klasse, in Richtung des Bugs, untergebracht war, Jules' Logis der zweiten dagegen fast über dem Heck lag. Die Taschen waren über Treppen und lange, schwach beleuchtete Gänge bis zur Kabine zu tragen. Jules' Zimmergenosse für die beginnende Reise war, wie sich herausstellte, ein Auswanderer aus dem Südtirol, der sich als Silvius Alfreider vorstellte. Er sprach deutsch und italienisch, hatte aber, wie Jules, schon gewisse Fortschritte erzielt in seinen Bemühungen, englisch zu lernen. Sie hatten deshalb gleich abgemacht, zu gegenseitigem Nutzen in dieser Sprache miteinander zu verkehren. Sie waren sich sympathisch gewesen, Jules war darüber erleichtert.
Er verschlief fast den ganzen ersten Tag auf dem Meer, in seiner Kabine, so müde war er gewesen. Mit Henri zusammen hatte er noch vom unteren Rundgang zugeschaut, wie der von Zuschauern und Abschiednehmenden schwarz getupfte Quai langsam seitlich wegzog. Als das dicke Tau auf dem Schleppboot gelöst war und ins Wasser platschte, liess die "Provence" zweimal ein heiseres Hornsignal ertönen, worauf über der Menschenmenge am Ufer die Taschentücher wie übergrosse Schneeflocken hin und herwehten. Die "Provence" hatte sofort Fahrt aufgenommen, Jules musste eines ums andere Mal gähnen, und so verabschiedeten sie sich für den nächsten Tag und gingen, obwohl es noch Morgen war, schlafen.
Die folgenden Tage vergingen in wohligem Trott. Jules fühlte sich zurückversetzt in die Kindheit, in die meist nicht sehr langen, aber doch ein paar Tage andauernden Zwischenräume im Ablauf geregelter oder gefühlter Verpflichtungen, zum Beispiel nach der Ernte, aber noch vor Wiederbeginn der Schule. Oder während ein paar Tagen der Rekonvaleszenz nach einer halb überstandenen Krankheit, wenn man schon wieder fast alles durfte, kaum etwas musste. Das Wort Ferien hatte er damals kaum gekannt, andere Leute als er und seine Familie verfügten darüber. Hier aber, auf dem Schiff, schien es viele solcher Menschen zu geben. Kaum an Bord, schlenderten sie in ihren speziell für den eleganten Müssiggang mitgebrachten Kleidern in den Gängen und Salons umher, in betonter, gemessener Langsamkeit. Wenn sie innehielten und sich irgendwo hinsetzten auf eine der unübersehbar zahlreichen und vielgestaltigen Sitzgelegenheiten, so schien es Jules, als ob sie sich im Atelier eines Malers oder Photographen in Pose bringen wollten. Und es gab tatsächlich einige Photographen an Bord, die er in der Nähe oft derselben wenigen Personen aus der ersten Klasse antraf, wahrscheinlich berühmte und reiche Persönlichkeiten, wie er auch aufgrund der diskreten Anwesenheit von eigens mitreisenden Angestellten vermutete, die sich im Hintergund in Bereitschaft hielten.
Jules musste lernen, seine Bewegungen dem Rhythmus der Umgebung anzupassen. Mit seinem anfänglichen, ungeduldigen Trippeln und Drängen, wenn er hinter Passagieren herging, die in aufreizend langsamem Gang, ohne erkennbares Ziel, die ganze Breite von Treppen und Durchgängen einnahmen, hatte er Missfallen erregt, ausgedrückt durch Kopfschütteln, Augenverdrehen und Zischen. Einmal war er von einem korpulenten Herrn in Smoking sogar eines Ortes verwiesen worden mit der hervorgepressten Bemerkung, er habe dort nichts verloren, obwohl er als Passagier zweiter Klasse dazu durchaus berechtigt gewesen war. Seit Jules gelernt hatte, zu schlendern, seit er auch seine Kleidung mit Bedacht an die Situationen anpasste, in die sich zu begeben er vorhatte, eckte er kaum mehr an. Für Spaziergänge in seinem eigenen Tempo wählte er die ganz frühen Morgenstunden, während derer die Herrschaften noch schliefen, und der Blick auf den Atlantik unwiderstehlich war.
Er konnte sich nicht satt sehen an der Heckwelle des Dampfers. Sie kam ihm majestätisch vor, wie eine Schleppe aus zwei glitzernden Bahnen, gewoben und gezöpfelt von der stählernen Maschine eines Riesen. Das schoss unter dem Heck hervor, schneller als das Auge die Wirbel verfolgen konnte. Erst indem er sich weiter weg bewegte, schien sich der Teppich zu beruhigen, die Strudel breiteten sich aus, verschwammen mit dem Gewebe aus Gischt. Und immer weiter zog das Band von ihm weg, schnürte sich zusammen auf einen schwer bestimmbaren Punkt am Horizont. Erst wenn er seinen Blick wieder zurückkehren liess, sah er eine zweite, viel diskretere Spur, die das Schiff in die glatte Fläche des Meeres zeichnete, aus sanften Reihen von Wellen, die vom Bug und von den Flanken des Rumpfs ausgingen und sich in der Form eines Vogelzuges ausbreiteten. Ihre Farben waren ganz anders. Die Heckwelle erinnerte ihn an den Gletscher, den er einmal in den Walliser Alpen gesehen hatte, sie veränderte sich farblich kaum im Verlaufe des Sonnenaufgangs. Bei den seitlich wegziehenden Bugwellen dagegen musste er lange beobachten, bis er hinter das Geheimnis der verblüffend schnell wechselnden Farbigkeit kam. Von der ihm zugewandten Seite der Wellen wurde kein Licht zurückgeworfen, da versank das Auge im Schwarzblau der tiefen See. Die von ihm weg fliehenden Rückseiten jedoch wirkten wie weiche, bewegte Spiegel, in denen man die Farbe des Himmels darüber wahrnahm. Er verglich die Tönungen der Wellen und des Himmels, bis die Sonne ganz über dem Horizont stand, bis er wusste, dass er recht hatte. Dann ging er ins Innere, weil ihm kalt geworden war. Er wollte nachsehen, ob er schon ein Frühstück bekommen könnte.
Henri hatte nicht zu allen Orten Zutritt, an denen sich Jules aufhalten durfte. Er hatte mehrfach betont, dass ihm diese Einschränkungen nichts ausmachten, und dass die Kabine, die er mit fünf anderen Männern teilen musste, seine Erwartungen bei weitem übertroffen habe. Wenn Jules jedoch von seinen Erlebnissen im luxuriösen Kaffee oder im grossen Salon mit den Oberlichtfernstern erzählte, erkannte er an Henris umherschweifenden Blicken, dass er davon nichts hören wollte. Sie fanden heraus, wo sie sich ohne Schwierigkeiten treffen konnten, auf dem hinteren Deck zum Beispiel, oder auch im Entrée der zweiten Klasse, einem Aufenthaltsraum, der sich im hintersten der Deckaufbauten befand. Der Raum strahlte den Charme einer französischen Gaststube aus, und es war zu bestimmten Zeiten sogar möglich, etwas Kleines zu konsumieren.
Sie liessen sich Wasser, eine kleine Karaffe Wein, Paté und Weissbrot bringen. Die Ankunft in New York musste besprochen werden, ebenso die anschliessende Weiterreise nach Ohio. Henris Entschluss, in der dritten Klasse zu reisen, hatte zur Folge, dass er bei der Ankunft als erstes mit der Fähre nach Ellis Island, ins Dépôt des immigrants, verbracht werden sollte. Da nicht vorauszusehen war, wie lange die medizinischen und administratorischen Abklärungen dort dauern würden, es konnte ein paar Stunden dauern, bei Beanstandungen durch die Behörden auch mehrere Tage, musste für Jules eine Unterkunft gefunden werden, in der er ungeachtet dieser Unsicherheit auf ihn warten konnte. Sie machten aus, dass er in der Wartezeit die Billets für die Bahnreise nach Cleveland besorgen würde. Sie schauten sich die Strecke auf einer kleinen Karte an, die Henri mitgebracht hatte. Von seinem Onkel in Ohio kannte er auch Dauer und die Stationen der Fahrt. Über Albany und Syracuse nach Buffalo dauerte sie etwa zwölf Stunden, dann hatte man, nach dem Umsteigen, nochmals sechs Stunden dem Lac Érié entlang zu fahren bis nach Cleveland.
"Es gäbe auch einen Nachtzug mit Schlafwagen", meinte Henri, etwas zögernd.
"Das wäre wieder etwas Neues! Warum nicht?", fand Jules, und setzte nach:
"Komm, wir machen das. Ich bezahle dir den Aufpreis."
Henri sträubte sich, liess sich aber schliesslich überreden. Die Erinnerung an die nächtliche Fahrt durch Frankreich machte es ihm leichter, sich vom jüngeren Vetter etwas schenken zu lassen.
"Wie wir von Cleveland nach Sterling, zum Hof von Onkel Stoecklin, kommen, weiss ich noch nicht. Es muss sehr ländlich sein dort."
Jules munterte ihn auf.
"Wie zuhause! Wir finden schon etwas."
Vom vierzehnten auf dem fünfzehnten Mai schwächte sich das Hochdruckgebiet über den Azoren markant ab, wodurch sich ein Tief bei Neufundland ausdehnen und langsam in Richtung Südosten in Bewegung setzen konnte. Eine erste Regenfront erreichte die Route der "Provence" gegen Abend des fünfzenten.
Zuerst meinte Jules, er habe es sich nur eingebildet. Als er durch einen der langen Gänge des Schiffs ging, hatte er den Eindruck, als würde sich dieser ganz leicht krümmen, zuerst nach oben, dann, fast unmerklich in einem Bogen nach rechts, wieder in die Ausgangslage zurück. Als ihm eine Gruppe junger Leute entgegenkam, die übertrieben schwankten und sich kichernd an den Handläufen festhielten, stellte er fest, dass das Schwanken auch von anderen bemerkt worden war und also real war. Als er in die Kabine kam, sass Silvius auf seinem Bett und hatte einen farbigen, über einen Meter breiten Faltprospekt vor sich ausgebreitet.
"Look, what I found! The longitudinal section of the "Provence"!"
Jules verstand den Ausdruck nicht, konnte aber, als er sich ans andere Ende des Betts gesetzt und Silvius ihm das Blatt zurecht gerückt hatte, sehen, dass er ein Bild des Schiffs vor sich hatte, auf dem sie sich befanden. Der Rumpf war auf der ganzen Länge seitlich aufgeschnitten und zeigte das ganze Innenleben, alle Räume, die beiden enormen Heizkessel mit den Kaminen, die Kohlebunker und Maschinen, die Unterkünfte aller Passagiere und der Mannschaft, die Küche und so weiter und so fort. Alles war sorgfältig durchnummeriert und mit einer zweisprachigen Legende versehen. Sein Zimmergenosse war begeistert, er hatte ihm erzählt, dass er ein machine builder sei, da war das verständlich. Auf Jules tat die Abbildung eine zwiespältige Wirkung. Der Rumpf kam ihm überlang und zerbrechlich vor, die fehlende Bordwand wie eine riesige Wunde. Es fiel ihm schwer, den Eindruck von vor ein paar Minuten, als er meinte, der Gang habe sich gekrümmt, auf englisch in Worte zu fassen. Aber Silvius schien sofort zu verstehen, und zu Jules Schrecken behauptete er, das sei keine Täuschung gewesen, so ein Rumpf aus Stahl könne sich bei starkem Wellengang um bis zu einem halben Meter oder noch mehr in alle Richtungen verbiegen. Davon gehe aber keinerlei Gefahr für die Sicherheit des Schiffs aus, solange die Konstruktion clever auf die Elastizität des Materials eingehe und sie nicht an ungünstigen Stellen blockiere. Solche Fehler könnten allerdings zu Rissen führen. Jules stand auf, er wollte das nicht weiter anhören. Jetzt spürte er, dass das Schiff sanft, aber vernehmlich schwankte. Es war eine Drehbewegung um alle Achsen, und als er das festgestellt hatte, wurde ihm schlecht.
Freitag, 12. Februar 2021
Samstag, 6. Februar 2021
Reisen Sie mit Zwilchenbart!
Die Aussicht, für mehrere Stunden sitzen bleiben zu können, nachdem man das Gepäck mehrfach aus den Bergen fremder Stücke herausgezerrt, gebuckelt, zwischengelagert auf schmierigem Bahnsteig, bewacht und verteidigt, wiederum geschultert und im engen Zugabteil verstaut hatte, erleichterte die beiden Männer derart, dass sie sich für eine kurze Weile in wohliger Schläfrigkeit zurücklehnten und die zuvor aufs Äusserste angespannte Wachsamkeit ablegten. Zwar war man inzwischen hungrig geworden, und ahnte bereits, wie hart sich die Bänke der Holzklasse in ein paar Stunden anfühlen würden, aber für diesen Moment, in dem der Zug noch im Bahnhof von Delles stand, konnte man sich in das eigene Innere zurückziehen, sich vom Geschnatter, Geschrei, Gelächter ringsum einhüllen lassen im Bewusstsein, dass es einen weder etwas angehe, noch etwas von einem verlangt sei. Sie realisierten die Gleichzeitigkeit ihrer Empfindung, als sie sich ansahen. Theatralisches Luftausstossen von Henri, Jules konnte nicht anders, als es ihm gleichzutun, sie lachten sich zu.
Zwei Männer aus dem gleichen Dorf, die elf Jahre Altersunterschied trennten, oder eine halbe Generation. Die eigentlich Onkel und Neffe waren, sich aber eher als Coucousins sahen. Sie waren sich, vielleicht weil sie entfernt verwandt waren, nie besonders nahe gestanden. Henri, der aus einer Familie von Obstbauern kam, meinte nach Amerika gehen zu müssen, weil er eigentlich keine andere Wahl habe. Der Hof wurde schon jetzt vom ältesten Bruder geführt, ein Auskommen in dessen Abhängigkeit oder auch nur räumlicher Nähe war für ihn nicht mehr denkbar. Mehrere Versuche, in Cornol eine passende Frau zu finden, waren gescheitert, also hielt ihn nichts mehr im heimatlichen Jura. Er wollte in Ohio, wo ein Cousin bereits seit einigen Jahren wirtschaftete, nicht mit übermässigem, aber doch zufriedenstellendem Erfolg, ein Stück Land erwerben und darauf Obst anbauen. Er hatte seine bescheidenen Ersparnisse bereits nach drüben überweisen lassen, und achtete nun auf geringe Reisekosten, indem er in der dritten Klasse reiste. Die beiden wussten noch nicht, ob es auf dem Schiff möglich sein würde, Zeit zusammen zu verbringen, denn Jules fuhr zweiter Klasse. Er hatte sich nicht nur von seinem Freund Pierre die Frage anhören müssen, weshalb er überhaupt nach Amerika auswandere. Zwar waren die letzten Jahre härter geworden für die Heimarbeiter, die Konkurrenz durch den Import billiger Uhren aus den USA zwang zu schnelleren, moderneren Produktionsformen, in Fabriken. Auch war Jules' Vater alt und müde geworden, manchmal befürchteten sie, dass eine schleichende Krankheit ihm die einst mit viel Energie und Freude ausgeübte Arbeit verleide. Und ob es mit der Uhrenfarbrik im Dorf etwas werden könnte, war nun auch ungewiss. Aber die Familie hatte über lange Zeit etwas auf die Seite legen können. Der Älteste war versorgt, machte seine Ausbildung im Grenzwachkorps und sollte bis in ein paar Jahren ein gesichertes Einkommen haben als Zollbeamter. Wenn der Vater also gar nicht mehr mochte, würde der kleine Hof an ihm, an Jules hängenbleiben. Aber noch war es nicht so weit. Nach aussen, auf die Fragen, begründete er seine Auswanderung mit viel abwägendem Dafür und Dawider, innerlich aber war die Antwort fast beschämend einfach: weil ich Lust habe! Und dass sogar seine so korrekte, fromme Schwester Marie den Sprung gewagt hatte, vor vier Jahren zum ersten Mal, zusammen mit fünf anderen jungen Frauen aus dem Dorf, sich in der Zeit drüben als Näherin hatte durchschlagen können, ohne unterzugehen, nun, nach ihrem Besuch in der Heimat, mit Bestimmtheit, und schon bald wieder, zurück wollte über den Atlantik, auch das trieb ihn an, wie er sich eingestehen musste.
Die unzeitgemässe frühsommerliche Wärme saugte über Westeuropa das Wasser aus dem Boden, termische Aufwinde türmten die Kumuluswolken über dem Burgund zu barocken Ungetümen auf. Wenn sie gegen Abend die Form von Ambossen annehmen sollten, waren kräftige Gewitter zu erwarten.
"Da kommt noch etwas!", meinte Henri, als sich nach einer sanften Kurve eine besonders eindrückliche Wolkenformation in die kleinen, hochstehenden Rechtecke der Fenster schob. Es war heiss in dem mit sechs Menschen voll besetzten Abteil. Man war sich beim Essen der mitgebrachten Brote näher gekommen, beim Herumreichen von Taschentüchern, Einmachgläsern und Weinflaschen, einigte sich nun darauf, ein Fenster ganz zu öffnen, um es bald darauf wieder bis auf einen kleinen Spalt zu schliessen, weil sich kleine Russpartikel schmerzhaft hinter Augenlidern und in den Nasenschleimhäuten einnisteten.
Ein Ehepaar, ursprünglich aus Courgenay, beide in den Dreissigern, begleitet durch eine weitere, etwas jüngere Frau, war schon für ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten gewesen, wo der Mann als Sekretär in einem Anwaltsbüro, die jüngere Frau als Hausangestellte gearbeitet hatte. Die Ehefrau schien in Erwartung zu sein. Sie wechselte ab und zu ins Amerikanische, für Jules Ohren ohne erkennbaren Akzent. Ein weiterer Mann mittleren Alters, aus dem Elsass, wohlgenährt, mit Bäuchlein, gekleidet wie ein mittelmässig erfolgreicher Geschäftsmann, der gerne mehr sein will, als er ist, reiste nur bis nach Paris, wo er im Immobiliengeschäft tätig sei, wie er behauptete. Der Ehemann, der sich als Laurence Girardin, gerne auch einfach Laurence, vorstellte, brachte, als er erfuhr, dass Jules und Henri aus Cornol kamen, das Gespräch auf die Auseinandersetzung um die geplante und dann doch nicht realisierte Uhrenfabrik, von der er offenbar gelesen hatte. Er zog die beiden auf mit der Messerstecherei, schliesslich gar Schiesserei, vom vergangenen Herbst vor dem Gasthaus Boeuf.
"Ein hitziges Völkchen, die Cornoler!" schloss er seine spöttische Rede. Henri versuchte zu erklären, dass man von diesem Vorfall nicht auf die Art und Weise schliessen solle, wie die Diskussion im Dorf geführt worden sei. Zwar habe sich die Uneinigkeit über das Thema bis in die Familien hinein ausgebreitet, und manche hätten sich dabei in rüde Ablehnung, ja in richtigen Hass auf die gegenteilige Meinung hineingesteigert. Aber als es vor dem Boeuf zu jener zum Glück glimpflich verlaufenen Episode gekommen sei, hätten sich die Gemüter eigentlich schon wieder beruhigt gehabt, manche hätten sich auch versöhnlich, und für die umgebende Öffentlichkeit sichtbar, die Hand gegeben. Die zwei Streithähne seien unglückliche Exemplare einer Ausnahme, Alkohol habe eine entscheidende Rolle gespielt in jener Nacht. Henris Verteidigungsrede geriet zu lang, zu eindringlich auch, Girardin und die andern hörten schon nicht mehr richtig zu.
Jules hatte nicht antworten wollen auf die Provokation des Mitreisenden aus dem Nachbarsdorf. Sticheleien dieser Art, fand er, hatten ihren Ursprung in einer alten, immer gleichen Konkurrenz zwischen den Gemeinden, die sich, vielleicht weil sie sich ähnelten wie Zwillinge, geradezu krampfhaft voneinander zu unterscheiden suchten. Wer kannte die wahren Gründe, warum Courgenay den Bahnanschluss bekommen hatte, und nicht Cornol? Er meinte, reiner Zufall. Politische Willkür. Eine Zeit lang hatte er Hoffnungen gesteckt in das Projekt der Uhrenfabrik, aber als es ins Stocken geriet, hatte er einsehen müssen, dass wiederum nicht überzeugende Gründe ihre Wirkung entfalteten, sondern undurchschaubare Kräfte, ausgelöst und dirigiert durch Geldbewegungen und Absprachen im Hintergund. Zum Davonlaufen!
Er schaute aus dem Fenster, sah, wie der Horizont nun bedrohlich nahe unter einer schwarzen Wand zusammengepresst schien. Die Pappeln einer vorbeiziehenden Allee wurden silbern überschauert, jetzt verbogen sie sich unter den Fallwinden des aufziehenden Gewitters, begannen auch schon, abgerissene Äste von sich zu werfen. Das Bild der vom Sturm zerzausten Landschaft war plötzlich überdeutlich klar, Dampf und Rauch der Lokomotive wurden vom seitlich auf den Zug prallenden Wind auf die gegenüberliegende Seite geblasen. Das Gespräch im Abteil verebbte, man machte sich gegenseitig auf die Naturphänomene aufmerksam, die sich vor den Fenstern abspieleen. Erste grosse Regentropfen zerplatzten an den Scheiben zu schrägen Wasserstrichen, dann setzte mit schnell anschwellendem Rauschen ein gewaltiger Regen ein, die Landschaft verdunkelte sich und verschwand hinter einer bewegten Schraffur, Blitze verkehrten die Helligkeiten und Schatten für Sekunden in ihr Gegenteil, der Donner übertönte in Wellen das Geratter von Rädern und Kupplungen.
Das Gewitter zog schnell weiter, trotzdem fuhr man mit verminderter Geschwindigkeit. Wegen der unvermittelten Dunkelheit wurden in den Abteilen die Gaslaternen angezündet. Dann bremste der Zug brüsk. Gepäckstücke fielen herunter, Passariere wurden aus ihren Sitzen gehoben und auf ihr Gegenüber geworfen, angsterfülltes Geschrei mischte sich in das Kreischen der Räder, dann stand alles still. Sofort wurden überall Abteilungstüren geöffnet, und obwohl zwei Beamte in Uniform durch laute Rufe und eifriges Wedeln mit den Armen versuchten, die Passagiere am Aussteigen zu hindern, wuchs schnell die Menge der gaffenden und laut den Grund des erzwungenen Halts diskutierenden Menschen entlang der Reihe der Waggons. Ein riesiger Ast, am abgebrochenen Ende so dick wie ein Baum, war auf das Geleise gefallen.
Da an der Lokomotive keine geeignete Vorrichtung zur Räumung der Schiene angebracht war, sie verfügte über keinen Cowcatcher, wie das Ehepaar mit Amerikaerfahrung allen erklärte, die sich in ihrer Nähe befanden, musste aus der nächstgelegenen Lokremise eine der Aufgabe gewachsene Maschine angefordert werden, was immerhin dank moderner und mobiler telegrafischer Apparate schnell gelang. Trotzdem ergab sich eine Wartezeit von zwei bis drei Stunden, und man musste einsehen, dass sich die Ankunft in der Gare de l'Est in Paris auch um diese Dauer verzögern würde.
Jules setzte sich von der Gruppe der Mitreisenden aus dem Abteil ab, die begonnen hatten, sich mit Schicksalsgenossen aus anderen Wagen auszutauschen, neue Gruppen und Grüppchen zu bilden und dabei der Trasse entlang auf und ab zu spazieren. Er stolperte über den Schotter hinunter auf einen kleinen Gehweg, musste dabei hohes Gras durchqueren, wobei er auch gleich nasse Füsse bekam. Er beachtete es nicht, fühlte sich auf einmal in einer eigenartigen Hochstimmung. "Unterwegs, ich bin unterwegs", murmelte er vor sich hin. Wenn er sich jetzt aus dem Staub machen würde, er wusste nicht einmal, wo sie sich befanden, irgendwo zwischen dem Jura und Paris, niemand könnte wissen, wo er steckte. Aber er musste gar nicht weglaufen, nur warten. Er würde, verspätet zwar, aber wen kümmerte es, in Paris sein heute Abend noch. Er breitete die Arme aus und drehte sich ein paarmal um sich selbst, sang dazu: "Tourne vire-virevolte", und brach in lautes Lachen aus. Schon zeigten sie vom Damm aus mit Fingern auf ihn, man lachte, jemand nahm sein Singen auf, "tourne vire-virevolte". Wenn ihn jetzt seine Mutter sehen würde, oder Marie, sie würden sich für ihn schämen, wie so oft schon. Er aber freute sich, auf Paris, auf die Fahrt nach Le Havre morgen, und dann.
"Du warst auch noch nie in Paris, oder? Was war die grösste Stadt, die du bisher gesehen hast?
Jules schaute angestrengt zum Fenster hinaus in die Dämmerung.
"Genf. Und du?"
"Basel. Nein, Zürich ist grösser, glaube ich. Da war ich auch einmal. Schau, hier sind schon die Vororte grösser, die Häuser haben mehr Stockwerke."
"Und alles beleuchtet, sind das Gaslampen? Die sind hell!"
Der Schaffner steckte seinen Kopf ins Abteil und wollte die Passagiere daran erinnern, ihr Gepäck zusammenzusuchen, nichts zu vergessen. Sie standen sich aber bereits auf den Füssen herum, zwischen Koffern, knufften einander beim Zusammensuchen der Taschen und Körbe. Der Schaffner sagte nur:
"In fünf Minuten sind wir da, Paris, Gare de l'Est!", und zog weiter.
Die Agentur Zwilchenbart hatte ihren Reisenden bei Abschluss des Vertrags eine Broschure verteilt, worin unter anderem stand, dass man sich in der Gare de l'Est zu versammeln habe bei einem Guide ihrer Gesellschaft, der gut sichtbar ein Schild mit dem Namen derselbigen hochhalten würde. Der Guide stellte sich als eine resolute Frau mittleren Alters heraus, die ihre unbestreitbare Sichtbarkeit durch laute Rufe, "Zwilschenbarte, Zwilschenbarte!", unterstützte. Jules und Henri hatten gemeinsam einen Gepäckträger mit Rollwagen engagiert, der ihre schwereren Stücke zum Versammlungsort brachte. Hier gewannen sie zum ersten mal einen Überblick darüber, wer von den Passagieren des Zuges mit ihnen morgen auf dem Schiff die Überfahrt antreten sollte. Es waren etwa vierzig Personen. Die Frau verschob ihren Standort in eine Ecke der Eingangshalle, wo sie weitere Instruktionen abzugeben gedachte. Man folgte ihr brav. Sobald alle am gewünschten Ort angekommen waren, formierte sie die Passagiere mit resoluten Gesten, lautforschem Anreden, nötigenfalls durch Zupfen und Ziehen an Ärmeln, in einem grossen, kreisförmigen Gebilde. Die beiden zwinkerten sich zu, beide hatten dieselbe Dorfschullehrerin gehabt, die Zwilschenbarte glich ihr auch äusserlich.
Man begebe sich nun zu Fuss zum Hotel, wo es zuerst um den Zimmerbezug gehe. Dieser sei zwar, angesichts der Verspätung, sie betonte das Wort vielsagend, als seien die um sie Versammelten an diesem Ärgernis schuld, angesichts der Verspätung sei es nun ein eher symbolischer Akt, die Zimmer zu beziehen, denn schon um Mitternacht, in wenigen Stunden also, müsse man schon wieder bereit stehen für den Omnibus, der einen zur Gare St. Lazare bringen würde. Immerhin könne man sich aber im Zimmer vor dem Nachtessen, das durch die Gesellschaft organisiert und bezahlt sei, kurz frisch machen. Auch nach dem Essen sei es möglich, sich im Zimmer kurz, sie betonte, kurz, hinlegen, sofern man es nicht vorziehe, eine kleine, quasi kompakte Besichtigung des das Etablissement umgebenden Quartiers vorzunehmen.
"Uh la, reden alle Pariser so geschwollen?", flachste Henri. Gelächter der Umstehenden, strafender Blick der Zwilschenbarte.
"Also, meine Damen und Herren, bitte folgen Sie mir. Ihr Gepäck wird draussen aufgeladen und zum Hotel gefahren, bitte kontrollieren sie die Vollständigkeit, dann gehen wir zusammen. Folgen Sie meinem Schild. Es ist, wie gesagt, ein Weg von fünf Minuten."
Jules blieb stehen.
"Hör mal!" Er legte den Kopf schief und schloss die Augen. Auch Henri stand still und horchte. Im Vordergrund waren laute, oft brüske, anschwellende und verklingende Geräusche zu hören, Pferdegetrappel und, sehr laut, das Gerassel und Geratter von Eisenreifen auf Kopfsteinpflaster. Motoren, mit gemütlichen Tuktuk oder aggressivem Röhren, Peitschengeknalle, Rufe, Poltern von Fässern auf einer Rampe, Glockengebimmel der Omnibusse, Schwatzen und Gelächter vorbeihastender Passanten. Dahinter, darüber und darunter aber, und darauf wollte Jules seinen Begleiter aufmerksam machen, war ein eigentümliches Summen, Rauschen und Tönen auszumachen, das immer da zu sein schien. Das von weit her kam, und gleichzeitig überall gegenwärtig und nah sich im Ohr einnisten wollte.
"Hörst du's? So tönt Paris!"
"Ja. Wie tönt wohl New York?"
Sie mussten sich beeilen, gerade noch konnten sie sehen, dass die Gruppe in eine Seitenstrasse eingebogen war. Als sie sie eingeholt hatten, standen sie vor dem Hotel, La Ville de New York.
Die Qualität des Nachtessens erstaunte die Reisenden sehr. Ihre Müdigkeit war verflogen, oder zumindest überdeckt vom Genuss eines währschaften, dabei zarten und gut abgeschmeckten Pot au Feu, zu welchem frisches Weissbrot serviert wurde. Auch der Rotwein war trinkbar und so anregend, dass der Lärmpegel in dem hohen Esssaal in kurzer Zeit ohrenbetäubend anschwoll. Jules trank seinen Wein nach alter Gewohnheit mit etwas Wasser verdünnt. Im Gewirr der Stimmen, die sich gegeneinander zunehmend durch Rufen und Schreien zu übertönen suchten, beim Geklapper von Besteck und Geschirr, beim Scharren von Stühlen, entwischten ihm die Gedanken, noch bevor er sie richtig fassen konnte. Er versuchte, Henris Aufmerksamkeit durch Gesten auf sich zu lenken. Den Mund übertrieben bewegend und dazu gestikulierend teilte er ihm mit, dass er, Jules, genug gegessen habe und nach draussen gehen wolle für einen Spaziergang durchs Quartier. Henri bedeutete ihm, er solle ruhig gehen. Er wollte noch sein Stück Tarte Tatin fertig essen und einen Kaffee dazu trinken. Jules ging zum Aufzug, es reizte ihn, einmal ganz hinauf und wieder hinunter fahren, denn bei ihrer Ankunft hatte es so einen Ansturm auf den Lift gegeben, dass er ewig hätte warten müssen.
Nun stand er draussen im Schein einer Gaslaterne, einen kleinen Faltplan der Stadt hatte er von einem Stapel in der Reception mitnehmen können. Auf keinen Fall wollte er sich verirren in der kurzen Zeit, die ihm für die Erkundung blieb. Er ging den Weg, auf dem sie gekommen waren, zurück bis zur Kreuzung, um die Strassenschilder lesen zu können, fand seinen Standpunkt auf der Karte, Ecke Rue d' Hauteville, Rue de Paradis, im zehnten Arrondissement. Daran grenzte zu seinem Erstaunen das zweite, bis er merkte, dass die Nummerierung einer nach rechts drehenden Schneckenspirale folgte, deren Zentrum beim Louvre lag. So weit durfte er sich aber nicht vom Hotel entfernen. Er war unversehens vom Trottoir auf die Strasse geraten, was ein sehr lautes Geräusch auslöste, wie von dem röhrenden Hirsch, den er einmal gehört hatte, im Wald über dem Dorf. Ein Automobil war ihm gefährlich nahe gekommen, und nun sah er auch den Beifahrer, der wütend einen dicken Gummiball traktierte und damit, durch einen Messingtrichter, den Hirschschrei erzeugte. Er rettete sich durch einen Sprung zurück, dorthin, wo er als Fussgänger hingehörte. Er nahm sich vor, bei der nächsten Seitenstrasse nach rechts abzubiegen, dann wiederum, noch zweimal, nach rechts. Damit würde ihn sein Weg automatisch wieder in dieselbe Strasse zurück führen, und er müsste nicht mehr andauernd auf den Plan schauen, könnte einfach schauen, hören, riechen. Geniessen. Er versuchte, sich das Gefühl von Freiheit vom Nachmittag wieder in Erinnerung zu rufen. Es gelang ihm, fast.
Als er um halb zwölf wieder beim Hotel eintraf, waren die meisten der Reisenden mit ihrem Gepäck auf dem Vorplatz versammelt. Henri hatte freundlicherweise auch sein Gepäck heruntergebracht. Gemeinsam luden sie es auf den bereitstehenden Lastwagen.
"Kontrollieren Sie ihr Gepäck! Haben Sie alles?"
Es war die Zwilschenbarte, die wieder das Kommando übernommen hatte. Es gab zwei Omnibusse, mit denen sie zur Gare St. Lazare gebracht werden sollten. Einer war zweistöckig, und natürlich wollten die meisten mit diesem fahren, wenn möglich oben. Jules und Henri begnügten sich damit, das technische Wunderwerk von aussen zu besichtigen, dann setzten sie sich in den einstöckigen Wagen, in dem es so viel Platz gab, dass sie sich beide, hintereinander, an ein Fenster setzen konnten. Es roch nach Benzin und Leder, alles vibrierte, weil der Chauffeur den Motor gar nie abgestellt hatte. Die beiden freuten sich wie kleine Buben auf die Fahrt.
Als der Bus in die Rue Lafayette einbog, hielt es sie nicht mehr in den Sitzen. Sie zwangen sich im schmalen Gang zwischen den Bänken nach vorn zum Fahrer, dann, als sie von ihm angeherrscht wurden, sie sollten sich setzen, wieder zurück bis zum Heckfenster. Sie wollten, sie mussten unbedingt die ihnen unfassbar scheinende Dimension dieser Schneise durch die Stadt erfassen, welche, wie sie aus dem fernen Unterricht ihrer Dorfschule wussten, Haussmann durch die alten Quartiere hatte schlagen lassen, zur Förderung von Licht, Mobilität und repräsentativer Prachtentfaltung. Der Verkehr auf Strasse und Gehsteigen war auch nach Mitternacht noch beachtlich, die Gaslaternen warfen gelblichweisse, sich überschneidende Lichtkreise auf die wuchtigen Fassaden der sechs- bis achtstöckigen Stadthäuser, die ihnen wie endlos aneinandergereihte Paläste vorkamen. Sie bogen in spitzem Winkel nach rechts ab in die Rue Châteaudun, welche auf Höhe der Eglise de la Sainte-Trinité, römisch-katholisch, wie Henri von einer zuhause auf der Kommode stehenden Postkarte wusste, mit einem leichten Knick nach links in die Rue St. Lazare überging. Kurz darauf traf der Omnibus auf dem Platz vor dem Bahnhof ein und stellte sich in die Reihe aus einem Dutzend parallel stehender, gleicher oder ähnlicher Fahrzeuge.
Endlich im Zug, sanken die Reisenden erschöpft auf die Bänke nieder. Man nahm kaum mehr wahr, wer sonst noch im Abteil sass, mit wem man die Nacht, gerüttelt und geschüttelt auf harter Sitzunterlage, verbringen würde. Einige, darunter auch Henri, hüllten sich sofort in ihre an Haken aufgehängten Mäntel ein und suchten nach einer halbwegs bequemen Lage für ihren Kopf. Jules schob noch einmal das Fenster nach unten, als der Zug schon zu rollen begann. Die ganze Bahnhofshalle war von Schwaden aus Rauch und Dampf durchzogen, welche die schwarzen, wie riesige Tiere wartenden Lokomotiven ausatmeten. Mit tränenden Augen sah Jules zu, wie sie langsam aus einer riesigen Schachtel aus Stahl und Glas hinausfuhren in die Nacht.
Zwei Männer aus dem gleichen Dorf, die elf Jahre Altersunterschied trennten, oder eine halbe Generation. Die eigentlich Onkel und Neffe waren, sich aber eher als Coucousins sahen. Sie waren sich, vielleicht weil sie entfernt verwandt waren, nie besonders nahe gestanden. Henri, der aus einer Familie von Obstbauern kam, meinte nach Amerika gehen zu müssen, weil er eigentlich keine andere Wahl habe. Der Hof wurde schon jetzt vom ältesten Bruder geführt, ein Auskommen in dessen Abhängigkeit oder auch nur räumlicher Nähe war für ihn nicht mehr denkbar. Mehrere Versuche, in Cornol eine passende Frau zu finden, waren gescheitert, also hielt ihn nichts mehr im heimatlichen Jura. Er wollte in Ohio, wo ein Cousin bereits seit einigen Jahren wirtschaftete, nicht mit übermässigem, aber doch zufriedenstellendem Erfolg, ein Stück Land erwerben und darauf Obst anbauen. Er hatte seine bescheidenen Ersparnisse bereits nach drüben überweisen lassen, und achtete nun auf geringe Reisekosten, indem er in der dritten Klasse reiste. Die beiden wussten noch nicht, ob es auf dem Schiff möglich sein würde, Zeit zusammen zu verbringen, denn Jules fuhr zweiter Klasse. Er hatte sich nicht nur von seinem Freund Pierre die Frage anhören müssen, weshalb er überhaupt nach Amerika auswandere. Zwar waren die letzten Jahre härter geworden für die Heimarbeiter, die Konkurrenz durch den Import billiger Uhren aus den USA zwang zu schnelleren, moderneren Produktionsformen, in Fabriken. Auch war Jules' Vater alt und müde geworden, manchmal befürchteten sie, dass eine schleichende Krankheit ihm die einst mit viel Energie und Freude ausgeübte Arbeit verleide. Und ob es mit der Uhrenfarbrik im Dorf etwas werden könnte, war nun auch ungewiss. Aber die Familie hatte über lange Zeit etwas auf die Seite legen können. Der Älteste war versorgt, machte seine Ausbildung im Grenzwachkorps und sollte bis in ein paar Jahren ein gesichertes Einkommen haben als Zollbeamter. Wenn der Vater also gar nicht mehr mochte, würde der kleine Hof an ihm, an Jules hängenbleiben. Aber noch war es nicht so weit. Nach aussen, auf die Fragen, begründete er seine Auswanderung mit viel abwägendem Dafür und Dawider, innerlich aber war die Antwort fast beschämend einfach: weil ich Lust habe! Und dass sogar seine so korrekte, fromme Schwester Marie den Sprung gewagt hatte, vor vier Jahren zum ersten Mal, zusammen mit fünf anderen jungen Frauen aus dem Dorf, sich in der Zeit drüben als Näherin hatte durchschlagen können, ohne unterzugehen, nun, nach ihrem Besuch in der Heimat, mit Bestimmtheit, und schon bald wieder, zurück wollte über den Atlantik, auch das trieb ihn an, wie er sich eingestehen musste.
Die unzeitgemässe frühsommerliche Wärme saugte über Westeuropa das Wasser aus dem Boden, termische Aufwinde türmten die Kumuluswolken über dem Burgund zu barocken Ungetümen auf. Wenn sie gegen Abend die Form von Ambossen annehmen sollten, waren kräftige Gewitter zu erwarten.
"Da kommt noch etwas!", meinte Henri, als sich nach einer sanften Kurve eine besonders eindrückliche Wolkenformation in die kleinen, hochstehenden Rechtecke der Fenster schob. Es war heiss in dem mit sechs Menschen voll besetzten Abteil. Man war sich beim Essen der mitgebrachten Brote näher gekommen, beim Herumreichen von Taschentüchern, Einmachgläsern und Weinflaschen, einigte sich nun darauf, ein Fenster ganz zu öffnen, um es bald darauf wieder bis auf einen kleinen Spalt zu schliessen, weil sich kleine Russpartikel schmerzhaft hinter Augenlidern und in den Nasenschleimhäuten einnisteten.
Ein Ehepaar, ursprünglich aus Courgenay, beide in den Dreissigern, begleitet durch eine weitere, etwas jüngere Frau, war schon für ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten gewesen, wo der Mann als Sekretär in einem Anwaltsbüro, die jüngere Frau als Hausangestellte gearbeitet hatte. Die Ehefrau schien in Erwartung zu sein. Sie wechselte ab und zu ins Amerikanische, für Jules Ohren ohne erkennbaren Akzent. Ein weiterer Mann mittleren Alters, aus dem Elsass, wohlgenährt, mit Bäuchlein, gekleidet wie ein mittelmässig erfolgreicher Geschäftsmann, der gerne mehr sein will, als er ist, reiste nur bis nach Paris, wo er im Immobiliengeschäft tätig sei, wie er behauptete. Der Ehemann, der sich als Laurence Girardin, gerne auch einfach Laurence, vorstellte, brachte, als er erfuhr, dass Jules und Henri aus Cornol kamen, das Gespräch auf die Auseinandersetzung um die geplante und dann doch nicht realisierte Uhrenfabrik, von der er offenbar gelesen hatte. Er zog die beiden auf mit der Messerstecherei, schliesslich gar Schiesserei, vom vergangenen Herbst vor dem Gasthaus Boeuf.
"Ein hitziges Völkchen, die Cornoler!" schloss er seine spöttische Rede. Henri versuchte zu erklären, dass man von diesem Vorfall nicht auf die Art und Weise schliessen solle, wie die Diskussion im Dorf geführt worden sei. Zwar habe sich die Uneinigkeit über das Thema bis in die Familien hinein ausgebreitet, und manche hätten sich dabei in rüde Ablehnung, ja in richtigen Hass auf die gegenteilige Meinung hineingesteigert. Aber als es vor dem Boeuf zu jener zum Glück glimpflich verlaufenen Episode gekommen sei, hätten sich die Gemüter eigentlich schon wieder beruhigt gehabt, manche hätten sich auch versöhnlich, und für die umgebende Öffentlichkeit sichtbar, die Hand gegeben. Die zwei Streithähne seien unglückliche Exemplare einer Ausnahme, Alkohol habe eine entscheidende Rolle gespielt in jener Nacht. Henris Verteidigungsrede geriet zu lang, zu eindringlich auch, Girardin und die andern hörten schon nicht mehr richtig zu.
Jules hatte nicht antworten wollen auf die Provokation des Mitreisenden aus dem Nachbarsdorf. Sticheleien dieser Art, fand er, hatten ihren Ursprung in einer alten, immer gleichen Konkurrenz zwischen den Gemeinden, die sich, vielleicht weil sie sich ähnelten wie Zwillinge, geradezu krampfhaft voneinander zu unterscheiden suchten. Wer kannte die wahren Gründe, warum Courgenay den Bahnanschluss bekommen hatte, und nicht Cornol? Er meinte, reiner Zufall. Politische Willkür. Eine Zeit lang hatte er Hoffnungen gesteckt in das Projekt der Uhrenfabrik, aber als es ins Stocken geriet, hatte er einsehen müssen, dass wiederum nicht überzeugende Gründe ihre Wirkung entfalteten, sondern undurchschaubare Kräfte, ausgelöst und dirigiert durch Geldbewegungen und Absprachen im Hintergund. Zum Davonlaufen!
Er schaute aus dem Fenster, sah, wie der Horizont nun bedrohlich nahe unter einer schwarzen Wand zusammengepresst schien. Die Pappeln einer vorbeiziehenden Allee wurden silbern überschauert, jetzt verbogen sie sich unter den Fallwinden des aufziehenden Gewitters, begannen auch schon, abgerissene Äste von sich zu werfen. Das Bild der vom Sturm zerzausten Landschaft war plötzlich überdeutlich klar, Dampf und Rauch der Lokomotive wurden vom seitlich auf den Zug prallenden Wind auf die gegenüberliegende Seite geblasen. Das Gespräch im Abteil verebbte, man machte sich gegenseitig auf die Naturphänomene aufmerksam, die sich vor den Fenstern abspieleen. Erste grosse Regentropfen zerplatzten an den Scheiben zu schrägen Wasserstrichen, dann setzte mit schnell anschwellendem Rauschen ein gewaltiger Regen ein, die Landschaft verdunkelte sich und verschwand hinter einer bewegten Schraffur, Blitze verkehrten die Helligkeiten und Schatten für Sekunden in ihr Gegenteil, der Donner übertönte in Wellen das Geratter von Rädern und Kupplungen.
Das Gewitter zog schnell weiter, trotzdem fuhr man mit verminderter Geschwindigkeit. Wegen der unvermittelten Dunkelheit wurden in den Abteilen die Gaslaternen angezündet. Dann bremste der Zug brüsk. Gepäckstücke fielen herunter, Passariere wurden aus ihren Sitzen gehoben und auf ihr Gegenüber geworfen, angsterfülltes Geschrei mischte sich in das Kreischen der Räder, dann stand alles still. Sofort wurden überall Abteilungstüren geöffnet, und obwohl zwei Beamte in Uniform durch laute Rufe und eifriges Wedeln mit den Armen versuchten, die Passagiere am Aussteigen zu hindern, wuchs schnell die Menge der gaffenden und laut den Grund des erzwungenen Halts diskutierenden Menschen entlang der Reihe der Waggons. Ein riesiger Ast, am abgebrochenen Ende so dick wie ein Baum, war auf das Geleise gefallen.
Da an der Lokomotive keine geeignete Vorrichtung zur Räumung der Schiene angebracht war, sie verfügte über keinen Cowcatcher, wie das Ehepaar mit Amerikaerfahrung allen erklärte, die sich in ihrer Nähe befanden, musste aus der nächstgelegenen Lokremise eine der Aufgabe gewachsene Maschine angefordert werden, was immerhin dank moderner und mobiler telegrafischer Apparate schnell gelang. Trotzdem ergab sich eine Wartezeit von zwei bis drei Stunden, und man musste einsehen, dass sich die Ankunft in der Gare de l'Est in Paris auch um diese Dauer verzögern würde.
Jules setzte sich von der Gruppe der Mitreisenden aus dem Abteil ab, die begonnen hatten, sich mit Schicksalsgenossen aus anderen Wagen auszutauschen, neue Gruppen und Grüppchen zu bilden und dabei der Trasse entlang auf und ab zu spazieren. Er stolperte über den Schotter hinunter auf einen kleinen Gehweg, musste dabei hohes Gras durchqueren, wobei er auch gleich nasse Füsse bekam. Er beachtete es nicht, fühlte sich auf einmal in einer eigenartigen Hochstimmung. "Unterwegs, ich bin unterwegs", murmelte er vor sich hin. Wenn er sich jetzt aus dem Staub machen würde, er wusste nicht einmal, wo sie sich befanden, irgendwo zwischen dem Jura und Paris, niemand könnte wissen, wo er steckte. Aber er musste gar nicht weglaufen, nur warten. Er würde, verspätet zwar, aber wen kümmerte es, in Paris sein heute Abend noch. Er breitete die Arme aus und drehte sich ein paarmal um sich selbst, sang dazu: "Tourne vire-virevolte", und brach in lautes Lachen aus. Schon zeigten sie vom Damm aus mit Fingern auf ihn, man lachte, jemand nahm sein Singen auf, "tourne vire-virevolte". Wenn ihn jetzt seine Mutter sehen würde, oder Marie, sie würden sich für ihn schämen, wie so oft schon. Er aber freute sich, auf Paris, auf die Fahrt nach Le Havre morgen, und dann.
"Du warst auch noch nie in Paris, oder? Was war die grösste Stadt, die du bisher gesehen hast?
Jules schaute angestrengt zum Fenster hinaus in die Dämmerung.
"Genf. Und du?"
"Basel. Nein, Zürich ist grösser, glaube ich. Da war ich auch einmal. Schau, hier sind schon die Vororte grösser, die Häuser haben mehr Stockwerke."
"Und alles beleuchtet, sind das Gaslampen? Die sind hell!"
Der Schaffner steckte seinen Kopf ins Abteil und wollte die Passagiere daran erinnern, ihr Gepäck zusammenzusuchen, nichts zu vergessen. Sie standen sich aber bereits auf den Füssen herum, zwischen Koffern, knufften einander beim Zusammensuchen der Taschen und Körbe. Der Schaffner sagte nur:
"In fünf Minuten sind wir da, Paris, Gare de l'Est!", und zog weiter.
Die Agentur Zwilchenbart hatte ihren Reisenden bei Abschluss des Vertrags eine Broschure verteilt, worin unter anderem stand, dass man sich in der Gare de l'Est zu versammeln habe bei einem Guide ihrer Gesellschaft, der gut sichtbar ein Schild mit dem Namen derselbigen hochhalten würde. Der Guide stellte sich als eine resolute Frau mittleren Alters heraus, die ihre unbestreitbare Sichtbarkeit durch laute Rufe, "Zwilschenbarte, Zwilschenbarte!", unterstützte. Jules und Henri hatten gemeinsam einen Gepäckträger mit Rollwagen engagiert, der ihre schwereren Stücke zum Versammlungsort brachte. Hier gewannen sie zum ersten mal einen Überblick darüber, wer von den Passagieren des Zuges mit ihnen morgen auf dem Schiff die Überfahrt antreten sollte. Es waren etwa vierzig Personen. Die Frau verschob ihren Standort in eine Ecke der Eingangshalle, wo sie weitere Instruktionen abzugeben gedachte. Man folgte ihr brav. Sobald alle am gewünschten Ort angekommen waren, formierte sie die Passagiere mit resoluten Gesten, lautforschem Anreden, nötigenfalls durch Zupfen und Ziehen an Ärmeln, in einem grossen, kreisförmigen Gebilde. Die beiden zwinkerten sich zu, beide hatten dieselbe Dorfschullehrerin gehabt, die Zwilschenbarte glich ihr auch äusserlich.
Man begebe sich nun zu Fuss zum Hotel, wo es zuerst um den Zimmerbezug gehe. Dieser sei zwar, angesichts der Verspätung, sie betonte das Wort vielsagend, als seien die um sie Versammelten an diesem Ärgernis schuld, angesichts der Verspätung sei es nun ein eher symbolischer Akt, die Zimmer zu beziehen, denn schon um Mitternacht, in wenigen Stunden also, müsse man schon wieder bereit stehen für den Omnibus, der einen zur Gare St. Lazare bringen würde. Immerhin könne man sich aber im Zimmer vor dem Nachtessen, das durch die Gesellschaft organisiert und bezahlt sei, kurz frisch machen. Auch nach dem Essen sei es möglich, sich im Zimmer kurz, sie betonte, kurz, hinlegen, sofern man es nicht vorziehe, eine kleine, quasi kompakte Besichtigung des das Etablissement umgebenden Quartiers vorzunehmen.
"Uh la, reden alle Pariser so geschwollen?", flachste Henri. Gelächter der Umstehenden, strafender Blick der Zwilschenbarte.
"Also, meine Damen und Herren, bitte folgen Sie mir. Ihr Gepäck wird draussen aufgeladen und zum Hotel gefahren, bitte kontrollieren sie die Vollständigkeit, dann gehen wir zusammen. Folgen Sie meinem Schild. Es ist, wie gesagt, ein Weg von fünf Minuten."
Jules blieb stehen.
"Hör mal!" Er legte den Kopf schief und schloss die Augen. Auch Henri stand still und horchte. Im Vordergrund waren laute, oft brüske, anschwellende und verklingende Geräusche zu hören, Pferdegetrappel und, sehr laut, das Gerassel und Geratter von Eisenreifen auf Kopfsteinpflaster. Motoren, mit gemütlichen Tuktuk oder aggressivem Röhren, Peitschengeknalle, Rufe, Poltern von Fässern auf einer Rampe, Glockengebimmel der Omnibusse, Schwatzen und Gelächter vorbeihastender Passanten. Dahinter, darüber und darunter aber, und darauf wollte Jules seinen Begleiter aufmerksam machen, war ein eigentümliches Summen, Rauschen und Tönen auszumachen, das immer da zu sein schien. Das von weit her kam, und gleichzeitig überall gegenwärtig und nah sich im Ohr einnisten wollte.
"Hörst du's? So tönt Paris!"
"Ja. Wie tönt wohl New York?"
Sie mussten sich beeilen, gerade noch konnten sie sehen, dass die Gruppe in eine Seitenstrasse eingebogen war. Als sie sie eingeholt hatten, standen sie vor dem Hotel, La Ville de New York.
Die Qualität des Nachtessens erstaunte die Reisenden sehr. Ihre Müdigkeit war verflogen, oder zumindest überdeckt vom Genuss eines währschaften, dabei zarten und gut abgeschmeckten Pot au Feu, zu welchem frisches Weissbrot serviert wurde. Auch der Rotwein war trinkbar und so anregend, dass der Lärmpegel in dem hohen Esssaal in kurzer Zeit ohrenbetäubend anschwoll. Jules trank seinen Wein nach alter Gewohnheit mit etwas Wasser verdünnt. Im Gewirr der Stimmen, die sich gegeneinander zunehmend durch Rufen und Schreien zu übertönen suchten, beim Geklapper von Besteck und Geschirr, beim Scharren von Stühlen, entwischten ihm die Gedanken, noch bevor er sie richtig fassen konnte. Er versuchte, Henris Aufmerksamkeit durch Gesten auf sich zu lenken. Den Mund übertrieben bewegend und dazu gestikulierend teilte er ihm mit, dass er, Jules, genug gegessen habe und nach draussen gehen wolle für einen Spaziergang durchs Quartier. Henri bedeutete ihm, er solle ruhig gehen. Er wollte noch sein Stück Tarte Tatin fertig essen und einen Kaffee dazu trinken. Jules ging zum Aufzug, es reizte ihn, einmal ganz hinauf und wieder hinunter fahren, denn bei ihrer Ankunft hatte es so einen Ansturm auf den Lift gegeben, dass er ewig hätte warten müssen.
Nun stand er draussen im Schein einer Gaslaterne, einen kleinen Faltplan der Stadt hatte er von einem Stapel in der Reception mitnehmen können. Auf keinen Fall wollte er sich verirren in der kurzen Zeit, die ihm für die Erkundung blieb. Er ging den Weg, auf dem sie gekommen waren, zurück bis zur Kreuzung, um die Strassenschilder lesen zu können, fand seinen Standpunkt auf der Karte, Ecke Rue d' Hauteville, Rue de Paradis, im zehnten Arrondissement. Daran grenzte zu seinem Erstaunen das zweite, bis er merkte, dass die Nummerierung einer nach rechts drehenden Schneckenspirale folgte, deren Zentrum beim Louvre lag. So weit durfte er sich aber nicht vom Hotel entfernen. Er war unversehens vom Trottoir auf die Strasse geraten, was ein sehr lautes Geräusch auslöste, wie von dem röhrenden Hirsch, den er einmal gehört hatte, im Wald über dem Dorf. Ein Automobil war ihm gefährlich nahe gekommen, und nun sah er auch den Beifahrer, der wütend einen dicken Gummiball traktierte und damit, durch einen Messingtrichter, den Hirschschrei erzeugte. Er rettete sich durch einen Sprung zurück, dorthin, wo er als Fussgänger hingehörte. Er nahm sich vor, bei der nächsten Seitenstrasse nach rechts abzubiegen, dann wiederum, noch zweimal, nach rechts. Damit würde ihn sein Weg automatisch wieder in dieselbe Strasse zurück führen, und er müsste nicht mehr andauernd auf den Plan schauen, könnte einfach schauen, hören, riechen. Geniessen. Er versuchte, sich das Gefühl von Freiheit vom Nachmittag wieder in Erinnerung zu rufen. Es gelang ihm, fast.
Als er um halb zwölf wieder beim Hotel eintraf, waren die meisten der Reisenden mit ihrem Gepäck auf dem Vorplatz versammelt. Henri hatte freundlicherweise auch sein Gepäck heruntergebracht. Gemeinsam luden sie es auf den bereitstehenden Lastwagen.
"Kontrollieren Sie ihr Gepäck! Haben Sie alles?"
Es war die Zwilschenbarte, die wieder das Kommando übernommen hatte. Es gab zwei Omnibusse, mit denen sie zur Gare St. Lazare gebracht werden sollten. Einer war zweistöckig, und natürlich wollten die meisten mit diesem fahren, wenn möglich oben. Jules und Henri begnügten sich damit, das technische Wunderwerk von aussen zu besichtigen, dann setzten sie sich in den einstöckigen Wagen, in dem es so viel Platz gab, dass sie sich beide, hintereinander, an ein Fenster setzen konnten. Es roch nach Benzin und Leder, alles vibrierte, weil der Chauffeur den Motor gar nie abgestellt hatte. Die beiden freuten sich wie kleine Buben auf die Fahrt.
Als der Bus in die Rue Lafayette einbog, hielt es sie nicht mehr in den Sitzen. Sie zwangen sich im schmalen Gang zwischen den Bänken nach vorn zum Fahrer, dann, als sie von ihm angeherrscht wurden, sie sollten sich setzen, wieder zurück bis zum Heckfenster. Sie wollten, sie mussten unbedingt die ihnen unfassbar scheinende Dimension dieser Schneise durch die Stadt erfassen, welche, wie sie aus dem fernen Unterricht ihrer Dorfschule wussten, Haussmann durch die alten Quartiere hatte schlagen lassen, zur Förderung von Licht, Mobilität und repräsentativer Prachtentfaltung. Der Verkehr auf Strasse und Gehsteigen war auch nach Mitternacht noch beachtlich, die Gaslaternen warfen gelblichweisse, sich überschneidende Lichtkreise auf die wuchtigen Fassaden der sechs- bis achtstöckigen Stadthäuser, die ihnen wie endlos aneinandergereihte Paläste vorkamen. Sie bogen in spitzem Winkel nach rechts ab in die Rue Châteaudun, welche auf Höhe der Eglise de la Sainte-Trinité, römisch-katholisch, wie Henri von einer zuhause auf der Kommode stehenden Postkarte wusste, mit einem leichten Knick nach links in die Rue St. Lazare überging. Kurz darauf traf der Omnibus auf dem Platz vor dem Bahnhof ein und stellte sich in die Reihe aus einem Dutzend parallel stehender, gleicher oder ähnlicher Fahrzeuge.
Endlich im Zug, sanken die Reisenden erschöpft auf die Bänke nieder. Man nahm kaum mehr wahr, wer sonst noch im Abteil sass, mit wem man die Nacht, gerüttelt und geschüttelt auf harter Sitzunterlage, verbringen würde. Einige, darunter auch Henri, hüllten sich sofort in ihre an Haken aufgehängten Mäntel ein und suchten nach einer halbwegs bequemen Lage für ihren Kopf. Jules schob noch einmal das Fenster nach unten, als der Zug schon zu rollen begann. Die ganze Bahnhofshalle war von Schwaden aus Rauch und Dampf durchzogen, welche die schwarzen, wie riesige Tiere wartenden Lokomotiven ausatmeten. Mit tränenden Augen sah Jules zu, wie sie langsam aus einer riesigen Schachtel aus Stahl und Glas hinausfuhren in die Nacht.
Entreacte 1
Zweifelhaft wird die Geschichte von Longjules, wenn wir sie weiterspinnen, irgendwann zwi-schen dem Jahr 1907 und 1914 werden, sofern wir uns dann auf eine einzige Version festlegen wollen. Denn nach wie vor liegen uns, ausser der mündlichen Überlieferung und den Zeugenaussagen Verwandter über Kleidungsstücke mit einer Ettikette von John D. Rockefeller Junior, keinerlei Belege für eine Tätigkeit von Jules Chiquet als valet oder steward bei diesem Superreichen der damaligen Welt vor. Dagegen gibt es einen, nicht sehr belastbaren, Hinweis auf eine solche Tätigkeit bei einem reichen Treuhänder namens Robert Henry McCurdy, in Form der Adresse von dessen Stadtvilla in Manhattan, die Jules Chiquet bei seiner Einreise 1914 angab.
Nun wäre es schade, und man käme sich als Nacherfinder seiner Geschichte auch ein bisschen schäbig vor, wenn nur entlang von Indizien, die auch vor dem kritischen Urteil einer Historikerin Bestand haben, eine einzige Version konstruiert und gegen die Familiensaga durchgedrückt würde. Wir müssen also einen Weg finden, wie sich zumindest zwei mögliche Verläufe für diesen Lebensabschnitt unseres Gossonkels entwerfen lassen. Um weder uns selbst beim Erfinden und Schreiben zu sehr zu ermüden, noch die Leserinnen und Leser zu langweilen durch Wiederholungen und Überschneidungen, ist es wohl am besten, wenn wir nicht zwei vollständige Geschichten neben- oder hintereinander stellen, sondern eine Form suchen, die Brüche und Sprünge von einer zur anderen nicht nur zulässt, sondern eher fördert.
Die Form des ersten, fiktionalen Kapitels mit dem Titel "Aufbruch" verglich ein Leser mit einem Film. Wenn man den Text mit diesem Fokus nochmals duchliest, wird man vielleicht zustimmen und ergänzen: wie ein Film, wo der Protagonist sehr nahe mit der Handkamera verfolgt wird.
Stellen wir uns vor, man könnte bei der Geschichte, wie der Produzent oder Regisseur bei den Dreharbeiten eines Films, den Set beeinflussen. Ihn besuchen, dorthin anrufen, mit den Schauspielern, hier: mit den Figuren, reden, sie über ihre Erfahrungen ausfragen, ihnen Tipps geben, oder von ihnen Ratschläge entgegennehmen bezüglich des weiteren Verlaufs der Geschichte und ihrer Umsetzung. Nehmen wir weiter an, dass das Drehbuch, dank einer grosszügigen Produktionsfirma sowie eines dem Experimentieren nicht abgeneigten Regisseurs, noch nicht fertig geschrieben ist. Ein Videotelefonat, geführt nach Abschluss des ersten Kapitels, könnte dann etwa so aussehen.
Ich muss auf dem Set anrufen, nachfragen, ob es gut gelaufen ist. Ich ziehe mein speziell für diesen Zweck eingerichtetes, zweites Mobiltelefon heraus und tippe auf Jules Nummer. Das Gesicht einer mir unbekannten jungen Frau erscheint.
"Ah, hallo, ist das nicht Jules Handy, habe ich die falsche...?
"Nein, ist schon seines." Sie lacht. "Er sucht es gerade. – Ich gebe ihn dir."
Sein schmales Gesicht taucht auf. Etwas verwirrt, frage ich:
"Wer war denn das?"
"Die war bei den Leuten auf dem Dorfplatz, beim Abschied. Du hast sie dorthin bestellt."
Ich versuche, mir die Gesichter in Erinnerung zu rufen.
"Ah, gut. Weiss nicht mehr. - Wie ging's?"
"Das mit dem blind Laufen ging fast schief, war schwieriger als ich dachte."
"Aber das hattest du vorgeschlagen!"
"Ja, ich weiss. Es stimmte auch, ich war gleich drin in ihm. In der Figur, meine ich. Die Kühe waren süss, haben noch wie um Erlaubnis gefragt mit ihren Kulleraugen, bevor sie alleine weiterzogen, dort, wo ich anhalten und schwatzen musste."
"Und wie ging das mit diesen Dreien? Mit dem Dialog überhaupt, mit den Gesprächen?"
Jules hält den Kopf schief, schaut herum, dann wieder zu mir.
"Ja, nun, ein Teil ist ja notiert, ein paar Sätze haben wir noch kurz besprochen. Auch, wie rein der Patois sein sollte, die Jungen mischten das ja schon ziemlich mit Französisch, unter sich. Mit den Eltern und Grosseltern gaben sie sich mehr Mühe. Wir haben halt einiges improvisiert."
"Und sonst? Das Werkeln, wie du dem sagst?"
Er lacht.
"Das hatte ich geübt, lief super. Vielleicht werde ich noch Uhrmacher, oder sonst so ein Bastler. Die Paysans-Horlogers waren echte Nerds!"
Er macht eine Pause, will noch etwas sagen. Ich warte.
"Der Abschied, vor allem von Maman, war an der Grenze, finde ich. Ich weiss nicht, ob das nicht als Kitsch rüberkam. Aber auch für uns, ich meine, sie ist Profi, hat das mit dem kurzen Moment der Rührung so hingelegt, dass ich sie einfach auf diese Weise anfassen musste. Ich bin unsicher, ob er das so gemacht hätte. Vielleicht haben sie sich auch schlicht und spontan umarmt, mit Bisoubisou und allem. Waren ja Romands."
Wieder hält er seinen Kopf schief, zieht dann die Schultern hoch und lacht. Zeigt die oberen Zähne beim Lachen, wie Jules auf den Fotos.
"Also dann, sage ich salut. Bald gehts weiter. Bonne continuation!"
"Ja. Ah, Moment! Jetzt kommt ja die Zugreise, der kurze Flash von Paris und das alles. Ich würde da einen leicht anderen Filter nehmen, mit ein bisschen zeitlicher Distanz. – Was meinst du?"
"Ich überleg's mir. Und: Danke!"
"Schon gut. Salut!"
Er hat auf den roten Knopf gedrückt und ist verschwunden.
Nun wäre es schade, und man käme sich als Nacherfinder seiner Geschichte auch ein bisschen schäbig vor, wenn nur entlang von Indizien, die auch vor dem kritischen Urteil einer Historikerin Bestand haben, eine einzige Version konstruiert und gegen die Familiensaga durchgedrückt würde. Wir müssen also einen Weg finden, wie sich zumindest zwei mögliche Verläufe für diesen Lebensabschnitt unseres Gossonkels entwerfen lassen. Um weder uns selbst beim Erfinden und Schreiben zu sehr zu ermüden, noch die Leserinnen und Leser zu langweilen durch Wiederholungen und Überschneidungen, ist es wohl am besten, wenn wir nicht zwei vollständige Geschichten neben- oder hintereinander stellen, sondern eine Form suchen, die Brüche und Sprünge von einer zur anderen nicht nur zulässt, sondern eher fördert.
Die Form des ersten, fiktionalen Kapitels mit dem Titel "Aufbruch" verglich ein Leser mit einem Film. Wenn man den Text mit diesem Fokus nochmals duchliest, wird man vielleicht zustimmen und ergänzen: wie ein Film, wo der Protagonist sehr nahe mit der Handkamera verfolgt wird.
Stellen wir uns vor, man könnte bei der Geschichte, wie der Produzent oder Regisseur bei den Dreharbeiten eines Films, den Set beeinflussen. Ihn besuchen, dorthin anrufen, mit den Schauspielern, hier: mit den Figuren, reden, sie über ihre Erfahrungen ausfragen, ihnen Tipps geben, oder von ihnen Ratschläge entgegennehmen bezüglich des weiteren Verlaufs der Geschichte und ihrer Umsetzung. Nehmen wir weiter an, dass das Drehbuch, dank einer grosszügigen Produktionsfirma sowie eines dem Experimentieren nicht abgeneigten Regisseurs, noch nicht fertig geschrieben ist. Ein Videotelefonat, geführt nach Abschluss des ersten Kapitels, könnte dann etwa so aussehen.
Ich muss auf dem Set anrufen, nachfragen, ob es gut gelaufen ist. Ich ziehe mein speziell für diesen Zweck eingerichtetes, zweites Mobiltelefon heraus und tippe auf Jules Nummer. Das Gesicht einer mir unbekannten jungen Frau erscheint.
"Ah, hallo, ist das nicht Jules Handy, habe ich die falsche...?
"Nein, ist schon seines." Sie lacht. "Er sucht es gerade. – Ich gebe ihn dir."
Sein schmales Gesicht taucht auf. Etwas verwirrt, frage ich:
"Wer war denn das?"
"Die war bei den Leuten auf dem Dorfplatz, beim Abschied. Du hast sie dorthin bestellt."
Ich versuche, mir die Gesichter in Erinnerung zu rufen.
"Ah, gut. Weiss nicht mehr. - Wie ging's?"
"Das mit dem blind Laufen ging fast schief, war schwieriger als ich dachte."
"Aber das hattest du vorgeschlagen!"
"Ja, ich weiss. Es stimmte auch, ich war gleich drin in ihm. In der Figur, meine ich. Die Kühe waren süss, haben noch wie um Erlaubnis gefragt mit ihren Kulleraugen, bevor sie alleine weiterzogen, dort, wo ich anhalten und schwatzen musste."
"Und wie ging das mit diesen Dreien? Mit dem Dialog überhaupt, mit den Gesprächen?"
Jules hält den Kopf schief, schaut herum, dann wieder zu mir.
"Ja, nun, ein Teil ist ja notiert, ein paar Sätze haben wir noch kurz besprochen. Auch, wie rein der Patois sein sollte, die Jungen mischten das ja schon ziemlich mit Französisch, unter sich. Mit den Eltern und Grosseltern gaben sie sich mehr Mühe. Wir haben halt einiges improvisiert."
"Und sonst? Das Werkeln, wie du dem sagst?"
Er lacht.
"Das hatte ich geübt, lief super. Vielleicht werde ich noch Uhrmacher, oder sonst so ein Bastler. Die Paysans-Horlogers waren echte Nerds!"
Er macht eine Pause, will noch etwas sagen. Ich warte.
"Der Abschied, vor allem von Maman, war an der Grenze, finde ich. Ich weiss nicht, ob das nicht als Kitsch rüberkam. Aber auch für uns, ich meine, sie ist Profi, hat das mit dem kurzen Moment der Rührung so hingelegt, dass ich sie einfach auf diese Weise anfassen musste. Ich bin unsicher, ob er das so gemacht hätte. Vielleicht haben sie sich auch schlicht und spontan umarmt, mit Bisoubisou und allem. Waren ja Romands."
Wieder hält er seinen Kopf schief, zieht dann die Schultern hoch und lacht. Zeigt die oberen Zähne beim Lachen, wie Jules auf den Fotos.
"Also dann, sage ich salut. Bald gehts weiter. Bonne continuation!"
"Ja. Ah, Moment! Jetzt kommt ja die Zugreise, der kurze Flash von Paris und das alles. Ich würde da einen leicht anderen Filter nehmen, mit ein bisschen zeitlicher Distanz. – Was meinst du?"
"Ich überleg's mir. Und: Danke!"
"Schon gut. Salut!"
Er hat auf den roten Knopf gedrückt und ist verschwunden.
Mittwoch, 27. Januar 2021
Aufbruch
Ausgerechnet über die Eisheiligen war es in jenem Mai, 1907, für mehrere Tage sommerlich warm. Weil die Bauern von Cornol danach mit Gewittern rechneten, brachten die meisten das erste Heu noch vor dem Elften in ihren Schobern unter.
Das Heuen hat Spuren in seinen Handflächen hinterlassen, er hat Blasen wie schon lange nicht mehr. Das Brennen erinnert ihn an die Freude am Ende eines harten Tages, vorgestern, als die letzte Fuhr geschafft war. Einer alten Gewohnheit nachgebend, schliesst er für mehrere Schritte die Augen. Öffnet sie, macht sie wieder zu. Es ist nicht schwer, die Richtung zu halten, er spürt die sanfte Steigung der Dorfstrasse unter den Füssen, solange der Widerstand gleich bleibt, führen sie ihn geradeaus. Wie viele Kopfnüsse hat er einstecken müssen als Bub, weil er das einfach nicht lassen konnte, den aveugle machen. Er liebt die Steigerung der anderen Sinne, des Gehörs und Geruchs, wenn er die Augen schliesst. Die Geräusche. Er würde Cornol immer an seinen Geräuschen wiedererkennen. Man kann sich einbilden, den Klang der gesamten, riesigen, nur ganz leicht schiefen Ebene zwischen Jura und Vogesen zu hören, an deren oberen Rand, am Ausgang des Tals der Coroline, das Dorf liegt. Dessen Geräusche nur einen Teil dieses Klanges ausmachen, eine nahen und lebendigen allerdings. Mit Gegacker von Hühnern, leisem Rauschen und Glucksen des Bachs, Plätschern des Brunnens. Immer klopft, hämmert, dengelt jemand, Menschen locken ihre Tiere mit seltsamen Lauten, unterhalten sich rufend, über mehrere Gärten hinweg auf Patois, im vertrauten Niäniäniä. Ein Hund bellt, ein anderer antwortet ihm aus der Ferne.
Das gilt ihm jetzt.
"Träumst du schon von drüben, vom Schlaraffenland?"
Gelächter von mehreren Seiten, als er die Augen aufschlägt.
"Wann geht's los?"
"Morgen!"
"Alles gepackt? Kommt dich jemand abholen in New York? Marie ist ja noch hier. Die kommt später nach, oder?"
Er bleibt bei Emile und Armand stehen, beide tragen Werkzeug auf den Schultern, eine Heugabel, eine Axt.
"Zuerst muss ich im Havre ankommen, es ist beschwerlich, nicht mehr so wie früher mit den Extrazügen, die durchgefahren sind, sogar durch Paris."
Von der anderen Seite des Strässchens kommt Armands Schwester Célina dazu.
"Du musst sogar einmal übernachten?"
"Ja."
"Wir haben gehört, du gehst mit Henri zusammen. Stimmt es, dass ihr auf diesem schnellen Dampfer der Transatlantique fahrt? Wie heisst er, La Prudence?"
"La Provence!"
"Der ist ganz neu, sagen sie. War sicher teuer, dazu zweite Klasse. Chic, chic, Monsieur Chiquet!"
Er macht sich los von dem Grüppchen.
"Also, bis dann!"
"Ja, bis dann.
"Vergiss uns nicht!" Célina sagt es leise. Sie errötet, als er sie angrinst, noch rückwärts gehend. Dann dreht er sich ganz weg.
Heute hat er nicht weit, die drei Kühe stehen auf einer kleinen Weide fast am Waldrand, beim oberen Dorfeingang. Er ruft sie von weitem, und als er beim Zaun ankommt, stehen sie schon brav bereit, die beiden älteren mit prallem Euter. Er öffnet ihnen das Gatter, und wie immer gibt es ein kurzes Hin und Her, wer zuerst hindurchstaksen darf. Als das geklärt ist, machen sie sich muhend auf den Heimweg. Er trottet ihnen hinterher, muss überlegen, was noch zu tun ist bis zum Schlafengehen.
Ihr Haus steht auf einer dreieckigen Fläche, in der Gabelung zwischen Bach und Dorfstrasse auf der linken Seite, und einem kleinen Weg, mit dem merkwürdigen Namen La Rasse, auf der rechten Seite. Als Jules in der Kurve beim Lion d'Or angekommen ist, sieht er von weitem, dass der Vater die Stalltüre aufgemacht haben muss, denn die Kühe sind nicht mehr zu sehen.
Er tritt ins Halbdunkel, Papa ist schon, den runden Schädel gegen die Flanke der Kuh gedrückt, beim Melken. Jules holt seinen Stuhl vom Haken und setzt sich zum zweiten Tier. Er muss nochmals aufstehen, das widerspenstige Hinterteil gerade rücken und den verdreckten Schwanz mit der vom Balken herunterhängenden Schnur hochbinden.
"Mach vorwärts, dann kannst du die Kanne dem Pierre in die Laiterie mitgeben."
Jules taucht aus seinen Gedanken auf, der Euter seiner Kuh ist auch leer. Er steht auf, schüttet den bläulich schimmernden Inhalt des Kessels in die Kanne. Der Deckel ist schmutzig, also geht er damit in die Küche, um ihn abzuspülen. Maman steht am Herd, und als er hinter ihr vorbeigeht, streift ihn, fast schon wie eine Erinnerung, ihr Geruch. Rauch, Essen, und ganz leise, muguet-Seife. Ohne aufzublicken setzt sie ihre Litanei, die sie am frühen Morgen begonnen und ununterbrochen weitergeführt hat, zur Not und bei fehlenden Zuhörern als inneren Monolog, jetzt, bei seinem Erscheinen wieder als Rezitativ einer Liste, was alles getan wurde, und was noch alles zu tun sei vor seiner Abreise, alles in ihrer einzigen und ureigenen Patois-Sprache, ohne Punkt und Komma.
"und Marie hat dir noch die Hemden geplättet wir haben sie schon eingepackt damit du sie nicht wieder zerknüllst nur das welches du morgen auf die Reise anziehst liegt zuoberst mach die Knöpfe auf wenn"
Er ist schon wieder aus der Küche verschwunden, zu antworten, hätte nichts geändert. Zurück im Stall drückt er den Deckel auf die Kanne, kippt leicht an und rollt sie in Schräglage aus dem Tor ins Helle. Papa ist nicht zu sehen, machte sich wohl nochmals auf und hinüber in den Boeuf, um sich vor dem Abendessen ein Gläschen zu genehmigen, und um die Stimmung im Dorf zu erschnuppern. Er wartet auf Pierres Karren, den er hört, bevor er auftaucht. Davor ein mageres Pferdchen, das den Einachser mit hängendem Hals hinter sich herschleppt, als sei er mit Steinen beladen. Pierre sitzt mit dem Rücken zur Fahrtrichtung am äussersten Rand der schrägen Ladefläche, hüpft, als er auf Jules' Höhe angelangt ist, herunter, was dem Tier das Signal zum Stehenbleiben gibt.
Während sie gemeinsam die Kanne hochheben und zu den andern rücken, druckst Pierre an einer Frage herum.
"Wir, also die Jungen vom unteren Dorf, haben uns gefragt."
Pause.
"Also eigentlich: der Girard-Joseph hat mich gefragt, warum."
Pause.
"Also, warum ihr eigentlich rüber gehen wollt. Ich meine, beim Henri ist es klar, der Hof ist schon in den Händen des Ältesten, und er kann nichts ausser bauern. Aber ihr?"
Er hofft, dass Jules ihn unterbricht, endlich etwas sagt. Aber der schweigt. Also muss er weitermachen, sich auf zweifelhaftes Gelände begeben.
"Die Marie könnte doch auch hier nähen, und du und dein Papa, es ging doch in letzter Zeit eher aufwärts mit den Uhren. Was willst du den anfangen drüben?"
"Ich schaue mal."
"Entschuldige, ich wollte nicht..."
"Ist schon gut, ich weiss es selber noch nicht genau. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich gehe zuerst mal mit Henri zu seinem Cousin nach Ohio. Der ist ja auch ein weit entfernter Onkel von mir. Henri will etwas mit Früchten machen, aber ich glaube, das Klima ist dort nicht so mild, wie er meint. Ich habe ein bisschen nachgelesen. Wir werden sehen. Vielleicht gehe ich auch gleich wieder zurück nach New York. Es soll viele Reiche geben dort, die fünf oder zehn Hausangestellte haben. Die Ajolais sind beliebt, und man verdient gut.
"Hausangestellter? Du meinst, Diener? Dann müsstest du..?
"Ja, warum nicht?"
Pierre wiegt den Kopf hin und her, will noch etwas sagen, lässt es dann doch, setzt sich wieder auf seinen Karren. Kaum spürt es den Zug der Deichseln nach oben, setzt sich das Pferdchen in Gang. Während er rittlings davonfährt, hält Pierre seinen Blick nachdenklich auf Jules gerichtet.
"Also, pass auf dich auf!" ruft er, bevor er hinter der Wegbiegung zur Route de la Baroche verschwindet.
"Ja, mach ich", murmelt Jules vor sich hin, und zum zweiten oder dritten Mal heute wird er von einer körperlichen Unruhe überrascht. Sein Magen krampft sich zusammen, die Kehle wird ihm trocken, da kann er schlucken, so oft er will. Es kribbelt ihn in Händen und Füssen, er weiss nicht, wie ihm geschieht. Heute morgen, kurz bevor er richtig wach wurde, hat es ihn so gepackt. Berthe, die einzige, der er davon erzählt hat, lachte nur.
"Du hast das Reisefieber."
Um sich abzulenken, geht er ins Haus zurück und die Treppe hoch, in die kleine Werkstatt. Er setzt sich an seinen Arbeitsplatz, und obwohl schon alles ordentlich weggeräumt und versorgt ist, ein kleiner, handlicher Teil eingepackt in seine Reisekiste, zieht er eine Schublade nach der andern auf, holt sich aus der untersten die kleine Drehbank, mit der er bis vor einem Jahr Zapfen an die Enden winziger Achsen gedreht hat. Er spannt sie in den Schraubstock, holt ein paar der feinen Dreheisen aus einer zweiten Schublade, dann aus der obersten die Schachtel mit Rohlingen, Reste vom letzten derartigen Auftrag. Nimmt seine Uhrmacherlupe vom schmalen Schaft über dem Werktisch und klemmt sie sich ans Auge. Er beginnt zögernd mit dem Einspannen des kleinen Werkstücks, muss sich anstrengen, um sich an den Ablauf der einst mit viel Routine ausgeführten Arbeitsgänge zu erinnern. Aber er spürt, wie die Ruhe in seinen Körper zurückkehrt, und als er die nur mit der Lupe zu sehenden Drehspäne wegpinseln und zum ersten mal nachmessen kann, ist er wieder er selber.
Berthe stürmt herein, mit roten Backen, zieht ihn mitsamt dem Stuhl vom Tisch weg, platscht sich laut lachend auf seinen Schoss, gerade noch kann er die Hand mit dem scharfen Werkzeug von ihr wegstrecken. Er will etwas sagen, doch sie überfährt ihn mit der überschäumenden Kraft ihrer Halbwüchsigkeit.
"Das darfst du jetzt nicht mehr!" Sie imitiert Tonfall und Dialekt der Mutter. Dann weiter, glucksend, mit Überdruck, in der ihr eigentümlichen Weise eines schreienden Flüsterns. Jules fasst die Schwester bei der Taille und schiebt sie von seinem Schoss weg auf Vaters Stuhl. Dabei spürt er unter seinen Fingern die Rundungen der Fünfzehnjährigen und muss seiner Mutter rechtgeben. Das geht nun nicht mehr.
"Ist es wahr, dass in New York der reichste Mann der Welt lebt? Und gibt es auch schon so ein Theater mit Bildern, die sich bewegen? Ist es das grösste und schnellste Schiff, mit dem du fährst?" Sie stösst eine Frage nach der andern aus, so dicht, dass ihm keine Lücke bleibt für Antworten. Sie erwartet auch keine, beendet ihren Frageschwall, indem sie noch einmal tief Luft holt für einen langgezogenen Seufzer. Dann, jedes Wort einzeln ausrufend:
"I – want – to – go – to – America – too!"
In seinem Zimmer überprüft er nochmals sein Gepäck, die Papiere, das Geld, das kleine Wörterbuch. Im fällt nichts mehr ein, was er vergessen haben könnte. Doch, Schreibzeug! In einer Schachtel entdeckt er seine Schulfedern, die Tinte im Fläschchen ist aber eingetrocknet. Er wird Marie fragen, sie hat immer alles. Er findet noch ein halb leeres Schreibheft, das er in einer Aussentasche unterbringen kann. Dann geht er nach unten, zu seiner Familie.
Mutter hat einen Toetché gebacken, dessen Duft sich schon vor dem Nachtessen im ganzen Haus ausbreitete. Nun sitzen sie alle um den runden Tisch, Vater ist sogar rechtzeitig, und ohne dass ihn jemand holen musste, aus dem Boeuf zurückgekehrt. Sie falten die Hände und beten, danken für das abendliche Brot. Als das gewohnte Ritual abgeschlossen ist, fährt Marie mit ruhiger, fester Stimme fort. Sie bittet Gott um den Segen für die Reise ihres Bruders. Amen. Jules hat es wieder die Kehle zurgeschnürt, aber er gibt sich Mühe, vom Sauerrahmkuchen zu essen, den Maman speziell für ihn und zu diesem Anlass des Abschieds gebacken hat. Er taucht ab. Papa muss ihn anstubsen.
"Joseph hat geschrieben, er wünscht dir eine gute Reise."
Jules hat sich schon länger nicht mehr bei seinem älteren Bruder gemeldet. Er überlegt, ob er ein schlechtes Gewissen haben sollte. Maman fügt noch etwas hinzu.
"Er wird im Sommer nach Basel verlegt, an die Burgfelder Grenze. Dann kann er auch einmal nach Augustine schauen. Hast du ihre Adresse?"
"Ja, ja, ich werde ihr schreiben."
Berthe plaudert, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr jemand zuhört, Marie und Clara essen schweigend.
Er schläft unruhig, wacht immer wieder auf, zählt die Glockenschläge, die ihm so nah und laut erscheinen, dass er sich wundert, wie er schlafen konnte in all den Jahren bisher. Wenn er aufschreckt, kurz bevor er wieder ganz wach wird, meint er, im Traum noch oder im Halbschlaf, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Er kontrolliert den Wecker, dreht sich hin und her, sinkt schliesslich doch in Tiefschlaf.
Er wird gerüttelt, Vaters Hand legt sich auch auf den Wecker und würgt das wilde Gerassel ab.
"Komm, du musst aufstehen, es ist schon halb vier."
Auch Maman steht da, musste ihrem Sohn wenigestens einen Kaffee kochen. Er verbrennt sich den Gaumen, denn der Wagen des Quincailliste, der sie nach Porrentruy fahren wird, steht schon auf der Dorfstrasse, auf der anderen Seite des Bachs. Zwei Pferde hat er eingespannt, und Henri ist auch schon da. Jetzt stellt sich ihm die Mutter in den Weg, bedeutet ihm mit knapper Geste, den Kopf zu senken. Sie taucht den Daumen ins Weihwasserbecken neben dem Türpfosten und malt ihm, senkrechtwaagrecht, das Kreuzzeichen auf die Stirn. Um ihren Mund zuckt es, und fast wäre er ihr übers Haar gestrichen.
"Gesegnete Reise", murmelt sie. Dann, überraschend: "Sei schlau!" Zögernd hebt Jules seine Hand und berührt sie an der Schulter, und, als sie nicht zurückweicht, drückt er sie ein wenig, streicht ihrem Arm entlang hinunter und dreht sich ab.
Er bringt seine Kiste zum Wagen, der Vater trägt die Tasche und den Koffer, im Marschtritt, den er auf einmal mit nachgeahmtem Bumbabumba der Tuba begleitet. Bricht in Lachen aus. "Wenn es heute keine Musik gibt, mach ich sie halt."
Sie lachen beide. Als Marie vor vier Jahren mit fünf anderen jungen Frauen vom Dorf nach Amerika aufbrach, hat die Dorfmusik gespielt. Vater und Sohn brauchen einen Moment, bevor sie sich umarmen.
Erst als Jules auf den Wagen steigt, bemerkt er, dass doch einige Cornoler zusammengekommen sind, um sich zu verabschieden und wieder zwei davonfahren zu sehen.
Das Heuen hat Spuren in seinen Handflächen hinterlassen, er hat Blasen wie schon lange nicht mehr. Das Brennen erinnert ihn an die Freude am Ende eines harten Tages, vorgestern, als die letzte Fuhr geschafft war. Einer alten Gewohnheit nachgebend, schliesst er für mehrere Schritte die Augen. Öffnet sie, macht sie wieder zu. Es ist nicht schwer, die Richtung zu halten, er spürt die sanfte Steigung der Dorfstrasse unter den Füssen, solange der Widerstand gleich bleibt, führen sie ihn geradeaus. Wie viele Kopfnüsse hat er einstecken müssen als Bub, weil er das einfach nicht lassen konnte, den aveugle machen. Er liebt die Steigerung der anderen Sinne, des Gehörs und Geruchs, wenn er die Augen schliesst. Die Geräusche. Er würde Cornol immer an seinen Geräuschen wiedererkennen. Man kann sich einbilden, den Klang der gesamten, riesigen, nur ganz leicht schiefen Ebene zwischen Jura und Vogesen zu hören, an deren oberen Rand, am Ausgang des Tals der Coroline, das Dorf liegt. Dessen Geräusche nur einen Teil dieses Klanges ausmachen, eine nahen und lebendigen allerdings. Mit Gegacker von Hühnern, leisem Rauschen und Glucksen des Bachs, Plätschern des Brunnens. Immer klopft, hämmert, dengelt jemand, Menschen locken ihre Tiere mit seltsamen Lauten, unterhalten sich rufend, über mehrere Gärten hinweg auf Patois, im vertrauten Niäniäniä. Ein Hund bellt, ein anderer antwortet ihm aus der Ferne.
Das gilt ihm jetzt.
"Träumst du schon von drüben, vom Schlaraffenland?"
Gelächter von mehreren Seiten, als er die Augen aufschlägt.
"Wann geht's los?"
"Morgen!"
"Alles gepackt? Kommt dich jemand abholen in New York? Marie ist ja noch hier. Die kommt später nach, oder?"
Er bleibt bei Emile und Armand stehen, beide tragen Werkzeug auf den Schultern, eine Heugabel, eine Axt.
"Zuerst muss ich im Havre ankommen, es ist beschwerlich, nicht mehr so wie früher mit den Extrazügen, die durchgefahren sind, sogar durch Paris."
Von der anderen Seite des Strässchens kommt Armands Schwester Célina dazu.
"Du musst sogar einmal übernachten?"
"Ja."
"Wir haben gehört, du gehst mit Henri zusammen. Stimmt es, dass ihr auf diesem schnellen Dampfer der Transatlantique fahrt? Wie heisst er, La Prudence?"
"La Provence!"
"Der ist ganz neu, sagen sie. War sicher teuer, dazu zweite Klasse. Chic, chic, Monsieur Chiquet!"
Er macht sich los von dem Grüppchen.
"Also, bis dann!"
"Ja, bis dann.
"Vergiss uns nicht!" Célina sagt es leise. Sie errötet, als er sie angrinst, noch rückwärts gehend. Dann dreht er sich ganz weg.
Heute hat er nicht weit, die drei Kühe stehen auf einer kleinen Weide fast am Waldrand, beim oberen Dorfeingang. Er ruft sie von weitem, und als er beim Zaun ankommt, stehen sie schon brav bereit, die beiden älteren mit prallem Euter. Er öffnet ihnen das Gatter, und wie immer gibt es ein kurzes Hin und Her, wer zuerst hindurchstaksen darf. Als das geklärt ist, machen sie sich muhend auf den Heimweg. Er trottet ihnen hinterher, muss überlegen, was noch zu tun ist bis zum Schlafengehen.
Ihr Haus steht auf einer dreieckigen Fläche, in der Gabelung zwischen Bach und Dorfstrasse auf der linken Seite, und einem kleinen Weg, mit dem merkwürdigen Namen La Rasse, auf der rechten Seite. Als Jules in der Kurve beim Lion d'Or angekommen ist, sieht er von weitem, dass der Vater die Stalltüre aufgemacht haben muss, denn die Kühe sind nicht mehr zu sehen.
Er tritt ins Halbdunkel, Papa ist schon, den runden Schädel gegen die Flanke der Kuh gedrückt, beim Melken. Jules holt seinen Stuhl vom Haken und setzt sich zum zweiten Tier. Er muss nochmals aufstehen, das widerspenstige Hinterteil gerade rücken und den verdreckten Schwanz mit der vom Balken herunterhängenden Schnur hochbinden.
"Mach vorwärts, dann kannst du die Kanne dem Pierre in die Laiterie mitgeben."
Jules taucht aus seinen Gedanken auf, der Euter seiner Kuh ist auch leer. Er steht auf, schüttet den bläulich schimmernden Inhalt des Kessels in die Kanne. Der Deckel ist schmutzig, also geht er damit in die Küche, um ihn abzuspülen. Maman steht am Herd, und als er hinter ihr vorbeigeht, streift ihn, fast schon wie eine Erinnerung, ihr Geruch. Rauch, Essen, und ganz leise, muguet-Seife. Ohne aufzublicken setzt sie ihre Litanei, die sie am frühen Morgen begonnen und ununterbrochen weitergeführt hat, zur Not und bei fehlenden Zuhörern als inneren Monolog, jetzt, bei seinem Erscheinen wieder als Rezitativ einer Liste, was alles getan wurde, und was noch alles zu tun sei vor seiner Abreise, alles in ihrer einzigen und ureigenen Patois-Sprache, ohne Punkt und Komma.
"und Marie hat dir noch die Hemden geplättet wir haben sie schon eingepackt damit du sie nicht wieder zerknüllst nur das welches du morgen auf die Reise anziehst liegt zuoberst mach die Knöpfe auf wenn"
Er ist schon wieder aus der Küche verschwunden, zu antworten, hätte nichts geändert. Zurück im Stall drückt er den Deckel auf die Kanne, kippt leicht an und rollt sie in Schräglage aus dem Tor ins Helle. Papa ist nicht zu sehen, machte sich wohl nochmals auf und hinüber in den Boeuf, um sich vor dem Abendessen ein Gläschen zu genehmigen, und um die Stimmung im Dorf zu erschnuppern. Er wartet auf Pierres Karren, den er hört, bevor er auftaucht. Davor ein mageres Pferdchen, das den Einachser mit hängendem Hals hinter sich herschleppt, als sei er mit Steinen beladen. Pierre sitzt mit dem Rücken zur Fahrtrichtung am äussersten Rand der schrägen Ladefläche, hüpft, als er auf Jules' Höhe angelangt ist, herunter, was dem Tier das Signal zum Stehenbleiben gibt.
Während sie gemeinsam die Kanne hochheben und zu den andern rücken, druckst Pierre an einer Frage herum.
"Wir, also die Jungen vom unteren Dorf, haben uns gefragt."
Pause.
"Also eigentlich: der Girard-Joseph hat mich gefragt, warum."
Pause.
"Also, warum ihr eigentlich rüber gehen wollt. Ich meine, beim Henri ist es klar, der Hof ist schon in den Händen des Ältesten, und er kann nichts ausser bauern. Aber ihr?"
Er hofft, dass Jules ihn unterbricht, endlich etwas sagt. Aber der schweigt. Also muss er weitermachen, sich auf zweifelhaftes Gelände begeben.
"Die Marie könnte doch auch hier nähen, und du und dein Papa, es ging doch in letzter Zeit eher aufwärts mit den Uhren. Was willst du den anfangen drüben?"
"Ich schaue mal."
"Entschuldige, ich wollte nicht..."
"Ist schon gut, ich weiss es selber noch nicht genau. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich gehe zuerst mal mit Henri zu seinem Cousin nach Ohio. Der ist ja auch ein weit entfernter Onkel von mir. Henri will etwas mit Früchten machen, aber ich glaube, das Klima ist dort nicht so mild, wie er meint. Ich habe ein bisschen nachgelesen. Wir werden sehen. Vielleicht gehe ich auch gleich wieder zurück nach New York. Es soll viele Reiche geben dort, die fünf oder zehn Hausangestellte haben. Die Ajolais sind beliebt, und man verdient gut.
"Hausangestellter? Du meinst, Diener? Dann müsstest du..?
"Ja, warum nicht?"
Pierre wiegt den Kopf hin und her, will noch etwas sagen, lässt es dann doch, setzt sich wieder auf seinen Karren. Kaum spürt es den Zug der Deichseln nach oben, setzt sich das Pferdchen in Gang. Während er rittlings davonfährt, hält Pierre seinen Blick nachdenklich auf Jules gerichtet.
"Also, pass auf dich auf!" ruft er, bevor er hinter der Wegbiegung zur Route de la Baroche verschwindet.
"Ja, mach ich", murmelt Jules vor sich hin, und zum zweiten oder dritten Mal heute wird er von einer körperlichen Unruhe überrascht. Sein Magen krampft sich zusammen, die Kehle wird ihm trocken, da kann er schlucken, so oft er will. Es kribbelt ihn in Händen und Füssen, er weiss nicht, wie ihm geschieht. Heute morgen, kurz bevor er richtig wach wurde, hat es ihn so gepackt. Berthe, die einzige, der er davon erzählt hat, lachte nur.
"Du hast das Reisefieber."
Um sich abzulenken, geht er ins Haus zurück und die Treppe hoch, in die kleine Werkstatt. Er setzt sich an seinen Arbeitsplatz, und obwohl schon alles ordentlich weggeräumt und versorgt ist, ein kleiner, handlicher Teil eingepackt in seine Reisekiste, zieht er eine Schublade nach der andern auf, holt sich aus der untersten die kleine Drehbank, mit der er bis vor einem Jahr Zapfen an die Enden winziger Achsen gedreht hat. Er spannt sie in den Schraubstock, holt ein paar der feinen Dreheisen aus einer zweiten Schublade, dann aus der obersten die Schachtel mit Rohlingen, Reste vom letzten derartigen Auftrag. Nimmt seine Uhrmacherlupe vom schmalen Schaft über dem Werktisch und klemmt sie sich ans Auge. Er beginnt zögernd mit dem Einspannen des kleinen Werkstücks, muss sich anstrengen, um sich an den Ablauf der einst mit viel Routine ausgeführten Arbeitsgänge zu erinnern. Aber er spürt, wie die Ruhe in seinen Körper zurückkehrt, und als er die nur mit der Lupe zu sehenden Drehspäne wegpinseln und zum ersten mal nachmessen kann, ist er wieder er selber.
Berthe stürmt herein, mit roten Backen, zieht ihn mitsamt dem Stuhl vom Tisch weg, platscht sich laut lachend auf seinen Schoss, gerade noch kann er die Hand mit dem scharfen Werkzeug von ihr wegstrecken. Er will etwas sagen, doch sie überfährt ihn mit der überschäumenden Kraft ihrer Halbwüchsigkeit.
"Das darfst du jetzt nicht mehr!" Sie imitiert Tonfall und Dialekt der Mutter. Dann weiter, glucksend, mit Überdruck, in der ihr eigentümlichen Weise eines schreienden Flüsterns. Jules fasst die Schwester bei der Taille und schiebt sie von seinem Schoss weg auf Vaters Stuhl. Dabei spürt er unter seinen Fingern die Rundungen der Fünfzehnjährigen und muss seiner Mutter rechtgeben. Das geht nun nicht mehr.
"Ist es wahr, dass in New York der reichste Mann der Welt lebt? Und gibt es auch schon so ein Theater mit Bildern, die sich bewegen? Ist es das grösste und schnellste Schiff, mit dem du fährst?" Sie stösst eine Frage nach der andern aus, so dicht, dass ihm keine Lücke bleibt für Antworten. Sie erwartet auch keine, beendet ihren Frageschwall, indem sie noch einmal tief Luft holt für einen langgezogenen Seufzer. Dann, jedes Wort einzeln ausrufend:
"I – want – to – go – to – America – too!"
In seinem Zimmer überprüft er nochmals sein Gepäck, die Papiere, das Geld, das kleine Wörterbuch. Im fällt nichts mehr ein, was er vergessen haben könnte. Doch, Schreibzeug! In einer Schachtel entdeckt er seine Schulfedern, die Tinte im Fläschchen ist aber eingetrocknet. Er wird Marie fragen, sie hat immer alles. Er findet noch ein halb leeres Schreibheft, das er in einer Aussentasche unterbringen kann. Dann geht er nach unten, zu seiner Familie.
Mutter hat einen Toetché gebacken, dessen Duft sich schon vor dem Nachtessen im ganzen Haus ausbreitete. Nun sitzen sie alle um den runden Tisch, Vater ist sogar rechtzeitig, und ohne dass ihn jemand holen musste, aus dem Boeuf zurückgekehrt. Sie falten die Hände und beten, danken für das abendliche Brot. Als das gewohnte Ritual abgeschlossen ist, fährt Marie mit ruhiger, fester Stimme fort. Sie bittet Gott um den Segen für die Reise ihres Bruders. Amen. Jules hat es wieder die Kehle zurgeschnürt, aber er gibt sich Mühe, vom Sauerrahmkuchen zu essen, den Maman speziell für ihn und zu diesem Anlass des Abschieds gebacken hat. Er taucht ab. Papa muss ihn anstubsen.
"Joseph hat geschrieben, er wünscht dir eine gute Reise."
Jules hat sich schon länger nicht mehr bei seinem älteren Bruder gemeldet. Er überlegt, ob er ein schlechtes Gewissen haben sollte. Maman fügt noch etwas hinzu.
"Er wird im Sommer nach Basel verlegt, an die Burgfelder Grenze. Dann kann er auch einmal nach Augustine schauen. Hast du ihre Adresse?"
"Ja, ja, ich werde ihr schreiben."
Berthe plaudert, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr jemand zuhört, Marie und Clara essen schweigend.
Er schläft unruhig, wacht immer wieder auf, zählt die Glockenschläge, die ihm so nah und laut erscheinen, dass er sich wundert, wie er schlafen konnte in all den Jahren bisher. Wenn er aufschreckt, kurz bevor er wieder ganz wach wird, meint er, im Traum noch oder im Halbschlaf, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Er kontrolliert den Wecker, dreht sich hin und her, sinkt schliesslich doch in Tiefschlaf.
Er wird gerüttelt, Vaters Hand legt sich auch auf den Wecker und würgt das wilde Gerassel ab.
"Komm, du musst aufstehen, es ist schon halb vier."
Auch Maman steht da, musste ihrem Sohn wenigestens einen Kaffee kochen. Er verbrennt sich den Gaumen, denn der Wagen des Quincailliste, der sie nach Porrentruy fahren wird, steht schon auf der Dorfstrasse, auf der anderen Seite des Bachs. Zwei Pferde hat er eingespannt, und Henri ist auch schon da. Jetzt stellt sich ihm die Mutter in den Weg, bedeutet ihm mit knapper Geste, den Kopf zu senken. Sie taucht den Daumen ins Weihwasserbecken neben dem Türpfosten und malt ihm, senkrechtwaagrecht, das Kreuzzeichen auf die Stirn. Um ihren Mund zuckt es, und fast wäre er ihr übers Haar gestrichen.
"Gesegnete Reise", murmelt sie. Dann, überraschend: "Sei schlau!" Zögernd hebt Jules seine Hand und berührt sie an der Schulter, und, als sie nicht zurückweicht, drückt er sie ein wenig, streicht ihrem Arm entlang hinunter und dreht sich ab.
Er bringt seine Kiste zum Wagen, der Vater trägt die Tasche und den Koffer, im Marschtritt, den er auf einmal mit nachgeahmtem Bumbabumba der Tuba begleitet. Bricht in Lachen aus. "Wenn es heute keine Musik gibt, mach ich sie halt."
Sie lachen beide. Als Marie vor vier Jahren mit fünf anderen jungen Frauen vom Dorf nach Amerika aufbrach, hat die Dorfmusik gespielt. Vater und Sohn brauchen einen Moment, bevor sie sich umarmen.
Erst als Jules auf den Wagen steigt, bemerkt er, dass doch einige Cornoler zusammengekommen sind, um sich zu verabschieden und wieder zwei davonfahren zu sehen.
Donnerstag, 21. Januar 2021
Die Américains – weitere Sedimente, neue Fragen
Erweiterte Quellen, die Auskünfte geben über Reisedaten und Adressen von Auswanderern, haben sich mir erschlossen dank eines längeren Telefongesprächs und nach regem Mailkontakt mit der Historikerin Marie-Angéle Lovis, die ein Buch über die Emigration aus dem Dorf Cornol in den Jahren zwischen 1815 und 1956 geschrieben hat. Dabei handelt es sich einerseits um die öffentlich zugänglichen Daten der US-amerikanischen Immigrationsbehörden auf Ellis Island, andererseits um Dokumente aus Volkszählungen in den USA, die Frau Lovis bereits ausgewertet hat.
Um das Familiensystem der Cornoler Chiquets besser zu verstehen, wollte ich ausserdem die noch fehlenden Geburts- und Sterbedaten eruieren. Die Familie kommt ursprünglich aus Asuel, einem Dorf, das in einer schattigen Senke der Jurahöhen zwischen Cornol und der Caquerelle liegt. Aus ökonomischen Gründen wurde 2009 die Administration der Gemeinden von Asuel, Charmoille, Fregiécourt, Miécourt und Pleujouse zusammenlegt und, damit sich keines der beteiligten Dörfer benachteiligt fühle, unter dem Flurnamen La Baroche zu einer Kollektivgemeinde zusammengefasst. Die Familienregister von Asuel liegen heute im Gemeindesekretariat, im ehemaligen Primarschulhaus von Charmoille, deshalb fuhren wir dorthin.
Eine drittes Feld, aus dem sich neue Einsichten ergaben, sind Fotos und Postkarten aus dem Nachlass meines Vaters und einer Tante. Beim Durchsehen und Scannen der Fotos wurde mein Blick für Ähnlichkeiten in den Gesichtern geschärft. So wusste ich zum Beispiel bis vor Kurzem nicht, wie die jüngste unter den ausgewanderten Grosstanten, Clara, ausgesehen hat. Nun konnte ich sie auf verschiedenen Fotos entdecken, die in den Vereinigten Staaten aufgenommen wurden, und auf denen sie in Gesellschaft offensichtlich wohlhabender Damen zu sehen ist. Ich lernte, meinen Grossonkel auch ohne den späteren Schnauzbart zu erkennen, bei Unsicherheiten habe ich gelegentlich zwei Fotos transparent übereinandergelegt, um die Übereinstimmung in den Proportionen zu prüfen, genauso wie es in Kriminalfilmen gemacht wird.
Die Ergänzungen der Familiendaten haben bereits wieder zu Korrekturen bisheriger Annahmen geführt. Aufgrund mündlicher Überlieferung ging ich davon aus, dass Longjules 1917 nach Cornol zurückkam, weil sein Vater im Sterben lag oder gestorben war. Dieser ist aber erst am sechsten Januar 1921 gestorben. Wir wissen also nicht, was die Gründe seiner endgültigen Rückkehr nach Cornol waren. Der Vater war vielleicht nicht mehr in der Lage, den kleinen Bauernhof zu führen, weshalb die Begründung, Jules habe seine Mutter unterstützen wollen, nach wie vor Geltung haben kann. Es könnte auch sein, dass der Eintritt Amerikas in den Weltkrieg eine Rolle gespielt hat, wir wissen es nicht. Jedenfalls sind alle seine drei Schwestern in Amerika geblieben.
Ich habe nun auch die Geburts- und Todesdaten der vierten Schwester, Augustine. Sie war die einzige, die nicht in die USA auswanderte. Sie wurde drei Jahre nach Longjules, 1888, geboren, heiratete 1915 einen Zürcher Postbeamten, Alwin Moser, und hatte mit ihm eine Tochter, Elisabeth. Meine Urgrosseltern scheinen sehr stolz gewesen zu sein auf ihre erste Enkelin. Augustine und ihre Tochter sind auf vielen Fotos zu sehen, seltener ihr Mann, da er den Fotoapparat bediente, als Familienfotograf, wie mein Vater erzählt hat.
Die Überlieferung durch meinen Vater ist nicht sehr verlässlich, wie ich auch hier wieder erfahren habe. Es gibt Notizen von ihm, die er als Achtzigjähriger über seinen Vater, meinen Grossvater, aufgeschrieben hat. Dieser, Joseph Babtiste Chiquet, wurde in der Familie von allen Papa genannt. Er war der älteste Bruder meiner Grosstanten und von Longjules, machte seine Ausbildung zum Grenzwächter zuerst im Jura, dann in Basel an der Burgfelder Grenze, wo er seine spätere Frau kennenlernte, Frieda Bitter aus Wallbach, mit der er sieben Kinder hatte. Longjules soll ihm für den Kauf eines Hauses in Riehen ein grosszügiges Darlehen gegeben, dafür aber auch kräftig in die Wahl dreingeredet haben. Später hat Longjules den Schuldschein in einer theatralischen Performance zerrissen.
In einer der erwähnten Notizen schreibt mein Vater: sein dreijähriges Schwesterchen Clara, das an Keuchhusten starb, konnte er (Papa, mein Grossvater) nicht vergessen. Wie wir jetzt im Familienregister von La Baroche nachlesen konnten, sind meinem Vater bei der Erinnerung an diesen frühen Kindstod verschiedene Verwechslungen unterlaufen. Es handelte sich nicht um ein Schwesterchen, sondern um ein Brüderchen, Jules mit Namen, das 1884 mit drei Monaten gestorben ist. Drei Jahre alt war damals der kleine Joseph, mein späterer Grossvater, der getrauert hat. Clara ist der Name der jüngsten meiner Grosstanten, die in die USA ausgewandert ist. Sie verstarb 1958 in Manhattan, wo sie bei ihrer Schwester Berthe und deren Mann wohnte. Im gleichen Jahr, nur gerade zwei Monate später, starb auch Berthes Mann, Louis Dirand. Berthes Trauer, vor allem um ihre Schwester, war unermesslich. Ich kann mich noch daran erinnern, dass sie bei jedem unserer Besuche in Cornol mindestens einmal auf Clara zu sprechen kam, dabei von ihr redend, als lebe sie noch. Wenn sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Clara gestorben sei, brach sie in Schluchzen und Klagen aus, als erfahre sie zum ersten Mal vom Tod ihrer Schwester. Vielleicht hat deshalb die Erinnerung meines Vaters aus dem kleinen Jules ein Schwesterchen Clara gemacht. Nur ein Jahr nach dem frühen Tod von Jules I. kam Longjules zur Welt. Dass man auf diese Weise, mit der Wiederholung des Namens, den Verlust eines Kindes auszugleichen suchte, war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich.
Was haben die Daten der Auswanderungsbehörden an neuen Erkenntnissen gebracht? Beginnen wir mit Longjules, dessen Geschichte über seine Dienerschaft bei John D. Rockefeller Junior ja den Ausgangspunkt meiner Recherchen bildete. Longjules reist am 11. Mai 1907 mit dem Transatlantikdampfer Provence von Le Havre aus nach New York, wo er sechs Tage später ankommt. Er hat eine Kabine zweiter Klasse, während ein entfernter Onkel, Henri Schneider aus Cornol, der auf demselben Schiff reist und denselben Zielort angibt, Sterling in Ohio, in der dritten Klasse fährt. Longjules gibt als Beruf watchmaker an, während bei Henri Schneider fruitier, Obsthändler, steht. Ob die beiden tatsächlich nach Sterling, Ohio, weiterreisen, zum Cousin von Henri, respektive zum Onkel von Jules, mit dem Namen Stoquet oder Stöckli, ist nicht bekannt. Wenn Longjules dorthin gefahren ist, kehrt er jedenfalls nach New York zurück. Offenbar will er nicht Landwirtschaft betreiben wie zuhause in Cornol. Seine Schwester Marie kommt im Oktober desselben Jahres mit der La Tourène nach New York, auf dem Zwischendeck, wie schon bei ihrer ersten Reise. Sie ist seit 1903 in New York gewesen und hat offenbar die Heimat besucht.
Es gibt noch keine Hinweise dafür, wo und als was Longjules in der Zeit bis zu seiner zweiten Reise nach New York gearbeitet hat. Bisher haben wir nur die Adresse in Ohio für diesen Zeitabschnitt. Er muss dann vor Ende des Jahres 1910 nach Hause, in den Jura, gekommen sein, denn am vierundzwanzigsten Dezember 1910 besteigt er in Le Havre wieder ein Schiff in Richtung New York, diesmal die La Lorraine, und kommt zu Silvester in New York an. Das Billet zweiter Klasse hat er selber bezahlt, und nicht, wie ich gemutmasst habe, sein Arbeitgeber Rockefeller. Auch gibt er als Adresse in den USA nicht eine der Mansions des Milliardärs in Manhattan an, sondern die Anschrift eines Freundes mit dem Namen Jacquelin in Ho-Ho-Kus, Bergen County, New Jersey. Unter Beruf steht dieses Mal servant. Ob er als Diener in New Jersey arbeitet und wie lange er dort bleibt, ist unbekannt. Jules ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt.
Am siebten November 1911 kommt seine Schwester Marie, die inzwischen achtundzwanzig ist und auch wieder die Heimat besucht hat, zusammen mit der jüngeren, neunzehnjährigen Schwerster Berthe, nach zehntägiger Reise auf der Chicago, in New York an. Für Berthe geben sie ein höheres Alter an, einundzwanzig Jahre, vielleicht in der Hoffnung, sich damit Schwierigkeiten bei der Ankunft zu ersparen. Ihre Adresse ist das Home Jeanne d'Arc, eine katholische Institution in Manhattan, die alleinstehenden Frauen kostengünstig Unterkunft anbietet. Marie bezeichnet sich als couturière, Näherin, und Berthe als modiste, Hutmacherin. Ob sie in diesen Funktionen arbeiten werden, ist nicht bekannt. Immerhin gibt Marie bei allen weiteren Besuchen nun immer diesen Beruf, Näherin, an. Es könnte sein, dass sie längere Zeit in einer Kleiderfabrik oder einem Schneideratelier in New York gearbeitet hat.
Ein drittes Mal reist Longjules am einunddreissigsten Januar 1914 mit der Chicago von Le Havre ab und kommt, offenbar nach einer stürmischen und beschwerlichen Reise, erst am vierzehnten Februar in New York an. Er hat sich das Ticket für die zweite Klasse selbst bezahlt, nennt als Beruf steward, eine Bezeichnung mit ziemlich offener Bedeutung, nach dem Cambridge-Diktionär: a person whose job it is to organize a particular event, or to provide services to particular people, or to take care of a particular place. Diesmal gibt er eine vornehme Adresse in Midtown an, im Herzen von Manhattan, Nr. 39 East 51th Street. Das Haus steht heute noch. Es war eines von drei sechsstöckigen Backsteinhäusern, welche die Architektin und Frau eines Immobilienhändlers, Jenny S. Parker, gebaut hatte. Nach der Fertigstellung wurde das Haus als Spekulationsobjekt mehrfach weiterverkauft, bis es 1906 der Treuhänder Robert Henry McCurdy übernahm und für mehrere Jahre bewohnte. Die McCurdys führten einen grossen, vornehmen Haushalt mit acht Bediensteten, darunter mehrere Iren und eine französische lady's maid.
Da Longjules diese Adresse angegeben hat, könnte man annehmen, dass er bei McCurdy als steward gearbeitet hat. 1910 scheint dies noch nicht der Fall gewesen zu sein, denn laut Marie-Angèle Lovis gibt es für jenes Jahr ein Verzeichnis der Bediensteten der McCurdys. Longjules ist nicht darauf zu finden. Und die Volkszählungen fanden nur alle runden zehn Jahre statt, also gibt es für 1914 keinen konkreten Hinweis auf einen Diener Jules Chiquet. Jedenfalls scheint Longjules auch Ende 1915 noch an dieser Adresse gewohnt zu haben, denn seine Schwestern Berthe und Clara geben sie bei ihren Reisen im November jenes Jahres beide an. Sie reisen auf zwei verschiedenen Schiffen und im Abstand von knapp einem Monat, zu Jules Chiquet, Nr. 39 East 51th Street.
Man kann sicher verstehen, dass mir in der Zwischenzeit Zweifel an der Rockefeller-Geschichte gekommen sind. Woher kamen aber die Kleider und die Schuhe? Ich habe mit einem pensionierten enséminateur aus Cornol gesprochen, einem Monsieur Rondez, den mir Frau Lovis als jemanden empfohlen hat, der sich noch an die Chiquets im Dorf erinnern kann. Er hat noch nie von dieser Geschichte über Longjules sagenhaften Arbeitgeber gehört. Die Kleider könnten auch von Berthe und Clara nach Cornol gebracht worden sein. In seiner Familie habe es ebenfalls vornehme Kleidungsstücke gegeben, welche Verwandte aus den USA mitgebracht hätten. Monsieur Rondez gab mir noch die Telefonnummer einer neunzigjährigen Dorfbewohnerin. Sie wusste nichts von einem Diener bei den Rockefellers.
Berthe und Clara waren dagegen nachweislich über Jahre bei einer sehr reichen Frau angestellt, bei einer gewissen Mrs. Margaret Bailey Deway. Diese hat ihnen Überfahrten auf Luxusdampfern bezahlt, in der ersten Klasse, auf dem Schwesternschiff der Titanic zum Beispiel, auf der Olimpic. Und von Berthe gibt es eine Postkarte aus Paris, vom Luxushotel Majestic an der Rue Kléber, wo sie offenbar 1923, als Begleitung ihrer Arbeitgeberin, logiert hat.
Dazu aber später. Jetzt lassen wir das alles einmal wirken und absinken.
Um das Familiensystem der Cornoler Chiquets besser zu verstehen, wollte ich ausserdem die noch fehlenden Geburts- und Sterbedaten eruieren. Die Familie kommt ursprünglich aus Asuel, einem Dorf, das in einer schattigen Senke der Jurahöhen zwischen Cornol und der Caquerelle liegt. Aus ökonomischen Gründen wurde 2009 die Administration der Gemeinden von Asuel, Charmoille, Fregiécourt, Miécourt und Pleujouse zusammenlegt und, damit sich keines der beteiligten Dörfer benachteiligt fühle, unter dem Flurnamen La Baroche zu einer Kollektivgemeinde zusammengefasst. Die Familienregister von Asuel liegen heute im Gemeindesekretariat, im ehemaligen Primarschulhaus von Charmoille, deshalb fuhren wir dorthin.
Eine drittes Feld, aus dem sich neue Einsichten ergaben, sind Fotos und Postkarten aus dem Nachlass meines Vaters und einer Tante. Beim Durchsehen und Scannen der Fotos wurde mein Blick für Ähnlichkeiten in den Gesichtern geschärft. So wusste ich zum Beispiel bis vor Kurzem nicht, wie die jüngste unter den ausgewanderten Grosstanten, Clara, ausgesehen hat. Nun konnte ich sie auf verschiedenen Fotos entdecken, die in den Vereinigten Staaten aufgenommen wurden, und auf denen sie in Gesellschaft offensichtlich wohlhabender Damen zu sehen ist. Ich lernte, meinen Grossonkel auch ohne den späteren Schnauzbart zu erkennen, bei Unsicherheiten habe ich gelegentlich zwei Fotos transparent übereinandergelegt, um die Übereinstimmung in den Proportionen zu prüfen, genauso wie es in Kriminalfilmen gemacht wird.
Die Ergänzungen der Familiendaten haben bereits wieder zu Korrekturen bisheriger Annahmen geführt. Aufgrund mündlicher Überlieferung ging ich davon aus, dass Longjules 1917 nach Cornol zurückkam, weil sein Vater im Sterben lag oder gestorben war. Dieser ist aber erst am sechsten Januar 1921 gestorben. Wir wissen also nicht, was die Gründe seiner endgültigen Rückkehr nach Cornol waren. Der Vater war vielleicht nicht mehr in der Lage, den kleinen Bauernhof zu führen, weshalb die Begründung, Jules habe seine Mutter unterstützen wollen, nach wie vor Geltung haben kann. Es könnte auch sein, dass der Eintritt Amerikas in den Weltkrieg eine Rolle gespielt hat, wir wissen es nicht. Jedenfalls sind alle seine drei Schwestern in Amerika geblieben.
Ich habe nun auch die Geburts- und Todesdaten der vierten Schwester, Augustine. Sie war die einzige, die nicht in die USA auswanderte. Sie wurde drei Jahre nach Longjules, 1888, geboren, heiratete 1915 einen Zürcher Postbeamten, Alwin Moser, und hatte mit ihm eine Tochter, Elisabeth. Meine Urgrosseltern scheinen sehr stolz gewesen zu sein auf ihre erste Enkelin. Augustine und ihre Tochter sind auf vielen Fotos zu sehen, seltener ihr Mann, da er den Fotoapparat bediente, als Familienfotograf, wie mein Vater erzählt hat.
Die Überlieferung durch meinen Vater ist nicht sehr verlässlich, wie ich auch hier wieder erfahren habe. Es gibt Notizen von ihm, die er als Achtzigjähriger über seinen Vater, meinen Grossvater, aufgeschrieben hat. Dieser, Joseph Babtiste Chiquet, wurde in der Familie von allen Papa genannt. Er war der älteste Bruder meiner Grosstanten und von Longjules, machte seine Ausbildung zum Grenzwächter zuerst im Jura, dann in Basel an der Burgfelder Grenze, wo er seine spätere Frau kennenlernte, Frieda Bitter aus Wallbach, mit der er sieben Kinder hatte. Longjules soll ihm für den Kauf eines Hauses in Riehen ein grosszügiges Darlehen gegeben, dafür aber auch kräftig in die Wahl dreingeredet haben. Später hat Longjules den Schuldschein in einer theatralischen Performance zerrissen.
In einer der erwähnten Notizen schreibt mein Vater: sein dreijähriges Schwesterchen Clara, das an Keuchhusten starb, konnte er (Papa, mein Grossvater) nicht vergessen. Wie wir jetzt im Familienregister von La Baroche nachlesen konnten, sind meinem Vater bei der Erinnerung an diesen frühen Kindstod verschiedene Verwechslungen unterlaufen. Es handelte sich nicht um ein Schwesterchen, sondern um ein Brüderchen, Jules mit Namen, das 1884 mit drei Monaten gestorben ist. Drei Jahre alt war damals der kleine Joseph, mein späterer Grossvater, der getrauert hat. Clara ist der Name der jüngsten meiner Grosstanten, die in die USA ausgewandert ist. Sie verstarb 1958 in Manhattan, wo sie bei ihrer Schwester Berthe und deren Mann wohnte. Im gleichen Jahr, nur gerade zwei Monate später, starb auch Berthes Mann, Louis Dirand. Berthes Trauer, vor allem um ihre Schwester, war unermesslich. Ich kann mich noch daran erinnern, dass sie bei jedem unserer Besuche in Cornol mindestens einmal auf Clara zu sprechen kam, dabei von ihr redend, als lebe sie noch. Wenn sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Clara gestorben sei, brach sie in Schluchzen und Klagen aus, als erfahre sie zum ersten Mal vom Tod ihrer Schwester. Vielleicht hat deshalb die Erinnerung meines Vaters aus dem kleinen Jules ein Schwesterchen Clara gemacht. Nur ein Jahr nach dem frühen Tod von Jules I. kam Longjules zur Welt. Dass man auf diese Weise, mit der Wiederholung des Namens, den Verlust eines Kindes auszugleichen suchte, war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich.
Was haben die Daten der Auswanderungsbehörden an neuen Erkenntnissen gebracht? Beginnen wir mit Longjules, dessen Geschichte über seine Dienerschaft bei John D. Rockefeller Junior ja den Ausgangspunkt meiner Recherchen bildete. Longjules reist am 11. Mai 1907 mit dem Transatlantikdampfer Provence von Le Havre aus nach New York, wo er sechs Tage später ankommt. Er hat eine Kabine zweiter Klasse, während ein entfernter Onkel, Henri Schneider aus Cornol, der auf demselben Schiff reist und denselben Zielort angibt, Sterling in Ohio, in der dritten Klasse fährt. Longjules gibt als Beruf watchmaker an, während bei Henri Schneider fruitier, Obsthändler, steht. Ob die beiden tatsächlich nach Sterling, Ohio, weiterreisen, zum Cousin von Henri, respektive zum Onkel von Jules, mit dem Namen Stoquet oder Stöckli, ist nicht bekannt. Wenn Longjules dorthin gefahren ist, kehrt er jedenfalls nach New York zurück. Offenbar will er nicht Landwirtschaft betreiben wie zuhause in Cornol. Seine Schwester Marie kommt im Oktober desselben Jahres mit der La Tourène nach New York, auf dem Zwischendeck, wie schon bei ihrer ersten Reise. Sie ist seit 1903 in New York gewesen und hat offenbar die Heimat besucht.
Es gibt noch keine Hinweise dafür, wo und als was Longjules in der Zeit bis zu seiner zweiten Reise nach New York gearbeitet hat. Bisher haben wir nur die Adresse in Ohio für diesen Zeitabschnitt. Er muss dann vor Ende des Jahres 1910 nach Hause, in den Jura, gekommen sein, denn am vierundzwanzigsten Dezember 1910 besteigt er in Le Havre wieder ein Schiff in Richtung New York, diesmal die La Lorraine, und kommt zu Silvester in New York an. Das Billet zweiter Klasse hat er selber bezahlt, und nicht, wie ich gemutmasst habe, sein Arbeitgeber Rockefeller. Auch gibt er als Adresse in den USA nicht eine der Mansions des Milliardärs in Manhattan an, sondern die Anschrift eines Freundes mit dem Namen Jacquelin in Ho-Ho-Kus, Bergen County, New Jersey. Unter Beruf steht dieses Mal servant. Ob er als Diener in New Jersey arbeitet und wie lange er dort bleibt, ist unbekannt. Jules ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt.
Am siebten November 1911 kommt seine Schwester Marie, die inzwischen achtundzwanzig ist und auch wieder die Heimat besucht hat, zusammen mit der jüngeren, neunzehnjährigen Schwerster Berthe, nach zehntägiger Reise auf der Chicago, in New York an. Für Berthe geben sie ein höheres Alter an, einundzwanzig Jahre, vielleicht in der Hoffnung, sich damit Schwierigkeiten bei der Ankunft zu ersparen. Ihre Adresse ist das Home Jeanne d'Arc, eine katholische Institution in Manhattan, die alleinstehenden Frauen kostengünstig Unterkunft anbietet. Marie bezeichnet sich als couturière, Näherin, und Berthe als modiste, Hutmacherin. Ob sie in diesen Funktionen arbeiten werden, ist nicht bekannt. Immerhin gibt Marie bei allen weiteren Besuchen nun immer diesen Beruf, Näherin, an. Es könnte sein, dass sie längere Zeit in einer Kleiderfabrik oder einem Schneideratelier in New York gearbeitet hat.
Ein drittes Mal reist Longjules am einunddreissigsten Januar 1914 mit der Chicago von Le Havre ab und kommt, offenbar nach einer stürmischen und beschwerlichen Reise, erst am vierzehnten Februar in New York an. Er hat sich das Ticket für die zweite Klasse selbst bezahlt, nennt als Beruf steward, eine Bezeichnung mit ziemlich offener Bedeutung, nach dem Cambridge-Diktionär: a person whose job it is to organize a particular event, or to provide services to particular people, or to take care of a particular place. Diesmal gibt er eine vornehme Adresse in Midtown an, im Herzen von Manhattan, Nr. 39 East 51th Street. Das Haus steht heute noch. Es war eines von drei sechsstöckigen Backsteinhäusern, welche die Architektin und Frau eines Immobilienhändlers, Jenny S. Parker, gebaut hatte. Nach der Fertigstellung wurde das Haus als Spekulationsobjekt mehrfach weiterverkauft, bis es 1906 der Treuhänder Robert Henry McCurdy übernahm und für mehrere Jahre bewohnte. Die McCurdys führten einen grossen, vornehmen Haushalt mit acht Bediensteten, darunter mehrere Iren und eine französische lady's maid.
Da Longjules diese Adresse angegeben hat, könnte man annehmen, dass er bei McCurdy als steward gearbeitet hat. 1910 scheint dies noch nicht der Fall gewesen zu sein, denn laut Marie-Angèle Lovis gibt es für jenes Jahr ein Verzeichnis der Bediensteten der McCurdys. Longjules ist nicht darauf zu finden. Und die Volkszählungen fanden nur alle runden zehn Jahre statt, also gibt es für 1914 keinen konkreten Hinweis auf einen Diener Jules Chiquet. Jedenfalls scheint Longjules auch Ende 1915 noch an dieser Adresse gewohnt zu haben, denn seine Schwestern Berthe und Clara geben sie bei ihren Reisen im November jenes Jahres beide an. Sie reisen auf zwei verschiedenen Schiffen und im Abstand von knapp einem Monat, zu Jules Chiquet, Nr. 39 East 51th Street.
Man kann sicher verstehen, dass mir in der Zwischenzeit Zweifel an der Rockefeller-Geschichte gekommen sind. Woher kamen aber die Kleider und die Schuhe? Ich habe mit einem pensionierten enséminateur aus Cornol gesprochen, einem Monsieur Rondez, den mir Frau Lovis als jemanden empfohlen hat, der sich noch an die Chiquets im Dorf erinnern kann. Er hat noch nie von dieser Geschichte über Longjules sagenhaften Arbeitgeber gehört. Die Kleider könnten auch von Berthe und Clara nach Cornol gebracht worden sein. In seiner Familie habe es ebenfalls vornehme Kleidungsstücke gegeben, welche Verwandte aus den USA mitgebracht hätten. Monsieur Rondez gab mir noch die Telefonnummer einer neunzigjährigen Dorfbewohnerin. Sie wusste nichts von einem Diener bei den Rockefellers.
Berthe und Clara waren dagegen nachweislich über Jahre bei einer sehr reichen Frau angestellt, bei einer gewissen Mrs. Margaret Bailey Deway. Diese hat ihnen Überfahrten auf Luxusdampfern bezahlt, in der ersten Klasse, auf dem Schwesternschiff der Titanic zum Beispiel, auf der Olimpic. Und von Berthe gibt es eine Postkarte aus Paris, vom Luxushotel Majestic an der Rue Kléber, wo sie offenbar 1923, als Begleitung ihrer Arbeitgeberin, logiert hat.
Dazu aber später. Jetzt lassen wir das alles einmal wirken und absinken.
Donnerstag, 14. Januar 2021
Die Américains (auf geht's!)
Gesichert scheint lediglich, dass mein Grossonkel Longjules im Mai 1907, im Dezember 1910 und im Februar 1914 mit dem Schiff von Le Havre nach New York gefahren ist. Mündlich überliefert wurde in der Familie, dass er 1917 "mit einem Kriegsschiff" zurückgekehrt ist, weil sein Vater, Joseph Chiquet, im Sterben lag oder kürzlich gestorben war. Er übernahm darauf den kleinen Bauernbetrieb und sorgte für seine Mutter, Marie Chiquet Crétin, bis zu deren Tod.
Für Longjules Tätigkeit als Kammerdiener (valet) von John D. Rockefeller Junior gibt es nur noch mündliche Zeugnisse. Die Fotos, auf denen er in der herrschaftlichen Umgebung der Milliardärsfamilie zu sehen war, und die er zuweilen Besuchern aus der Familie zeigte, bleiben bis jetzt verschollen. Ebenso gibt es keine Kleidungsstücke und Schuhe von Rockefeller Junior mehr, von denen ihm sein Patron offenbar einige grosszügig überlassen hat.
Es besteht aber kein Zweifel daran, dass es sie gegeben hat, denn mehrere Familienmitglieder erzählen übereinstimmend und detailliert davon. Mein Vater erhielt von Longjules mehere Paare identische, handgefertigte Schuhe, hellbraun, rahmengenäht und im Stil von Golferschuhen mit Lochgirlanden geschmückt. Er trug sie so lange, bis das Leder brach. Longjules hatte berichtet, dass Rockefeller von jedem Schuhtyp immer gleich mehrere Paare anfertigen liess, und dass er dieselbe Schuhgrösse gehabt habe wie er, sein Diener. Mir waren diese Schuhe leider zu klein. Ich durfte als Halbwüchsiger dafür einen halblangen, schwarzen Mantel aus feinem Wollstoff austragen, mit Applikationen aus schwarzer Seide auf dem Kragen. Auf der Innentasche war eine Stoffettikette aufgenäht mit der Aufschrift John D. Rockefeller Jr. Esq.. Der Mantel erregte zu jener Zeit, um 1969, Bewunderung und Neid bei meinen Schulkameraden. Meine damalige Freundin strickte mir dazu einen roten Wollschal, mit dem ich, wie sie fand, Aristide Bruant auf dem Plakat von Toulouse Lautrec glich.
Im Alter ging Longjules nicht zimperlich um mit diesen Erinnerungsstücken. Entweder er verschenkte sie, oder stopfte damit Ritzen im Stall, wie ein Cousin berichtet, der einmal einen dieser Lumpen herauszog und als Smoking von Rockefeller Junior identifizierte.
Das erwähnte Buch von Marie-Angèle Lovis über die Auswanderer von Cornol gibt lediglich die Daten der Einschiffung in Le Havre wieder. Wie schon erwähnt fuhr mein Grossonkel nach 1907 noch zweimal in Richtung New York über den Atlantik: im Winter 1910 und im Februar 1914. Ob er 1910 schon bei Rockefeller angestellt war, und ob er es bis zu seiner endgültigen Rückkehr 1917 blieb, weiss ich nicht. Ich habe dazu eine Mail an das Rockefeller Archive Center in Sleepy Hollow, NY, geschickt mit der Frage, ob sich irgendwelche Belege finden liessen für die Anstellung von Jules Chiquet als valet bei John Rockefeller Junior. Eine Mrs. Beckerman hat mir daraufhin sehr freundlich geantwortet, sie habe in den betreffenden Karteikarten nachgesehen, bisher aber noch keinen Hinweis auf meinen Grossonkel gefunden. Dies könne aber darauf zurückzuführen sein, dass das betreffende Aktensystem damals gerade erst eingeführt worden sei, und dass darin wahrscheinlich nur die geschäftlichen Daten abgelegt wurden. Sie versprach, in weiteren möglichen Quellen zu suchen.
Falls er 1910 und 1914 Diener bei Rockefeller Junior war, könnte es sein, dass dieser ihm die Reise für den Besuch der Eltern und Verwandten in der Heimat bezahlt hat. Lovis schreibt in ihrem Buch, dass dies bei sehr wohlhabenden Arbeitgebern durchaus vorkommen konnte. Wie seine Reisen mit denen seiner Schwestern Marie und Berthe zusammenhingen, und welchen Tätigkeiten diese in New York nachgingen, ist noch völlig unklar.
Marie reiste bereits 1903 ein erstes Mal in die Staaten, zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol. Laut dem Namensregister in Lovis' Buch hatten vermutlich alle schon Verwandte in Amerika, die in den Jahren davor ausgewandert waren und ihnen beim Ankommen und zum Start ins neue Leben behilflich sein konnten. Lachat, Grillon, Adam, Buchwalder, alles Namen, die mehrfach zu finden und zum Teil durch die Namen ihrer Eltern zusammen zu bringen sind. Auch Marie wurde möglicherweise von einen Onkel erwartet, der den Namen ihrer Mutter trug, Crétin.
Hat sie eine Anstellung gefunden als Hausangestellte, hat sie, vier Jahre später, ihrem Bruder Jules zu seiner Stelle als Kammerdiener bei den Rockefellers verholfen? Von den Auswanderern aus der Ajoie, speziell aus Cornol, scheinen es jedenfalls viele geschafft zu haben, in wohlhabenden oder gar extrem reichen Haushalten eine Anstellung zu finden. Die Schweizer galten als zuverlässig, pünktlich und sauber. Dass sie französisch sprachen, fand man schick. Und das Netzwerk der Cornoler scheint sehr gut funktioniert zu haben, Marie-Angèle Lovis berichtet von mehreren erfolgreichen Vermittlungen und Einführungen von Neuangkömmlingen durch die bereits etablierten Landsleute.
Zwischen 1904 und 1915 gaben sich einige junge Frauen aus Cornol die Adresse des Home Jeanne d'Arc weiter, wo sie gratis oder für ein sehr geringes Entgeld wohnen konnten, bis sie eine Arbeitsstelle fanden. Dieses Wohnheim für junge Mädchen und ledige Frauen wurde 1896 von der katholischen Congregation of Divine Providence of Kentucky gegründet. Es konnte bis 1911 nur zwölf Frauen beherbergen. Danach wurde ein grosses, siebenstöckiges Haus an der vierundzwanzigsten Strasse gebaut, in der Nähe der achten Avenue im Stadtteil Chelsea, das hundertvierzig weibliche Gäste aufnehmen konnte. In der Zeit, als Marie ankam, wurde diese Institution also gerade erst ins Leben gerufen. Die Einrichtung und das Haus gibt es immer noch. Während anfangs vor allem Französisch sprechende Frauen dort wohnten, ist die Kundschaft heute international.
Ein mit dem Home Jeanne d'Arc lose verbundenes und in der Nähe gelegenes Zentrum der Cornoler Gemeinschaft war die römisch-katholische Kirche Saint-Vincent-de-Paul an der dreiundzwanzigsten Strasse. Die Kirchgemeinde wurde 1841 für die französischen Einwanderer gegründet. 1869 baute man dann das Gotteshaus in neoklassizistischem Stil, das heute noch steht, eingeklemmt zwischen Wohnhäusern. Allerdings finden in dem Haus keine Gottesdienste mehr statt. In der Zeit, in der Marie und Longjules, später Berthe, in New York waren, galt Saint-Vincent-de-Paul auch als kulturelles Zentrum für alle frankophonen Einwanderer von New York. Dort wurde geheiratet und getauft, dort verabschiedete man sich von Verstorbenen. Kirchenfeste und Basars boten Gelegenheiten, sich zu treffen. Dabei wurden Erfahrungen ausgetauscht, und Hinweise zu möglichen Arbeitsstellen weitergegeben.
Für Longjules war diese Kirche wohl auch während seiner Zeit als Kammerdiener bei den Rockefellers eine wichtige Adresse. Es könnte sein, dass ihm sein Arbeitgeber jeweils für den Besuch der Sonntagsmesse Urlaub gegeben hat. Rockefeller Junior war frommer Babtist wie sein Vater, aber mit einer modernen, ökumenischen Einstellung, die Menschen anderer Glaubensrichtung ihre eigene Religionspraxis zugestand. Von der Mansion der Rockefellers in der vierundfünfzigsten Strasse war ein nicht allzu weiter Weg bis zur Hochbahnstation in der sechsten Avenue zurückzulegen. Bei der vierten Haltestelle konnte er praktisch vor der Kirche aussteigen.
Es werden sich sicher noch weitere Hinweise ergeben aufgrund meiner Recherchen. Vielleicht findet die freundliche Dame in Sleepy Hollow einen Hinweis auf Longjules Präsenz im Hause Rockefeller. Mit der Autorin des erwähnten Buches habe ich Kontakt aufgenommen. Sie wusste nichts von einer Tätigkeit meines Grossonkels als valet, es könnte aber sein, dass sie zu den Grosstanten noch weitere Informationen beisteuern kann. Wenn ich eine Geschichte, oder mehrere, aus den vielen Puzzleteilen zusammensetzen möchte, sind kürzere oder weitere Ausflüge ins Reich der reinen Imagination unumgänglich.
Es waren wilde Jahre damals, zwischen 1907 und 1917, für die Auswanderer, für die Rockefellers, für die Welt. Springen wir hinein, beginnen wir irgendwo mittendrin. Wenn neue Erkenntnisse Korrekturen erfordern, werden wir sie eben einbauen, oder gröbstenfalls den Grossonkel und die Grosstanten abermals neu erfinden.
Für Longjules Tätigkeit als Kammerdiener (valet) von John D. Rockefeller Junior gibt es nur noch mündliche Zeugnisse. Die Fotos, auf denen er in der herrschaftlichen Umgebung der Milliardärsfamilie zu sehen war, und die er zuweilen Besuchern aus der Familie zeigte, bleiben bis jetzt verschollen. Ebenso gibt es keine Kleidungsstücke und Schuhe von Rockefeller Junior mehr, von denen ihm sein Patron offenbar einige grosszügig überlassen hat.
Es besteht aber kein Zweifel daran, dass es sie gegeben hat, denn mehrere Familienmitglieder erzählen übereinstimmend und detailliert davon. Mein Vater erhielt von Longjules mehere Paare identische, handgefertigte Schuhe, hellbraun, rahmengenäht und im Stil von Golferschuhen mit Lochgirlanden geschmückt. Er trug sie so lange, bis das Leder brach. Longjules hatte berichtet, dass Rockefeller von jedem Schuhtyp immer gleich mehrere Paare anfertigen liess, und dass er dieselbe Schuhgrösse gehabt habe wie er, sein Diener. Mir waren diese Schuhe leider zu klein. Ich durfte als Halbwüchsiger dafür einen halblangen, schwarzen Mantel aus feinem Wollstoff austragen, mit Applikationen aus schwarzer Seide auf dem Kragen. Auf der Innentasche war eine Stoffettikette aufgenäht mit der Aufschrift John D. Rockefeller Jr. Esq.. Der Mantel erregte zu jener Zeit, um 1969, Bewunderung und Neid bei meinen Schulkameraden. Meine damalige Freundin strickte mir dazu einen roten Wollschal, mit dem ich, wie sie fand, Aristide Bruant auf dem Plakat von Toulouse Lautrec glich.
Im Alter ging Longjules nicht zimperlich um mit diesen Erinnerungsstücken. Entweder er verschenkte sie, oder stopfte damit Ritzen im Stall, wie ein Cousin berichtet, der einmal einen dieser Lumpen herauszog und als Smoking von Rockefeller Junior identifizierte.
Das erwähnte Buch von Marie-Angèle Lovis über die Auswanderer von Cornol gibt lediglich die Daten der Einschiffung in Le Havre wieder. Wie schon erwähnt fuhr mein Grossonkel nach 1907 noch zweimal in Richtung New York über den Atlantik: im Winter 1910 und im Februar 1914. Ob er 1910 schon bei Rockefeller angestellt war, und ob er es bis zu seiner endgültigen Rückkehr 1917 blieb, weiss ich nicht. Ich habe dazu eine Mail an das Rockefeller Archive Center in Sleepy Hollow, NY, geschickt mit der Frage, ob sich irgendwelche Belege finden liessen für die Anstellung von Jules Chiquet als valet bei John Rockefeller Junior. Eine Mrs. Beckerman hat mir daraufhin sehr freundlich geantwortet, sie habe in den betreffenden Karteikarten nachgesehen, bisher aber noch keinen Hinweis auf meinen Grossonkel gefunden. Dies könne aber darauf zurückzuführen sein, dass das betreffende Aktensystem damals gerade erst eingeführt worden sei, und dass darin wahrscheinlich nur die geschäftlichen Daten abgelegt wurden. Sie versprach, in weiteren möglichen Quellen zu suchen.
Falls er 1910 und 1914 Diener bei Rockefeller Junior war, könnte es sein, dass dieser ihm die Reise für den Besuch der Eltern und Verwandten in der Heimat bezahlt hat. Lovis schreibt in ihrem Buch, dass dies bei sehr wohlhabenden Arbeitgebern durchaus vorkommen konnte. Wie seine Reisen mit denen seiner Schwestern Marie und Berthe zusammenhingen, und welchen Tätigkeiten diese in New York nachgingen, ist noch völlig unklar.
Marie reiste bereits 1903 ein erstes Mal in die Staaten, zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol. Laut dem Namensregister in Lovis' Buch hatten vermutlich alle schon Verwandte in Amerika, die in den Jahren davor ausgewandert waren und ihnen beim Ankommen und zum Start ins neue Leben behilflich sein konnten. Lachat, Grillon, Adam, Buchwalder, alles Namen, die mehrfach zu finden und zum Teil durch die Namen ihrer Eltern zusammen zu bringen sind. Auch Marie wurde möglicherweise von einen Onkel erwartet, der den Namen ihrer Mutter trug, Crétin.
Hat sie eine Anstellung gefunden als Hausangestellte, hat sie, vier Jahre später, ihrem Bruder Jules zu seiner Stelle als Kammerdiener bei den Rockefellers verholfen? Von den Auswanderern aus der Ajoie, speziell aus Cornol, scheinen es jedenfalls viele geschafft zu haben, in wohlhabenden oder gar extrem reichen Haushalten eine Anstellung zu finden. Die Schweizer galten als zuverlässig, pünktlich und sauber. Dass sie französisch sprachen, fand man schick. Und das Netzwerk der Cornoler scheint sehr gut funktioniert zu haben, Marie-Angèle Lovis berichtet von mehreren erfolgreichen Vermittlungen und Einführungen von Neuangkömmlingen durch die bereits etablierten Landsleute.
Zwischen 1904 und 1915 gaben sich einige junge Frauen aus Cornol die Adresse des Home Jeanne d'Arc weiter, wo sie gratis oder für ein sehr geringes Entgeld wohnen konnten, bis sie eine Arbeitsstelle fanden. Dieses Wohnheim für junge Mädchen und ledige Frauen wurde 1896 von der katholischen Congregation of Divine Providence of Kentucky gegründet. Es konnte bis 1911 nur zwölf Frauen beherbergen. Danach wurde ein grosses, siebenstöckiges Haus an der vierundzwanzigsten Strasse gebaut, in der Nähe der achten Avenue im Stadtteil Chelsea, das hundertvierzig weibliche Gäste aufnehmen konnte. In der Zeit, als Marie ankam, wurde diese Institution also gerade erst ins Leben gerufen. Die Einrichtung und das Haus gibt es immer noch. Während anfangs vor allem Französisch sprechende Frauen dort wohnten, ist die Kundschaft heute international.
Ein mit dem Home Jeanne d'Arc lose verbundenes und in der Nähe gelegenes Zentrum der Cornoler Gemeinschaft war die römisch-katholische Kirche Saint-Vincent-de-Paul an der dreiundzwanzigsten Strasse. Die Kirchgemeinde wurde 1841 für die französischen Einwanderer gegründet. 1869 baute man dann das Gotteshaus in neoklassizistischem Stil, das heute noch steht, eingeklemmt zwischen Wohnhäusern. Allerdings finden in dem Haus keine Gottesdienste mehr statt. In der Zeit, in der Marie und Longjules, später Berthe, in New York waren, galt Saint-Vincent-de-Paul auch als kulturelles Zentrum für alle frankophonen Einwanderer von New York. Dort wurde geheiratet und getauft, dort verabschiedete man sich von Verstorbenen. Kirchenfeste und Basars boten Gelegenheiten, sich zu treffen. Dabei wurden Erfahrungen ausgetauscht, und Hinweise zu möglichen Arbeitsstellen weitergegeben.
Für Longjules war diese Kirche wohl auch während seiner Zeit als Kammerdiener bei den Rockefellers eine wichtige Adresse. Es könnte sein, dass ihm sein Arbeitgeber jeweils für den Besuch der Sonntagsmesse Urlaub gegeben hat. Rockefeller Junior war frommer Babtist wie sein Vater, aber mit einer modernen, ökumenischen Einstellung, die Menschen anderer Glaubensrichtung ihre eigene Religionspraxis zugestand. Von der Mansion der Rockefellers in der vierundfünfzigsten Strasse war ein nicht allzu weiter Weg bis zur Hochbahnstation in der sechsten Avenue zurückzulegen. Bei der vierten Haltestelle konnte er praktisch vor der Kirche aussteigen.
Es werden sich sicher noch weitere Hinweise ergeben aufgrund meiner Recherchen. Vielleicht findet die freundliche Dame in Sleepy Hollow einen Hinweis auf Longjules Präsenz im Hause Rockefeller. Mit der Autorin des erwähnten Buches habe ich Kontakt aufgenommen. Sie wusste nichts von einer Tätigkeit meines Grossonkels als valet, es könnte aber sein, dass sie zu den Grosstanten noch weitere Informationen beisteuern kann. Wenn ich eine Geschichte, oder mehrere, aus den vielen Puzzleteilen zusammensetzen möchte, sind kürzere oder weitere Ausflüge ins Reich der reinen Imagination unumgänglich.
Es waren wilde Jahre damals, zwischen 1907 und 1917, für die Auswanderer, für die Rockefellers, für die Welt. Springen wir hinein, beginnen wir irgendwo mittendrin. Wenn neue Erkenntnisse Korrekturen erfordern, werden wir sie eben einbauen, oder gröbstenfalls den Grossonkel und die Grosstanten abermals neu erfinden.
Donnerstag, 7. Januar 2021
Die Américains (Anfänge und Korrekturen)
Wie oft hat mein Grossonkel LongJules wohl erleben müssen, dass man seinen Geschichten über die Zeit in Amerika keinen Glauben geschenkt hat. Kammerdiener von Rockefeller junior warst du? Erzähle das jemand anderem! Vor allem, wenn man ihn danach, nach 1917, wieder im kleinen jurassischen Dorf antraf, als Kleinbauer mit zwei drei Kühen, ein paar Obstbäumen. In der eigentümlichen Sprache der Ortsansässigen seine Erlebnisse zum Besten gebend. Alle wussten zwar, dass er Geld besass, seitdem er aus den Staaten zurückgekommen war. Er verteilte es grosszügig, wo er dies für nötig erachtete. Aber dass er es in den Diensten eines der reichsten Männer der Welt verdient haben sollte, dazu in dessen grösster Nähe, das glaubten ihm sicher nicht viele. Er lachte gerne über seine eigenen Worte, was seine Geschichten nicht glaubwürdiger wirken liess. Nie wusste man, ob er sich über den Zuhörer oder über sich selber lustig machte.
Auf mich kamen LongJules Geschichten nur indirekt, bei Besuchen in Cornol, wenn unsere Familie zusammen mit ihm und den beiden Grosstanten am Tisch sass. Obwohl mein Vater nur wenig Patois verstand, und meine Mutter und wir Kinder erst recht kein Wort davon, rutschten die drei alten Leute immer wieder in ihre eigene Mundart. Auch französisch verstand ich damals kaum, war auf die gelegentliche Übersetzung durch meinen Vater angewiesen. So erreichten mich die Geschichten lückenhaft, mit vielen Unterbrüchen. Wir Kinder verdrückten uns meist, sobald wir konnten, nach draussen oder in die Scheune, wo man vom oberen Tenn ins Heu herunterspringen konnte.
Die Fotos aus der Amerikazeit machten mir Eindruck. LongJules war da inmitten sehr vornehmer Leute zu sehen, im schicken Anzug, mit Gilet, gestärktem Kragen und breiter Seidenkrawatte, nur wenig dezenter oder bescheidener gekeidet als sein Herr und Geldgeber. Mein Grossonkel schien sich zwischen den hübschen, offensichtlich reichen Frauen mit ihren geschnürten Taillen im Element zu fühlen. Die Damen trugen enorme Hüte, die Hündchen adrette Schleifen, und die Autos polierte Kühlerfiguren.
Dass LongJules von Cornol nach Amerika auswanderte, war nicht sehr ungewöhnlich, obwohl das Dorf fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch dem Sog über den Atlantik widerstanden hatte. Im Gegensatz übrigens zum Ursprungsort des Chiquetklans, zu Asuel, das sich fast völlig entvölkert hatte. Nun aber zogen in wenigen Jahrzehnten auch aus Cornol über fünfhundert Einwohner aus, um in den Staaten ihr Glück zu versuchen, mitgerissen von einer neuartigen Dynamik aus Propaganda und Aufbruchstimmung, welche die Ajoie ergriffen hatte. Ich stellte mir vor, LongJules sei als Pionier der Familie ausgewandert, mit der Absicht, bei Erfolg die Schwestern Marie und Berte nachkommen lassen. Dass es ganz anders war, erfuhr ich erst vor kurzem. Aber davon später.
Was erhoffte er zu finden in den USA? Wollte er, als Bauernsohn, nach seiner Ankunft weiterziehen in den Mittleren Westen, um dort Landwirtschaft zu betreiben, wie einige seiner Landsleute? Geld, um Land zu erweben wird er keines gehabt haben, also musste er zuerst eine Arbeit finden. Dies erschien ihm in New York einfacher, oder es fehlten ihm schlicht die Mittel zur Weiterreise, so wie den meisten Emigranten aus Europa. Eine grosse Zahl der Einwohner waren zu dieser Zeit, um 1907, Neuankömmlinge und Secondos.
Dass er in den zehn Jahren, die er in den USA verbrachte, Kammerdiener bei John D. Rockefeller junior wurde, und es auch blieb bis zu seiner Rückkehr nach Europa 1917, ist in jeder Hinsicht eine höchst erstaunliche Geschichte. Er wird zu Beginn kaum flüssig, für Amerikaner verständlich, englisch gesprochen haben, und auch sein Französisch war nicht über alle Zweifel erhaben. Von seinem Vater, einem Kleinbauern und Heimarbeiter der Uhrenindustrie, hatte er Grundkenntnisse der Landwirtschaft sowie ein paar feinmechanische Fertigkeiten mitbekommen. Wie fand er Zugang zur Familie Rockefeller? Hat er sich auf eine Stellenausschreibung beworben, konnte er auf ein Netzwerk von Landsleuten zurückgreifen, oder war es eine zufällige, schicksalshafte Begegnung, die ihn, den kleinen Mann aus Cornol, für diese Königsfamilie des wilden Kapitalismus um 1900 nützlich machte?
Ich könnte es bedauern, dass ich meinen Vater nicht noch zu Lebzeiten ausgefragt habe über die Einzelheiten von LongJules Abenteuer. Aben nun ist es so, man weiss wenig bis gar nichts darüber und muss von dem ausgehen, was man hat, und beharrlich nach weiteren Anhaltspunkten suchen. Die in der Familie überlieferten Anekdoten und Legenden haben dabei schon jetzt ein paar Korrekturen erfahren, genauso wie meine Spekulationen, Projektionen und Phantasien.
Erhalten ist zum Beipiel die Passagierliste des Schiffs, mit dem Longjules am 11. Mai 1907 über den Atlantik fuhr. Es handelt sich um ein bedrucktes, wie als Leporello gefaltetes Blatt, stark vergilbt und brüchig, auf dem sein Name, M. J. Chiquet, fein unterstrichen zu finden ist. Wenn man das Dokument genauer untersucht, erkennt man eine Einschränkung. Es handelt sich um die Liste des Passagers de Cabine, was bedeutet, dass hier nur die Passagiere der ersten und zweiten Klasse mit Kabine aufgeführt sind, die einen höheren Preis zahlten und gut einen Drittel der insgesamt zwölfhundert Reisenden ausmachten. Die achthundert Passagiere der dritten Klasse im Zwischendeck sind nicht namentlich aufgeführt, sondern werden nur durch eine dürre Zahl repräsentiert, achthundertsieben.
Die Entdeckung, dass mein Grossonkel mit der zweiten Klasse in die USA gefahren war, hat interessanterweise eine leise Enttäuschung bei mir ausgelöst. Da ich bereits begonnen hatte mich mit Berichten und Bildern über die katastrophalen Bedingungen der Massenauswanderung des ausgehenden neunzehnten und anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts zu befassen, hatte ich mir wildromatisch eingefärbte Phantasien erlaubt darüber, wie mein Grossonkel die Strapazen im dunklen Schiffsbauch überlebt haben könnte. Wie er sich bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten zuerst der mühsamen und erniedrigenden Prüfung durch die Einwanderungsbehörden auf Ellis Island hat unterziehen müssen. Das hätte auch eine Geschichte ergeben. Aber.
Koinzidenzen sind etwas Wunderbares. Dieses Mal geschah sie in Gestalt eines Buches, das ganz neu, wegen der Pandemie mit etwas Verzögerung, genau zu dem Zeitpunkt herausgegeben wurde, als meine Phantasie eine Korrektur brauchte. Geschrieben hat es die Pruntruter Historikerin Marie-Angèle Lovis, und es trägt den Titel: Un village émigre – Le cas de Cornol dans le canton du Jura (1815 - 1956). Darin konnte ich nachlesen, dass sich knapp ein Viertel der Auswanderer aus Cornol in den Jahren 1903 bis 1914 Tickets für die zweite Klasse leisteten. Von denen, die beim ersten Mal im Zwischendeck oder in der dritten Klasse gereist waren und nun, nach einem Besuch in der Heimat, sich wieder auf die Reise machten, entschieden sich viele, nach den beschwerlichen Erfahrungen beim ersten Mal, die Mehrkosten für die zweite oder gar die erste Klasse auf sich zu nehmen. Vor allem die Aussicht, bei der Ankunft nur eine kurze Prüfung durch die Behörden, direkt auf dem Schiff, zu durchlaufen, anstatt auf Ellis Island mit einer Nummernettikette versehen, mit Kreidezeichen angeschrieben, tagelang in einer Masse von armen Schluckern und heulenden Kindern ausharren zu müssen, machte die Wahl einfach, sofern man die Mittel aufbringen konnte. So kam es, dass viele Dörfler sich auf dem Schiff in einer Umgebung wiederfanden, die ihnen neu und unglaublich luxuriös vorkam. Die Schiffe hatten Aufzüge, in den Kabinen gab es zwei oder höchstens vier Betten, Waschschüsseln mit fliessendem kalten und warmem Wasser, alles Dinge, die sie in ihren Häusern im Dorf nicht kannten. Das Schiff der Companie Générale Transatlantique, mit der Longjules am 11. Mai 1907 losfuhr, hiess La Provence, und war erst ein Jahr vorher gebaut worden, als grösstes Schiff der Gesellschaft. Es war eines der schnellsten seiner Zeit und brauchte für die 5'665 Kilometer lange Strecke nur sechs Tage.
Am 17. Mai 1907 kam mein Grossonkel in New York an. Diese Angabe fand ich, gegen Ende des genannten Buches, auf einer Liste aller aus Cornol mit dem Schiff ausgereisten Personen zwischen 1819 und 1957. Und zu meiner grossen Verblüffung fand ich den Namen seiner älteren Schwester Marie schon unter den Auswanderern im Jahre 1903. Sie war die Pionierin.
Zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol kam sie am 31. Oktober 1903 in New York an. Es ist zu vermuten, dass sie von Verwandten oder Bekannten abgeholt worden sind, denn sonst wären sie mit Sicherheit auf Ellis Island gelandet. Zwei der Frauen stammten aus der Familie Grillon, von der schon früher einige Mitglieder in die USA ausgewandert waren, und auch aus der Familie von Marie Chiquets Mutter, die mit Nachnamen Crétin hiess, gab es möglicherweise Verwandte, die sie erwarteten und am Hafen abholen konnten.
Ein Foto aus dem Nachlass meines Vaters zeigt meine Grosstante Marie Joséphine Chiquet, wie sie in dieser Zeit, mit etwa zwanzig Jahren aussah. Das Bild könnte in den USA aufgenommen worden sein. Sie trägt modische schwarze Kleidung, eine Seidenbluse mit Falten und gebauschten Ärmeln, einen langen Rock. Die fülligen Haare sind aufgesteckt, darauf trägt sie selbstbewusst einen voluminösen Hut, ebenfalls schwarz, mit pelzigflauschiger Krempe. Die Hände stecken in schwarzen Handschuhen, die rechte ist locker in der Taille abgestützt, in der linken trägt sie ein winziges Henkeltäschchen. Ihr Gesichtsausdruck ist schwer zu bestimmen. Freundlich, aber ohne ein deutliches Lächeln. Etwas zwischen Abwarten und in sich Ruhen.
Ich habe sie noch erlebt im Alter. In ihren letzten Jahren sass sie nur noch auf dem Sofa in der Stube. Wie sie es dorthin schaffte aus dem kleinen Schlafzimmerchen im ersten Stock, und wie sie wieder die steile Treppe hinaufgelangte, ist mir ein Rätsel. Sie hatte Wasser in den Beinen und konnte sich nur sehr mühsam, schwer auf den Stock aufstützend, vorwärtsbewegen. Sie war fast völlig erblindet, schien Schmerzen zu haben und reagierte oft mürrisch, vor allem auf Äusserungen und Verhalten ihrer jüngeren Schwester Berthe.
1928, mit 45 Jahren, reiste sie zum sechsten und letzten Mal in die USA. Endgültig zurückgekommen ist sie wohl kurz vor oder nach dem zweiten Weltkrieg. Bisher konnte mir noch niemand in der Familie darüber Auskunft geben, was diese Pionierin unter den Chiquets Américains in den Vereinigten Staaten erlebt hat.
Auf mich kamen LongJules Geschichten nur indirekt, bei Besuchen in Cornol, wenn unsere Familie zusammen mit ihm und den beiden Grosstanten am Tisch sass. Obwohl mein Vater nur wenig Patois verstand, und meine Mutter und wir Kinder erst recht kein Wort davon, rutschten die drei alten Leute immer wieder in ihre eigene Mundart. Auch französisch verstand ich damals kaum, war auf die gelegentliche Übersetzung durch meinen Vater angewiesen. So erreichten mich die Geschichten lückenhaft, mit vielen Unterbrüchen. Wir Kinder verdrückten uns meist, sobald wir konnten, nach draussen oder in die Scheune, wo man vom oberen Tenn ins Heu herunterspringen konnte.
Die Fotos aus der Amerikazeit machten mir Eindruck. LongJules war da inmitten sehr vornehmer Leute zu sehen, im schicken Anzug, mit Gilet, gestärktem Kragen und breiter Seidenkrawatte, nur wenig dezenter oder bescheidener gekeidet als sein Herr und Geldgeber. Mein Grossonkel schien sich zwischen den hübschen, offensichtlich reichen Frauen mit ihren geschnürten Taillen im Element zu fühlen. Die Damen trugen enorme Hüte, die Hündchen adrette Schleifen, und die Autos polierte Kühlerfiguren.
Dass LongJules von Cornol nach Amerika auswanderte, war nicht sehr ungewöhnlich, obwohl das Dorf fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch dem Sog über den Atlantik widerstanden hatte. Im Gegensatz übrigens zum Ursprungsort des Chiquetklans, zu Asuel, das sich fast völlig entvölkert hatte. Nun aber zogen in wenigen Jahrzehnten auch aus Cornol über fünfhundert Einwohner aus, um in den Staaten ihr Glück zu versuchen, mitgerissen von einer neuartigen Dynamik aus Propaganda und Aufbruchstimmung, welche die Ajoie ergriffen hatte. Ich stellte mir vor, LongJules sei als Pionier der Familie ausgewandert, mit der Absicht, bei Erfolg die Schwestern Marie und Berte nachkommen lassen. Dass es ganz anders war, erfuhr ich erst vor kurzem. Aber davon später.
Was erhoffte er zu finden in den USA? Wollte er, als Bauernsohn, nach seiner Ankunft weiterziehen in den Mittleren Westen, um dort Landwirtschaft zu betreiben, wie einige seiner Landsleute? Geld, um Land zu erweben wird er keines gehabt haben, also musste er zuerst eine Arbeit finden. Dies erschien ihm in New York einfacher, oder es fehlten ihm schlicht die Mittel zur Weiterreise, so wie den meisten Emigranten aus Europa. Eine grosse Zahl der Einwohner waren zu dieser Zeit, um 1907, Neuankömmlinge und Secondos.
Dass er in den zehn Jahren, die er in den USA verbrachte, Kammerdiener bei John D. Rockefeller junior wurde, und es auch blieb bis zu seiner Rückkehr nach Europa 1917, ist in jeder Hinsicht eine höchst erstaunliche Geschichte. Er wird zu Beginn kaum flüssig, für Amerikaner verständlich, englisch gesprochen haben, und auch sein Französisch war nicht über alle Zweifel erhaben. Von seinem Vater, einem Kleinbauern und Heimarbeiter der Uhrenindustrie, hatte er Grundkenntnisse der Landwirtschaft sowie ein paar feinmechanische Fertigkeiten mitbekommen. Wie fand er Zugang zur Familie Rockefeller? Hat er sich auf eine Stellenausschreibung beworben, konnte er auf ein Netzwerk von Landsleuten zurückgreifen, oder war es eine zufällige, schicksalshafte Begegnung, die ihn, den kleinen Mann aus Cornol, für diese Königsfamilie des wilden Kapitalismus um 1900 nützlich machte?
Ich könnte es bedauern, dass ich meinen Vater nicht noch zu Lebzeiten ausgefragt habe über die Einzelheiten von LongJules Abenteuer. Aben nun ist es so, man weiss wenig bis gar nichts darüber und muss von dem ausgehen, was man hat, und beharrlich nach weiteren Anhaltspunkten suchen. Die in der Familie überlieferten Anekdoten und Legenden haben dabei schon jetzt ein paar Korrekturen erfahren, genauso wie meine Spekulationen, Projektionen und Phantasien.
Erhalten ist zum Beipiel die Passagierliste des Schiffs, mit dem Longjules am 11. Mai 1907 über den Atlantik fuhr. Es handelt sich um ein bedrucktes, wie als Leporello gefaltetes Blatt, stark vergilbt und brüchig, auf dem sein Name, M. J. Chiquet, fein unterstrichen zu finden ist. Wenn man das Dokument genauer untersucht, erkennt man eine Einschränkung. Es handelt sich um die Liste des Passagers de Cabine, was bedeutet, dass hier nur die Passagiere der ersten und zweiten Klasse mit Kabine aufgeführt sind, die einen höheren Preis zahlten und gut einen Drittel der insgesamt zwölfhundert Reisenden ausmachten. Die achthundert Passagiere der dritten Klasse im Zwischendeck sind nicht namentlich aufgeführt, sondern werden nur durch eine dürre Zahl repräsentiert, achthundertsieben.
Die Entdeckung, dass mein Grossonkel mit der zweiten Klasse in die USA gefahren war, hat interessanterweise eine leise Enttäuschung bei mir ausgelöst. Da ich bereits begonnen hatte mich mit Berichten und Bildern über die katastrophalen Bedingungen der Massenauswanderung des ausgehenden neunzehnten und anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts zu befassen, hatte ich mir wildromatisch eingefärbte Phantasien erlaubt darüber, wie mein Grossonkel die Strapazen im dunklen Schiffsbauch überlebt haben könnte. Wie er sich bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten zuerst der mühsamen und erniedrigenden Prüfung durch die Einwanderungsbehörden auf Ellis Island hat unterziehen müssen. Das hätte auch eine Geschichte ergeben. Aber.
Koinzidenzen sind etwas Wunderbares. Dieses Mal geschah sie in Gestalt eines Buches, das ganz neu, wegen der Pandemie mit etwas Verzögerung, genau zu dem Zeitpunkt herausgegeben wurde, als meine Phantasie eine Korrektur brauchte. Geschrieben hat es die Pruntruter Historikerin Marie-Angèle Lovis, und es trägt den Titel: Un village émigre – Le cas de Cornol dans le canton du Jura (1815 - 1956). Darin konnte ich nachlesen, dass sich knapp ein Viertel der Auswanderer aus Cornol in den Jahren 1903 bis 1914 Tickets für die zweite Klasse leisteten. Von denen, die beim ersten Mal im Zwischendeck oder in der dritten Klasse gereist waren und nun, nach einem Besuch in der Heimat, sich wieder auf die Reise machten, entschieden sich viele, nach den beschwerlichen Erfahrungen beim ersten Mal, die Mehrkosten für die zweite oder gar die erste Klasse auf sich zu nehmen. Vor allem die Aussicht, bei der Ankunft nur eine kurze Prüfung durch die Behörden, direkt auf dem Schiff, zu durchlaufen, anstatt auf Ellis Island mit einer Nummernettikette versehen, mit Kreidezeichen angeschrieben, tagelang in einer Masse von armen Schluckern und heulenden Kindern ausharren zu müssen, machte die Wahl einfach, sofern man die Mittel aufbringen konnte. So kam es, dass viele Dörfler sich auf dem Schiff in einer Umgebung wiederfanden, die ihnen neu und unglaublich luxuriös vorkam. Die Schiffe hatten Aufzüge, in den Kabinen gab es zwei oder höchstens vier Betten, Waschschüsseln mit fliessendem kalten und warmem Wasser, alles Dinge, die sie in ihren Häusern im Dorf nicht kannten. Das Schiff der Companie Générale Transatlantique, mit der Longjules am 11. Mai 1907 losfuhr, hiess La Provence, und war erst ein Jahr vorher gebaut worden, als grösstes Schiff der Gesellschaft. Es war eines der schnellsten seiner Zeit und brauchte für die 5'665 Kilometer lange Strecke nur sechs Tage.
Am 17. Mai 1907 kam mein Grossonkel in New York an. Diese Angabe fand ich, gegen Ende des genannten Buches, auf einer Liste aller aus Cornol mit dem Schiff ausgereisten Personen zwischen 1819 und 1957. Und zu meiner grossen Verblüffung fand ich den Namen seiner älteren Schwester Marie schon unter den Auswanderern im Jahre 1903. Sie war die Pionierin.
Zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol kam sie am 31. Oktober 1903 in New York an. Es ist zu vermuten, dass sie von Verwandten oder Bekannten abgeholt worden sind, denn sonst wären sie mit Sicherheit auf Ellis Island gelandet. Zwei der Frauen stammten aus der Familie Grillon, von der schon früher einige Mitglieder in die USA ausgewandert waren, und auch aus der Familie von Marie Chiquets Mutter, die mit Nachnamen Crétin hiess, gab es möglicherweise Verwandte, die sie erwarteten und am Hafen abholen konnten.
Ein Foto aus dem Nachlass meines Vaters zeigt meine Grosstante Marie Joséphine Chiquet, wie sie in dieser Zeit, mit etwa zwanzig Jahren aussah. Das Bild könnte in den USA aufgenommen worden sein. Sie trägt modische schwarze Kleidung, eine Seidenbluse mit Falten und gebauschten Ärmeln, einen langen Rock. Die fülligen Haare sind aufgesteckt, darauf trägt sie selbstbewusst einen voluminösen Hut, ebenfalls schwarz, mit pelzigflauschiger Krempe. Die Hände stecken in schwarzen Handschuhen, die rechte ist locker in der Taille abgestützt, in der linken trägt sie ein winziges Henkeltäschchen. Ihr Gesichtsausdruck ist schwer zu bestimmen. Freundlich, aber ohne ein deutliches Lächeln. Etwas zwischen Abwarten und in sich Ruhen.
Ich habe sie noch erlebt im Alter. In ihren letzten Jahren sass sie nur noch auf dem Sofa in der Stube. Wie sie es dorthin schaffte aus dem kleinen Schlafzimmerchen im ersten Stock, und wie sie wieder die steile Treppe hinaufgelangte, ist mir ein Rätsel. Sie hatte Wasser in den Beinen und konnte sich nur sehr mühsam, schwer auf den Stock aufstützend, vorwärtsbewegen. Sie war fast völlig erblindet, schien Schmerzen zu haben und reagierte oft mürrisch, vor allem auf Äusserungen und Verhalten ihrer jüngeren Schwester Berthe.
1928, mit 45 Jahren, reiste sie zum sechsten und letzten Mal in die USA. Endgültig zurückgekommen ist sie wohl kurz vor oder nach dem zweiten Weltkrieg. Bisher konnte mir noch niemand in der Familie darüber Auskunft geben, was diese Pionierin unter den Chiquets Américains in den Vereinigten Staaten erlebt hat.
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