Am vierten Dezember 1910, am Sonntag, an dem Jules in Cornol ankam, hatte es schon seit über einer Woche geregnet. Mitten am Tag war es dunkel und kalt, der Himmel grau verhangen. Man wusste nicht, waren es Wolken oder Nebelschwaden, die vom Wind übers Dorf getrieben wurden. Die weisse Nässe staute sich am Taleingang und verhüllte den Blick auf die Höhen der Caquerelle.
Jules stand tropfnass in der engen Küche, die verstellt war mit den schwarzen Silhouetten seiner Lieben, von Papa und Maman, und von allen vier Schwestern. Nur Joseph, der älteste Bruder, fehlte. Jules wurde von allen Seiten umarmt, mit trockenen Tüchern traktiert, befragt und bestürmt. Man zog im die Schuhe aus und stopfte sie mit Zeitungen, wärmte ihm Hände und Füsse in Becken mit heissem Wasser, braute ihm Tee und reichte ihm Schnaps dazu. Man hatte den Ofen schon am Nachmittag eingeheizt, jetzt war es warm, fast heiss, in der Stube, und die Luft war erfüllt vom Duft des Schmorbratens, köchelnder Rotwein, Zwiebeln, Gewürznelken, Lorbeer. Jules bekam Kopfschmerzen. Wo sollte er beginnen mit Erzählen, wem sich zuerst zuwenden? Etwas in ihm machte sich ganz klein, liess sich fallen in die Ursuppe der Familie, ins Gehäuse seiner Kindheit. Ein anderer Teil wollte sich davonmachen in die Höhe, westwärts über das graugrüne Wasser, und landen auf einer Parkbank in der grossen, lauten Stadt.
Er hatte vergessen, was Stille ist. In der Nacht wurde er geweckt vom Glockenschlag. Er stand auf und öffnete das angelehnte Fenster. Der Regen hatte aufgehört, es tropfte und tröpfelte überall, und von überall her. Das Rauschen des Bachs legte einen feinen Teppich darunter. Sonst war nichts zu hören, keine kreischenden Bahnräder, keine Motoren, kein Pferdegeklapper, weder Hupen noch Sirenen noch Fetzen von Musik. Keine Menschenstimmen. Nur die Geräusche des fliessenden und fallenden Wassers. Durchsichtige Klangwelt. Als er seinen Vater im Nebenzimmer husten hörte, fiel ihm ein, weshalb er eigentlich hierhergekommen war, und er nahm sich für den nächsten Tag vor, mit Papa zu reden.
Er stand früh auf, seine Arbeitskleider musste er suchen, fand sie schliesslich, gewaschen, geflickt und ordentlich zusammengefaltet, im Kasten. Er trank seinen Kaffee im Stehen, obwohl ihn Maman drängte, sich zu setzen und richtig zu frühstücken. Aber er wollte in den Stall, mit Papa die Kühe melken, denn er wusste, dass es beiläufig, beim Arbeiten, am wahrscheinlichsten war, dass dieser etwas von sich preisgab. In der Kneipe am Stammtisch, oder auch zuhause, wenn Gäste da waren und er also genügend Publikum hatte, konnte Jules' Vater zum grossen Unterhalter und Erzähler werden, witzig, redegewandt. Von ihm selber, von dem, was in seinem Inneren vor sich ging, erfuhr man jedoch wenig.
Es war dunkel und warm im Stall. Als Jules eintrat, sass Papa mit dem Rücken zu ihm bei einer der Kühe, den mit einer Kappe bedeckten Kopf gegen deren Flanke gedrückt. Er sah klein aus, sein Rücken war gekrümmt, das einzelne Holzbein des Schemels stand gefährlich schräg. Seine Arme bewegten sich nicht, Jules hörte auch kein Geräusch. Offenbar hatte er aufgehört mit dem Melken, oder noch gar nicht begonnen.
"Papa? – Wie geht es dir?"
Der Vater schreckte hoch, streckte den Rücken, und wäre beinahe mit dem Stuhl umgefallen. Jules machte einen Sprung, stützte ihn mit den Knien und half ihm hoch.
Ihre Gesichter sind sich plötzlich ganz nah, Papa versucht ein Lächeln, seine Stirn, die Augenwinkel und Wangen überziehen sich mit tausend Falten und Fältchen. Die Kappe liegt am Boden, der silbergraue Haarschopf steht wie eine Bürste auf dem Scheitel. Jules muss seinen Vater in die Arme zu nehmen und an sich drücken. Als er zu hüsteln beginnt, schiebt er ihn von sich, schaut ihm in die Augen und fragt:
"Was ist mit dem Husten?"
"Er ist nicht schlimm, aber lästig. Ich kann nicht aufhören damit. Die Frauen machen sich Sorgen, dass es die Schwindsucht ist."
"Und was meinst du, was es ist?"
"Ach, ich weiss nicht. Es gab halt wieder Fälle im Dorf. Stouders Albert ist gestorben, und eines der Choulat-Mädchen musste nach Heiligenschwendi in die Kur. Wir haben einen neuen Doktor hier, der redet die ganze Zeit von Tuberkulose, macht den Leuten nur Angst, wenn du mich fragst. Wir sollen unsere Hände waschen, und keine rohe Milch mehr trinken. So in der Art. Die grüne Fee darf man ja schon länger nicht mehr trinken, hast du die Plakate gesehen, gegen das Verbot...?"
Jules unterbricht ihn.
"Muss ich hierbleiben, Papa?"
"Nein! Nein, wo denkst du hin! Ich komme zurecht, bin halt langsam. Aber das kommt schon wieder. Und Marie will ja noch ein wenig bleiben."
Jules ist überrascht.
"Das wusste ich nicht. Was ist ihr Plan?"
"Berthe will ja unbedingt auch nach Amerika, die macht uns schon lange verrückt damit. Aber sie ist erst achtzehn, wir finden, sie soll noch ein wenig warten. Vielleicht in einem Jahr. Dann könnte sie mit Marie zusammen reisen."
Mit Marie und Augustine unternahm Jules einen langen Spaziergang, als es wieder trockener war. Die Schwestern hatten beide viel zu erzählen, und er konnte sie dabei beobachten. Er staunte, wie sehr sie sich verändert hatten. Zwar hatte er Marie in Manhattan einige Male getroffen, dabei war ihm aber nicht aufgefallen, dass sie die weiche Sanftheit, die sie als junges Mädchen wie ein Kleid getragen hatte, fast vollständig abgelegt hatte. Oder verloren. Sie begann, Maman zu ähneln, man ahnte einen strengen Ernst in ihren noch immer jungen Zügen. Und auch in ihre Äusserungen mischte sich manchmal ein Ton, der ihn zu Widerspruch reizte. Sie war nicht besserwisserisch, wie das ältere Schwestern halt so sind. Es war mehr so, dass zwischen und hinter ihren Worten strikte moralische Prinzipien aufblitzten, die nicht zu beachten, oder gar, nicht zu kennen, für sie undenkbar war. Er befürchtete, dass sie seinen Plan, schon sehr bald, vielleicht schon in zwei Wochen, nach Amerika zurückzukehren, ganz und gar missbilligen würde. Das war aber zu seiner Überraschung nicht so. Vielleicht, so dachte er, wollte sie das Opfer und die damit verbundene Anerkennung, dem Vater zuliebe die lange Reise auf sich genommen zu haben, nach Hause gekommen und bereit zu sein, die Mutter zu unterstützen, nicht mit ihm teilen.
Er verscheuchte den Gedanken und hörte wieder zu, wie Marie der Schwester von ihren Erfahrungen im Home Jeanne d'Arc, in der Kirchgemeinde von St. Vincent de Paul und in der Kleidermanufaktur erzählte. Vieles kannte er, aber Augustine hatte eine unerschrockene Art, Fragen zu stellen, und so erfuhr er auch Neues. Zum Beispiel, dass Marie grosse Mühe hatte, Englisch zu lernen. Zwar hatte sie es mit Abendkursen versucht, die sie aber wieder aufgeben musste, weil sie nach zwölf Stunden an der Nähmaschine einfach zu müde war. Auch bewegte sie sich die meiste Zeit unter französisch sprechenden Menschen, sowohl im Heim als auch in der Kirche, und selbst in der Firma waren die frankophonen Arbeiterinnen in der Mehrzahl. So fehlte die Notwendigkeit, die neue Sprache zu lernen, ebenso wie die Gelegenheiten, zu üben.
"Bist du glücklich?", fragte sie Augustine.
Marie schwieg etwas zu lange. Dann sagte sie:
"Die Arbeit gefällt mir sehr. Wir machen Kleider in guter Qualität. Ich verdiene nicht sehr viel, aber genug. Ich kann Maman und Papa etwas abgeben, das macht mich stolz."
"Hast du Freundinnen? Einen Freund?"
Marie überhörte die zweite Frage.
"Ich habe viele Freundinnen, ja. Wir helfen einander, und wir organisieren die Feste und Wohltätigkeitsveranstaltungen der Kirche gemeinsam. Und wir beten zusammen."
Augustine zwinkert Jules zu. Begann dann, ihre Basler Geschichte zu erzählen.
"Ich soll euch grüssen von Joseph, er ist jetzt an der Burgfelder Grenze. Wir sind letzte Woche zusammen spazieren gegangen. Er hatte mir auf einer Karte geschrieben, er werde mich um drei Uhr abholen bei den Van Baerles."
Sie verstellte ihre Stimme.
"Bitte versuche, zu diesem Zeitpunkt bereit zu sein."
Sie lachten alle drei.
"Er ist immer noch der gleiche!", fand Augustine.
Dann berichtete sie von der Familie Van Baerle, bei der sie zu den Kindern schaute und im Haushalt mithalf, dabei Deutsch lernte. Die Herrschaften würden konsequent in dieser Sprache mit ihr verkehren, obwohl sie sehr gut französisch könnten, fast besser als sie. Am Anfang war es hart gewesen, aber sie sei dankbar, und sie lerne schnell auf diese Weise. Die Baerles nähmen sie zu Ausflügen mit, auch in Museen und Konzerte. So lerne sie die Schweiz kennen, und gewöhne sich langsam an das, was die Van Baerles Kultur nannten, finde sogar ab und zu Gefallen daran.
"Hast du einen Freund'", stellte nun Jules die Frage.
Augustine lachte.
"Ich habe nicht viel Zeit und wenig Gelegenheit, junge Männer zu treffen. Aber ich habe schon einen kennengelernt, oder zwei?, die mir gefielen. Beide schweizerdeutsch, denkt nur! Was Papa und Maman dazu sagen würden!"
Diesen Gedanken fand auch Marie lustig.
Augustine hatte ihre Erzählung in fast reinem Französisch begonnen, dann meldete sich der Patois über einzelne Wörter und Wendungen zurück, und ihr Ausdruck wurde noch lebhafter. Es schien ihr gut zu gehen. Sie war voller Energie, eine selbstbewusste, humorvolle Frau geworden. Für Jules war es keine Frage, dass sie einen guten Mann finden, sich auch nur mit einem solchen zufrieden geben würde. Sie machten Halt und beschlossen, den gleichen Weg zum Dorf zurück zu nehmen. Erst jetzt, wo sie auch länger schwiegen, sah Jules die Schönheit der heimatlichen Umgebung. Ein Spruch, den er nie verstanden hatte, kam ihm in den Sinn: L’aimoué rend aiveuye èt pe l’bôs r’bèye les euyes, die Liebe macht blind, und dann öffnet der Wald die Augen. Sie kamen durch ein lichtes Waldstück mit vielen Buchen. Ihr Laub hatte sich zu einem dunklen Goldton verfärbt, hing aber noch zum grössten Teil an den Ästen und Zweigen. Als die Sonne eine Lücke fand und die Geschwister jäh geblendet wurden vom Gegenlicht, mussten sie anhalten. Sich vergewissern, dass die andern von demselben Glitzern und Glühen überschwemmt wurden. Als Jules in den Schatten eines dicken Stamms trat, um seinen Augen eine Pause zu gönnen, bemerkte er, dass er in einem grossen Fleck von Totentrompeten stand. Sie knoteten Maries Kopftuch zu einem Beutel und füllten ihn, froh, der Mutter etwas mitbringen und dem Spaziergang einen Anstrich von Nützlichkeit verleihen zu können.
Von Edmond bekam Jules ein Telegramm, das grosse Aufregung im Hause Chiquet verursachte. Ein junger Postpraktikant überbrachte es, gegen Abend, mit dem Velo. Jules musste die Botschaft am Stubentisch vorlesen:
EXPECTING YOU EARLY JANUARY IN 156 HILLCREST ROAD, HO HO KUS STOP TELEGRAPH APPROXIMATE ARRIVAL DATE STOP EDMOND
"Anfangs Januar? Dann muss du ja schon bald wieder abreisen!", rief Berthe aus, mit dramatisch klagender Stimme.
"Wirst du Weihnachten nicht mit uns feiern?", fragte die Mutter leise. Als er nicht gleich Antwort gab, drehte sie sich ab und ging, vor sich hin grummelnd, in die Küche. Er eilte ihr nach, und obwohl er wusste, dass er sie nicht werde beruhigen können, versuchte er ihr seinen baldigen Aufbruch zu erklären.
"Schau, ich wusste es auch nicht. Edmond hatte nur gesagt, ich müsse anfangs Jahr zurückkehren, er hat für mich eine gute Stelle in Aussicht. Jetzt ist es halt schon bald soweit, und ich sollte diese Gelegenheit wirklich packen. Ich werde euch Geld schicken können."
Maman klapperte mit Töpfen herum und drehte ihm den Rücken zu.
"Ich werde euch auch wieder besuchen, versprochen. Und Marie..."
Er gab es auf, bleib noch eine Weile in der Küche stehen. Ging dann wieder in die Stube, zu den andern. Berthe war laut und eifrig daran, ihre eigenen Absichten bezüglich Amerika in Erinnerung zu rufen. Papa hatte offenbar dem damit verbundenen Zeitplan widersprochen.
"Aber in einem Jahr, das hast du einmal gesagt!", insistierte sie.
Papa wurde streng:
"Nicht in diesem Ton, ma baîchatte! Du wirst uns noch früh genug verlassen."
Berthe schnaubte, sprang von ihrem Stuhl hoch und rannte aus der Stube, Clara ging ihr hinterher. Papa war wütend.
"Da seht ihr es! Sie beginnt auch schon Clara den Kopf zu verdrehen. Aber die beiden sollen ruhig noch eine Weile weiterlernen in der Fabrik, und Maman helfen. Man hört schliesslich auch dies und das, was mit jungen Frauen passieren kann in New York."
Marie hatte bisher geschwiegen, musste nun aber auch etwas sagen.
"Das kommt auch darauf an, wie sich die Frauen benehmen, und mit wem sie sich einlassen. Sollte Berthe in ein, zwei Jahren auch nach Amerika kommen, werden wir gut auf sie aufpassen, nicht wahr, Jules?"
Jules ging am nächsten Morgen auf die Post und telefonierte mit der Basler Agentur. Sie meinten, sein Reisewunsch sei etwas kurzfristig, es fahre aber ein Schiff, La Lorraine, das am vierundzwanzigsten Dezember von Le Havre aus losfahre und rund um Neujahr in New York ankomme. Es sei bei vielen Passagieren natürlich nicht so beliebt, über die Festtage zu fahren, für andere aber wiederum ein begehrtes Erlebnis, Weihnachten auf hoher See zu feiern. Und die Transat würde ihren Gäste an Bord auch ein würdevolles Fest bereiten. Er werde sehen. Ob man ihm das Ticket reservieren und schicken solle? Jules überlegte einen Moment und sagte dann:
"Ja, sie können es auf meinen Namen buchen. Ich werde es aber bei Ihnen in Basel abholen und von dort aus reisen."
Es war eine spontane Idee, und er wusste nicht, ob sein Bruder Zeit haben würde, ihn zu treffen.
Mit Berthe und Clara konnte er einmal in Ruhe reden, als er sie nach Pruntrut begleitete. Sie standen sehr früh auf, gingen zu Fuss auf der Landstrasse nach Courgenay und nahmen dort den Zug. Er hatte verschiedenes zu besorgen und versprach, sie am Abend wieder bei der Hutfabrik abzuholen. Er war überrascht, wie intensiv sich nun auch Clara mit dem Gedanken befasste, nach Amerika auszuwandern, und wie viel seine Schwestern über New York und das Land wussten, viel mehr als er, so schien ihm. Clara fragte ihn über die Penn Station aus, über den grösste Bahnhof der Welt, wie sie meinte. Der sei doch mit einem grossen Fest eingeweiht worden, zusammen mit den neuen Tunnels und Brücken, kurz bevor er abgereist sei. Ob er an der Einweihung dabei gewesen sei, am siebenundzwanzigsten November. Jules gab es einen Stich.
"Nein, das habe ich verpasst. Da war ich im Riverside Park."
Die Schwestern musterten ihn argwöhnisch von der Seite.
"Und? Mit wem? Was hast du dort so wichtiges gemacht?", fragte Berthe, die dunklen Brauen erwartungsvoll hochgezogen.
Als er nicht gleich antwortete, begannen sich die beiden anzustubsen.
"Er hat eine Liebste!", kreischte Berthe.
"Schau, wie er rot wird!", rief Clara und kicherte.
"Wie ist sie? Ist sie schön?", wollte beide wissen.
Jules hatte keine Lust, seinen Schwestern von Fiona zu erzählen, aber es half nichts. Und so versuchte er, ihre Neugier so weit zu befriedigen, dass sie wieder Ruhe gaben, und ohne allzu viel von sich preiszugeben. Er merkte auch, dass ihm ihre naive Lust an der sensationellen Neuigkeit gut tat, die freundschaftlichen Sticheleien brachten ihn zum Lachen und hinderten ihn daran, in selbstmitleidiges Grübeln zu versinken. Sehr interessiert waren sie, als er von Alice Stöckli, von Kuiva und Margeret erzählte, und von deren Engagement für die Sache der Frauen.
"Die würden uns umbringen im Dorf, wenn wir einen Marsch für das Frauenstimmrecht organisiernen würden", war Clara fest überzeugt. Berthe war derselben Meinung.
"Auch Maman und Papa kannst du nicht damit kommen. Eine Souffragette!? Pah! Das ist die schlimmste Sorte, fast noch schlimmer als die apostates!
Berthe wurde wieder ernst.
"Was meinst du, wie es Marie geht, drüben? Sie muss hart arbeiten als Näherin, glaube ich. Aber sie kann die Sprache nicht, da ist es schwer, etwas anderes zu finden."
Jules konnte wenig dazu sagen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dass er sich kaum um Marie gekümmert hatte bisher.
"Sie hat Augustine viel erzählt. Offenbar findet sie Halt in der Kirchgemeinde, dort schaut man zueinander.
Für Jules unerwartet murmelte Berthe vor sich hin:
"Der Liebe Gott soll euch beschützen!"
Es liess sich nicht vermeiden, dass Jules mit seinem Vater zusammen dessen Lieblingskneipe einen Besuch abstattete. Er schob es mit Ausreden so lange hinaus, bis schon fast wieder seine Abreise bevorstand. Als sie eines Abends im Boeuf auftauchten, wurde es genau so, wie er vorausgesehen und befürchtet hatte. Statt mit seinem Namen, wurde er mit 'Amerikaner' angesprochen, man nötigte ihn, englisch zu sprechen. Er musste angeben, wie viel er verdiene. Dass er die Stelle verloren hatte und eine neue suchen musste, verschwieg er. Er trank mehr, als er wollte und ihm guttat, und er war fast froh, als der Vater begann, seine üblichen wilden Geschichten und Spässe zum Besten zu geben, und ihn die andern zu vergessen schienen. Doch dann begann einer, ihn nach seiner Freundin auszufragen. Natürlich hatten Berthe und Clara ihren Mund nicht halten können, aber es kam nicht darauf an, auch über das Ausbleiben einer solchen Nachricht hätten sich die Leute im Dorf das Maul zerrissen. Jetzt hatte er jedoch genug, stand auf, grüsste alle und machte sich, leicht schwankend, auf den Heimweg. Er hatte Kopfschmerzen, und Sehnsucht nach Fiona.
Zum Abschied sollte es Kaninchenbraten geben, das war Mamans Wunsch. Zwei Tage davor schlachtete man das Tier. Jetzt, wo Jules da war, sah niemand einen Grund, weshalb nicht er dies tun sollte, wie er es schon musste, seit er zehn Jahre alt war. Papa tat es nicht gern, und deshalb auch nicht gut. Er zögerte beim Zuschlagen, oder hielt das Kaninchen nicht richtig fest, was zu schlimmen Szenen führen konnte. Jules brauchte Zeit zum Vorbereiten. Beim Zurechtlegen der Geräte und Gefässe bereitete er sich innerlich auf den konzentrierten Zustand vor, der beim Schlachten unabdingbar war. Als erstes stellte er mit Papa zusammen den Tisch auf den Rasen hinter der Küche und sorgte dafür, dass er nicht wackelte. Dann suchte er die drei Messer zusammen, füllte Wasser in die Wanne unter dem Schleifstein und schliff die Klingen grob vor, zog sie dann auf dem feinen Kalkstein ab, bis er sich die Haare auf dem Unterarm damit rasieren konnte. Den Schlagstock holte er aus seinem Versteck, denn der war das Wichtigste. Ein abgesägter Spatenstiel aus Esche, mit einem dicken Ende und einem eiförmigen Abschluss dort, wo er nicht aus der Hand rutschen durfte. Er bat Clara, einen Eimer mit sehr heissem Wasser zu bringen, damit er sich die Hände zwischendurch waschen und auch die Messer abspülen konnte. Ein flaches Becken für das Blut wurde unter den Tisch gestellt. Was brauchte er noch? Den Haken zum Aufhängen und Ausnehmen. Er vergewisserte sich, dass der Nagel an dem herausstehenden Balken noch da war und festsass. Das Kaninchen zappelte zuerst, als er es aus dem Stall nahm, beruhigte sich aber, als er es sich auf den Arm setzte, es an sich drückte und und streichelte. Er stellte es auf den Tisch und strich ihm mit der linken Hand mit viel Druck über Kopf und Rücken, so dass es sich niederkauern musste. Dann fasste er es an den Ohren und drückte seinen Kopf nach unten auf den Tisch. Er redete sanft auf das Tier ein, nahm den Schlagstock, zog ihn hoch. Zielte genau, und schlug zu.
Vor dem Abschiedsessen half er der Mutter beim Schälen der Kartoffeln. Sie sassen auf der Holzbank im Flur, wo es, bei geöffneter Haustür, heller war als in der Küche. Zwischen sich ein grosses Blechbecken für die Schalen, auf dem Schaft darüber stand der Kessel für die geschälten Kartoffeln. Wenn Jules mit einer fertig war, warf er sie dicht an Mamans Kopf vorbei in den Kessel. Beim ersten Mal war sie zusammengezuckt und hatte ihn einen Moment lang böse angeschaut, jetzt schien sie es mit Humor zu nehmen. Sie sprachen wenig, zweidreimal seufzte sie auf, sichtbar übertreibend, wie er feststellte. Er wollte glauben, dass sie sich mit seinem vorzeitigen Aufbruch abgefunden habe. Als sie fertig waren, und er aufstehen wollte, hielt sie ihn an der Schulter fest, zeichnete ihm das Kreuzzeichen auf die Stirn und sprach ihre Formel:
"Der gnädige Gott soll dich schützen!"
Am zweiundzwanzigsten Dezember bestieg er in Pruntrut den Zug nach Basel. Er wusste immer noch nicht, ob er seinen älteren Bruder würde treffen können.
Samstag, 13. März 2021
Sonntag, 7. März 2021
Wirst du auf mich warten?
An einem Nachmittag, anfangs September 1910 wurde Jules von Marie unverhofft aufgesucht. Da sie als Frau keinen Zugang zum Club hatte, liess sie ihn herausrufen. Man musste ihn wecken, Marie wartete geduldig auf der Strasse. Er sah gleich, dass sie besorgt war. Maman hatte ihr geschrieben, dem Vater gehe es nicht gut, sein Husten werde nicht besser, und sie bekomme ihn am Morgen nicht aus dem Bett. Marie war entschlossen, so schnell als möglich nach Cornol zurückzukehren, und sie schien davon auszugehen, dass er sie begleite. Jules versuchte ihr zu erklären, was das für ihn bedeute. Er verliere seine Stellung, denn Heimaturlaub sei für die Angestellten des Brook nicht vorgesehen. Also wolle er das zuerst mit Edmond Jacquelin besprechen und ihn fragen, ob er ihm für die Zeit nach seiner Rückkehr eine neue Arbeitsstelle vermitteln könne. Er werde aber sicher die Eltern auch besuchen und nach Papa schauen, sobald er könne, vielleicht halt erst im November. Marie wollte nicht so lange warten, also machten sie aus, dass sie ein Billet für das nächstbeste Schiff nach La Havre besorgen sollte.
Wie erwartet, war Edmond nicht glücklich über Jules Entscheidung. Er hatte gerade in letzter Zeit Hinweise bemerkt, und sie an Jules weiter gegeben, die auf eine mögliche bevorstehende Beförderung in eine höhere Funktion, auf eine höhere Stufe der Hierarchie, hindeuteten. Aber nun sei es eben so. Wenn es ihm, Edmond, gelinge, ihn dauerhaft bei wohlhabenden oder, noch besser, reichen Herrschaften unterzubringen, könne es in Zukunft auch sein, dass ihm nach einem Besuch der Eltern die Stelle offen gehalten, ja sogar, im glücklichsten Fall, die Reise bezahlt werde. Er werde schauen, was sich machen liesse. Wenn Jules anfangs Jahr zurückkomme, was er doch sehr hoffe, könne es allerdings sein, dass er sich in New Jersey aufhalte, in Ho Ho Kus. Dort entwickle sich etwas, ein projet, wie er es bezeichnete, das interessant, ja vielversprechend sei. Vielleicht ergebe sich da etwas für Jules. Er werde sich melden, per Telegramm.
Jules kam der Abbruch im Brook recht. Alles, was er dort zu tun hatte, war zur Routine geworden, und auch wenn seine daraus folgende Geschmeidigkeit nun zu einem Aufstieg geführt hätte, musste er sich eingestehen, dass er sich schon länger langweilte. Die Aussicht, bald nach Cornol zu reisen, ohne zu wissen, wann er wieder zurückkehren werde, verstärkte in ihm den Wunsch, Fiona zu sehen. Er war überrascht über die Deutlichkeit dieses Gefühls. Seit er sie auf dem Schiff kennengelernt hatte, war es ihnen nur ein paar wenige Male möglich gewesen, sich zu treffen. Fiona arbeitete die meiste Zeit im Haus der Blums, und wenn sie ihre Herrschaften nach Manhattan begleiten musste, geschah dies ohne Vorankündigung, so dass es Jules unmöglich war, mit seinen Vorgesetzten einen freien Tag auszuhandeln. Am einfachsten war es an allgemeinen Festtagen gewesen, an St. Patricks Day oder über Weihnachten, wobei Fiona an diesen Tagen auch vielen Verpflichtungen gegenüber Freundinnen und Verwandten nachgehen musste. Die Begegnungen hatten Jules immer in Zwiespalt gebracht. Nachdem die grosse Vorfreude, sein Begehren, ein erstes, dann noch ein zweites Mal ins Leere gelaufen waren, weil sie kaum eine ruhige Minute für sich gehabt hatten und Fiona sich in leutseliger Fröhlichkeit mehr ihren Freunden und Bekannten zuwandte als ihm, jedenfalls meinte er das, war er vorsichtig geworden und verbot sich allzu hohe Erwartungen. Dabei war er nicht immer enttäuscht worden, denn Fiona konnte sich auch plötzlich, völlig unvorhersehbar, ihm herzlich, ja sogar zärtlich zuwenden. Wenn er sich an solche Momente erinnerte, wurde Jules von Unruhe ergriffen. Er hatte oft Magenschmerzen, was er bisher nie gekannt hatte. Die körperliche Reaktion verwirrte ihn, weil er den Grund dafür nicht einsah, sein Bauch aber deutlich einen quälenden Schwebezustand missbilligte.
Erst jetzt, wo sich seine Zeit als Diener und Kellner im Club ihrem Ende näherte, gestand er sich ein, dass ihn die Arbeit nicht nur zu langweilen begonnen hatte, sondern ihm auf die Dauer auch nicht gut tat. Er hatte kaum Freunde oder Bekannte, weil er nachts arbeiten und am Tag schlafen musste. Der Umgang mit seinen Arbeitskollegen war im Dienst durch strenge Verhaltensregeln fast gänzlich unterbunden, und sogar bei den Mahlzeiten im Esszimmer der Angestellten ging es, unter den strengen Augen des Hausbutlers, fast so zu wie im Refektorium eines Klosters. Mit einem einzigen Kollegen, mit Estève Sabatier, einem Südfranzosen, der etwa zwei Jahre jünger war, verband Jules eine Beziehung, die er auch Freundschaft genannt hätte. Seit einem halben Jahr, seit dem Weggang seines ersten Zimmergenossen, den er nicht hatte ausstehen können, teilte er mit Estève die Kammer. Dieser hatte die Initiative ergriffen und bei den Vorgesetzten erreicht, dass sie gleichzeitig Dienst tun konnten. Seither redeten sie nach ihrer Schicht oft noch stundenlang, bis einer von ihnen verstummte und einschlief.
Estèves liebstes Thema waren die Frauen, er schien sie sehr gut zu kennen, wobei ihm Jules nicht alle seine Geschichten glaubte. Manches war sicher Prahlerei, aber die Art und Weise, wie er über unscheinbar feine und feinste Verhaltensweisen und Äusserungen seiner weiblichen Bekanntschaften nachdachte, welche Folgerungen er für sein eigenes Verhalten daraus ableitete, wie er dessen Wirkung, die dadurch angeschubste Entwicklung von Liebesbeziehungen beschrieb, übte auf Jules eine starke Anziehung aus, obwohl es ihn gleichzeitig befremdete. Wenn er Estève von sich und Fiona erzählte, hörte dieser aufmerksam zu, stellte ab und zu eine Frage, hörte wieder zu. Nie äusserte er die Art von Sprüchen und Witzen, die Jules von den Männern im Dorf zu hören bekam, wenn es um solche Themen ging. Als er ihm von seinen Bauchschmerzen erzählte, und davon, dass er sich nicht entscheiden könne, fragte Estève:
"Was meinst du damit? Wozu entscheiden? Dass du sie liebst, zumindest in sie verliebt bist, ist ja deutlich sichtbar. Dann sag es ihr halt! Was sie darauf antworten und tun wird, musst du erst mal ihr überlassen. Das ist ungewiss, ja. Aber aus Angst, sie könnte dich zurückweisen, gar nichts zu sagen, macht es nicht einfacher. Dagegen macht dein Bauch mit Recht Aufstand!"
Als Jules dem Sekretär des Brook seinen Plan bekannt gab, Ende November die Eltern im Jura besuchen zu wollen, wurde er sofort ausbezahlt und musste sein Zimmer innerhalb von zwei Tagen räumen. Edmond half ihm, eine günstige Unterkunft zu finden, wieder in Hell's Kitchen, und so hatte Jules plötzlich ein paar ruhige Wochen vor sich, mit viel freier Zeit. Er brauchte einige Tage, um seinen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein wieder an denjenigen normaler Menschen anzupassen. Er hoffte, dass Fiona vor seiner Abreise noch einmal nach Manhattan käme, und dann auch Zeit für ihn fände. Thanksgiving, so dachte er, könnte so eine Gelegenheit werden, also kaufte er sich bei der Schiffahrtsgesellschaft ein Billett für die Überfahrt gleich danach.
Er hatte Glück. Mr. und Mrs. Blum gewährten Fiona über die Festtage drei volle freie Tage. Dazu erlaubten sie ihr, erst am Sonntag Abend nach Hartsdale zurückzukehren. Dann könnten sie noch zusammen die Messe in der St. Patricks Cathedral besuchen, schrieb sie. Ihre Adresse fand er erst, nachdem er ihre Karte nochmals genau angesehen hatte. Sie stand, in winzigen Buchstaben und um neunzig Grad gedreht, in der Mitte: Mr. and Mrs. O'Fallan, 115 W, 33th Str.. Das war die Adresse von Liam, dem jüngsten Bruders von Fionas Mutter. Jules war schon einmal kurz dort gewesen. Er merkte, wie die Vorfreude in ihm hochstieg. Die O'Fallens waren ausserordentlich freundliche Leute. Liams Frau war nicht viel älter als Fiona. An ihren Namen konnte er sich nicht mehr genau erinnern, so etwas wie Kiwa, oder Kuiwa (Caoimhe). Er wusste aber noch, dass der Name ganz anders geschrieben wurde als man ihn aussprach. Sie arbeiteten beide für ein grosses Schneideratelier im Viertel, er als Buchhalter und sie als Näherin. Ihre Wohnung war nicht gross, aber günstig gelegen und bezahlbar. Und da sie kinderlos waren, blieb sogar ein Zimmer frei. Sie waren beide glücklich, wenn sie Besuch hatten, wie Fiona im erzählte, das tröste sie ein wenig darüber hinweg, dass sie keinen Nachwuchs bekommen konnten.
Jules nahm an, dass für Donnertag Abend ein traditionelles Truthahnessen vorgesehen war. Sonntags wollte Fiona mit ihm zur Messe gehen, am Samstag ziemlich sicher in ein Tanzlokal. Also blieb ihm nur der Freitag, um sie mit einem eigenen Vorschlag zu überraschen. Er ging, um Rat bei Estève zu holen, an einem frühen Abend im Club vorbei, in der Hoffnung, seinen Freund zwischen Aufstehen und Arbeitsbeginn zu erwischen. Als er fast vor dem Eingang stand, kam ihm in den Sinn, es wäre besser, nicht selber nach Estève zu fragen. So schnappte er sich einen kleinen Jungen, der gerade einen der Schuhputzer ablösen wollte, die in der Nähe des Clubs auf Kundschaft warteten. Er gab ihm eine Münze, nannte ihm Estèves Namen. Er solle ausrichten, dass jemand auf der Stasse auf ihn warte. Als Jules sah, dass der Bub barfuss war, fragte er den Schuhputzer, ob er dem Kollegen schnell seine Schuhe ausleihen könne. Nachdem auch dieser seinen Teil bekommen hatte, flitzte der Junge, ohne Socken und in viel zu grossen Schuhen, die Eingangstreppe zum Club hoch. Als er vom hinter der Türe wartenden Portier hereingelassen wurde, war Jules sicher, dass seine Botschaft ankommen würde. Er musste eine Weile warten, dann kam zuerst der Junge wieder, ihm zunickend, dann erschien Estève. Er wirkte verschlafen, schien sich aber zu freuen, als er Jules sah, umarmte ihn sogar kurz.
"Du siehst gut aus! The Brook scheint dir nicht zu fehlen."
Jules schüttelte den Kopf und lachte.
"Nein, wirklich nicht. Ich habe ihn schon fast vergessen. Aber dich brauche ich, für einen Rat. Fiona kommt über Thanksgiving."
"Oh, gratuliere! Und was kann ich...?"
Jules sah sofort an Estèves gerunzelter Stirn und fragendem Blick, dass dieser sich falsche Vorstellungen darüber machte, wozu seine Kenntnisse gefragt waren. Er bereute es schon, hierher gekommen zu sein. Und obwohl er vorhatte, seine Frage nach einer passenden Abendunterhaltung kühl vorzubringen, spürte er, wie ihm die Röte in die Wangen stieg.
"Wohin würdest du eine Frau ausführen, am Freitag Abend nach Thanksgiving?"
Estève war verdutzt. Dann musste er selber lachen über sein Missverständnis.
"Ach so! Ehm..."
Wieder lachte er laut heraus. Dann sagte er, betont sachlich:
"Ich würde ins Theater gehen mit ihr. Davor, und vielleicht auch nochmals danach, etwas Kleines essen gehen. Trinken erst nachher, sonst schlaft ihr ein, wenn das Stück schlecht ist. Es wird da eine operetta gezeigt, 'The Chocolate Soldier', im Casino Theater, die wollen alle sehen. Und..., gerade fällt mir ein, darin kommt ein Schweizer vor, der den Damen den Kopf verdreht. Das würde doch passen? Die Handlung muss ziemlich wirr und kompliziert sein, aber die Musik sei gut."
Jules hat Zweifel, ob dies das Richtige sei, trotzdem fragt er nach:
"Bekommt man da noch Tickets? Wo kauft man die?"
"Ja, das ist ja erst in zwei Wochen, da sollten noch Plätze frei sein. Es läuft schon eine ganze Weile. Die Tickets kannst du direkt beim Theater kaufen, ich glaube, ab dem frühen Nachmittag ist der Kiosk geöffnet. Da bekommst du auch ein Programmheft."
Am Morgen vor Thanksgiving wachte Jules sehr früh auf. Er meinte, gar nie richtig geschlafen zu haben in dieser Nacht, auch sein Magen begann wieder zu drücken. Obwohl es noch dunkel war, stand er auf und füllte sich im Bad den grossen Krug mit frischem Wasser. Dann zog er sich nackt aus und wusch sich sorgfältig mit der Seife, die er am Vortag gekauft hatte. Er war froh, die Verkäuferin darauf hingewiesen zu haben, dass die Seife für ihn selber sei, und dass sie ihm eine ausgesucht hatte, die für einen Mann wie ihn passe, wie sie versicherte. Nun kam ihm der Duft ziemlich blumig vor, und er musste den Gedanken beisseite schieben, was man in Cornol sagen würde, wenn er so unter die Leute ginge. Er betrachtete im Spiegel seinen Körper, der ihm mager vorkam, und fragte sich, ob er schon ein bisschen älter, männlicher aussah als früher, als zuhause. Als er sah, wie sich Brust und Arme mit Hühnerhaut überzogen, wandte er sich ab und begann sich anzuziehen. Er hatte sich ein paar Hemden waschen und bügeln lassen, Jacke und Hose seines Anzugs ausgelüftet und gebürstet. Er probierte mehrmals, die Krawatte so zu binden, wie es momentan Mode war, mit einem kleinen Knoten, der zwischen den Kragenspitzen fast verschwinden sollte, darunter die Krawatte wie zufällig verdreht. Nach dem dritten missglückten Versuch band er sie so, wie er es gewohnt war. Er faltete ein Taschentuch wie Marie es ihm gezeigt hatte, und steckte es sorgfältig in die Brusttasche, so tief, bis nur ein schmaler Streifen sichtbar blieb. Als ihm einfiel, dass er die Schuhe nochmals hatte putzen wollen, zog er die Hose wieder aus, setzte sich, auf dem Schoss eine ausgebreitete Zeitung, auf den Stuhl, salbte seine Schuhe dick mit Crème ein und polierte sie anschliessend mit Bürste und Lappen, bis sich das kleine Zimmer in den Kappen spiegelte.
Er war viel zu früh an der Grand Central Station und überlegte, ob er noch einen Kaffee trinken sollte, entschied sich aber dagegen. Als ihm ein kleines Mädchen einen Blumenstrauss verkaufen wollte, zögerte er einen Moment, bevor er ablehnte, und wurde sie erst wieder los, als er anhielt, ihr direkt in die Augen sah und streng wiederholte, no thank you!
Als Fionas Zug einfuhr, wurde die Halle erfüllt von dicken Schwaden aus Rauch und Dampf, die aussteigenden Passagiere beeilten sich mit zusammengekniffenen Augen, zum Ausgangsgitter zu gelangen. Als Fiona plötzlich vor ihm stand, wurde ihm bewusst, dass er sie ganz anders in Erinnerung gehabt hatte. Eine Dame, dachte er. Aber sie liess ihm keine Zeit, streckte ihre Arme zur Seite und liess theatralisch die Taschen auf den Bahnsteig fallen. Den riesigen Hut, der auf den hochgesteckten Haaren ruhte, holte sie mit einer lässigen Bewegung herunter, dann, als sie sein sprachloses Staunen bemerkte, hielt sie den Kopf schräg, lachte ihn an und sagte, überraschend leise:
"Hello? – Jules?"
Jules erwachte aus seiner Erstarrung. Er trat auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte sie vorsichtig an sich. Sie hob ihr Kinn und schaute ihm erwartungsvoll in die Augen. Als er ihr zaghaft ein Küsschen auf jede Wange drücken wollte, nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände, zog ihn zu sich heran und drückte ihre Lippen fest auf seine.
"Mhm, du riechst gut!", stellte sie anerkennend fest.
Du auch, wollte er sagen.
"Bist du gut gereist?", fragte er stattdessen.
Als Jules eine knappe Woche später mit dem Dampfschiff nach Europa fuhr, befand er sich noch immer in einem Zustand glückseliger Benommenheit. Während der drei Tage mit Fiona hatte er sein Zeitgefühl verloren, und er war sicher, dass er die ganze Dauer der Reise brauchen würde, um über die Fülle der Eindrücke nachzudenken. Er wollte auf dem Schiff möglichst mit niemandem reden, sich wieder einrenken und zur Ruhe kommen. Denn in dieser Verfassung, in der er sich fühlte, konnte er nicht im Dorf erscheinen, das war ihm klar. Man würde ihn für verrückt halten, durch den Aufenthalt in Amerika verdorben und verloren, oder, noch schlimmer, ihm von weitem ansehen, wie verliebt er war.
In seine Erinnerungen an das, was er mit Fiona erlebt hat, mischten sich immer wieder absurde Handlungsfetzen der Operette, die er mit ihr im Casino Theater gesehen hatte. Fiona sah unglaublich schön aus an dem Abend, in einem ausgeliehenen Abendkleid, er war so stolz gewesen und gleichzeitig befangen, weil er sich neben ihr wie ein Bauer vorkam, der er ja auch war. Sie hatten zwei Akte lang versucht, nicht zu laut zu lachen, über die vollkommen unwahrscheinliche Geschichte, den Namen des Schweizer Schokoladesoldaten, Bumerli, der Pralinen statt Patronen in seinem Gurt hatte, sie grosszügig an die Damen verteilte, denen dies wiederum Grund genug zu sein schien, sich in ihn zu verlieben. Die Musik war zwar ganz schön gewesen, aber weder ihm noch Fiona war die Künstlichkeit von Operettensängern vertraut, so dass sie auch während tragisch gemeinten Arien einander nicht ansehen konnten, ohne zu prusten. Die Leute um sie herum begannen sich zu ärgern, zischten und warfen ihnen böse Blicke zu. Als er gegen Ende des zweiten Aktes besonders heftig lachen musste, wollte sie ihn auf den Mund küssen. Sie stiessen mit den Zähnen zusammen und lachten nun beide. Da war es klar, dass sie gehen mussten. Diesen Moment wollte er für immer festhalten in seiner Erinnerung.
Und es gab noch andere, er ahnte eine Verbindung zwischen den Erlebnissen mit Fiona, die sich besonders tief in sein Inneres hineingewühlt hatten. Es waren Augenblicke, die ihm eigentlich hätten peinlich sein müssen, an deren Anfang die Scham bereits darauf lauerte, von ihm Besitz zu ergreifen. Wo er die Kontrolle verloren hatte und keine Möglichkeit sah, sie zurückzugewinnen. Wie jetzt auch, wo sich ihm ein geradezu lächerliches Bild aufdrängte. Er stösst eine Karrette vor sich hin, wie zuhause für den Mist, darin sitzt er selber, so, wie ihn die andern sehen, oder sehen sollten. Ein ruhiger, junger Mann, der seine Pflichten und seine Verantwortung kennt. Der vielleicht nicht sehr viel kann und weiss, aber das richtig. Und da kommt das Gefährt in Schieflage, kippt von der Planke, und alles taumelt und stürzt. Und hat nichts mehr vor sich, was ihn schützt, was die Blicke der andern von ihm ablenken könnte, der nun wie nackt dasteht.
Wie konnte es sein, dass Fiona ihn daraus rettete, wie wenn es nichts bedeuten würde, wie wenn sie die Peinlichkeit nicht sähe, oder nicht sehen wollte. Ja, sich gerade in solchen Momenten ihm zuwandte mit besonderer Zärtlichkeit, manchmal ernst, zuweilen aber auch offen belustigt. Warum wurde er durch ihr Lachen nicht zutiefst verletzt, wie erreichte sie es, ihn sogar anzustecken. Ihn einzuladen, sich mit ihr darüber zu freuen, dass man, schutzlos, nicht vernichtet, sondern geliebt wurde.
Am Abend von Thanksgiving waren sie in der engen, aber behaglichen Wohnung der O'Fallans angekommen, wo es schon wunderbar nach dem Truthahn roch, der im Ofen schmorte. Kuiwa kündigte an, dass sie noch Margaret eingeladen habe für das Essen.
"Ah, wunderbar!", hatte Fiona gesagt. "Wie geht es ihr?"
"Gut", antwortete Kuiwa, "sie wohnt noch immer ganz in der Nähe, in Timberloin, unterrichtet in der Schule an der Mulberry Street, in Soho. Es muss hart sein, aber es gefällt ihr dort."
Als Margaret vor ihm stand, wusste Jules nicht, wo er hinschauen sollte. Und als sie ihm die Hand gab und sich vorstellte, brachte er keinen Ton heraus. Warum hatte ihm niemand gesagt, dass sie schwarz war? Die ganze Zeit, seit er in Amerika war, hatte er kaum ein Wort gewechselt mit schwarzen Menschen. Er hatte gehört, dass sie in gewissen Quartieren der Stadt in der Mehrzahl waren, aber dort, wo er sich bewegt hatte, sah er sie meist einzeln oder in kleinen Gruppen. Und er hatte nichts mit ihnen zu tun gehabt. In Ohio hatten sie Laub gewischt auf Strassen und in Vorgärten. Oder sie wurden in Lastwagen auf die Felder gekarrt. Auch hier in der Stadt sah sie Jules meist in untergeordneten Tätigkeiten, als Bauarbeiter, Strassenfeger, Dienstmädchen. Im Club waren Schwarze gänzlich unsichtbar gewesen. Vielleicht hatte es welche gegeben in den Kellergeschossen, als Wäscherinnen oder Heizer, aber er hatte sie nie gesehen. Wie sich gewisse Clubmitglieder über scharze Menschen ausliessen, hatte ihn an die schlimmsten Tiraden in den heimatlichen Kneipen erinnert, gegen Zigeuner, über Fremde, woher auch immer. Und natürlich war auch immer wieder über den Aufstand von 1900 gesprochen worden wie über eine Gefahr, die immer noch da war, wobei die Clubmitglieder die Schuld an dem Konflikt ausschliesslich den negros zuschoben. Estève hatte ihm einmal eine halbe Nacht lang dargelegt, wie es wirklich gewesen sei.
Margaret stand noch immer vor ihm und wartete darauf, dass er seinen Namen sage. Fiona hatte seine Verlegenheit bemerkt, stellte sich an seine Seite und hängte sich bei ihm ein.
"Das ist unser Jules, liebe Margaret. Aus der Schweiz."
Erst jetzt konnte Jules grüssen, und Margarets fröhliche Offenheit machte es ihm leicht, sich langsam zu entspannen. Im Laufe des Abends kamen die Frauen zu Jules' Schrecken auf diesen Moment zurück und sprachen darüber, als würden sie ein vor langer Zeit begonnenes Gespräch fortführen. Margaret fand, weisse Menschen würden nach solchen Vorfällen leider zu selten Scham verspüren, dabei könne diese, wie jetzt bei Jules, dabei helfen, die Wirklichkeit so zu sehen wie sie leider sei, und wie sie verändert werden müsse. Es war schmerzhaft für Jules, auf diese Weise zum Gegenstand des Gesprächs zu werden, aber auch neu und aufregend, über das eigene Verhalten auf eine Weise reden zu hören, die nicht nur einen, sondern viele Wege aufzeigte, es anders, besser zu machen. Wenn beichten so ginge, dachte er.
"Hat eigentlich jemand ein lobendes Wort für den Truthahn übrig?", hatte Liam gefragt, und man beschloss, jetzt erst einmal anzustossen und das Essen zu geniessen. Jules spürte, wie Fiona ihn ansah. Als er ihren Blick erwiderte, hatte sie das Glas noch einmal gehoben und leise gesagt: "Auf dich!"
Liam und er hatte nicht sehr viel beitragen können zu den oft hitzigen Gesprächen der Frauen an jenem Abend. Kuiwa war eine überzeugte Suffragete, aktiver in der Bewegung noch als Florent Stöcklis Frau Alice, wie es schien. Als sie auf die Suffrage Parade vom Februar vor zwei Jahren zu sprechen kam, auf Maud Malones Ansatz des frechfröhlichen öffentlichen Protests, wusste Jules wenigstens, wovon sie redete. Er hatte diesen Marsch für das Frauenstimmrecht gesehen, war sogar ein Stück weit mitgegangen, denn die grosse Mehrheit der Menschen in dem Umzug waren Männer gewesen. Am Anfang hatte er gar nicht begriffen, worum es ging, bis er kleine Grüppchen von Frauen entdeckte, die mittendrin marschierten, ab und zu Forderungen nach dem Stimm- und Wahlrecht skandierten, die meisten wirkten fröhlich, als hätten sie den Kampf schon gewonnen. Längst nicht alle der mitlaufenden Männer gingen mit den Frauen einig, das war deutlich zu sehen, viele machten sich lustig, oder sahen in dem Ganzen einfach einen Anlass, etwas Aufregendes zu erleben. Ohne es zu wollen, und wohl auch ohne es zu verstehen, verliehen sie dem Marsch der Suffrageten aber eine beeindruckende Wucht, dass musste Jules zugeben. Und die Wirkung konnte man am nächsten Tag an den Bildern und Schlagzeilen ermessen. Viele Kommentare lobten die Schlauheit der Frauen, die durch eine aussergewöhnliche und dabei friedliche Form, ihre Forderungen zu äussern, die Öffentlichkeit für sich gewonnen hätten. Margaret stand den Bemühungen weisser Suffrageten, die in letzer Zeit vermehrt versuchten, Gruppierungen schwarzer Frauen in ihre Bewegung zu integrieren, sehr skeptisch gegenüber. Sie fand, der Kampf um Gleichbereichtigung der schwarzen Bevölkerung, schwarzer Männer, Frauen und Kinder, habe Vorrang vor demjenigen für das Frauenstimmrecht, während Fiona und Kuiwa der Meinung waren, die Einführung des Frauenstimmrechts könne auch die Sache der farbigen Menschen voranbringen. Sie waren sich nicht einig geworden an dem Abend.
Und da ist der Samstag Abend, an dem sie tanzen gehen wollten. Steht er vor der Wohnung der O'Fallans, diesmal mit Blumenstrauss. Fiona öffnet die Tür, steht vor ihm in Unterwäsche, sommersprossige Haut, weisse Spitzen, dunkle Strümpfe. Sie zieht ihn lachend hinein und schliesst die Tür. Dreht sich um und lehnt sich dagegen.
"Na? – Wir sind allein, keine Angst."
"Ja, das sieht man."
Er versucht, einen klaren Kopf zu bewahren. Was geschieht jetzt? Ein grosses Durcheinander, ein Doppelleib, verwickelt in sich selber, in Bändel, Häkchen, Stoffröhren, Haare, Kissen. Das schnauft und zittert, schaukelt und fällt, lacht und weint. Pendelt aus, und rollt auseinander. Und dann? Sagt sie, in fröhlichem Ton:
"Ist nichts passiert! Wir haben gut aufgepasst."
Wie soll er das jemals vergessen? Aus dem Tanzabend war nichts geworden. Sie halfen einander beim Anziehen wie zwei Kinder. Jules schnürte zum ersten Mal in seinem Leben ein Korsett, "nicht so fest!", und dann waren sie, eng aneinander geschmiegt, durch die nächtliche Midtown spaziert, fanden irgendwo ein Lokal, in dem sie sitzen konnten, und trinken. Und reden.
Am Sonntag Nachmittag, als sich der Abschied näherte, hatte sich Jules' Magen wieder gemeldet. Sie waren spazieren gegangen im Riverside Park, Fiona sollte am Abend wieder nordwärts nach Hartsdale fahren, Jules würde schon am Dienstag das Schiff besteigen. Noch konnten sie sich gemeinsam an die vergangenen Tage erinnern. Fiona spürte Jules drohende Niedergeschlagenheit und versuchte, ihn durch kleine Spässe aufzuheitern. Als ihnen zwei Damen in sehr engen hobble skirts entgegentrippelten, verlangte Fiona Jules' Krawatte, band sie sich unterhalb der Knie um die Beine und imitierte den durch die Mode behinderten Gang der Frauen auf so witzige Weise, dass Jules seinen Kummer für den Moment vergass. Es war ungewöhnlich warm, sie setzten sich in der Sonne auf eine Bank, sie hatte seinen Arm genommen und ihn sich um die Schulter gelegt. Sie waren davor am Grab des amiable child vorbeigekommen, ein Parkbesucher erzählte ihnen ungefragt die Geschichte dazu. Von einem Jungen, der mit fünf Jahren zu Tode gestürzt war, und dem sein Vater in der Nähe des Unfallortes, damals, im achtzehnten Jahrhundert, noch auf dem Familiengrundstück, eine kleine Gedenkstätte errichtet hatte. Fiona war von Mitgefühl mit den doch so lange verstorbenen Eltern des Kindes überwältigt worden und hatte tatsächlich ein paar Tränen verdrückt, was wiederum für Jules eine Gelegenheit gewesen war, sie in die Arme zu nehmen und zu trösten. Als nun eine Pause entstand, begann Jules zu erzählen, dass ein Jahr vor seiner Geburt ein kleiner Bruder gestorben sei, mit nur drei Monaten, an Keuchhusten. Dieser habe auch Jules geheissen. Fiona blieb still. Jules sah sie von der Seite her an. Ihre Stirn war gerunzelt und sie sah ins Leere. Er liess sie nachdenken. Schliesslich begann sie, mehr zu sich selbst:
"Dann warst du ein Ersatzkind. Ich kannte mindestens zwei solche bei uns im Dorf."
Dann, nach einer weiteren Pause:
"Dass Eltern nach dem Verlust eines Kindes bald wieder eines haben möchten, die Lücke schliessen wollen, kann ich verstehen. Aber warum ihm denselben Namen geben? Man kann ein Kind nicht durch ein anderes ersetzen, oder? Was fühlt ein Kind, wenn es merkt, dass es ein Ersatz sein soll, nur ein Ersatz. Hast du das gemerkt?"
Darüber hatte Jules schon oft nachgedacht.
"Ich glaube, ich habe manchmal gemerkt, wenn Maman von mir sprach, also, ich meinte, sie spreche von mir, weil sie sagte, Jules hat dies gemacht oder jenes, dass es nicht um mich ging. Vielleicht, weil sie mich dazu nicht anschaute."
"Machte es dich traurig?"
"Ich verstand es nicht. Vielleicht wurde ich traurig, weil sie traurig schien, ja."
Und da hatte er es aussprechen können.
"Jetzt bin ich traurig. Ich vermisse dich schon. Wirst du auf mich warten?"
Jules sah aufs vorbeiziehend Meer hinaus und versuchte, an Cornol, an die kommenden Tage mit den Eltern und mit seinen Schwestern zu denken. Aber Fiona schob sich wieder zwischen seine Gedanken, die Pause, die nach seiner Frage entstanden war, dann die Antwort. "Werden wir in Amerika bleiben? Oder werden wir zu unseren Eltern zurückkehren, wenn sie uns brauchen? Ich weiss nicht, was aus uns werden wird, Jules. – Aber im Januar werde ich noch da sein!"
Wie erwartet, war Edmond nicht glücklich über Jules Entscheidung. Er hatte gerade in letzter Zeit Hinweise bemerkt, und sie an Jules weiter gegeben, die auf eine mögliche bevorstehende Beförderung in eine höhere Funktion, auf eine höhere Stufe der Hierarchie, hindeuteten. Aber nun sei es eben so. Wenn es ihm, Edmond, gelinge, ihn dauerhaft bei wohlhabenden oder, noch besser, reichen Herrschaften unterzubringen, könne es in Zukunft auch sein, dass ihm nach einem Besuch der Eltern die Stelle offen gehalten, ja sogar, im glücklichsten Fall, die Reise bezahlt werde. Er werde schauen, was sich machen liesse. Wenn Jules anfangs Jahr zurückkomme, was er doch sehr hoffe, könne es allerdings sein, dass er sich in New Jersey aufhalte, in Ho Ho Kus. Dort entwickle sich etwas, ein projet, wie er es bezeichnete, das interessant, ja vielversprechend sei. Vielleicht ergebe sich da etwas für Jules. Er werde sich melden, per Telegramm.
Jules kam der Abbruch im Brook recht. Alles, was er dort zu tun hatte, war zur Routine geworden, und auch wenn seine daraus folgende Geschmeidigkeit nun zu einem Aufstieg geführt hätte, musste er sich eingestehen, dass er sich schon länger langweilte. Die Aussicht, bald nach Cornol zu reisen, ohne zu wissen, wann er wieder zurückkehren werde, verstärkte in ihm den Wunsch, Fiona zu sehen. Er war überrascht über die Deutlichkeit dieses Gefühls. Seit er sie auf dem Schiff kennengelernt hatte, war es ihnen nur ein paar wenige Male möglich gewesen, sich zu treffen. Fiona arbeitete die meiste Zeit im Haus der Blums, und wenn sie ihre Herrschaften nach Manhattan begleiten musste, geschah dies ohne Vorankündigung, so dass es Jules unmöglich war, mit seinen Vorgesetzten einen freien Tag auszuhandeln. Am einfachsten war es an allgemeinen Festtagen gewesen, an St. Patricks Day oder über Weihnachten, wobei Fiona an diesen Tagen auch vielen Verpflichtungen gegenüber Freundinnen und Verwandten nachgehen musste. Die Begegnungen hatten Jules immer in Zwiespalt gebracht. Nachdem die grosse Vorfreude, sein Begehren, ein erstes, dann noch ein zweites Mal ins Leere gelaufen waren, weil sie kaum eine ruhige Minute für sich gehabt hatten und Fiona sich in leutseliger Fröhlichkeit mehr ihren Freunden und Bekannten zuwandte als ihm, jedenfalls meinte er das, war er vorsichtig geworden und verbot sich allzu hohe Erwartungen. Dabei war er nicht immer enttäuscht worden, denn Fiona konnte sich auch plötzlich, völlig unvorhersehbar, ihm herzlich, ja sogar zärtlich zuwenden. Wenn er sich an solche Momente erinnerte, wurde Jules von Unruhe ergriffen. Er hatte oft Magenschmerzen, was er bisher nie gekannt hatte. Die körperliche Reaktion verwirrte ihn, weil er den Grund dafür nicht einsah, sein Bauch aber deutlich einen quälenden Schwebezustand missbilligte.
Erst jetzt, wo sich seine Zeit als Diener und Kellner im Club ihrem Ende näherte, gestand er sich ein, dass ihn die Arbeit nicht nur zu langweilen begonnen hatte, sondern ihm auf die Dauer auch nicht gut tat. Er hatte kaum Freunde oder Bekannte, weil er nachts arbeiten und am Tag schlafen musste. Der Umgang mit seinen Arbeitskollegen war im Dienst durch strenge Verhaltensregeln fast gänzlich unterbunden, und sogar bei den Mahlzeiten im Esszimmer der Angestellten ging es, unter den strengen Augen des Hausbutlers, fast so zu wie im Refektorium eines Klosters. Mit einem einzigen Kollegen, mit Estève Sabatier, einem Südfranzosen, der etwa zwei Jahre jünger war, verband Jules eine Beziehung, die er auch Freundschaft genannt hätte. Seit einem halben Jahr, seit dem Weggang seines ersten Zimmergenossen, den er nicht hatte ausstehen können, teilte er mit Estève die Kammer. Dieser hatte die Initiative ergriffen und bei den Vorgesetzten erreicht, dass sie gleichzeitig Dienst tun konnten. Seither redeten sie nach ihrer Schicht oft noch stundenlang, bis einer von ihnen verstummte und einschlief.
Estèves liebstes Thema waren die Frauen, er schien sie sehr gut zu kennen, wobei ihm Jules nicht alle seine Geschichten glaubte. Manches war sicher Prahlerei, aber die Art und Weise, wie er über unscheinbar feine und feinste Verhaltensweisen und Äusserungen seiner weiblichen Bekanntschaften nachdachte, welche Folgerungen er für sein eigenes Verhalten daraus ableitete, wie er dessen Wirkung, die dadurch angeschubste Entwicklung von Liebesbeziehungen beschrieb, übte auf Jules eine starke Anziehung aus, obwohl es ihn gleichzeitig befremdete. Wenn er Estève von sich und Fiona erzählte, hörte dieser aufmerksam zu, stellte ab und zu eine Frage, hörte wieder zu. Nie äusserte er die Art von Sprüchen und Witzen, die Jules von den Männern im Dorf zu hören bekam, wenn es um solche Themen ging. Als er ihm von seinen Bauchschmerzen erzählte, und davon, dass er sich nicht entscheiden könne, fragte Estève:
"Was meinst du damit? Wozu entscheiden? Dass du sie liebst, zumindest in sie verliebt bist, ist ja deutlich sichtbar. Dann sag es ihr halt! Was sie darauf antworten und tun wird, musst du erst mal ihr überlassen. Das ist ungewiss, ja. Aber aus Angst, sie könnte dich zurückweisen, gar nichts zu sagen, macht es nicht einfacher. Dagegen macht dein Bauch mit Recht Aufstand!"
Als Jules dem Sekretär des Brook seinen Plan bekannt gab, Ende November die Eltern im Jura besuchen zu wollen, wurde er sofort ausbezahlt und musste sein Zimmer innerhalb von zwei Tagen räumen. Edmond half ihm, eine günstige Unterkunft zu finden, wieder in Hell's Kitchen, und so hatte Jules plötzlich ein paar ruhige Wochen vor sich, mit viel freier Zeit. Er brauchte einige Tage, um seinen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein wieder an denjenigen normaler Menschen anzupassen. Er hoffte, dass Fiona vor seiner Abreise noch einmal nach Manhattan käme, und dann auch Zeit für ihn fände. Thanksgiving, so dachte er, könnte so eine Gelegenheit werden, also kaufte er sich bei der Schiffahrtsgesellschaft ein Billett für die Überfahrt gleich danach.
Er hatte Glück. Mr. und Mrs. Blum gewährten Fiona über die Festtage drei volle freie Tage. Dazu erlaubten sie ihr, erst am Sonntag Abend nach Hartsdale zurückzukehren. Dann könnten sie noch zusammen die Messe in der St. Patricks Cathedral besuchen, schrieb sie. Ihre Adresse fand er erst, nachdem er ihre Karte nochmals genau angesehen hatte. Sie stand, in winzigen Buchstaben und um neunzig Grad gedreht, in der Mitte: Mr. and Mrs. O'Fallan, 115 W, 33th Str.. Das war die Adresse von Liam, dem jüngsten Bruders von Fionas Mutter. Jules war schon einmal kurz dort gewesen. Er merkte, wie die Vorfreude in ihm hochstieg. Die O'Fallens waren ausserordentlich freundliche Leute. Liams Frau war nicht viel älter als Fiona. An ihren Namen konnte er sich nicht mehr genau erinnern, so etwas wie Kiwa, oder Kuiwa (Caoimhe). Er wusste aber noch, dass der Name ganz anders geschrieben wurde als man ihn aussprach. Sie arbeiteten beide für ein grosses Schneideratelier im Viertel, er als Buchhalter und sie als Näherin. Ihre Wohnung war nicht gross, aber günstig gelegen und bezahlbar. Und da sie kinderlos waren, blieb sogar ein Zimmer frei. Sie waren beide glücklich, wenn sie Besuch hatten, wie Fiona im erzählte, das tröste sie ein wenig darüber hinweg, dass sie keinen Nachwuchs bekommen konnten.
Jules nahm an, dass für Donnertag Abend ein traditionelles Truthahnessen vorgesehen war. Sonntags wollte Fiona mit ihm zur Messe gehen, am Samstag ziemlich sicher in ein Tanzlokal. Also blieb ihm nur der Freitag, um sie mit einem eigenen Vorschlag zu überraschen. Er ging, um Rat bei Estève zu holen, an einem frühen Abend im Club vorbei, in der Hoffnung, seinen Freund zwischen Aufstehen und Arbeitsbeginn zu erwischen. Als er fast vor dem Eingang stand, kam ihm in den Sinn, es wäre besser, nicht selber nach Estève zu fragen. So schnappte er sich einen kleinen Jungen, der gerade einen der Schuhputzer ablösen wollte, die in der Nähe des Clubs auf Kundschaft warteten. Er gab ihm eine Münze, nannte ihm Estèves Namen. Er solle ausrichten, dass jemand auf der Stasse auf ihn warte. Als Jules sah, dass der Bub barfuss war, fragte er den Schuhputzer, ob er dem Kollegen schnell seine Schuhe ausleihen könne. Nachdem auch dieser seinen Teil bekommen hatte, flitzte der Junge, ohne Socken und in viel zu grossen Schuhen, die Eingangstreppe zum Club hoch. Als er vom hinter der Türe wartenden Portier hereingelassen wurde, war Jules sicher, dass seine Botschaft ankommen würde. Er musste eine Weile warten, dann kam zuerst der Junge wieder, ihm zunickend, dann erschien Estève. Er wirkte verschlafen, schien sich aber zu freuen, als er Jules sah, umarmte ihn sogar kurz.
"Du siehst gut aus! The Brook scheint dir nicht zu fehlen."
Jules schüttelte den Kopf und lachte.
"Nein, wirklich nicht. Ich habe ihn schon fast vergessen. Aber dich brauche ich, für einen Rat. Fiona kommt über Thanksgiving."
"Oh, gratuliere! Und was kann ich...?"
Jules sah sofort an Estèves gerunzelter Stirn und fragendem Blick, dass dieser sich falsche Vorstellungen darüber machte, wozu seine Kenntnisse gefragt waren. Er bereute es schon, hierher gekommen zu sein. Und obwohl er vorhatte, seine Frage nach einer passenden Abendunterhaltung kühl vorzubringen, spürte er, wie ihm die Röte in die Wangen stieg.
"Wohin würdest du eine Frau ausführen, am Freitag Abend nach Thanksgiving?"
Estève war verdutzt. Dann musste er selber lachen über sein Missverständnis.
"Ach so! Ehm..."
Wieder lachte er laut heraus. Dann sagte er, betont sachlich:
"Ich würde ins Theater gehen mit ihr. Davor, und vielleicht auch nochmals danach, etwas Kleines essen gehen. Trinken erst nachher, sonst schlaft ihr ein, wenn das Stück schlecht ist. Es wird da eine operetta gezeigt, 'The Chocolate Soldier', im Casino Theater, die wollen alle sehen. Und..., gerade fällt mir ein, darin kommt ein Schweizer vor, der den Damen den Kopf verdreht. Das würde doch passen? Die Handlung muss ziemlich wirr und kompliziert sein, aber die Musik sei gut."
Jules hat Zweifel, ob dies das Richtige sei, trotzdem fragt er nach:
"Bekommt man da noch Tickets? Wo kauft man die?"
"Ja, das ist ja erst in zwei Wochen, da sollten noch Plätze frei sein. Es läuft schon eine ganze Weile. Die Tickets kannst du direkt beim Theater kaufen, ich glaube, ab dem frühen Nachmittag ist der Kiosk geöffnet. Da bekommst du auch ein Programmheft."
Am Morgen vor Thanksgiving wachte Jules sehr früh auf. Er meinte, gar nie richtig geschlafen zu haben in dieser Nacht, auch sein Magen begann wieder zu drücken. Obwohl es noch dunkel war, stand er auf und füllte sich im Bad den grossen Krug mit frischem Wasser. Dann zog er sich nackt aus und wusch sich sorgfältig mit der Seife, die er am Vortag gekauft hatte. Er war froh, die Verkäuferin darauf hingewiesen zu haben, dass die Seife für ihn selber sei, und dass sie ihm eine ausgesucht hatte, die für einen Mann wie ihn passe, wie sie versicherte. Nun kam ihm der Duft ziemlich blumig vor, und er musste den Gedanken beisseite schieben, was man in Cornol sagen würde, wenn er so unter die Leute ginge. Er betrachtete im Spiegel seinen Körper, der ihm mager vorkam, und fragte sich, ob er schon ein bisschen älter, männlicher aussah als früher, als zuhause. Als er sah, wie sich Brust und Arme mit Hühnerhaut überzogen, wandte er sich ab und begann sich anzuziehen. Er hatte sich ein paar Hemden waschen und bügeln lassen, Jacke und Hose seines Anzugs ausgelüftet und gebürstet. Er probierte mehrmals, die Krawatte so zu binden, wie es momentan Mode war, mit einem kleinen Knoten, der zwischen den Kragenspitzen fast verschwinden sollte, darunter die Krawatte wie zufällig verdreht. Nach dem dritten missglückten Versuch band er sie so, wie er es gewohnt war. Er faltete ein Taschentuch wie Marie es ihm gezeigt hatte, und steckte es sorgfältig in die Brusttasche, so tief, bis nur ein schmaler Streifen sichtbar blieb. Als ihm einfiel, dass er die Schuhe nochmals hatte putzen wollen, zog er die Hose wieder aus, setzte sich, auf dem Schoss eine ausgebreitete Zeitung, auf den Stuhl, salbte seine Schuhe dick mit Crème ein und polierte sie anschliessend mit Bürste und Lappen, bis sich das kleine Zimmer in den Kappen spiegelte.
Er war viel zu früh an der Grand Central Station und überlegte, ob er noch einen Kaffee trinken sollte, entschied sich aber dagegen. Als ihm ein kleines Mädchen einen Blumenstrauss verkaufen wollte, zögerte er einen Moment, bevor er ablehnte, und wurde sie erst wieder los, als er anhielt, ihr direkt in die Augen sah und streng wiederholte, no thank you!
Als Fionas Zug einfuhr, wurde die Halle erfüllt von dicken Schwaden aus Rauch und Dampf, die aussteigenden Passagiere beeilten sich mit zusammengekniffenen Augen, zum Ausgangsgitter zu gelangen. Als Fiona plötzlich vor ihm stand, wurde ihm bewusst, dass er sie ganz anders in Erinnerung gehabt hatte. Eine Dame, dachte er. Aber sie liess ihm keine Zeit, streckte ihre Arme zur Seite und liess theatralisch die Taschen auf den Bahnsteig fallen. Den riesigen Hut, der auf den hochgesteckten Haaren ruhte, holte sie mit einer lässigen Bewegung herunter, dann, als sie sein sprachloses Staunen bemerkte, hielt sie den Kopf schräg, lachte ihn an und sagte, überraschend leise:
"Hello? – Jules?"
Jules erwachte aus seiner Erstarrung. Er trat auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte sie vorsichtig an sich. Sie hob ihr Kinn und schaute ihm erwartungsvoll in die Augen. Als er ihr zaghaft ein Küsschen auf jede Wange drücken wollte, nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände, zog ihn zu sich heran und drückte ihre Lippen fest auf seine.
"Mhm, du riechst gut!", stellte sie anerkennend fest.
Du auch, wollte er sagen.
"Bist du gut gereist?", fragte er stattdessen.
Als Jules eine knappe Woche später mit dem Dampfschiff nach Europa fuhr, befand er sich noch immer in einem Zustand glückseliger Benommenheit. Während der drei Tage mit Fiona hatte er sein Zeitgefühl verloren, und er war sicher, dass er die ganze Dauer der Reise brauchen würde, um über die Fülle der Eindrücke nachzudenken. Er wollte auf dem Schiff möglichst mit niemandem reden, sich wieder einrenken und zur Ruhe kommen. Denn in dieser Verfassung, in der er sich fühlte, konnte er nicht im Dorf erscheinen, das war ihm klar. Man würde ihn für verrückt halten, durch den Aufenthalt in Amerika verdorben und verloren, oder, noch schlimmer, ihm von weitem ansehen, wie verliebt er war.
In seine Erinnerungen an das, was er mit Fiona erlebt hat, mischten sich immer wieder absurde Handlungsfetzen der Operette, die er mit ihr im Casino Theater gesehen hatte. Fiona sah unglaublich schön aus an dem Abend, in einem ausgeliehenen Abendkleid, er war so stolz gewesen und gleichzeitig befangen, weil er sich neben ihr wie ein Bauer vorkam, der er ja auch war. Sie hatten zwei Akte lang versucht, nicht zu laut zu lachen, über die vollkommen unwahrscheinliche Geschichte, den Namen des Schweizer Schokoladesoldaten, Bumerli, der Pralinen statt Patronen in seinem Gurt hatte, sie grosszügig an die Damen verteilte, denen dies wiederum Grund genug zu sein schien, sich in ihn zu verlieben. Die Musik war zwar ganz schön gewesen, aber weder ihm noch Fiona war die Künstlichkeit von Operettensängern vertraut, so dass sie auch während tragisch gemeinten Arien einander nicht ansehen konnten, ohne zu prusten. Die Leute um sie herum begannen sich zu ärgern, zischten und warfen ihnen böse Blicke zu. Als er gegen Ende des zweiten Aktes besonders heftig lachen musste, wollte sie ihn auf den Mund küssen. Sie stiessen mit den Zähnen zusammen und lachten nun beide. Da war es klar, dass sie gehen mussten. Diesen Moment wollte er für immer festhalten in seiner Erinnerung.
Und es gab noch andere, er ahnte eine Verbindung zwischen den Erlebnissen mit Fiona, die sich besonders tief in sein Inneres hineingewühlt hatten. Es waren Augenblicke, die ihm eigentlich hätten peinlich sein müssen, an deren Anfang die Scham bereits darauf lauerte, von ihm Besitz zu ergreifen. Wo er die Kontrolle verloren hatte und keine Möglichkeit sah, sie zurückzugewinnen. Wie jetzt auch, wo sich ihm ein geradezu lächerliches Bild aufdrängte. Er stösst eine Karrette vor sich hin, wie zuhause für den Mist, darin sitzt er selber, so, wie ihn die andern sehen, oder sehen sollten. Ein ruhiger, junger Mann, der seine Pflichten und seine Verantwortung kennt. Der vielleicht nicht sehr viel kann und weiss, aber das richtig. Und da kommt das Gefährt in Schieflage, kippt von der Planke, und alles taumelt und stürzt. Und hat nichts mehr vor sich, was ihn schützt, was die Blicke der andern von ihm ablenken könnte, der nun wie nackt dasteht.
Wie konnte es sein, dass Fiona ihn daraus rettete, wie wenn es nichts bedeuten würde, wie wenn sie die Peinlichkeit nicht sähe, oder nicht sehen wollte. Ja, sich gerade in solchen Momenten ihm zuwandte mit besonderer Zärtlichkeit, manchmal ernst, zuweilen aber auch offen belustigt. Warum wurde er durch ihr Lachen nicht zutiefst verletzt, wie erreichte sie es, ihn sogar anzustecken. Ihn einzuladen, sich mit ihr darüber zu freuen, dass man, schutzlos, nicht vernichtet, sondern geliebt wurde.
Am Abend von Thanksgiving waren sie in der engen, aber behaglichen Wohnung der O'Fallans angekommen, wo es schon wunderbar nach dem Truthahn roch, der im Ofen schmorte. Kuiwa kündigte an, dass sie noch Margaret eingeladen habe für das Essen.
"Ah, wunderbar!", hatte Fiona gesagt. "Wie geht es ihr?"
"Gut", antwortete Kuiwa, "sie wohnt noch immer ganz in der Nähe, in Timberloin, unterrichtet in der Schule an der Mulberry Street, in Soho. Es muss hart sein, aber es gefällt ihr dort."
Als Margaret vor ihm stand, wusste Jules nicht, wo er hinschauen sollte. Und als sie ihm die Hand gab und sich vorstellte, brachte er keinen Ton heraus. Warum hatte ihm niemand gesagt, dass sie schwarz war? Die ganze Zeit, seit er in Amerika war, hatte er kaum ein Wort gewechselt mit schwarzen Menschen. Er hatte gehört, dass sie in gewissen Quartieren der Stadt in der Mehrzahl waren, aber dort, wo er sich bewegt hatte, sah er sie meist einzeln oder in kleinen Gruppen. Und er hatte nichts mit ihnen zu tun gehabt. In Ohio hatten sie Laub gewischt auf Strassen und in Vorgärten. Oder sie wurden in Lastwagen auf die Felder gekarrt. Auch hier in der Stadt sah sie Jules meist in untergeordneten Tätigkeiten, als Bauarbeiter, Strassenfeger, Dienstmädchen. Im Club waren Schwarze gänzlich unsichtbar gewesen. Vielleicht hatte es welche gegeben in den Kellergeschossen, als Wäscherinnen oder Heizer, aber er hatte sie nie gesehen. Wie sich gewisse Clubmitglieder über scharze Menschen ausliessen, hatte ihn an die schlimmsten Tiraden in den heimatlichen Kneipen erinnert, gegen Zigeuner, über Fremde, woher auch immer. Und natürlich war auch immer wieder über den Aufstand von 1900 gesprochen worden wie über eine Gefahr, die immer noch da war, wobei die Clubmitglieder die Schuld an dem Konflikt ausschliesslich den negros zuschoben. Estève hatte ihm einmal eine halbe Nacht lang dargelegt, wie es wirklich gewesen sei.
Margaret stand noch immer vor ihm und wartete darauf, dass er seinen Namen sage. Fiona hatte seine Verlegenheit bemerkt, stellte sich an seine Seite und hängte sich bei ihm ein.
"Das ist unser Jules, liebe Margaret. Aus der Schweiz."
Erst jetzt konnte Jules grüssen, und Margarets fröhliche Offenheit machte es ihm leicht, sich langsam zu entspannen. Im Laufe des Abends kamen die Frauen zu Jules' Schrecken auf diesen Moment zurück und sprachen darüber, als würden sie ein vor langer Zeit begonnenes Gespräch fortführen. Margaret fand, weisse Menschen würden nach solchen Vorfällen leider zu selten Scham verspüren, dabei könne diese, wie jetzt bei Jules, dabei helfen, die Wirklichkeit so zu sehen wie sie leider sei, und wie sie verändert werden müsse. Es war schmerzhaft für Jules, auf diese Weise zum Gegenstand des Gesprächs zu werden, aber auch neu und aufregend, über das eigene Verhalten auf eine Weise reden zu hören, die nicht nur einen, sondern viele Wege aufzeigte, es anders, besser zu machen. Wenn beichten so ginge, dachte er.
"Hat eigentlich jemand ein lobendes Wort für den Truthahn übrig?", hatte Liam gefragt, und man beschloss, jetzt erst einmal anzustossen und das Essen zu geniessen. Jules spürte, wie Fiona ihn ansah. Als er ihren Blick erwiderte, hatte sie das Glas noch einmal gehoben und leise gesagt: "Auf dich!"
Liam und er hatte nicht sehr viel beitragen können zu den oft hitzigen Gesprächen der Frauen an jenem Abend. Kuiwa war eine überzeugte Suffragete, aktiver in der Bewegung noch als Florent Stöcklis Frau Alice, wie es schien. Als sie auf die Suffrage Parade vom Februar vor zwei Jahren zu sprechen kam, auf Maud Malones Ansatz des frechfröhlichen öffentlichen Protests, wusste Jules wenigstens, wovon sie redete. Er hatte diesen Marsch für das Frauenstimmrecht gesehen, war sogar ein Stück weit mitgegangen, denn die grosse Mehrheit der Menschen in dem Umzug waren Männer gewesen. Am Anfang hatte er gar nicht begriffen, worum es ging, bis er kleine Grüppchen von Frauen entdeckte, die mittendrin marschierten, ab und zu Forderungen nach dem Stimm- und Wahlrecht skandierten, die meisten wirkten fröhlich, als hätten sie den Kampf schon gewonnen. Längst nicht alle der mitlaufenden Männer gingen mit den Frauen einig, das war deutlich zu sehen, viele machten sich lustig, oder sahen in dem Ganzen einfach einen Anlass, etwas Aufregendes zu erleben. Ohne es zu wollen, und wohl auch ohne es zu verstehen, verliehen sie dem Marsch der Suffrageten aber eine beeindruckende Wucht, dass musste Jules zugeben. Und die Wirkung konnte man am nächsten Tag an den Bildern und Schlagzeilen ermessen. Viele Kommentare lobten die Schlauheit der Frauen, die durch eine aussergewöhnliche und dabei friedliche Form, ihre Forderungen zu äussern, die Öffentlichkeit für sich gewonnen hätten. Margaret stand den Bemühungen weisser Suffrageten, die in letzer Zeit vermehrt versuchten, Gruppierungen schwarzer Frauen in ihre Bewegung zu integrieren, sehr skeptisch gegenüber. Sie fand, der Kampf um Gleichbereichtigung der schwarzen Bevölkerung, schwarzer Männer, Frauen und Kinder, habe Vorrang vor demjenigen für das Frauenstimmrecht, während Fiona und Kuiwa der Meinung waren, die Einführung des Frauenstimmrechts könne auch die Sache der farbigen Menschen voranbringen. Sie waren sich nicht einig geworden an dem Abend.
Und da ist der Samstag Abend, an dem sie tanzen gehen wollten. Steht er vor der Wohnung der O'Fallans, diesmal mit Blumenstrauss. Fiona öffnet die Tür, steht vor ihm in Unterwäsche, sommersprossige Haut, weisse Spitzen, dunkle Strümpfe. Sie zieht ihn lachend hinein und schliesst die Tür. Dreht sich um und lehnt sich dagegen.
"Na? – Wir sind allein, keine Angst."
"Ja, das sieht man."
Er versucht, einen klaren Kopf zu bewahren. Was geschieht jetzt? Ein grosses Durcheinander, ein Doppelleib, verwickelt in sich selber, in Bändel, Häkchen, Stoffröhren, Haare, Kissen. Das schnauft und zittert, schaukelt und fällt, lacht und weint. Pendelt aus, und rollt auseinander. Und dann? Sagt sie, in fröhlichem Ton:
"Ist nichts passiert! Wir haben gut aufgepasst."
Wie soll er das jemals vergessen? Aus dem Tanzabend war nichts geworden. Sie halfen einander beim Anziehen wie zwei Kinder. Jules schnürte zum ersten Mal in seinem Leben ein Korsett, "nicht so fest!", und dann waren sie, eng aneinander geschmiegt, durch die nächtliche Midtown spaziert, fanden irgendwo ein Lokal, in dem sie sitzen konnten, und trinken. Und reden.
Am Sonntag Nachmittag, als sich der Abschied näherte, hatte sich Jules' Magen wieder gemeldet. Sie waren spazieren gegangen im Riverside Park, Fiona sollte am Abend wieder nordwärts nach Hartsdale fahren, Jules würde schon am Dienstag das Schiff besteigen. Noch konnten sie sich gemeinsam an die vergangenen Tage erinnern. Fiona spürte Jules drohende Niedergeschlagenheit und versuchte, ihn durch kleine Spässe aufzuheitern. Als ihnen zwei Damen in sehr engen hobble skirts entgegentrippelten, verlangte Fiona Jules' Krawatte, band sie sich unterhalb der Knie um die Beine und imitierte den durch die Mode behinderten Gang der Frauen auf so witzige Weise, dass Jules seinen Kummer für den Moment vergass. Es war ungewöhnlich warm, sie setzten sich in der Sonne auf eine Bank, sie hatte seinen Arm genommen und ihn sich um die Schulter gelegt. Sie waren davor am Grab des amiable child vorbeigekommen, ein Parkbesucher erzählte ihnen ungefragt die Geschichte dazu. Von einem Jungen, der mit fünf Jahren zu Tode gestürzt war, und dem sein Vater in der Nähe des Unfallortes, damals, im achtzehnten Jahrhundert, noch auf dem Familiengrundstück, eine kleine Gedenkstätte errichtet hatte. Fiona war von Mitgefühl mit den doch so lange verstorbenen Eltern des Kindes überwältigt worden und hatte tatsächlich ein paar Tränen verdrückt, was wiederum für Jules eine Gelegenheit gewesen war, sie in die Arme zu nehmen und zu trösten. Als nun eine Pause entstand, begann Jules zu erzählen, dass ein Jahr vor seiner Geburt ein kleiner Bruder gestorben sei, mit nur drei Monaten, an Keuchhusten. Dieser habe auch Jules geheissen. Fiona blieb still. Jules sah sie von der Seite her an. Ihre Stirn war gerunzelt und sie sah ins Leere. Er liess sie nachdenken. Schliesslich begann sie, mehr zu sich selbst:
"Dann warst du ein Ersatzkind. Ich kannte mindestens zwei solche bei uns im Dorf."
Dann, nach einer weiteren Pause:
"Dass Eltern nach dem Verlust eines Kindes bald wieder eines haben möchten, die Lücke schliessen wollen, kann ich verstehen. Aber warum ihm denselben Namen geben? Man kann ein Kind nicht durch ein anderes ersetzen, oder? Was fühlt ein Kind, wenn es merkt, dass es ein Ersatz sein soll, nur ein Ersatz. Hast du das gemerkt?"
Darüber hatte Jules schon oft nachgedacht.
"Ich glaube, ich habe manchmal gemerkt, wenn Maman von mir sprach, also, ich meinte, sie spreche von mir, weil sie sagte, Jules hat dies gemacht oder jenes, dass es nicht um mich ging. Vielleicht, weil sie mich dazu nicht anschaute."
"Machte es dich traurig?"
"Ich verstand es nicht. Vielleicht wurde ich traurig, weil sie traurig schien, ja."
Und da hatte er es aussprechen können.
"Jetzt bin ich traurig. Ich vermisse dich schon. Wirst du auf mich warten?"
Jules sah aufs vorbeiziehend Meer hinaus und versuchte, an Cornol, an die kommenden Tage mit den Eltern und mit seinen Schwestern zu denken. Aber Fiona schob sich wieder zwischen seine Gedanken, die Pause, die nach seiner Frage entstanden war, dann die Antwort. "Werden wir in Amerika bleiben? Oder werden wir zu unseren Eltern zurückkehren, wenn sie uns brauchen? Ich weiss nicht, was aus uns werden wird, Jules. – Aber im Januar werde ich noch da sein!"
Donnerstag, 25. Februar 2021
For men may come
Nach einem aussergewöhnlich regenreichen Mai entwickelte sich der Sommer in Sterling schön und trocken, bestimmt durch lange Perioden von Hochdrucklagen. Im August häuften sich Tage mit Wind aus Nordwest, der Nebel und Hochnebelfelder mit sich brachte. Ältere Einwohner der Township versicherten, die Anzahl der Nebeltage in Wayne County habe mit dem Ausbau der Stahlwerke in Cleveland zugenommen.
Jules blieb länger bei den Stöcklis als er ursprünglich vorgehabt hatte. Alice hielt ihr Versprechen, ihm dabei zu helfen, ein Diener zu werden. Sie fing damit an, indem sie ihm alle Aufgaben anvertraute, die mit der Führung eines Haushaltes verbunden waren. Obwohl ihrer klein sei, und sie nur eine Kinderfrau, einen Gärtner und, bei grösseren Einladungen, eine Köchin angestellt habe, seien die grundsätzlichen Notwendigkeiten, Aufgaben und Verrichtungen dieselben wie in einem grossen, reichen Haus mit einem Dutzend Angestellten. Er müsse nur seine Phantasie benützen, um die Verhältnisse im Massstab den Anforderungen künftiger Arbeitsorte anzupassen.
Und so lernte Jules, zu seinem Erstaunen leicht und schnell, wie man wäscht, bleicht und bügelt, wie man einfache und festliche Gerichte zubereitet, wie man den Tisch im Alltag deckt und für Gäste dekoriert. Er wurde ein Meister im Putzen von Silber, liess sich zeigen, wie Kleider ausgelüftet und gebügelt, Schuhe geputzt, Zeitungen und Zigarren zurechtgelegt werden mussten, damit ein Herr mit seinem valet zufrieden sei. Den Einwand, dass er sich ja kaum als Koch werde empfehlen können, oder auch nicht den Wäscherinnen die Arbeit wegnehmen wolle, liess sie nicht gelten.
"Du musst alles kennen, und einen grossen Teil auch selber ausführen können. Nur so verstehst du das grosse Ganze, die Zusammenhänge. Nur so machst du dich unentbehrlich, und darum geht es. Du musst einer werden, auf den man nicht verzichten will. Man kann dich zu jeder Zeit und unter jedem Vorwand feuern, also musst du deiner Abhängigkeit dadurch begegnen, dass du die Herrschaften von dir abhängig machst."
Im Verlaufe des Sommers wurde Jules von Alice zweimal bei Festivitäten in Sterling als Hilfskraft platziert, und er konnte dabei seine neu erworbenen Fertigkeiten erproben, unter Bedingungen des Ernstfalls, wie Alice betonte. Den ersten Auftritt erhielt er, als Kellner, bei einem Abendessen für den Stiftungsrat und die Gönnerinnen der Bibliothek, eine Runde von gegen dreissig Damen und Herren aus Wayne County und Cleveland, darunter der Bürgermeister, ein Senator, eine schwerreiche Witwe, alteingesessene und neureiche Ehepaare aus Sterling, Vertreter der babtistischen Kirche, sowie Direktoren von Schulen. Jules machte seine Sache gut, Alice hatte wenig zu beanstanden. Mit den Damen solle er etwas zurückhaltender umgehen, diese würden seine freundliche Zuwendung zwar schätzen, zumindest zwei der anwesenden Männer hätten jedoch durch Blicke ihre leise Missbilligung ausgedrückt. Einmal habe er von links anstatt von rechts einen leeren Teller abgeräumt, ein bis zweimal zuviel Wein eingeschenkt. Jules war mit der Kritik einverstanden und versprach Nachbesserung.
Bei der zweiten Gelegenheit, einer grossen Sommerparty im Garten des Sommerhauses einer mit den Stöcklis befreundeten Familie, wurde Jules unverhofft zum Grillmeister. Eigentlich hätte er wieder als Kellner servieren sollen, aber der Metzger, der das Fleisch geliefert hatte und es auch braten wollte, rutschte mit dem Messer aus und fügte sich eine tiefe Wunde am linken Daumen bei. Er musste verbunden werden von einem Arzt, der sich zum Glück unter den Gästen befand, konnte allerdings nur mehr eingeschränkt weiter arbeiten. Es entstanden Verschiebungen in Hierachie und Aufgabenbereichen des Personals, und Jules landete zusammen mit einem Gehilfen des Metzgers hinter dem Gartengrill. Er briet den ganzen Abend riesige Steaks, kam selber kaum zum Essen und Trinken, und musste am nächsten Tag seine stinkenden Kleider waschen.
"Hat das gezählt?", fragte er Alice.
"Natürlich, ein Jack of all trades musst du werden, und master of many."
Jules war froh darüber, dass er sich auch sonst in Haus und Garten der Stöcklis nützlich machen und so seinen Aufenthalt zu einem Teil verdienen konnte. Er schnitt den Rasen, mit einem zweirädrigen Gerät, das ihn in seiner Funktionsweise faszinierte. Die Wiese hinter dem Haus sah nach dem Mähen fast so aus, als seien Schafe oder Pferde darauf gewesen, mit sauber abgebissenen Halmen. Fast alle Häuser in Sterling standen auf solchen Weiden, auf denen aber ausser Hunden keine Tiere zu sehen waren. Die Häuser, auch das von Florent und Alice, waren nur darauf ausgelegt, bewohnt zu werden. Es gab kaum Ställe, nur wenige Scheunen, und auch keine Werkstätten im ersten Stock. Wie Florent erzählte, hatten die ersten Autobesitzer ihre Fahrzeuge in den Kutschenhäusern der Fuhrunternehmen eingestellt, gegen Miete, nun wurden Scheunen dafür leer geräumt oder, wer auf sich hielt, baute sich, wie er das getan hatte, eine eigene garage für das Automobil.
Jules bürstete die Nordfassade des Hauses herunter und strich sie wieder, in blendendem Weiss. Er reparierte das Geländer der Vorterrasse, fettete die Scharniere aller Fenster und Türen, kletterte auch mit der Leiter aufs Dach, um die Dachkänel vom Laub zu befreien und, weil er schon einmal oben war, die Kamineinfassung zu putzen und mit Bleimenninge zu streichen. Manchmal arbeitete er mit Henri zusammen, der noch immer zögerte, sich Land zu kaufen. Florent hatte ihm angeboten, seine Obstbäume zu bewirtschaften, die kommende Ernte zu organisieren und durchzuführen. Darüber schien er froh zu sein, er brauchte Zeit.
Florent war im Spätsommer oft nervös wegen seiner Geschäfte an der Börse. Irgendetwas war im Gange, Jules durchschaute nicht alles, worüber man sich als Geldanleger Sorgen machen musste. Soviel er verstand, spielten trust companies eine gefährliche Rolle bei der Entwicklung, weil sie sich, wie Florent beklagte, aufführten wie Banken, aber, weil sie nicht so hiessen, sich nicht an die seit dem letzten Jahr geltenden Gesetze betreffend genügender Geldreserven halten mussten. Bestimmte Namen wurden immer wieder genannt, Augustus und Otto Heinze, zwei Spekulanten, die offenbar versuchten, im Geschäft mit Kupfer die Oberhand zu bekommen, oder Knickerbocker, der merkwürdige Name einer der Gesellschaften.
Jules meinte manchmal Anzeichen dafür zu spüren, es könnte Florent stören, dass sich seine Frau so viel mit ihm und seiner Ausbildung zum Diener beschäftigte. Vielleicht war ihre Kritik an seiner zu geringen Distanz zu den Damen ein feiner Hinweis darauf gewesen, er solle im Umgang mit ihr zurückhaltender sein. Jules kündigte deshalb frühzeitig, bei einem gemeinsamen Nachtessen, seine Rückkehr nach New York an. Im November werde seine Schwester Marie ankommen, zusammen mit einer Gruppe von jungen Auswanderern aus Cornol. Er wolle schon etwas früher wieder in der Stadt sein, um ihr bei der Ankunft behilflich zu sein. Für sich werde er schon etwas finden.
Alice hatte geschwiegen zu seinen Plänen. Beim Kaffee dann holte sie ihr Adressbuch und setzte sich neben Jules.
"Es bleibt noch etwas zu tun. Du brauchst jemanden, der dich für eine gute Stelle empfiehlt, jemand, der sich auskennt und mit entscheidenden Personen vertraut ist. Es gibt zwar viele Agenturen in New York, die Hausangestellte vermitteln, du erkennst sie an den Schildern, auf denen Servants steht, manche Strassenzüge sind voll davon. Aber dort musst du schon bezahlen, damit nur dein Name auf eine endlose Liste gelangt. Ich gebe dir die Adresse von Edmond Jacquelin, einem Franzosen, den wir als Butler bei den Guthries kennengelernt haben. Er hat sich selbstständig gemacht, vermittelt Hausangestellte auf hohem Niveau. Da er von den Herrschaften angefragt wird nach geeigneten Personen, bezahlen sie ihn auch. Dich kostet es nur etwas, wenn du seine Dienste bei der Einführung in deine Aufgaben in Anspruch nimmst. Da kannst du Umfang und Preis mit ihm aushandeln. Ich werde ihm schreiben und ihn bitten, dich unter seine Fittiche zu nehmen."
Jules verliess Sterling anfangs September 1907. Florent brachte ihn mit dem Automobil nach Akron, wo er die neue Bahn der Ohio Electric bestieg und bis Cleveland fuhr. Dort kaufte er sich ein Ticket bis Buffalo, weil er die Niagarafälle anschauen sollte, wie die Stöcklis kategorisch gefunden hatten. Er versprach sich nicht viel davon, dachte aber an Berthe, die es ihm nicht verzeihen würde, sollte er an dieser Attraktion vorbeifahren, ohne ihr eine Karte zu schicken. So wandelte er schliesslich mit vielen andern Besuchern auf den Stegen und Brücken der Goat Island und bewunderte die Horseshoe Falls. Und er musste sich eingestehen, dass er schwer beeindruckt war. Das Rauschen der Wassermassen war überall, es füllte den weiten Raum der Landschaft wie eine Substanz. Wenn Jules sich versuchsweise die Ohren zuhielt, war es immer noch vernehmlich da. Er schaute lange von oberhalb der Fälle zu, wie das Wasser gleichmütig auf die gekrümmte Kante zufloss, beobachtete kleine Enten, die sich gefährlich nahe zum Abgrund hin treiben liessen, um sich erst im letzten Moment, mit wilden Bewegungen von Flügeln und Beinen, zu befreien. Bestieg man eine der Plattformen, die seitlich, auf halber Höhe der Wasserfälle angebracht waren, konnte man sehen, wie sich das Wasser im Sturz zerfledderte, zuerst noch weissen Zöpfen ähnelte, dann in Nebelwolken zerstiebte, welche einmal hierhin, einmal dorthin trieben, alles benetzend. An Kiosken konnte man Ölzeug ausleihen, er hatte das ausgeschlagen und war bald durchnässt. So verzichtete er auf eine Fahrt mit dem kleinen Dampfboot, mit dem klingenden Namen Maid of the Mist, und schaute nur von weitem zu, wie es, wagemutig und vorsichtig zugleich, in die Gischtwolken hineinfuhr, und rückwärts wieder hinaus. Jules kaufte sich ein paar Postkarten mit Briefmarken, setzte sich auf einer Kaffeeterrasse in die Sonne, und schrieb. An seine Schwester Augustine in Basel, an den älteren Bruder im Grenzdienst, ebenfalls in Basel, an Berthe und Clara, Maman und Papa in Cornol. Seine Schrift war ungelenk, er hatte schon länger nicht mehr so viel geschrieben. Die Schwielen an den Händen aber waren fast verschwunden.
Im Oktober 1907 brach die Panik aus. Der Versuch der Heinze-Brüder, die Kontrolle über die United Copper Company zu erlangen, scheiterte. Unzählige Banken, welche das waghalsige Unternehmen finanziert hatten, wurden nun von Kunden bedrängt, die ihre Einlagen zurückforderten. Da aber wiederum fast alle ihre Reserven bei den übermächtigen Banken von John P. Morgan hinterlegt hatten und dieser sich weigerte, die Gelder vor Ende der Turbulenzen herauszugeben, brach ein Chaos aus, das die Kurse an der New Yorker Börse halbierte und die Knickerbocker Trust Company, immerhin die drittgrösste Treuhandgesellschaft der Stadt, in den Abgrund stürzte. Und es kam zu Stürmen auf die Banken. Jules befand sich an einem dieser Tage in der Nähe der Wall Street, als sich die Strassen innert einer Stunde mit tausenden besorgter und wütender Menschen füllte. Man zog vor die Portale der Banken, bei denen man seine Ersparnisse in Sicherheit geglaubt hatte, und wollte sie nun, da alles zusammenzubrechen drohte, zu sich nehmen, irgendwohin bringen, wo kein Durcheinander herrschte. Aber die Banken waren geschlossen, manche der Glasfronten waren mit Brettern zugenagelt worden in Erwartung heftiger Zornesausbrüche der Bevölkerung. Diese verhielt sich aber erstaunlich gefasst, die Polizei konnte im Hintergrund verbleiben, wie Jules feststellte. Man hörte nur die eifrigen, aufgebrachten Stimmen der Menschen, die zwischen den hohen Fassaden widerhallten.
Jules wohnte nun in einem Quartier, in dem es ihm sehr gut gefiel, auch wenn es einen schlechten Ruf hatte: Hell's Kitchen. Er vertiefte seine Fähigkeiten, anderen Menschen zu Diensten zu sein, indem er in einem kleinen Kaffee als Kellner arbeitete. Julien's Crocery and Bakery bot einen kleinen Raum mit fünf sechs Tischen im Hochparterre, das man über eine Eisentreppe erreichte. Dort trafen sich französisch sprechende Auswanderer aus dem Jura und aus Frankreich, und merkwürdigerweise auch Iren, unter denen es sich herumgesprochen hatte, dass man in dem Lokal frisch gebackene Wähen essen könne wie nirgendwo sonst. Jules Gehalt war sehr gering, man ging davon aus, dass er sich um Trinkgeld bemühe und die niedrige Miete für das Zimmerchen unter dem Dach mit in Rechnung stelle. Er war damit zufrieden. Alice hatte ihm geschrieben, dass sich der ehemalige Butler Jacquelin bald bei ihm melden werde, und so sah er seine momentane Tätigkeit als vorübergehend an. Er schrieb Fiona einen für sein Empfinden sehr langen Brief. Und bald sollte Marie ankommen.
Marie hatte ihm geschrieben, dass sie am Martinstag abreisen werde, zusammen mit Cousin Jean Babtiste Crétin, Anaïse Adam und Joseph Grillon, alle aus Cornol. Jules fragte deshalb ein knappe Woche später bei den French Lines nach, wann die Ankunft der Tourraine zu erwarten sei. Im Verlaufe des 18. November, wurde ihm mitgeteilt. Er wollte die kleine Reisegruppe begrüssen, auch wenn zu erwarten war, dass sie gleich nach Ellis Island weiterfahren müssten, weil sie im Zwischendeck reisten. Und so war es dann auch. Seine Schwester sah müde aus, als sie den Gangway herunter schritt. Sie liess sich von ihm umarmen, musste sich an ihm festhalten, weil der Boden unter ihr zu schwanken schien. Drei Tage lang war ihr zum Sterben schlecht gewesen, dann sei es ihr plötzlich wieder gut gegangen. Nun aber, auf dem fest gebauten Pier, erinnerte sich ihr Körper an das Schwanken. Jules war froh, dass sie lachen konnte. Die Passagiere aus dem Zwischendeck wurden von Beamten zur Eile angetrieben, man kontrollierte streng, dass niemand die Schranken durchbrach oder überstieg, welche die Menschen wie eine Schafherde in die Richtung der bereit stehenden Fähren zwang. Man winkte sich zu, Jules rief Marie nochmals den Namen des Kontaktmannes in Erinnerung, bei dem sie sich nach Abschluss des Verfahrens melden sollte. Dann musste sie einsteigen.
Am ersten Sonntag nach der Ankunft der Cornoler kam Jules, zum ersten Mal seit er in Amerika war, wieder zu einem Kirchgang. Wenn das seine Mutter gewusst hätte! Marie fragte zum Glück nicht, sie nahm wohl an, dass er an allen Orten, an denen er sich bisher herumgetrieben hatte, nach einer katholischen Kirche Ausschau gehalten und seine religiösen Pflichten erfüllt habe. Sie hatte als Adresse eine Cousine, Liane Rondez, angegeben, und auch eine Nacht bei ihr in der Kammer verbracht, bei vornehmen Herrschaften, die eine Mansion am Riverside Drive besassen. Nun aber hatte sie eine feste Bleibe im Home Jeanne d'Arc, einer katholischen Einrichtung für alleinstehende Frauen, die am westlichen Teil der vierundzwanzigsten Strasse ein grosses Haus betrieb, in unmittelbarer Nähe zur Kirche St. Vincent de Paul, wo sich die französich sprechenden Katholiken von New York zur Messe, aber auch zu Familienfesten und kulturellen Veranstaltungen trafen. Marie fühlte sich wohl in dieser Umgebung. Auch nach dreieinhalb Jahren sprach sie noch kein Englisch, verstand gerade so viel, wie es an ihrer Arbeitsstelle als Näherin in einer kleinen Manufaktur nötig war. Hier aber, an einem Sonntag in ihrer Kirche, war sie im Element. Als sie sich auf dem Vorplatz der Kirche trafen, und sich wegen dem Läuten der Glocken kaum verständigen konnten, wurde Jules von einem seltsam heimatlichen Gefühl erfasst, das bis ans Ende der Messe anhielt. Das Hochamt, gesungen und gesprochen in vetraut nasalem Lateinisch, die Predigt, in der ein Pfarrer mit rot glänzender Glatze den Gläubigen einschärfte, sich von den Wirrungen des weltlichen Marktes nicht den Kopf verdrehen zu lassen, er erreichte mit rhetorischen Mitteln, dass alle über die Panik nachdachten, ohne dass er sie benennen musste, alles kam ihm kürzer, unterhaltsamer und stimmiger vor, als er es von ähnlichen Veranstaltungen zuhause in Erinnerung gehabt hatte. Von Weihrauch wurde reichlich Gebrauch gemacht, die Choreografie der Messdiener war voraussehbar, aber präzise. Er konnte wieder einmal seine Stimme singen hören, und obwohl er darin nie besonders geschickt gewesen war, tat es ihm gut. Nach der Messe gab es im Saal des Gemeindehauses Tee und Kuchen für die Neuankömmlinge und ihre Angehörigen. Es ging laut zu, fröhlich. Marie war sichtlich glücklich, und stolz, ihren Bruder dabei zu haben.
Im Dezember kam Edmond Jacquelin zum ersten Mal in Julien's Kaffee. Ein etwas korpulenter, grosser und eindrucksvoller Mann in der Mitte der Fünfziger. Tadellos und auf Mass gekeidet, mit goldener Uhrkette, modisch gebundener Kravatte, teuren zweifarbigen Schuhen. Seine gepflegten Hände schienen weich, ebenso das frisch rasierte Doppelkinn. Er war Jules nicht auf Anhieb sympathisch, aber weil er die Begegnung mit dem Vermittler Alice verdankte, die sich davon einiges für ihn versprach, verschob er ein endgültiges Urteil auf später. Was, wie sich herausstellte, die richtige Entscheidung war. Jacquelin wusste und kannte wirklich alles, was dem Zusammenbringen reicher Arbeitgeber mit tüchtigen Hausangestellten förderlich war. Seine Beziehungen zu ersteren reichten bis hoch hinauf in die Etage der ganz Reichen. Und er verstand es, aus ehrgeizigen Zöglingen wahre Meister ihres Fachs zu formen. Mit Jules hatte er spezielle Pläne. Nachdem er ihn über seine Kenntnisse bezüglich der gentlemen's clubs in New York und in den Vereinigten Staaten ausgefragt und festgestellt hatte, dass Jules nichts wusste davon, führte er ihn während mehrerer Treffen in seinem Büro in Midtown an diese seltsame, aber offenbar entscheidend wichtige Struktur der Entfaltung und Erhaltung von Macht heran. Dabei kam er immer wieder auf einen erst vor ein paar Jahren eröffneten Club mit dem Namen The Brook zu sprechen, der aus der Separation von Mitgliedern mehrerer renommierter Clubs entstanden sei. Es gebe eine Anekdote, die aber wahrscheinlich Unsinn sei, dass zwei Mitglieder des Union Clubs einem andern ein rohes Ei auf der Glatze aufgeschlagen hätten und deshalb aus dem Union ausgeschlossen worden seien. Das Spezielle am Brook sei die kleine Anzahl der Mitglieder, nur hundert, sowie die Art der Rekrutierung, ausschliesslich über Einladung aus dem Inneren. Viele wichtige Männer New Yorks würden immer noch heimlich auf eine Einladung warten. Gäste seien nicht zugelassen, dafür erhebe der Club den Anspruch, für die Mitglieder das ganze Jahr hindurch vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet zu bleiben. Dieser Umstand sei es nun, der ihm, Jules, eine Chance eröffne, denn das Angebot erfordere, wie man sich leicht vorstellen könne, die zwei bis dreifache Anzahl an Angestellten, die in Schichten arbeiteten. Die Arbeit während der Nacht sei verständlicherweise nicht beliebt, weshalb es nicht unmöglich sei, Jules dort unterzubringen, vorausgesetzt, dass er einen auf den Kopf gestellten Lebensrhythmus ertrage.
Jules ertrug das, während der kommenden dreieinhalb Jahre, bis zu seiner ersten Rückkehr nach Cornol, und zwar recht gut. Am Anfang konnte er nicht schlafen am Tag, bis ihm ein Kollege eine grosse Augenklappe besorgt hatte und er sich an die Umstellung zu gewöhnen begann. Ihre Kammern lagen unter dem Dach des Clubhauses, sie waren eng, im Sommer unerträglich heiss, im Winter fror das Wasser in den Krügen. Es war eine Herausforderung, in den beengten Verhältnissen des Stockwerks der Hausangestellten, genauso alles Männer wie die Mitglieder, den tadellos faltenfreien Zustand der Kleider und die dosiert parfümierte Sauberkeit des Körpers zu erhalten, die in dem Etablissement ohne Wenn und Aber gefordert wurden. Man erwartete von Jules, dass er so schnell wie möglich alle Mitglieder mit Namen kenne und korrekt begrüssen könne. Der Hausbutler hatte dazu eine Wand eingerichtet mit Namen und, dort wo es möglich war, mit einer Fotografie. Vor dieser Wand standen sie oft wärend der Zimmerstunden, und memorierten die Köpfe und Namen der Kundschaft.
Einige merkte man sich leicht, weil sie im Club zu leben schienen. Es gab solche, die während der Nacht zunehmende Betreuung brauchten, weil sie sich betranken, und dabei trübsinnig oder aggressiv wurden. Und es gab überbordend lebenslustige, deren Erzählungen über Reisen und Abenteuer auch für die im Hintergrund wartenden Angestellten ein Gewinn waren, weil sie ihnen die Zeit vertrieb und für Gesprächsstoff im obersten Stock sorgte. William Kissam Vanderbilt der Zweite war so einer. Unendlich reich, vernarrt ins Segeln, ins Reisen, und in schnelle Autos. Immer wieder erzählte er von seinem erfolgreichen Geschwindigkeitsrekord zu Land, 1904, in einem Mercedes-Rennwagen in Daytona. Wenn Vanderbilt im Hause war, flachsten die Angestellten im Gang:
"Wie schnell war er gewesen?"
"Ninety-two point three miles per hour!"
Vanderbilt war es auch, der am langen Tisch, auf dem durchgehend Kerzen brannten, an dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit Gesprächspartner finden sollte, regelmässig den letzten Vers des Gedichts von Tennyson aufsagte, das dem Club den Namen gegeben hatte:
And out again I curve and flow
To join the brimmer river
For men may come and men may go
But I go on for ever
Jules blieb länger bei den Stöcklis als er ursprünglich vorgehabt hatte. Alice hielt ihr Versprechen, ihm dabei zu helfen, ein Diener zu werden. Sie fing damit an, indem sie ihm alle Aufgaben anvertraute, die mit der Führung eines Haushaltes verbunden waren. Obwohl ihrer klein sei, und sie nur eine Kinderfrau, einen Gärtner und, bei grösseren Einladungen, eine Köchin angestellt habe, seien die grundsätzlichen Notwendigkeiten, Aufgaben und Verrichtungen dieselben wie in einem grossen, reichen Haus mit einem Dutzend Angestellten. Er müsse nur seine Phantasie benützen, um die Verhältnisse im Massstab den Anforderungen künftiger Arbeitsorte anzupassen.
Und so lernte Jules, zu seinem Erstaunen leicht und schnell, wie man wäscht, bleicht und bügelt, wie man einfache und festliche Gerichte zubereitet, wie man den Tisch im Alltag deckt und für Gäste dekoriert. Er wurde ein Meister im Putzen von Silber, liess sich zeigen, wie Kleider ausgelüftet und gebügelt, Schuhe geputzt, Zeitungen und Zigarren zurechtgelegt werden mussten, damit ein Herr mit seinem valet zufrieden sei. Den Einwand, dass er sich ja kaum als Koch werde empfehlen können, oder auch nicht den Wäscherinnen die Arbeit wegnehmen wolle, liess sie nicht gelten.
"Du musst alles kennen, und einen grossen Teil auch selber ausführen können. Nur so verstehst du das grosse Ganze, die Zusammenhänge. Nur so machst du dich unentbehrlich, und darum geht es. Du musst einer werden, auf den man nicht verzichten will. Man kann dich zu jeder Zeit und unter jedem Vorwand feuern, also musst du deiner Abhängigkeit dadurch begegnen, dass du die Herrschaften von dir abhängig machst."
Im Verlaufe des Sommers wurde Jules von Alice zweimal bei Festivitäten in Sterling als Hilfskraft platziert, und er konnte dabei seine neu erworbenen Fertigkeiten erproben, unter Bedingungen des Ernstfalls, wie Alice betonte. Den ersten Auftritt erhielt er, als Kellner, bei einem Abendessen für den Stiftungsrat und die Gönnerinnen der Bibliothek, eine Runde von gegen dreissig Damen und Herren aus Wayne County und Cleveland, darunter der Bürgermeister, ein Senator, eine schwerreiche Witwe, alteingesessene und neureiche Ehepaare aus Sterling, Vertreter der babtistischen Kirche, sowie Direktoren von Schulen. Jules machte seine Sache gut, Alice hatte wenig zu beanstanden. Mit den Damen solle er etwas zurückhaltender umgehen, diese würden seine freundliche Zuwendung zwar schätzen, zumindest zwei der anwesenden Männer hätten jedoch durch Blicke ihre leise Missbilligung ausgedrückt. Einmal habe er von links anstatt von rechts einen leeren Teller abgeräumt, ein bis zweimal zuviel Wein eingeschenkt. Jules war mit der Kritik einverstanden und versprach Nachbesserung.
Bei der zweiten Gelegenheit, einer grossen Sommerparty im Garten des Sommerhauses einer mit den Stöcklis befreundeten Familie, wurde Jules unverhofft zum Grillmeister. Eigentlich hätte er wieder als Kellner servieren sollen, aber der Metzger, der das Fleisch geliefert hatte und es auch braten wollte, rutschte mit dem Messer aus und fügte sich eine tiefe Wunde am linken Daumen bei. Er musste verbunden werden von einem Arzt, der sich zum Glück unter den Gästen befand, konnte allerdings nur mehr eingeschränkt weiter arbeiten. Es entstanden Verschiebungen in Hierachie und Aufgabenbereichen des Personals, und Jules landete zusammen mit einem Gehilfen des Metzgers hinter dem Gartengrill. Er briet den ganzen Abend riesige Steaks, kam selber kaum zum Essen und Trinken, und musste am nächsten Tag seine stinkenden Kleider waschen.
"Hat das gezählt?", fragte er Alice.
"Natürlich, ein Jack of all trades musst du werden, und master of many."
Jules war froh darüber, dass er sich auch sonst in Haus und Garten der Stöcklis nützlich machen und so seinen Aufenthalt zu einem Teil verdienen konnte. Er schnitt den Rasen, mit einem zweirädrigen Gerät, das ihn in seiner Funktionsweise faszinierte. Die Wiese hinter dem Haus sah nach dem Mähen fast so aus, als seien Schafe oder Pferde darauf gewesen, mit sauber abgebissenen Halmen. Fast alle Häuser in Sterling standen auf solchen Weiden, auf denen aber ausser Hunden keine Tiere zu sehen waren. Die Häuser, auch das von Florent und Alice, waren nur darauf ausgelegt, bewohnt zu werden. Es gab kaum Ställe, nur wenige Scheunen, und auch keine Werkstätten im ersten Stock. Wie Florent erzählte, hatten die ersten Autobesitzer ihre Fahrzeuge in den Kutschenhäusern der Fuhrunternehmen eingestellt, gegen Miete, nun wurden Scheunen dafür leer geräumt oder, wer auf sich hielt, baute sich, wie er das getan hatte, eine eigene garage für das Automobil.
Jules bürstete die Nordfassade des Hauses herunter und strich sie wieder, in blendendem Weiss. Er reparierte das Geländer der Vorterrasse, fettete die Scharniere aller Fenster und Türen, kletterte auch mit der Leiter aufs Dach, um die Dachkänel vom Laub zu befreien und, weil er schon einmal oben war, die Kamineinfassung zu putzen und mit Bleimenninge zu streichen. Manchmal arbeitete er mit Henri zusammen, der noch immer zögerte, sich Land zu kaufen. Florent hatte ihm angeboten, seine Obstbäume zu bewirtschaften, die kommende Ernte zu organisieren und durchzuführen. Darüber schien er froh zu sein, er brauchte Zeit.
Florent war im Spätsommer oft nervös wegen seiner Geschäfte an der Börse. Irgendetwas war im Gange, Jules durchschaute nicht alles, worüber man sich als Geldanleger Sorgen machen musste. Soviel er verstand, spielten trust companies eine gefährliche Rolle bei der Entwicklung, weil sie sich, wie Florent beklagte, aufführten wie Banken, aber, weil sie nicht so hiessen, sich nicht an die seit dem letzten Jahr geltenden Gesetze betreffend genügender Geldreserven halten mussten. Bestimmte Namen wurden immer wieder genannt, Augustus und Otto Heinze, zwei Spekulanten, die offenbar versuchten, im Geschäft mit Kupfer die Oberhand zu bekommen, oder Knickerbocker, der merkwürdige Name einer der Gesellschaften.
Jules meinte manchmal Anzeichen dafür zu spüren, es könnte Florent stören, dass sich seine Frau so viel mit ihm und seiner Ausbildung zum Diener beschäftigte. Vielleicht war ihre Kritik an seiner zu geringen Distanz zu den Damen ein feiner Hinweis darauf gewesen, er solle im Umgang mit ihr zurückhaltender sein. Jules kündigte deshalb frühzeitig, bei einem gemeinsamen Nachtessen, seine Rückkehr nach New York an. Im November werde seine Schwester Marie ankommen, zusammen mit einer Gruppe von jungen Auswanderern aus Cornol. Er wolle schon etwas früher wieder in der Stadt sein, um ihr bei der Ankunft behilflich zu sein. Für sich werde er schon etwas finden.
Alice hatte geschwiegen zu seinen Plänen. Beim Kaffee dann holte sie ihr Adressbuch und setzte sich neben Jules.
"Es bleibt noch etwas zu tun. Du brauchst jemanden, der dich für eine gute Stelle empfiehlt, jemand, der sich auskennt und mit entscheidenden Personen vertraut ist. Es gibt zwar viele Agenturen in New York, die Hausangestellte vermitteln, du erkennst sie an den Schildern, auf denen Servants steht, manche Strassenzüge sind voll davon. Aber dort musst du schon bezahlen, damit nur dein Name auf eine endlose Liste gelangt. Ich gebe dir die Adresse von Edmond Jacquelin, einem Franzosen, den wir als Butler bei den Guthries kennengelernt haben. Er hat sich selbstständig gemacht, vermittelt Hausangestellte auf hohem Niveau. Da er von den Herrschaften angefragt wird nach geeigneten Personen, bezahlen sie ihn auch. Dich kostet es nur etwas, wenn du seine Dienste bei der Einführung in deine Aufgaben in Anspruch nimmst. Da kannst du Umfang und Preis mit ihm aushandeln. Ich werde ihm schreiben und ihn bitten, dich unter seine Fittiche zu nehmen."
Jules verliess Sterling anfangs September 1907. Florent brachte ihn mit dem Automobil nach Akron, wo er die neue Bahn der Ohio Electric bestieg und bis Cleveland fuhr. Dort kaufte er sich ein Ticket bis Buffalo, weil er die Niagarafälle anschauen sollte, wie die Stöcklis kategorisch gefunden hatten. Er versprach sich nicht viel davon, dachte aber an Berthe, die es ihm nicht verzeihen würde, sollte er an dieser Attraktion vorbeifahren, ohne ihr eine Karte zu schicken. So wandelte er schliesslich mit vielen andern Besuchern auf den Stegen und Brücken der Goat Island und bewunderte die Horseshoe Falls. Und er musste sich eingestehen, dass er schwer beeindruckt war. Das Rauschen der Wassermassen war überall, es füllte den weiten Raum der Landschaft wie eine Substanz. Wenn Jules sich versuchsweise die Ohren zuhielt, war es immer noch vernehmlich da. Er schaute lange von oberhalb der Fälle zu, wie das Wasser gleichmütig auf die gekrümmte Kante zufloss, beobachtete kleine Enten, die sich gefährlich nahe zum Abgrund hin treiben liessen, um sich erst im letzten Moment, mit wilden Bewegungen von Flügeln und Beinen, zu befreien. Bestieg man eine der Plattformen, die seitlich, auf halber Höhe der Wasserfälle angebracht waren, konnte man sehen, wie sich das Wasser im Sturz zerfledderte, zuerst noch weissen Zöpfen ähnelte, dann in Nebelwolken zerstiebte, welche einmal hierhin, einmal dorthin trieben, alles benetzend. An Kiosken konnte man Ölzeug ausleihen, er hatte das ausgeschlagen und war bald durchnässt. So verzichtete er auf eine Fahrt mit dem kleinen Dampfboot, mit dem klingenden Namen Maid of the Mist, und schaute nur von weitem zu, wie es, wagemutig und vorsichtig zugleich, in die Gischtwolken hineinfuhr, und rückwärts wieder hinaus. Jules kaufte sich ein paar Postkarten mit Briefmarken, setzte sich auf einer Kaffeeterrasse in die Sonne, und schrieb. An seine Schwester Augustine in Basel, an den älteren Bruder im Grenzdienst, ebenfalls in Basel, an Berthe und Clara, Maman und Papa in Cornol. Seine Schrift war ungelenk, er hatte schon länger nicht mehr so viel geschrieben. Die Schwielen an den Händen aber waren fast verschwunden.
Im Oktober 1907 brach die Panik aus. Der Versuch der Heinze-Brüder, die Kontrolle über die United Copper Company zu erlangen, scheiterte. Unzählige Banken, welche das waghalsige Unternehmen finanziert hatten, wurden nun von Kunden bedrängt, die ihre Einlagen zurückforderten. Da aber wiederum fast alle ihre Reserven bei den übermächtigen Banken von John P. Morgan hinterlegt hatten und dieser sich weigerte, die Gelder vor Ende der Turbulenzen herauszugeben, brach ein Chaos aus, das die Kurse an der New Yorker Börse halbierte und die Knickerbocker Trust Company, immerhin die drittgrösste Treuhandgesellschaft der Stadt, in den Abgrund stürzte. Und es kam zu Stürmen auf die Banken. Jules befand sich an einem dieser Tage in der Nähe der Wall Street, als sich die Strassen innert einer Stunde mit tausenden besorgter und wütender Menschen füllte. Man zog vor die Portale der Banken, bei denen man seine Ersparnisse in Sicherheit geglaubt hatte, und wollte sie nun, da alles zusammenzubrechen drohte, zu sich nehmen, irgendwohin bringen, wo kein Durcheinander herrschte. Aber die Banken waren geschlossen, manche der Glasfronten waren mit Brettern zugenagelt worden in Erwartung heftiger Zornesausbrüche der Bevölkerung. Diese verhielt sich aber erstaunlich gefasst, die Polizei konnte im Hintergrund verbleiben, wie Jules feststellte. Man hörte nur die eifrigen, aufgebrachten Stimmen der Menschen, die zwischen den hohen Fassaden widerhallten.
Jules wohnte nun in einem Quartier, in dem es ihm sehr gut gefiel, auch wenn es einen schlechten Ruf hatte: Hell's Kitchen. Er vertiefte seine Fähigkeiten, anderen Menschen zu Diensten zu sein, indem er in einem kleinen Kaffee als Kellner arbeitete. Julien's Crocery and Bakery bot einen kleinen Raum mit fünf sechs Tischen im Hochparterre, das man über eine Eisentreppe erreichte. Dort trafen sich französisch sprechende Auswanderer aus dem Jura und aus Frankreich, und merkwürdigerweise auch Iren, unter denen es sich herumgesprochen hatte, dass man in dem Lokal frisch gebackene Wähen essen könne wie nirgendwo sonst. Jules Gehalt war sehr gering, man ging davon aus, dass er sich um Trinkgeld bemühe und die niedrige Miete für das Zimmerchen unter dem Dach mit in Rechnung stelle. Er war damit zufrieden. Alice hatte ihm geschrieben, dass sich der ehemalige Butler Jacquelin bald bei ihm melden werde, und so sah er seine momentane Tätigkeit als vorübergehend an. Er schrieb Fiona einen für sein Empfinden sehr langen Brief. Und bald sollte Marie ankommen.
Marie hatte ihm geschrieben, dass sie am Martinstag abreisen werde, zusammen mit Cousin Jean Babtiste Crétin, Anaïse Adam und Joseph Grillon, alle aus Cornol. Jules fragte deshalb ein knappe Woche später bei den French Lines nach, wann die Ankunft der Tourraine zu erwarten sei. Im Verlaufe des 18. November, wurde ihm mitgeteilt. Er wollte die kleine Reisegruppe begrüssen, auch wenn zu erwarten war, dass sie gleich nach Ellis Island weiterfahren müssten, weil sie im Zwischendeck reisten. Und so war es dann auch. Seine Schwester sah müde aus, als sie den Gangway herunter schritt. Sie liess sich von ihm umarmen, musste sich an ihm festhalten, weil der Boden unter ihr zu schwanken schien. Drei Tage lang war ihr zum Sterben schlecht gewesen, dann sei es ihr plötzlich wieder gut gegangen. Nun aber, auf dem fest gebauten Pier, erinnerte sich ihr Körper an das Schwanken. Jules war froh, dass sie lachen konnte. Die Passagiere aus dem Zwischendeck wurden von Beamten zur Eile angetrieben, man kontrollierte streng, dass niemand die Schranken durchbrach oder überstieg, welche die Menschen wie eine Schafherde in die Richtung der bereit stehenden Fähren zwang. Man winkte sich zu, Jules rief Marie nochmals den Namen des Kontaktmannes in Erinnerung, bei dem sie sich nach Abschluss des Verfahrens melden sollte. Dann musste sie einsteigen.
Am ersten Sonntag nach der Ankunft der Cornoler kam Jules, zum ersten Mal seit er in Amerika war, wieder zu einem Kirchgang. Wenn das seine Mutter gewusst hätte! Marie fragte zum Glück nicht, sie nahm wohl an, dass er an allen Orten, an denen er sich bisher herumgetrieben hatte, nach einer katholischen Kirche Ausschau gehalten und seine religiösen Pflichten erfüllt habe. Sie hatte als Adresse eine Cousine, Liane Rondez, angegeben, und auch eine Nacht bei ihr in der Kammer verbracht, bei vornehmen Herrschaften, die eine Mansion am Riverside Drive besassen. Nun aber hatte sie eine feste Bleibe im Home Jeanne d'Arc, einer katholischen Einrichtung für alleinstehende Frauen, die am westlichen Teil der vierundzwanzigsten Strasse ein grosses Haus betrieb, in unmittelbarer Nähe zur Kirche St. Vincent de Paul, wo sich die französich sprechenden Katholiken von New York zur Messe, aber auch zu Familienfesten und kulturellen Veranstaltungen trafen. Marie fühlte sich wohl in dieser Umgebung. Auch nach dreieinhalb Jahren sprach sie noch kein Englisch, verstand gerade so viel, wie es an ihrer Arbeitsstelle als Näherin in einer kleinen Manufaktur nötig war. Hier aber, an einem Sonntag in ihrer Kirche, war sie im Element. Als sie sich auf dem Vorplatz der Kirche trafen, und sich wegen dem Läuten der Glocken kaum verständigen konnten, wurde Jules von einem seltsam heimatlichen Gefühl erfasst, das bis ans Ende der Messe anhielt. Das Hochamt, gesungen und gesprochen in vetraut nasalem Lateinisch, die Predigt, in der ein Pfarrer mit rot glänzender Glatze den Gläubigen einschärfte, sich von den Wirrungen des weltlichen Marktes nicht den Kopf verdrehen zu lassen, er erreichte mit rhetorischen Mitteln, dass alle über die Panik nachdachten, ohne dass er sie benennen musste, alles kam ihm kürzer, unterhaltsamer und stimmiger vor, als er es von ähnlichen Veranstaltungen zuhause in Erinnerung gehabt hatte. Von Weihrauch wurde reichlich Gebrauch gemacht, die Choreografie der Messdiener war voraussehbar, aber präzise. Er konnte wieder einmal seine Stimme singen hören, und obwohl er darin nie besonders geschickt gewesen war, tat es ihm gut. Nach der Messe gab es im Saal des Gemeindehauses Tee und Kuchen für die Neuankömmlinge und ihre Angehörigen. Es ging laut zu, fröhlich. Marie war sichtlich glücklich, und stolz, ihren Bruder dabei zu haben.
Im Dezember kam Edmond Jacquelin zum ersten Mal in Julien's Kaffee. Ein etwas korpulenter, grosser und eindrucksvoller Mann in der Mitte der Fünfziger. Tadellos und auf Mass gekeidet, mit goldener Uhrkette, modisch gebundener Kravatte, teuren zweifarbigen Schuhen. Seine gepflegten Hände schienen weich, ebenso das frisch rasierte Doppelkinn. Er war Jules nicht auf Anhieb sympathisch, aber weil er die Begegnung mit dem Vermittler Alice verdankte, die sich davon einiges für ihn versprach, verschob er ein endgültiges Urteil auf später. Was, wie sich herausstellte, die richtige Entscheidung war. Jacquelin wusste und kannte wirklich alles, was dem Zusammenbringen reicher Arbeitgeber mit tüchtigen Hausangestellten förderlich war. Seine Beziehungen zu ersteren reichten bis hoch hinauf in die Etage der ganz Reichen. Und er verstand es, aus ehrgeizigen Zöglingen wahre Meister ihres Fachs zu formen. Mit Jules hatte er spezielle Pläne. Nachdem er ihn über seine Kenntnisse bezüglich der gentlemen's clubs in New York und in den Vereinigten Staaten ausgefragt und festgestellt hatte, dass Jules nichts wusste davon, führte er ihn während mehrerer Treffen in seinem Büro in Midtown an diese seltsame, aber offenbar entscheidend wichtige Struktur der Entfaltung und Erhaltung von Macht heran. Dabei kam er immer wieder auf einen erst vor ein paar Jahren eröffneten Club mit dem Namen The Brook zu sprechen, der aus der Separation von Mitgliedern mehrerer renommierter Clubs entstanden sei. Es gebe eine Anekdote, die aber wahrscheinlich Unsinn sei, dass zwei Mitglieder des Union Clubs einem andern ein rohes Ei auf der Glatze aufgeschlagen hätten und deshalb aus dem Union ausgeschlossen worden seien. Das Spezielle am Brook sei die kleine Anzahl der Mitglieder, nur hundert, sowie die Art der Rekrutierung, ausschliesslich über Einladung aus dem Inneren. Viele wichtige Männer New Yorks würden immer noch heimlich auf eine Einladung warten. Gäste seien nicht zugelassen, dafür erhebe der Club den Anspruch, für die Mitglieder das ganze Jahr hindurch vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet zu bleiben. Dieser Umstand sei es nun, der ihm, Jules, eine Chance eröffne, denn das Angebot erfordere, wie man sich leicht vorstellen könne, die zwei bis dreifache Anzahl an Angestellten, die in Schichten arbeiteten. Die Arbeit während der Nacht sei verständlicherweise nicht beliebt, weshalb es nicht unmöglich sei, Jules dort unterzubringen, vorausgesetzt, dass er einen auf den Kopf gestellten Lebensrhythmus ertrage.
Jules ertrug das, während der kommenden dreieinhalb Jahre, bis zu seiner ersten Rückkehr nach Cornol, und zwar recht gut. Am Anfang konnte er nicht schlafen am Tag, bis ihm ein Kollege eine grosse Augenklappe besorgt hatte und er sich an die Umstellung zu gewöhnen begann. Ihre Kammern lagen unter dem Dach des Clubhauses, sie waren eng, im Sommer unerträglich heiss, im Winter fror das Wasser in den Krügen. Es war eine Herausforderung, in den beengten Verhältnissen des Stockwerks der Hausangestellten, genauso alles Männer wie die Mitglieder, den tadellos faltenfreien Zustand der Kleider und die dosiert parfümierte Sauberkeit des Körpers zu erhalten, die in dem Etablissement ohne Wenn und Aber gefordert wurden. Man erwartete von Jules, dass er so schnell wie möglich alle Mitglieder mit Namen kenne und korrekt begrüssen könne. Der Hausbutler hatte dazu eine Wand eingerichtet mit Namen und, dort wo es möglich war, mit einer Fotografie. Vor dieser Wand standen sie oft wärend der Zimmerstunden, und memorierten die Köpfe und Namen der Kundschaft.
Einige merkte man sich leicht, weil sie im Club zu leben schienen. Es gab solche, die während der Nacht zunehmende Betreuung brauchten, weil sie sich betranken, und dabei trübsinnig oder aggressiv wurden. Und es gab überbordend lebenslustige, deren Erzählungen über Reisen und Abenteuer auch für die im Hintergrund wartenden Angestellten ein Gewinn waren, weil sie ihnen die Zeit vertrieb und für Gesprächsstoff im obersten Stock sorgte. William Kissam Vanderbilt der Zweite war so einer. Unendlich reich, vernarrt ins Segeln, ins Reisen, und in schnelle Autos. Immer wieder erzählte er von seinem erfolgreichen Geschwindigkeitsrekord zu Land, 1904, in einem Mercedes-Rennwagen in Daytona. Wenn Vanderbilt im Hause war, flachsten die Angestellten im Gang:
"Wie schnell war er gewesen?"
"Ninety-two point three miles per hour!"
Vanderbilt war es auch, der am langen Tisch, auf dem durchgehend Kerzen brannten, an dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit Gesprächspartner finden sollte, regelmässig den letzten Vers des Gedichts von Tennyson aufsagte, das dem Club den Namen gegeben hatte:
And out again I curve and flow
To join the brimmer river
For men may come and men may go
But I go on for ever
Sonntag, 21. Februar 2021
Sterling, Ohio
Florent Stöckli war einer der ersten Automobilbesitzer von Sterling, Ohio. Wenn er sich hinter das Steuerrad seines Premier 24 setzte, ein Steuerrad, das Jules so gross vorkam wie die Räder der Güllewagen zuhause in Cornol, dann war sein Stolz überaus deutlich zu sehen. Er hatte sich mit seinem ersten grossen Geld, wie er sagte, einen kindlichen Wunsch erfüllt, dabei nicht gezögert, sich statt eines der Modelle aus dem nahen Werk in Cleveland zu kaufen, wie es andere in Sterling machten, einen der teuren, schnellen und technisch ausgefeilten roadster aus Indianapolis anzuschaffen. Henri schüttelte den Kopf über dieses ihm nutzlos erscheinende Gerät, Jules aber war von Florents übermütig lebenslustiger Art angezogen. Da dieser das Automobil erst vor kurzem hatte in Empfang nehmen können, nach einer langen Wartezeit zwischen Bestellung und Auslieferung, benutzte er es nun für jede noch so kurze Strecke. Es blieb Jules nicht verborgen, dass er als bereitwilliger Mitfahrer willkommen war, weil seine Anwesenheit auf dem Beifahrersitz die vielen Fahrten weniger unnütz erscheinen liess. Zudem konnte ihm das kostbare Gefährt während Florents Besorgungen in der Township zur Bewachung überlassen werden, was angesichts der sich jeweils um das Automobil versammelnden Neugierigen durchaus angebracht war.
Abgesehen von den paar wenigen Automobilen waren Sterlings breite Strassen geprägt von einer erstaunlichen Anzahl an Pferdekutschen, die zu mieten waren, mit einem Hauptstandplatz beim grossen Warenhaus. Nach jedem Regenguss bildeten sich überall ausgedehnte Pfützen, ja richtige Teiche, und es war trotz der seitlich der Strassen angelegten, leicht erhöhten Plattenwege für die Fussgänger nicht einfach, die Schuhe vor Durchnässung zu bewahren. So wurden die Kutschen auch für kleine Distanzen gerne genutzt, wozu ausserdem beitrug, dass ihre Dienste wegen der grossen Anzahl an Anbietern sehr billig waren.
Abgesehen vom Schlamm, der nach Regen überall lag, alles vollspritzte und an allem klebenblieb, war Sterling in Jules' Augen äusserst ordentlich, gepflegt und sauber. Auch die Menschen hier schienen sehr auf ihr Äusseres zu achten, sie waren dezent, aber gut gekleidet, schwarz die Männer, die Frauen in Weiss. Sie rochen gut. Wenn Jules an die Tage in der Lower Eastside zurück dachte, an Dreck, Lärm und Gestank der überfüllten Strassen, an die vielen so augenfällig Armen und Elenden, die mit schwarzgrauen Händen Abfallberge und Ascheeimer durchwühlt hatten, stellte er verwundert fest, dass er sich dort leichter dazugehörig gefühlt hatte, obwohl es seine erste Begegnung mit der Riesenstadt New York gewesen war. Den flackernd suchenden, hungrigen Blick armer Leute kannte er aus seiner Kindheit, auch ihren muffigen Geruch. Die Körper der Sackschlepper, Kohleschaufler, Stassenwischer, Bauarbeiter, die er gesehen hatte, waren wie sein eigener. Mager und drahtig muskulös, die Hände voller Schwielen. Hier erst kam er sich aber wie ein Bauer vor, der vergeblich nach seinesgleichen sucht. Florent behauptete, noch vor wenigen Jahren einer gewesen zu sein. Er hatte es zuerst mit Vieh versucht, danach mit Obstbau. Er besass immer noch einige Acres mit Obstbäumen, liess sie aber weitgehend von andern bewirtschaften, von Pächtern und, während der Ernte, von Wanderarbeitern. Henri und Jules staunten, wie gross die Flächen waren, und wie endlos die Reihen mit den zwergenhaft niedrigen Bäumen. Auf die Frage, ob es keine Kleinbauern mehr gebe wie in der Ajoie, mit ein paar Kühen und Schweinen, vielleicht noch mit Hühnern und Kaninchen, mit Weiden, so viele es eben brauche für das Heu, mit Obst und Gemüsegärten, alles in einem Mass, das neben der eigenen Versorgung noch ein bisschen etwas abwerfe durch Verkauf, da lachte er nur:
"Hier geht alles über Grösse und Menge. Und über Spezialisierung, die Konzentration auf ein oder zwei Produkte."
Da war sie wieder, eine spezielle Sprechweise, die in Henris und Jules' Ohren fremd klang. Sie sassen am Stubentisch, bei Kaffee und Kuchen, den Florents Frau Alice gebacken hatte. Zum Trost, wie sie gefunden hatte, weil es seit zwei Tagen regnete und Florent keine Spazierfahrten unternehmen konnte, aus Angst, mit seinem Premier im Morast stecken zu bleiben.
"Nehmen wir an, du könntest nach dem Cornoler Modell einigermassen erfolgreich bauern, so würdest du für den Überschuss an Vieh, Obst, Gemüse, erst recht für Getreide, nichts bekommen. Nichts! Niemals einen angemessenen Preis für die harte Arbeit, die du hineingesteckt hast. Denn du stehst im Wettstreit mit einer Landwirtschaft, die dank riesenhaften Dimensionen, an Land, Geld, Anzahl Arbeiter und Angestellter, Transportmittel, Verpackzungshallen, Lagerhäuser und so weiter, ihre Ware zu einem Preis anbieten kann, mit dem du niemals gleichziehen könntest, ohne zu verhungern."
Hernri war unruhig, er hatte vom ersten Tag an gemerkt, dass seine Vorstellungen von dem, was er in Ohio hatte anfangen wollen, falsch waren.
"Was soll ich tun? Was rätst du mir?"
Florent sah ihn nachdenklich an. Wie Jules spürte er Henris Enttäuschung. Er tat ihnen leid.
"Ich nehme an, du willst in der Landwirtschaft bleiben, und nicht den Weg einschlagen, den ich gewählt habe?"
Henri nickte, obwohl er noch immer nicht verstanden hatte, worin die Entscheidung seines Cousins bestand, worauf sie hinauslief. Auch Jules konnte aus Florents Vorträgen, bei denen er sich während der ersten gemeinsamen Abendessen zunehmend in feurige Begeisterung gesteigert hatte, nur einzelne Elemente begreifen. Florent schien sich zu einem Händler entwickeln zu wollen, der Dinge, Werte, wie er das nannte, kaufte und verkaufte, die er weder brauchte noch herstellte, in den wenigsten Fällen jedenfalls, ja, die manchmal nicht einmal ihm gehörten. Jules hatte von ihm Äusserungen gehört, die seine Eltern, vor allem seine Mutter, entsetzt hätten. Schulden machen, hatte Florent ihnen erklärt, sei dann von Vorteil, ja geradezu geboten, wenn man mit dem geliehenen Geld mehr Gewinn machen könne, als man dem Ausleihenden an Zinsen schulde. Jules' Maman hätte geantwortet, Schulden seien immer Sünde, und dass er sich von einem solchen Verwandten fernhalten solle.
Da Henri durch Kopfnicken seine Absicht bekräftigt hatte, beim Bauern bleiben zu wollen, fuhr Florent fort:
"Ich denke, du solltest ein richtiges, ein grosses Stück Land kaufen. Für einen Acre zahlst du hier im Moment siebzig bis achtzig Dollars. Wie rechnet ihr, in Hektaren? In Tagwerken? Was kostet eines in der Ajoie?"
"Achthundert Franken ein journal", meinte Henri, und Jules ergänzte:
"Es ist knapp das Drittel einer Hektare."
"Du brauchst etwa drei Hektaren, oder neun bis zehn Tagwerke zu Beginn, sonst wird das nichts. Das macht..."
Florent holte sein Notizbuch heraus und kritzelte ein paar Zahlen, blitzschnell war er im Rechnen, die Cornoler konnte nur staunen.
"Du brauchst siebeneinhalb Acres, à fünfundsiebzig Dollars, das heisst, du zahlst etwa fünfhundertsechzig Dollars für das Land. Zuhause müsstest du mehr als das Zehnfache dafür ausgeben!"
Henri musste nachdenken, Jules fragte:
"Am Stück soll er die zehn Tagwerke kaufen? Ist das... Kann man das hier?
Florent lachte.
"Ja, natürlich. Wenn ihr in Cornol einmal ausrechnen wolltet, wieviel Arbeitszeit ihr vergeudet durch die Wege zwischen den Parzellen, die ihr besitzt oder gepachtet habt! Da müsste eine Flurbereinigung nicht mehr so schwer fallen."
Jules konnte sich das nicht vorstellen. Schon nur die Äusserung von Vorschlägen zu einem Abtausch von Land, zum Zweck der Vereinfachung, konnte in Cornol zu wüstem Streit führen. Er hatte sich in Gedanken vom Gespräch entfernt, so dass Florent seine Frage wiederholen musste:
"Und was willst denn du machen, Jules? Du hast es uns noch immer nicht verraten."
"Diener will er werden, bei den ganz Reichen, bei Rockefeller zum Beispiel!", rief Alice aus der Küche. Man hörte ihr glucksendes Lachen. Florent sah Jules mit offenem Mund an.
"Was ist das?"
Jules rutschte unruhig hin und her, grinste verlegen. Er sah, dass Florent mindestens so erstaunt war über den Vorsprung an Wissen, über den seine Frau verfügte, wie über den spasshaft verratenen Plan, der ja vielleicht ernst gemeint war.
Alice Stöckli, geborene O'Donell, hatte irische Vorfahren. Für Jules war sie eine waschechte Amerikanerin, wobei er zugeben musste, in der Beurteilung solcher Qualitäten noch wenig Erfahrung zu haben. Sie gefiel ihm sehr, obwohl sie ihn schon einige Male in Verlegenheit gebracht hatte mit ihrer unverblümten, direkten Art. Wie sie Fragen stellte, Situationen und Äusserungen anderer kommentierte. Sie hatte mit Florent zwei Kinder, die sechsjährige Kathleen und den zweijährigen Douglas. Es war für Jules eine ganz neue Erfahrung, wie diese kleine Familie funktionierte, wie die Eheleute miteinander, wie sie mit den Kindern umgingen. Auch bei kleinen, unwichtigen Dingen, fragte man den andern, was er wolle. Wie er die Dinge sehe. Florent und Alice leisteten sich eine Nanny, weil Alice auch etwas ausserhalb des Hauses machen wollte, wie sie sagte. Sie hatte vor zwei Jahren Sterlings kleine Bibliothek von einer älteren Lady übernommen und führte sie, wie Florent mit sichtbarem Stolz erzählte, wie eine Unternehmerin. Etwas unsicher hatte er hinzugefügt, sie engagiere sich auch bei den Suffragetten. Jules hörte ihr gerne zu, auch wenn sie oft, manchmal in dozierendem Tonfall, über politische und wirtschaftliche Verwicklungen sprach, die er nur halbwegs verstand. Bei einem dieser Gespräche, am Küchentisch, hatte er ihr von seinen noch unausgereiften Plänen erzählt. Dabei hatte er, vielleicht weil sie ihn an die irische lady's maid auf der Provence, an Fiona, erinnerte, den Satz wiederholt: "Ich will Diener werden bei den Schönen und Reichen." Alice hatte ihn von der Seite angesehen, lauernd, und gefragt:
"Bei Rockefeller, zum Beispiel?"
Jules ahnte, dass die Frage eine Falle war, trotzdem versuchte er es:
"Warum nicht?"
"Warum nicht!?"
Sie holte tief Atem, dann erklärte sie ihm während über einer Stunde, was alles an seiner Idee fragwürdig, ja vollkommen verkehrt war. Sie rede vom Alten, von Rockefeller Senior. Beim Junior sei sie sich nicht sicher, wie der noch herauskomme. Wahrscheinlich sei er ein Hosenscheisser, versuche, sich als Philanthrop, wie sie das gerne nannten, der amerikanischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Alte aber sei ein Monster, der alles verschlinge, was ihm in den Weg komme. Mit der Stadard Oil habe er ja hier, in Cleveland begonnen. Dann alle anderen im Ölgeschäft entweder gekauft oder kaputt gemacht, mit Absprachen. Mit den Eisenbahngesellschaften, die sein Öl für Gefälligkeiten oder unter Druck so billig transportierten, dass die anderen in den Mond schauten. Es habe eine Frau gebraucht, um seine schmutzigen Geschäfte detailliert aufzudecken und zu beschreiben, Ida Minerva Tarbell. Über Jahre habe sie nachgeforscht, und ihre Geschichte schliesslich als fortlaufende Serie in McClure's Magazine veröffentlicht, später auch als Buch. Und obwohl alles darin Stehende sich als wahr erwies, habe Präsident Roosevelt sich nicht entblödet, die Journalistin als "Mistgabel" zu bezeichnen, in Anspielung auf eine Figur in einem elend schlecht geschriebenen Erbauungsbuch mit dem Titel The Pilgrim's Progress, wobei man gleich auch noch das Niveau der präsidialen Lektüre erfahren habe. Sogar Tarbells Namen habe der Präsident verspottet, sie mehrfach Tarbarrel genannt. Nun aber habe er immerhin dem Druck der unabhängigen Ölproduzenten nachgegeben und es könne sein, es sei hoffentlich so, dass es Standard Oil bald an den Kragen gehe. Ein Verfahren wegen Verstosses gegen den Antitrust Act sei letztes Jahr eröffnet worden, aber bis zu einem Urteil könne es leider noch Jahre dauern.
Als sie einmal kurz innehielt, versuchte Jules, nicht ganz ernsthaft, zu beschwichtigen:
"Also doch lieber nicht bei Rockefellers?"
"Nein! Oder... vielleicht wäre es ja hochinteressant, das von Innen zu sehen. Aber warum willst du eigentlich Diener sein? Dienen? Florent sieht inzwischen auch in solcher Tätigkeit richtige Arbeit, er nennt es das Feld der Dienstleistungen. Aber du? Warst du nicht Bauer in Cornol? Bist du nicht Bauer? Und wie stellst du dir deine Zukunft vor in zehn, fünfzehn Jahren? Als Butler kannst du kaum an eine Familie denken, du musst deinen Herrschaften immer zu Diensten sein, vierundzwanzig Stunden am Tag. Da nützt dir auch der gute Lohn nicht viel, du bist nie zu Hause, wie ein Seemann."
Jules war eingeschüchtert, sie fragte ihn aus wie eine Lehrerin ihren Schüler. Und das Zuhören hatte ihn ermüdet, weil sie so schnell sprach, dass er nicht immer jedes Wort verstand. Er musste nachdenken.
Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
"Bitte entschuldige! Ich bin leider oft so, ich bedränge andere Menschen. Du musst nicht antworten."
Aber Jules war ganz froh darüber, dass sie ihn zwang, über seine Beweggründe nachzudenken. Und obwohl er seiner Gewohnheit nach erst sprach, wenn er mit einem Gedanken fertig geworden war, begann er zu reden.
Der Entschluss seines älteren Bruders Joseph, des ältesten der Geschwister, zur Grenzwache zu gehen und eine Laufbahn als Beamter zu beginnen, war für ihn ein Schock gewesen, den er sich nie ganz eingestanden hatte. Er war als Bub davon ausgegangen, dass Joseph als erwachsener Mann den kleinen Hof genauso weiterführen würde wie die Werkplätze für die Uhrenfabrikation, als Stellvertreter von Papa und Maman, der er ja in seinen Augen durch die ganze Kindheit hindurch gewesen war. "Das ist deine Pflicht!", hatte es immer und überall geheissen, wenn etwas Anstrengendes zu leisten war. Und: "Da musst du Verantwortung übernehmen!" Joseph hatte solche Forderungen genauso selbstverständlich hervorgebracht wie die Eltern, Widerspruch duldete er nicht, schon weil er die Ansprüche selber überdeutlich erfüllte. Als Jules nun vor ein paar Jahren realisierte, dass sein grosser Bruder im Begriff war, sich davonzumachen, denn als Zollbeamter würde er niemals in der Nähe des Heimatortes eingesetzt werden, und als er die Folgen davon zu erahnen begann, wurde er eine Zeit lang ganz trübsinnig. Er sollte die Stelle des Vaters einmal einnehmen! Er war verdammt dazu, für immer in diesem Nest zu verharren. Natürlich waren da auch noch die Schwestern, die für die Eltern sorgen würden, aber ihnen alles zu überlassen, würde das Ende der Lebensweise, vielleicht gar des Heims, der Eltern bedeuten. Er konnte nicht darüber nachdenken, ohne dass an diesem Punkt immer alles in Nebel versank. Der Entschluss, nach Amerika auszuwandern, war ein Versuch der Befreiung aus dieser Sackgasse. Er wusste noch nicht, ob er den Mut, die Grausamkeit haben würde, in Amerika zu bleiben. Da daraus möglicherweise ein zeitlich beschränktes Abenteuer werden könnte, wollte er sein Leben hier in den grösstmöglichen Gegensatz zu seinem Leben daheim stellen. Ob sie das verstehen könne?
Alice setzte ein zweimal an, holte Luft, sagte dann aber doch lange nichts. Sie stand auf, klapperte und kramte herum, bis sie sich schliesslich umwandte und leise sagte:
"Ich helfe dir. Ich denke mir was aus. Diener sein ist nichts Dummes."
Abgesehen von den paar wenigen Automobilen waren Sterlings breite Strassen geprägt von einer erstaunlichen Anzahl an Pferdekutschen, die zu mieten waren, mit einem Hauptstandplatz beim grossen Warenhaus. Nach jedem Regenguss bildeten sich überall ausgedehnte Pfützen, ja richtige Teiche, und es war trotz der seitlich der Strassen angelegten, leicht erhöhten Plattenwege für die Fussgänger nicht einfach, die Schuhe vor Durchnässung zu bewahren. So wurden die Kutschen auch für kleine Distanzen gerne genutzt, wozu ausserdem beitrug, dass ihre Dienste wegen der grossen Anzahl an Anbietern sehr billig waren.
Abgesehen vom Schlamm, der nach Regen überall lag, alles vollspritzte und an allem klebenblieb, war Sterling in Jules' Augen äusserst ordentlich, gepflegt und sauber. Auch die Menschen hier schienen sehr auf ihr Äusseres zu achten, sie waren dezent, aber gut gekleidet, schwarz die Männer, die Frauen in Weiss. Sie rochen gut. Wenn Jules an die Tage in der Lower Eastside zurück dachte, an Dreck, Lärm und Gestank der überfüllten Strassen, an die vielen so augenfällig Armen und Elenden, die mit schwarzgrauen Händen Abfallberge und Ascheeimer durchwühlt hatten, stellte er verwundert fest, dass er sich dort leichter dazugehörig gefühlt hatte, obwohl es seine erste Begegnung mit der Riesenstadt New York gewesen war. Den flackernd suchenden, hungrigen Blick armer Leute kannte er aus seiner Kindheit, auch ihren muffigen Geruch. Die Körper der Sackschlepper, Kohleschaufler, Stassenwischer, Bauarbeiter, die er gesehen hatte, waren wie sein eigener. Mager und drahtig muskulös, die Hände voller Schwielen. Hier erst kam er sich aber wie ein Bauer vor, der vergeblich nach seinesgleichen sucht. Florent behauptete, noch vor wenigen Jahren einer gewesen zu sein. Er hatte es zuerst mit Vieh versucht, danach mit Obstbau. Er besass immer noch einige Acres mit Obstbäumen, liess sie aber weitgehend von andern bewirtschaften, von Pächtern und, während der Ernte, von Wanderarbeitern. Henri und Jules staunten, wie gross die Flächen waren, und wie endlos die Reihen mit den zwergenhaft niedrigen Bäumen. Auf die Frage, ob es keine Kleinbauern mehr gebe wie in der Ajoie, mit ein paar Kühen und Schweinen, vielleicht noch mit Hühnern und Kaninchen, mit Weiden, so viele es eben brauche für das Heu, mit Obst und Gemüsegärten, alles in einem Mass, das neben der eigenen Versorgung noch ein bisschen etwas abwerfe durch Verkauf, da lachte er nur:
"Hier geht alles über Grösse und Menge. Und über Spezialisierung, die Konzentration auf ein oder zwei Produkte."
Da war sie wieder, eine spezielle Sprechweise, die in Henris und Jules' Ohren fremd klang. Sie sassen am Stubentisch, bei Kaffee und Kuchen, den Florents Frau Alice gebacken hatte. Zum Trost, wie sie gefunden hatte, weil es seit zwei Tagen regnete und Florent keine Spazierfahrten unternehmen konnte, aus Angst, mit seinem Premier im Morast stecken zu bleiben.
"Nehmen wir an, du könntest nach dem Cornoler Modell einigermassen erfolgreich bauern, so würdest du für den Überschuss an Vieh, Obst, Gemüse, erst recht für Getreide, nichts bekommen. Nichts! Niemals einen angemessenen Preis für die harte Arbeit, die du hineingesteckt hast. Denn du stehst im Wettstreit mit einer Landwirtschaft, die dank riesenhaften Dimensionen, an Land, Geld, Anzahl Arbeiter und Angestellter, Transportmittel, Verpackzungshallen, Lagerhäuser und so weiter, ihre Ware zu einem Preis anbieten kann, mit dem du niemals gleichziehen könntest, ohne zu verhungern."
Hernri war unruhig, er hatte vom ersten Tag an gemerkt, dass seine Vorstellungen von dem, was er in Ohio hatte anfangen wollen, falsch waren.
"Was soll ich tun? Was rätst du mir?"
Florent sah ihn nachdenklich an. Wie Jules spürte er Henris Enttäuschung. Er tat ihnen leid.
"Ich nehme an, du willst in der Landwirtschaft bleiben, und nicht den Weg einschlagen, den ich gewählt habe?"
Henri nickte, obwohl er noch immer nicht verstanden hatte, worin die Entscheidung seines Cousins bestand, worauf sie hinauslief. Auch Jules konnte aus Florents Vorträgen, bei denen er sich während der ersten gemeinsamen Abendessen zunehmend in feurige Begeisterung gesteigert hatte, nur einzelne Elemente begreifen. Florent schien sich zu einem Händler entwickeln zu wollen, der Dinge, Werte, wie er das nannte, kaufte und verkaufte, die er weder brauchte noch herstellte, in den wenigsten Fällen jedenfalls, ja, die manchmal nicht einmal ihm gehörten. Jules hatte von ihm Äusserungen gehört, die seine Eltern, vor allem seine Mutter, entsetzt hätten. Schulden machen, hatte Florent ihnen erklärt, sei dann von Vorteil, ja geradezu geboten, wenn man mit dem geliehenen Geld mehr Gewinn machen könne, als man dem Ausleihenden an Zinsen schulde. Jules' Maman hätte geantwortet, Schulden seien immer Sünde, und dass er sich von einem solchen Verwandten fernhalten solle.
Da Henri durch Kopfnicken seine Absicht bekräftigt hatte, beim Bauern bleiben zu wollen, fuhr Florent fort:
"Ich denke, du solltest ein richtiges, ein grosses Stück Land kaufen. Für einen Acre zahlst du hier im Moment siebzig bis achtzig Dollars. Wie rechnet ihr, in Hektaren? In Tagwerken? Was kostet eines in der Ajoie?"
"Achthundert Franken ein journal", meinte Henri, und Jules ergänzte:
"Es ist knapp das Drittel einer Hektare."
"Du brauchst etwa drei Hektaren, oder neun bis zehn Tagwerke zu Beginn, sonst wird das nichts. Das macht..."
Florent holte sein Notizbuch heraus und kritzelte ein paar Zahlen, blitzschnell war er im Rechnen, die Cornoler konnte nur staunen.
"Du brauchst siebeneinhalb Acres, à fünfundsiebzig Dollars, das heisst, du zahlst etwa fünfhundertsechzig Dollars für das Land. Zuhause müsstest du mehr als das Zehnfache dafür ausgeben!"
Henri musste nachdenken, Jules fragte:
"Am Stück soll er die zehn Tagwerke kaufen? Ist das... Kann man das hier?
Florent lachte.
"Ja, natürlich. Wenn ihr in Cornol einmal ausrechnen wolltet, wieviel Arbeitszeit ihr vergeudet durch die Wege zwischen den Parzellen, die ihr besitzt oder gepachtet habt! Da müsste eine Flurbereinigung nicht mehr so schwer fallen."
Jules konnte sich das nicht vorstellen. Schon nur die Äusserung von Vorschlägen zu einem Abtausch von Land, zum Zweck der Vereinfachung, konnte in Cornol zu wüstem Streit führen. Er hatte sich in Gedanken vom Gespräch entfernt, so dass Florent seine Frage wiederholen musste:
"Und was willst denn du machen, Jules? Du hast es uns noch immer nicht verraten."
"Diener will er werden, bei den ganz Reichen, bei Rockefeller zum Beispiel!", rief Alice aus der Küche. Man hörte ihr glucksendes Lachen. Florent sah Jules mit offenem Mund an.
"Was ist das?"
Jules rutschte unruhig hin und her, grinste verlegen. Er sah, dass Florent mindestens so erstaunt war über den Vorsprung an Wissen, über den seine Frau verfügte, wie über den spasshaft verratenen Plan, der ja vielleicht ernst gemeint war.
Alice Stöckli, geborene O'Donell, hatte irische Vorfahren. Für Jules war sie eine waschechte Amerikanerin, wobei er zugeben musste, in der Beurteilung solcher Qualitäten noch wenig Erfahrung zu haben. Sie gefiel ihm sehr, obwohl sie ihn schon einige Male in Verlegenheit gebracht hatte mit ihrer unverblümten, direkten Art. Wie sie Fragen stellte, Situationen und Äusserungen anderer kommentierte. Sie hatte mit Florent zwei Kinder, die sechsjährige Kathleen und den zweijährigen Douglas. Es war für Jules eine ganz neue Erfahrung, wie diese kleine Familie funktionierte, wie die Eheleute miteinander, wie sie mit den Kindern umgingen. Auch bei kleinen, unwichtigen Dingen, fragte man den andern, was er wolle. Wie er die Dinge sehe. Florent und Alice leisteten sich eine Nanny, weil Alice auch etwas ausserhalb des Hauses machen wollte, wie sie sagte. Sie hatte vor zwei Jahren Sterlings kleine Bibliothek von einer älteren Lady übernommen und führte sie, wie Florent mit sichtbarem Stolz erzählte, wie eine Unternehmerin. Etwas unsicher hatte er hinzugefügt, sie engagiere sich auch bei den Suffragetten. Jules hörte ihr gerne zu, auch wenn sie oft, manchmal in dozierendem Tonfall, über politische und wirtschaftliche Verwicklungen sprach, die er nur halbwegs verstand. Bei einem dieser Gespräche, am Küchentisch, hatte er ihr von seinen noch unausgereiften Plänen erzählt. Dabei hatte er, vielleicht weil sie ihn an die irische lady's maid auf der Provence, an Fiona, erinnerte, den Satz wiederholt: "Ich will Diener werden bei den Schönen und Reichen." Alice hatte ihn von der Seite angesehen, lauernd, und gefragt:
"Bei Rockefeller, zum Beispiel?"
Jules ahnte, dass die Frage eine Falle war, trotzdem versuchte er es:
"Warum nicht?"
"Warum nicht!?"
Sie holte tief Atem, dann erklärte sie ihm während über einer Stunde, was alles an seiner Idee fragwürdig, ja vollkommen verkehrt war. Sie rede vom Alten, von Rockefeller Senior. Beim Junior sei sie sich nicht sicher, wie der noch herauskomme. Wahrscheinlich sei er ein Hosenscheisser, versuche, sich als Philanthrop, wie sie das gerne nannten, der amerikanischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Alte aber sei ein Monster, der alles verschlinge, was ihm in den Weg komme. Mit der Stadard Oil habe er ja hier, in Cleveland begonnen. Dann alle anderen im Ölgeschäft entweder gekauft oder kaputt gemacht, mit Absprachen. Mit den Eisenbahngesellschaften, die sein Öl für Gefälligkeiten oder unter Druck so billig transportierten, dass die anderen in den Mond schauten. Es habe eine Frau gebraucht, um seine schmutzigen Geschäfte detailliert aufzudecken und zu beschreiben, Ida Minerva Tarbell. Über Jahre habe sie nachgeforscht, und ihre Geschichte schliesslich als fortlaufende Serie in McClure's Magazine veröffentlicht, später auch als Buch. Und obwohl alles darin Stehende sich als wahr erwies, habe Präsident Roosevelt sich nicht entblödet, die Journalistin als "Mistgabel" zu bezeichnen, in Anspielung auf eine Figur in einem elend schlecht geschriebenen Erbauungsbuch mit dem Titel The Pilgrim's Progress, wobei man gleich auch noch das Niveau der präsidialen Lektüre erfahren habe. Sogar Tarbells Namen habe der Präsident verspottet, sie mehrfach Tarbarrel genannt. Nun aber habe er immerhin dem Druck der unabhängigen Ölproduzenten nachgegeben und es könne sein, es sei hoffentlich so, dass es Standard Oil bald an den Kragen gehe. Ein Verfahren wegen Verstosses gegen den Antitrust Act sei letztes Jahr eröffnet worden, aber bis zu einem Urteil könne es leider noch Jahre dauern.
Als sie einmal kurz innehielt, versuchte Jules, nicht ganz ernsthaft, zu beschwichtigen:
"Also doch lieber nicht bei Rockefellers?"
"Nein! Oder... vielleicht wäre es ja hochinteressant, das von Innen zu sehen. Aber warum willst du eigentlich Diener sein? Dienen? Florent sieht inzwischen auch in solcher Tätigkeit richtige Arbeit, er nennt es das Feld der Dienstleistungen. Aber du? Warst du nicht Bauer in Cornol? Bist du nicht Bauer? Und wie stellst du dir deine Zukunft vor in zehn, fünfzehn Jahren? Als Butler kannst du kaum an eine Familie denken, du musst deinen Herrschaften immer zu Diensten sein, vierundzwanzig Stunden am Tag. Da nützt dir auch der gute Lohn nicht viel, du bist nie zu Hause, wie ein Seemann."
Jules war eingeschüchtert, sie fragte ihn aus wie eine Lehrerin ihren Schüler. Und das Zuhören hatte ihn ermüdet, weil sie so schnell sprach, dass er nicht immer jedes Wort verstand. Er musste nachdenken.
Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
"Bitte entschuldige! Ich bin leider oft so, ich bedränge andere Menschen. Du musst nicht antworten."
Aber Jules war ganz froh darüber, dass sie ihn zwang, über seine Beweggründe nachzudenken. Und obwohl er seiner Gewohnheit nach erst sprach, wenn er mit einem Gedanken fertig geworden war, begann er zu reden.
Der Entschluss seines älteren Bruders Joseph, des ältesten der Geschwister, zur Grenzwache zu gehen und eine Laufbahn als Beamter zu beginnen, war für ihn ein Schock gewesen, den er sich nie ganz eingestanden hatte. Er war als Bub davon ausgegangen, dass Joseph als erwachsener Mann den kleinen Hof genauso weiterführen würde wie die Werkplätze für die Uhrenfabrikation, als Stellvertreter von Papa und Maman, der er ja in seinen Augen durch die ganze Kindheit hindurch gewesen war. "Das ist deine Pflicht!", hatte es immer und überall geheissen, wenn etwas Anstrengendes zu leisten war. Und: "Da musst du Verantwortung übernehmen!" Joseph hatte solche Forderungen genauso selbstverständlich hervorgebracht wie die Eltern, Widerspruch duldete er nicht, schon weil er die Ansprüche selber überdeutlich erfüllte. Als Jules nun vor ein paar Jahren realisierte, dass sein grosser Bruder im Begriff war, sich davonzumachen, denn als Zollbeamter würde er niemals in der Nähe des Heimatortes eingesetzt werden, und als er die Folgen davon zu erahnen begann, wurde er eine Zeit lang ganz trübsinnig. Er sollte die Stelle des Vaters einmal einnehmen! Er war verdammt dazu, für immer in diesem Nest zu verharren. Natürlich waren da auch noch die Schwestern, die für die Eltern sorgen würden, aber ihnen alles zu überlassen, würde das Ende der Lebensweise, vielleicht gar des Heims, der Eltern bedeuten. Er konnte nicht darüber nachdenken, ohne dass an diesem Punkt immer alles in Nebel versank. Der Entschluss, nach Amerika auszuwandern, war ein Versuch der Befreiung aus dieser Sackgasse. Er wusste noch nicht, ob er den Mut, die Grausamkeit haben würde, in Amerika zu bleiben. Da daraus möglicherweise ein zeitlich beschränktes Abenteuer werden könnte, wollte er sein Leben hier in den grösstmöglichen Gegensatz zu seinem Leben daheim stellen. Ob sie das verstehen könne?
Alice setzte ein zweimal an, holte Luft, sagte dann aber doch lange nichts. Sie stand auf, klapperte und kramte herum, bis sie sich schliesslich umwandte und leise sagte:
"Ich helfe dir. Ich denke mir was aus. Diener sein ist nichts Dummes."
Sonntag, 14. Februar 2021
über den Atlantik 2
Es hiess, sie würden in zwei Tagen, im Verlaufe des Freitags, in Manhattan ankommen. Er konnte an diesem Abend nichts mehr essen und ging möglichst oft nach draussen, so lange, bis er völlig durchfroren und durchnässt war. Inzwischen bewegte sich die "Provence" durch dichten Nebel und liess immer wieder ihr Horn ertönen. Der Regen peitschte ihm waagrecht ins Gesicht, die Seile an den Ladebäumen sangen, pfiffen und heulten im Wind. Das Meer war zerwühlt, Schaumkronen wurden von den Kämmen der Wellen weggerissen, kaum hatten sie sich gebildet. Jules konnte nicht herausfinden, wie weit die Sicht reichte, das Schiff schien auf einem riesigen, kreisrunden Stück flüssiger Borke zu schwimmen, das sich mitbewegte und so den eigentümlichen Eindruck von Stillstand erzeugte. Vielleicht hatte der Kapitän die Geschwindigkeit drosseln lassen, um Hindernisse frühzeitig erkennen zu können. Vielleicht trug auch die von der Gesellschaft angepriesene neue Funktechnik an Bord zur Sicherheit bei, Jules hoffte es. Er versuchte, seine ängstlichen Gedanken zu zerstreuen und beschloss, sich im gemeinschaftlichen Duschraum der zweiten Klasse aufzuwärmen. Als er sich in der Garderobe ausgezogen hatte und die Türe aufzog, schlug im undurchdringlicher, heisser Dampf entgegen. Der Raum war gefüllt mit den Schemen nackter Männer, der Lärm der Stimmen war ohrenbetäubend. Trotzdem blieb er so lange unter dem heissen Wasserstrahl, bis seine Füsse krebsrot waren, und nicht mehr weiss.
Obwohl das Schiff noch den ganzen Donnerstag über rollte und stampfte, war es Jules nach dem Aufstehen nicht mehr schlecht geworden. Beim Frühstück befand sich ausser Silvius und ihm nur ein jüngeres Ehepaar im Essaal. Er hatte die Pampelmusen für sich entdeckt, verkniff es sich aber, eine zweite zu essen. Der Kaffee tat ihm gut, und er war in aufgeräumter Stimmung. Silvius erzählte ihm, dass er einen der Mechaniker getroffen und mit ihm im Kaffee abgemacht habe. Der werde ihn in die Funktionsweise der Dampfmaschinen der "Provence" einweihen, ob er interessiert sei. Eigentlich war Jules nicht interessiert, trotzdem sagte er zu, weil er bisher die Männer der Schiffmannschaft nur von weitem gesehen hatte.
Der Mechaniker war Korse und stellte sich als Alanu Serra vor. Er trug eine einfache, blaue Arbeitsuniform und eine Schirmmütze, die er vor sich auf den Tisch legte. Sein Schnauz war eindrucksvoll, sein Englisch nicht viel besser als das von Jules, und er hatte auch auf Französisch einen starken Akzent. Jules rutschte in die Rolle des Übersetzers, wenn Alanu stecken blieb und die Sprache wechselte.
"Ihr könnt mich auch Alain nennen, Alanu ist Alain."
Silvius hatte seinen Faltprospekt mitgebracht, mit dem Längsschnitt durch das Schiff. Der Mechaniker zog ebenfalls ein paar Blätter aus seiner Tasche, mit Aufrissen und Schnitten der Kessel und Maschinen. Was Alanu nun in einem längeren Vortrag erklärte, immer wieder unterbrochen durch Fragen von Silvius, konnte Jules nur in groben Zügen nachvollziehen. Er verstand aber, dass die "Provence" in scharfer Konkurrenz zu deutschen und englischen Schiffbauern konstruiert worden war. Grösse, Geschwindigkeit und Komfort waren die wesentlichen Faktoren in diesem Wettstreit, dazu kam, wenigstens auf die Dauer, Wirtschaftlichkeit dazu, vor allem bezüglich der Kosten für Kohle. Ein direktes Wettrennen letztes Jahr, ostwärts über den Atlantik, gegen die "Deutschland" von der HAPAG, konnte die "Provence" für sich entscheiden. Sie brauchte dafür nur gerade sechs Tage und drei Stunden, allerdings auch eine ungeheure zusätzliche Menge an Kohle, die alleine für die Erhöhung der Geschwindigkeit um ein paar Knoten notwendig war. Völlig unvernünftig. Jetzt, im Normalbetrieb nehme man es gemütlich, so dass man, anständiges Wetter vorausgesetzt, sieben Tage und etwas brauche für die Überfahrt. Das Schiff habe zwei Kessel, wie man auf dem grossen Bild sehe. Es handle sich um Hochdruckkessel, in denen der Dampf unter Druck auf weit über dem Siedepunkt liegende Temperaturen gebracht werde. Über speziell robuste Rohre werde er dann in die Zylinder geleitet, je vier pro Maschine. Alanu zeigte ihnen auf seinen Zeichnungen, dass sich die Zylinder in ihren Dimensionen unterschieden. Der mit dem kleinsten Querschnitt erhielt als erster den Dampf unter hohem Druck, danach wurde dieser, bereits teilweise entspannt, wie der Mechaniker das nannte, zum nächsten weitergeleitet. Dieser zweite Zylinder hatte einen grösseren Querschnitt, um mit niedrigerem Druck eine ähnlich kräftige Wirkung zu erzielen wie der erste. Und so ging es weiter, über drei Stufen. Zum Schluss werde das Wasser aus dem Dampf kondensiert und in den Kreislauf zurückgeführt. Das sei sparsam und reduziere die Korrosion. Silvius wollte alle Details des Prozesses, die Steuerung der Ventile, die Schmierung, die Abdichtung und so weiter, genau expliziert bekommen. Jules begann sich zu langweilen und übersetzte immer nachlässiger. Schliesslich unterbrach er die Erklärungen mit einer Frage.
"Wie ist das mit dem Kohle Schaufeln? Wer macht das?"
Alanu sah ihn an, sagte nichts. Wiegte dann seinen Kopf hin und her und verzog das Gesicht.
"Das ist die Hölle. Die chauffeurs verdienen zwar recht gut, aber alt werden sie nicht."
Am letzten Abend der Überfahrt war es bei der Transatlantique üblich, für die Passagiere der ersten Klasse im grossen Salon ein Tanzabend zu veranstalten. Es war den Reisenden der zweiten Klasse zwar nicht verboten, an dieser Galaveranstaltung teilzunehmen, aber die Kleiderregeln schrieben für Männer den Smoking vor, so dass Jules höchstens von aussen einen Blick auf das Geschehen werfen konnte. Nach dem Nachtessen traf er sich zuerst mit Henri in der Entrée zur Zweiten, wo sie mit bei einer Flasche Wein auf ihre Ankunft am nächsten Tag anstiessen. Danach wollte sich Henri frühzeitig hinlegen. Jules zog es jedoch auf das hintere obere Deck. Der Himmel hatte aufgerissen, in den Lücken der Wolken waren Sterne zu sehen, und es war wieder etwas wärmer. Als er sich auf der oberen Promenade dem Eingang zum Salon näherte, hörte er, immer wieder an und abschwellend, Musik. Einige Herren in Smoking und zwei drei Damen in Abendkeidern standen vor dem Eingang, um zu rauchen und zu plaudern. Wenn sich die Türe öffnete und wieder jemand heraustrat oder hineinging, wurde die Musik für einen Moment lauter. Jules war unschlüssig, ob er sich vorbeidrücken oder bleiben sollte. Die Neugier siegte schliesslich, und er stellte sich, ein paar Schritte von der Gruppe der vornehmen Raucher entfernt, an die Reling.
"Could you light my cigarette?"
Eine junge Frau, in der weissen Kleidung einer maid, hatte sich neben ihn gestellt, hielt ihre Zigarette lässig zwischen den Fingern der angewinkelten Rechten, und sah ihm herausfordernd in die Augen. Er war überrascht und etwas verlegen, denn er hatte sie in den vergangenen Tagen schon öfter beobachtet, diskret, wie er gemeint hatte. Er musste nach seinem Feuerzeug suchen. Als er es ihr entgegenstreckte, schloss sie ohne zu Zögern ihre Hände um seine, um die Flamme vor dem Wind zu schützen, tat einen tiefen Zug und lachte ihn dann an.
"Sie reisen in der zweiten. Ich bin das Mädchen von Mrs. Blum. Ich heisse Fiona Walsh, aus Irland. Darf ich fragen, wie Sie heissen?"
Jules stellte sich vor.
"Aus der Schweiz? Dann sprechen Sie deutsch?"
Er erklärte ihr, dass er aus dem Jura komme, dass man dort französisch spreche, und eine eigene Sprache, den Patois.
"Wie bei uns das Gälische?"
Jules musste überlegen. Er glaube, der Patois sei nicht ganz so verschieden vom Französischen wie das Gälische vom Englischen. Gewisse Wörter seien ganz anders, man sage, dass es keltische darin habe, aber auch viel deutsche Ausdrücke. Und die Aussprache sei, na ja, die Franzosen rümpften die Nase darüber. Sie lachte. Sah dann, aufgeschreckt, über seine Schulter hinweg und drückte hastig die Zigarette aus.
"Sie ruft mich. Vielleicht komme ich gleich wieder, bleiben Sie noch?"
Sie war schon weg, als er bejahte.
Sie gefällt Jules. In ihrer sprudelnden, selbstsicheren Art erinnert sie ihn an seine Schwester Berthe, aber sie ist hübscher. Grösser, fast grösser als er. Und die rötlichen Haare! Er hat gesehen, dass Fiona mit ihrer Herrin ins Innere gegangen ist und rechnet nicht damit, dass sie nochmals zurückkommt. Trotzdem wartet eine Weile. Als er sich entschliesst zu gehen, steht sie wieder neben ihm.
"Da bin ich wieder. Ich musste den Kellner auf Mrs. Blums leeres Champagnerglas aufmerksam machen, das möchte sie nicht selber tun."
Jules wird von ihrem Lachen angesteckt. Sie will mehr über ihn wissen.
"Fahren Sie zum ersten Mal nach Amerika? Was wollen Sie dort machen?"
Jules will schon zu seiner üblichen, komplizierten Erklärung ansetzen, als es spontan aus ihm herausbricht:
"Ich will Diener werden bei den Reichen und Schönen, wie Sie! – Ja, das ist mein erstes Mal."
Was sagte er da? Das war bisher immer eine von vielen Möglichkeiten gewesen, eine eher unwahrscheinliche obendrein. Sie schien nichts Ungewöhnliches in seiner Äusserung zu sehen, hob gleich zu Ratschlägen an, wie er herangehen sollte bei der kommenden Suche nach Anstellungen.
"Die Iren sind beliebt, wegen der Sprache. Aber auch die Schweizer, wie ich gehört habe, wohl wegen ihrem Ruf der Pünktlichkeit und Sauberkeit. Sind Sie ein pünktlicher und sauberer Mensch, Monsieur Chiquet?"
Wieder dieses Lachen, mit zurückgeworfenem Kopf.
"Vielleicht sehen wir uns dann einmal in New York? Mr. Blum hat oft in einer Kanzlei in Manhattan zu tun, seine Frau begleitet ihn ab und zu, wenn er länger bleibt. Dann haben sie eine Wohnung in der Mansion seines Bruders, und die beiden Kleinen werden bei den Grosselteren untergebracht. Sonst sind wir im Norden von New York zuhause. Die Blums haben ein grosses Haus in Hardsdale. Ich gebe Ihnen die Adresse."
Jules nahm sein Notizbuch hervor und zog den kleinen Stift aus der Lasche, hielt ihr dann beides hin. Er schrieb ihr auch seine Adresse in Ohio auf ein herausgerissenes Blatt, ohne Überzeugung, dass er lange dort bleiben werde.
Sie las seine Anschrift und meinte:
"Ohio. Da ist es schwierig, Reiche zu finden. Und noch schwieriger, Schöne!"
Am Freitag den siebzehnten Mai, gegen Mittag kreuzte die "Provence" mit gedrosselten Maschinen die Freiheitsstatue. Auf den Decks und Gängen herrschte dichtes Gedränge, alle wollten diesen Teil der Ankunft mit eigenen Augen sehen und miterleben. Als sie sich auf der Höhe von Ellis Island befanden, erzählten sich Passagiere, die in Jules und Henris Nähe standen, allerlei schlimme Geschichten. Jules war das unangenehm, aber Henri winkte ab.
"Das wird schon. Ich bin ja kein Anarchist!"
"Und auch kein... wie hiess das?"
"Bigamist!"
Sie lachten und wechselten auf die andere Seite des Schiffs. Es wurde nun von zwei Schleppbooten den Hudson River hinaufgezogen. Man zeigte und erklärte sich gegenseitig die prominenten Gebäude, die aus der Silhouette von Manhattan herausragten, und nachdem sie an den Piers unzähliger Schiffsgesellschaften vorbeigeglitten waren, kam schliesslich ihrer in Sicht. Eine Ankunftshalle aus Stahl und Glas stand darauf, auf der Frontseite in grossen Buchstaben angeschrieben mit FRENCH LINE. Sie waren angekommen.
Obwohl das Schiff noch den ganzen Donnerstag über rollte und stampfte, war es Jules nach dem Aufstehen nicht mehr schlecht geworden. Beim Frühstück befand sich ausser Silvius und ihm nur ein jüngeres Ehepaar im Essaal. Er hatte die Pampelmusen für sich entdeckt, verkniff es sich aber, eine zweite zu essen. Der Kaffee tat ihm gut, und er war in aufgeräumter Stimmung. Silvius erzählte ihm, dass er einen der Mechaniker getroffen und mit ihm im Kaffee abgemacht habe. Der werde ihn in die Funktionsweise der Dampfmaschinen der "Provence" einweihen, ob er interessiert sei. Eigentlich war Jules nicht interessiert, trotzdem sagte er zu, weil er bisher die Männer der Schiffmannschaft nur von weitem gesehen hatte.
Der Mechaniker war Korse und stellte sich als Alanu Serra vor. Er trug eine einfache, blaue Arbeitsuniform und eine Schirmmütze, die er vor sich auf den Tisch legte. Sein Schnauz war eindrucksvoll, sein Englisch nicht viel besser als das von Jules, und er hatte auch auf Französisch einen starken Akzent. Jules rutschte in die Rolle des Übersetzers, wenn Alanu stecken blieb und die Sprache wechselte.
"Ihr könnt mich auch Alain nennen, Alanu ist Alain."
Silvius hatte seinen Faltprospekt mitgebracht, mit dem Längsschnitt durch das Schiff. Der Mechaniker zog ebenfalls ein paar Blätter aus seiner Tasche, mit Aufrissen und Schnitten der Kessel und Maschinen. Was Alanu nun in einem längeren Vortrag erklärte, immer wieder unterbrochen durch Fragen von Silvius, konnte Jules nur in groben Zügen nachvollziehen. Er verstand aber, dass die "Provence" in scharfer Konkurrenz zu deutschen und englischen Schiffbauern konstruiert worden war. Grösse, Geschwindigkeit und Komfort waren die wesentlichen Faktoren in diesem Wettstreit, dazu kam, wenigstens auf die Dauer, Wirtschaftlichkeit dazu, vor allem bezüglich der Kosten für Kohle. Ein direktes Wettrennen letztes Jahr, ostwärts über den Atlantik, gegen die "Deutschland" von der HAPAG, konnte die "Provence" für sich entscheiden. Sie brauchte dafür nur gerade sechs Tage und drei Stunden, allerdings auch eine ungeheure zusätzliche Menge an Kohle, die alleine für die Erhöhung der Geschwindigkeit um ein paar Knoten notwendig war. Völlig unvernünftig. Jetzt, im Normalbetrieb nehme man es gemütlich, so dass man, anständiges Wetter vorausgesetzt, sieben Tage und etwas brauche für die Überfahrt. Das Schiff habe zwei Kessel, wie man auf dem grossen Bild sehe. Es handle sich um Hochdruckkessel, in denen der Dampf unter Druck auf weit über dem Siedepunkt liegende Temperaturen gebracht werde. Über speziell robuste Rohre werde er dann in die Zylinder geleitet, je vier pro Maschine. Alanu zeigte ihnen auf seinen Zeichnungen, dass sich die Zylinder in ihren Dimensionen unterschieden. Der mit dem kleinsten Querschnitt erhielt als erster den Dampf unter hohem Druck, danach wurde dieser, bereits teilweise entspannt, wie der Mechaniker das nannte, zum nächsten weitergeleitet. Dieser zweite Zylinder hatte einen grösseren Querschnitt, um mit niedrigerem Druck eine ähnlich kräftige Wirkung zu erzielen wie der erste. Und so ging es weiter, über drei Stufen. Zum Schluss werde das Wasser aus dem Dampf kondensiert und in den Kreislauf zurückgeführt. Das sei sparsam und reduziere die Korrosion. Silvius wollte alle Details des Prozesses, die Steuerung der Ventile, die Schmierung, die Abdichtung und so weiter, genau expliziert bekommen. Jules begann sich zu langweilen und übersetzte immer nachlässiger. Schliesslich unterbrach er die Erklärungen mit einer Frage.
"Wie ist das mit dem Kohle Schaufeln? Wer macht das?"
Alanu sah ihn an, sagte nichts. Wiegte dann seinen Kopf hin und her und verzog das Gesicht.
"Das ist die Hölle. Die chauffeurs verdienen zwar recht gut, aber alt werden sie nicht."
Am letzten Abend der Überfahrt war es bei der Transatlantique üblich, für die Passagiere der ersten Klasse im grossen Salon ein Tanzabend zu veranstalten. Es war den Reisenden der zweiten Klasse zwar nicht verboten, an dieser Galaveranstaltung teilzunehmen, aber die Kleiderregeln schrieben für Männer den Smoking vor, so dass Jules höchstens von aussen einen Blick auf das Geschehen werfen konnte. Nach dem Nachtessen traf er sich zuerst mit Henri in der Entrée zur Zweiten, wo sie mit bei einer Flasche Wein auf ihre Ankunft am nächsten Tag anstiessen. Danach wollte sich Henri frühzeitig hinlegen. Jules zog es jedoch auf das hintere obere Deck. Der Himmel hatte aufgerissen, in den Lücken der Wolken waren Sterne zu sehen, und es war wieder etwas wärmer. Als er sich auf der oberen Promenade dem Eingang zum Salon näherte, hörte er, immer wieder an und abschwellend, Musik. Einige Herren in Smoking und zwei drei Damen in Abendkeidern standen vor dem Eingang, um zu rauchen und zu plaudern. Wenn sich die Türe öffnete und wieder jemand heraustrat oder hineinging, wurde die Musik für einen Moment lauter. Jules war unschlüssig, ob er sich vorbeidrücken oder bleiben sollte. Die Neugier siegte schliesslich, und er stellte sich, ein paar Schritte von der Gruppe der vornehmen Raucher entfernt, an die Reling.
"Could you light my cigarette?"
Eine junge Frau, in der weissen Kleidung einer maid, hatte sich neben ihn gestellt, hielt ihre Zigarette lässig zwischen den Fingern der angewinkelten Rechten, und sah ihm herausfordernd in die Augen. Er war überrascht und etwas verlegen, denn er hatte sie in den vergangenen Tagen schon öfter beobachtet, diskret, wie er gemeint hatte. Er musste nach seinem Feuerzeug suchen. Als er es ihr entgegenstreckte, schloss sie ohne zu Zögern ihre Hände um seine, um die Flamme vor dem Wind zu schützen, tat einen tiefen Zug und lachte ihn dann an.
"Sie reisen in der zweiten. Ich bin das Mädchen von Mrs. Blum. Ich heisse Fiona Walsh, aus Irland. Darf ich fragen, wie Sie heissen?"
Jules stellte sich vor.
"Aus der Schweiz? Dann sprechen Sie deutsch?"
Er erklärte ihr, dass er aus dem Jura komme, dass man dort französisch spreche, und eine eigene Sprache, den Patois.
"Wie bei uns das Gälische?"
Jules musste überlegen. Er glaube, der Patois sei nicht ganz so verschieden vom Französischen wie das Gälische vom Englischen. Gewisse Wörter seien ganz anders, man sage, dass es keltische darin habe, aber auch viel deutsche Ausdrücke. Und die Aussprache sei, na ja, die Franzosen rümpften die Nase darüber. Sie lachte. Sah dann, aufgeschreckt, über seine Schulter hinweg und drückte hastig die Zigarette aus.
"Sie ruft mich. Vielleicht komme ich gleich wieder, bleiben Sie noch?"
Sie war schon weg, als er bejahte.
Sie gefällt Jules. In ihrer sprudelnden, selbstsicheren Art erinnert sie ihn an seine Schwester Berthe, aber sie ist hübscher. Grösser, fast grösser als er. Und die rötlichen Haare! Er hat gesehen, dass Fiona mit ihrer Herrin ins Innere gegangen ist und rechnet nicht damit, dass sie nochmals zurückkommt. Trotzdem wartet eine Weile. Als er sich entschliesst zu gehen, steht sie wieder neben ihm.
"Da bin ich wieder. Ich musste den Kellner auf Mrs. Blums leeres Champagnerglas aufmerksam machen, das möchte sie nicht selber tun."
Jules wird von ihrem Lachen angesteckt. Sie will mehr über ihn wissen.
"Fahren Sie zum ersten Mal nach Amerika? Was wollen Sie dort machen?"
Jules will schon zu seiner üblichen, komplizierten Erklärung ansetzen, als es spontan aus ihm herausbricht:
"Ich will Diener werden bei den Reichen und Schönen, wie Sie! – Ja, das ist mein erstes Mal."
Was sagte er da? Das war bisher immer eine von vielen Möglichkeiten gewesen, eine eher unwahrscheinliche obendrein. Sie schien nichts Ungewöhnliches in seiner Äusserung zu sehen, hob gleich zu Ratschlägen an, wie er herangehen sollte bei der kommenden Suche nach Anstellungen.
"Die Iren sind beliebt, wegen der Sprache. Aber auch die Schweizer, wie ich gehört habe, wohl wegen ihrem Ruf der Pünktlichkeit und Sauberkeit. Sind Sie ein pünktlicher und sauberer Mensch, Monsieur Chiquet?"
Wieder dieses Lachen, mit zurückgeworfenem Kopf.
"Vielleicht sehen wir uns dann einmal in New York? Mr. Blum hat oft in einer Kanzlei in Manhattan zu tun, seine Frau begleitet ihn ab und zu, wenn er länger bleibt. Dann haben sie eine Wohnung in der Mansion seines Bruders, und die beiden Kleinen werden bei den Grosselteren untergebracht. Sonst sind wir im Norden von New York zuhause. Die Blums haben ein grosses Haus in Hardsdale. Ich gebe Ihnen die Adresse."
Jules nahm sein Notizbuch hervor und zog den kleinen Stift aus der Lasche, hielt ihr dann beides hin. Er schrieb ihr auch seine Adresse in Ohio auf ein herausgerissenes Blatt, ohne Überzeugung, dass er lange dort bleiben werde.
Sie las seine Anschrift und meinte:
"Ohio. Da ist es schwierig, Reiche zu finden. Und noch schwieriger, Schöne!"
Am Freitag den siebzehnten Mai, gegen Mittag kreuzte die "Provence" mit gedrosselten Maschinen die Freiheitsstatue. Auf den Decks und Gängen herrschte dichtes Gedränge, alle wollten diesen Teil der Ankunft mit eigenen Augen sehen und miterleben. Als sie sich auf der Höhe von Ellis Island befanden, erzählten sich Passagiere, die in Jules und Henris Nähe standen, allerlei schlimme Geschichten. Jules war das unangenehm, aber Henri winkte ab.
"Das wird schon. Ich bin ja kein Anarchist!"
"Und auch kein... wie hiess das?"
"Bigamist!"
Sie lachten und wechselten auf die andere Seite des Schiffs. Es wurde nun von zwei Schleppbooten den Hudson River hinaufgezogen. Man zeigte und erklärte sich gegenseitig die prominenten Gebäude, die aus der Silhouette von Manhattan herausragten, und nachdem sie an den Piers unzähliger Schiffsgesellschaften vorbeigeglitten waren, kam schliesslich ihrer in Sicht. Eine Ankunftshalle aus Stahl und Glas stand darauf, auf der Frontseite in grossen Buchstaben angeschrieben mit FRENCH LINE. Sie waren angekommen.
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