Wenn er die Bilder mit Kommentaren wieder durchsah, welche er selber und die an seinem Kunstprojekt damals Teilnehmenden auf die virtuelle Plattform geladen hatten – "posten" nannte man das – dann erfasste ihn noch immer eine Beunruhigung aus der Tiefe der Erinnerung. Er hatte sich an einem Freitagmorgen an den Frühstückstisch gesetzt. In der Zeitung, noch auf Papier, schlug er die Seite des Feuilletons auf und legte sie an den üblichen Ort, halb auf dem Tisch links neben dem Teller und halb auf dem daran anschliessenden Heizungskörper unter dem Fenster. Zwischen Schlucken aus der Kaffeetasse und Bissen einer Scheibe Brot, belegt mit Butter und Käse, versuchte er, den Artikel zu lesen. Er war ein langsamer Leser, vor allem am Morgen, und musste die Sätze oft mehrmals lesen. Zuerst überflog er in der Regel die Zeilen, um dann nochmals im Text zurückzugehen und die Wörter, Sätze und Abschnitte wirken zu lassen. Dabei nahm er die Bedeutung langsam auf, weil ihn die Wahl der Wörter, ihr Klang, die Reihenfolge und überraschende Formulierungen interessierten und ablenkten. Heute war es aber anders. Vom Inhalt des Gedruckten hatte er nach zwei Abschnitten so wenig mitbekommen, dass er nochmals von vorne begann. Er war sehr irritiert, als er zuoberst einen ihm völlig unbekannten und wie er meinte, neuen Titel las. Auch die Zwischentitel, die er nun schnell überflog, schienen ausgetauscht zu sein, ja sie bezogen sich auf ein Thema, von dem er sicher war, dass er nicht vor ein paar Minuten bereits darüber gelesen hatte. Er zwang sich ruhig zu bleiben und die ganze Seite durchzulesen. Als er fertig war, stellte er fest, dass er nicht hätte sagen können, wovon der Autor – oder war es eine Autorin? – geschrieben hatte. Auch die Überschriften waren ihm wieder gänzlich neu, wie er mit inzwischen starkem Herzklopfen feststellte. Er legte die Zeitung zusammen und trank noch einen Kaffee. Redete sich ein, dass er noch nicht ganz wach sei und dieser Zustand schon vorbeigehen werde. Am besten, man achtete nicht darauf!
Er setzte sich vor den Computer und begann die neusten Einträge in der Gruppenunterhaltung zu seinem Projekt durchzusehen, da wurde ihm deutlich, dass es nicht vorbei war. Er sah sich die Fotos und kurzen Filme an, die in den letzten Tagen neu dazugekommen waren. Es waren nicht viele, so dass er schnell bei älteren, ihm gut vertrauten Beiträgen landete. Als Administrator der virtuellen Gruppe fühlte er sich verpflichtet, zu allem, was die Teilnehmenden zum Projekt beisteuerten, einen wertschätzenden Kommentar abzugeben, weshalb er die kurzen Texte alle auswendig kannte. Umso verblüffter und zunehmend erschrockener las er deshalb das, was da zwischen den Bildern geschrieben stand. Ein Geist, ein Hacker war in die Geschichte eingedrungen und hatte Texte eingefügt, die er noch nie gelesen hatte, die auch keinen Sinn machten. Oder einen völlig verdrehten! Er las sich die absurden Bemerkungen laut vor, um sich zu vergewissern, dass es nicht die richtigen waren. Verschob die schier endlose Reihe der Bilder und Kommentare hoch und runter, kehrte wieder zu denen zurück, die er gerade eben angesehen hatte. Und schon wieder war alles anders! Er spürte, wie sich Panik in seinem Körper ausbreitete. Das Blickfeld war eingeschränkt, der Nacken verspannte sich. Die Luft brannte kalt in der Nase, wenn er sie einsog, und sein Puls raste. Er griff sich aus dem Papierabfall ein paar Blätter, dazu den erstbesten Stift, und begann, Kommentare wortwörtlich abzuschreiben. Dazu zeichnete er eine Skizze des Bildes, auf den sich der Text bezog. Bald schrieb er ganze Unterhaltungen ab, vom ursprünglichen Beitrag bis zu den Antworten und Reaktionen, die sich meist direkt aufeinander bezogen. Systematisch wollte er das Abgeschriebene mit dem vergleichen, was er auf dem Bildschirm sah. Vor allem mit dem, was er sehen würde, wenn er nach einem Moment des Wegschauens wieder zurückkehrte. Denn der Kobold, oder was immer das war, was ihn da narrte, schien die Lücken zu nutzen, die sich aus den Wechseln seiner Aufmerksamkeit ergaben. Von den Abschnitten weiter oben zu denen weiter unten, vom Abgeschriebenen zu dem, was der Bildschirm zeigte. Immer fahriger schrieb er ab – seine Schrift sah grauenhaft aus –, und immer schneller wollte er zu eben erst Gelesenem zurückkehren, um wenigstens einmal wieder etwas zu entdecken, was ihm bekannt vorkam. Umsonst! Auch das, was er gerade eben auf dem Papier hatte festhalten wollen, erschien ihm fremd, neu, zusammenhangslos. Immerhin konnte er für ganz kurze Momente feststellen, dass es dasselbe war, wie auf dem Bildschirm, aber wenn er seine Aufmerksamkeit nur ein wenig verschob, war schon wieder alles verrutscht. Er musste eine Pause einlegen, legte Stift und Papier weg – er hatte inzwischen einen ganzen Stapel vollgeschrieben! – und lehnte sich zurück. Atmete bewusst ein paarmal tief ein und aus. Dabei liess er den Gedanken zu, dass etwas mit seinem Gehirn nicht stimmte. Eine Streifung? Die Andeutung eines Schlaganfalls? Er versuchte, vernünftig darüber nachzudenken. Die Aufregung war sicher nicht gut in einem solchen Fall, dachte er. Also schloss er das Programm und stellte den Computer ab. Beschloss, abzuwarten. Ging hinunter ins Schlafzimmer und legte sich hin. Döste eine Weile.
Als er wieder aufstand, fühlte er sich ruhig und traute sich zu, wieder nach oben zum Computer zu gehen. Als er die Projektseiten geöffnet hatte, sah er sofort, dass der Spuk vorbei war. Die Kommentare waren wieder vertraut, antworteten stimmig aufeinander und wichen auch nicht ab von seinen krakeligen Transkripten, die er schliesslich erleichtert, aber auch etwas verlegen zum Altpapier legte.
Er liess das Programm nach Artikeln suchen mit Begriffen wie "Verlust des Kurzzeitgedächtnisses", "Verlust der Lesefähigkeit" und ähnlichem. Was er zu lesen bekam, war erschreckend, weil es mit Schlaganfällen oder Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer zu tun hatte. Erst als er sich zugestand, das Adjektiv "vorübergehend" hinzuzufügen, stiess er auf eine Bezeichnung für das Erlebte, die ihn einigermassen beruhigte und von der er hoffte, dass sie auch stimmte. Ein Artikel trug den Titel: "Vorübergehende Amnesie: Wenn das Gedächtnis Pause macht". Das gefiel ihm. Es gab sogar einen medizinischen Namen mit der entsprechenden fachlichen Abkürzung dafür: Transiente globale Amnesie, TGA. In den meisten Fällen bleibe eine Episode von TGA einmalig im Leben. Einige Patienten könnten sich, anders als er dies bei sich feststellte, nicht mehr an die Zeit des Vorfalls erinnern, wobei sie während dieser Phase weder die zeitliche und räumliche Orientierung verlören noch Schwierigkeiten beim Erkennen von Personen hätten. Kurze Zeit nach dem Vorfall liessen sich mit bildgebenden Methoden kleine weisse Flecken im Gehirn feststellen, die auf Läsionen hindeuteten. Diese Symptome verschwänden aber relativ schnell wieder und es blieben keine erkennbaren Folgen zurück. Er konnte sich dennoch erst einige Zeit später dazu entschliessen, seiner Frau von dem Erlebnis zu berichten. Der Schreck über das Erlebte sass tief. Sein Gehirn hatte eine Organstörung erfahren. Etwas in seinem Innern war durcheinandergeraten, was er aber als Attacke von aussen erfuhr. Als Durcheinander in der Welt, das sein Ich verwirrte. Während des Anfalls hatte er für einige Momente wirklich geglaubt, jemand habe sich in die virtuelle Plattform eingeschlichen und narre ihn in Echtzeit mit willkürlich eingegebenen Texten.
Jetzt, ein paar Jahre später, hatte er das alles schon beinahe vergessen. Ab und zu kam es ihm wieder in den Sinn, zum Beispiel, wenn er bei seiner alten Mutter die Zeichen einer schleichenden Demenz beobachtete. Auch sie erlebte die Irritationen des eigenen Gehirns als Störungen im Aussen, ausgehend von anderen. "Sie haben wieder ein grosses Durcheinander gemacht!" klagte sie zuweilen, wenn sie mit Wochentagen, Anlässen und Terminen nicht mehr klarkam. Dann beschwerte sie sich über die in ihren Augen schlecht informierten Pflegerinnen, die Abmachungen verwechselten oder vergässen, sie mit Falschinformationen verwirrten und schlecht organisiert seien. Jetzt, wo sie fast nichts mehr ass und immer schwächer wurde, waren von ihr kaum mehr solche Klagen zu hören. Hatte sie sich damit abgefunden, dass die Zeit willkürliche Sprünge machte und die Welt nicht mehr zu verstehen war? War sie am Sterben?
Aus Neugier befasste er sich neuerdings mit Geistern, die es zum Zeitpunkt seiner Amnesie so noch nicht gegeben hatte: Öffentlich und gratis zugängliche Textgeneratoren, denen man Fragen stellen konnte oder die einen begonnenen Text für einen weiterspannen. Bei einem seiner Versuche gab er einen der kurzen Kommentare ein, die ihn damals so geplagt hatten, als er in Panik vor seinem Computer sass und meinte, ein Geist rede mit ihm. Der Satz war von ihm selber geschrieben worden und stand unter dem Bild eines kleinen roten Kopfs aus Wachs, den er an den Gartenpfosten vor seinem Atelier geklebt hatte. Er hiess: "Und: Test für eine Intervention im öffentlichen Raum." Er schrieb noch dazu: "Bilde den nächsten Satz!"
Der Textgenerator schrieb zurück: "Ich habe einen Plan für eine Intervention im öffentlichen Raum." Eine merkwürdige Antwort, fand er, wenn man bedachte, dass die Algorithmen darauf trainiert werden, die wahrscheinlichsten Wörter und Sätze zu präsentieren, die auf eine Eingabe folgten. Wäre da nicht logisch, dass zuerst der Plan gefasst wird und dann der Test erfolgt? Und auf den Test entweder weitere Tests oder die endgültige Umsetzung?
Er gab seinen Satz nochmals ein und hängte die Frage: "Was bedeutet das?" daran. Da holte der Geist aus zu dieser erstaunlich erschöpfenden Erklärung:
"Ein Test für eine Intervention im öffentlichen Raum bezieht sich auf die Überprüfung oder Erprobung einer geplanten Aktion oder Maßnahme, die in einem öffentlichen Raum stattfinden soll. Eine solche Intervention kann beispielsweise eine temporäre Installation, ein Kunstprojekt, eine Demonstration oder eine Veranstaltung sein, die darauf abzielt, Menschen zu sensibilisieren oder bestimmte soziale, politische oder umweltbezogene Themen anzusprechen. Der Test ermöglicht es den Organisatoren, die Auswirkungen der Intervention zu beurteilen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen, bevor sie tatsächlich umgesetzt wird."
Weil er inzwischen wusste, dass das System auf dieselbe Eingabe nie zweimal dieselbe Antwort gab, versuchte er es gleich nochmals. Und während er beim ersten Text erstaunt gewesen war über den linksliberalen Dreh – offenbar war die Suche mit ihren undurchschaubaren Verzweigungen in einem von Aktivisten und Künstlern bestimmten Textumfeld gelandet –, so skizzierte nun die zweite Antwort deutlich unterscheidbar einen Zusammenhang mit stätdteplanerischen Massnahmen, die man durch Tests «sicherer und effizienter» machen könne.
Das erinnerte ihn ein wenig an die Willkür der Texte während seiner Amnesie. Aber der Geist der maschinellen Intelligenz erschreckte ihn weniger, als es sein eigener damals getan hatte.
Freitag, 10. März 2023
Freitag, 3. Februar 2023
Noch nicht!
Eines Tages ist der Kater des pensionierten Professors verschwunden. Zusammen mit seiner Frau sucht er nach ihm, zunehmend verzweifelt. Den Namen des Tiers rufend ziehen sie immer weitere Kreise ums Haus, stellen Schüsselchen mit Hering, seiner Lieblingsspeise, in die Umgebung. Als alles Suchen erfolglos bleibt, stürzt der alte Mann in tiefe Trauer.
Katzen können einfach verschwinden. Eine ist zugelaufen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie von einem anderen Ort weggelaufen ist. Sie band sich weder an ein Haus noch an die Menschen darin, und zog bald weiter, ohne sich je wieder zu zeigen.
Der Professor wollte sich keine neue Katze mehr anschaffen. War die Bindung an das verschwundene Tier so stark, dass es nicht ersetzt werden konnte? Fühlte er sich nicht mehr in der Lage – er war deutlich älter als seine Frau und begann, gebrechlich zu werden – sich auf den Bewegungsdrang eines jungen Tiers einzulassen, dessen unvorhersehbarem Streichen um die Beine mit Geschick und ohne Sturz begegnen zu können? Befürchtete er, eine junge Katze könnte ihn überleben, was umständliche Vorsorge verlangt hätte?
Manche Katzen ziehen sich vor ihrem Tod von Menschen zurück. Ein alter weisser Kater, nicht kastriert wie jener des Professors, war im hohen Alter struppig und unter dem Fell von knotigen Narben bedeckt. Er konnte den Harn nicht mehr halten und schlief Tag und Nacht. Da machte er sich auf zum letzten Spaziergang in sein einst riesiges Revier und ward nicht mehr gesehen. Sein Verschwinden hinterliess eine gewisse Wehmut im Haus, aber keine tiefe Trauer, denn der kleine Junge, zu dem er einst gehört hatte, war längst nicht mehr da.
Den Professor aber traf der Verlust mit Wucht. Damit hatte er nicht gerechnet, meinte er doch, Alter und Tod Jahr für Jahr überlistet zu haben, wenn er beim Abschlussfest der japanischen Universität den Bierhumpen hob und seinen ehemaligen Studenten und Kollegen mit freudigem Trotz zurief: «Noch nicht!». Obwohl sein Kater einst zugelaufen war und von ihm sogar «Streuner» getauft, schloss er kategorisch aus, dass er davongelaufen sein könnte zu anderen Menschen, in ein anderes Heim. Nein! Er hatte nur an sich selber gedacht! Nun war seinem geliebten Haustier etwas Schlimmes geschehen und er hatte es versäumt ihn durch einen Zauberspruch davor zu bewahren.
Eine Katze gebar fünf Junge. Sie verhielt sich dabei ungewöhnlich, war unruhig und wechselte immer wieder den Ort, so dass die Kleinen im ganzen Raum verstreut lagen, jedes noch über die feine Nabelschnur verbunden mit einem bläulich schimmernden Organ. Das letzte Jungtier war grösser als die anderen, ein Kater. Es blieb halb stecken im Leib der Mutter, die hechelte und mit einem panischen Ausdruck in den Augen umherblickte. Man musste sie daran hindern, durch die Katzentüre in den Garten zu fliehen, wo sie ohne Zweifel gestorben wäre, vielleicht unter einem Busch. So konnte man ihr helfen, sich von ihrem letzten, schon toten Kind zu befreien und zu überleben.
Eines Tages trat eine schwarzweisse Katze durch dieselbe Öffnung in der Gartenhecke des Professors, durch die schon sein geliebter Kater einst erschienen war. Man hätte denken können, es sei die Reinkarnation des verschwundenen Haustiers. Jedenfalls frass er die Heringe, die ihm die Frau hinstellte, mit derselben Hingabe wie sein Vorgänger. Konnte er dessen Stelle im Herzen des Professors einnehmen? Er durfte bleiben und bekam den deutschen Namen «Kurz», wegen seines Stummelschwanzes.
Die Katze hatte vor der schweren Geburt ihrer Jungen schon einen Unfall überlebt, bei dem ihr Becken von einem Auto zertrümmert worden war. Trotzdem erreichte sie ein sehr hohes Alter. Als ihre Nieren zu versagen begannen, zog sie sich oft in den Garten zurück und legte sich zwischen die Stauden. Wenn sie schlief, sah sie nun schon wie tot aus.
Der Professor war Germanist gewesen, was den Katzennamen und das Ritual mit den übergrosssen Biertrinkgefässen erklärte. «Noch nicht!», rief er seinen Freunden zu, wie als kleiner Junge an jenem goldenen Sommerabend, als sie Verstecken spielten auf einem abgeernteten Getreidefeld und er von einem Strohhaufen zum nächsten sprang, weil er sich nicht entscheiden konnte. Die Freunde verfolgten oben auf dem Damm seine Bewegungen und fragten, laut rufend, immer wieder: «Fertig?» Worauf er mit hoher, angestrengter Kinderstimme schrie: «Noch nicht!» Schliesslich aber entdeckte er einen Haufen, der ihm geeignet schien, um darin zu verschwinden.
Die letzte Katze war wild gewesen. Manche Hundebesitzer wechselten die Strassenseite, wenn sie an dem Haus vorbeigingen, das von ihr furchtlos verteidigt wurde. Wenn die ihr vertrauten Menschen von Besorgungen nachhause kamen, waren sie vom feinen Gehör der Katze längst erkannt worden und auch sie kehrte zurück von ihrem Rundgang. In schnellem Trab kam sie daher, kurze Begrüssungslaute ausstossend. Energisch rieb sie sich beim Eintreten durch die Gartentür an den Beinen ihrer Ernährer.
Bevor der kleine Junge sich ganz mit Stroh zugedeckt hat, schaut er gebannt in den Himmel. Die Kamera schwenkt nach oben und man sieht eine Öffnung in den Wolken, deren Ränder in ein unwirkliches rosafarbenes Licht getaucht sind. So endet der letzte Film dieses Regisseurs.
Als die Katze nicht mehr da war, wurde sie von den Menschen, die zu ihr gehörten, noch lange schmerzlich vermisst. Der Schmerz trat dann am heftigsten auf, wenn sie meinten, das Tier sei unverhofft wieder anwesend. Wenn sie aus dem Augenwinkel einen einzelnen dunklen Gegenstand von der Grösse der Katze bemerkten, der sich jedoch nach überraschtem Drehen des Kopfs als Tragetasche oder als herumliegendes Kleidungsstück erwies. In solchen Augenblicken traf sie die Erkenntnis der unwiderruflichen Abwesenheit der Katze wie ein scharfer Stich, gefolgt von leiser Scham über das Gewicht der Trauer, die doch nur einem Tier galt. Aber sie waren alt geworden und wie der Professor wollten auch sie keine weitere Katze mehr ins Haus holen. Darüber durfte man schon ein wenig traurig sein.
«Madadayo» (1993, deutsch: «Noch nicht») ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa. Die Geschichte bezieht sich auf das Leben des Dichters und Germanistikprofessors Hyakken Uchida (1889–1971)
Katzen können einfach verschwinden. Eine ist zugelaufen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie von einem anderen Ort weggelaufen ist. Sie band sich weder an ein Haus noch an die Menschen darin, und zog bald weiter, ohne sich je wieder zu zeigen.
Der Professor wollte sich keine neue Katze mehr anschaffen. War die Bindung an das verschwundene Tier so stark, dass es nicht ersetzt werden konnte? Fühlte er sich nicht mehr in der Lage – er war deutlich älter als seine Frau und begann, gebrechlich zu werden – sich auf den Bewegungsdrang eines jungen Tiers einzulassen, dessen unvorhersehbarem Streichen um die Beine mit Geschick und ohne Sturz begegnen zu können? Befürchtete er, eine junge Katze könnte ihn überleben, was umständliche Vorsorge verlangt hätte?
Manche Katzen ziehen sich vor ihrem Tod von Menschen zurück. Ein alter weisser Kater, nicht kastriert wie jener des Professors, war im hohen Alter struppig und unter dem Fell von knotigen Narben bedeckt. Er konnte den Harn nicht mehr halten und schlief Tag und Nacht. Da machte er sich auf zum letzten Spaziergang in sein einst riesiges Revier und ward nicht mehr gesehen. Sein Verschwinden hinterliess eine gewisse Wehmut im Haus, aber keine tiefe Trauer, denn der kleine Junge, zu dem er einst gehört hatte, war längst nicht mehr da.
Den Professor aber traf der Verlust mit Wucht. Damit hatte er nicht gerechnet, meinte er doch, Alter und Tod Jahr für Jahr überlistet zu haben, wenn er beim Abschlussfest der japanischen Universität den Bierhumpen hob und seinen ehemaligen Studenten und Kollegen mit freudigem Trotz zurief: «Noch nicht!». Obwohl sein Kater einst zugelaufen war und von ihm sogar «Streuner» getauft, schloss er kategorisch aus, dass er davongelaufen sein könnte zu anderen Menschen, in ein anderes Heim. Nein! Er hatte nur an sich selber gedacht! Nun war seinem geliebten Haustier etwas Schlimmes geschehen und er hatte es versäumt ihn durch einen Zauberspruch davor zu bewahren.
Eine Katze gebar fünf Junge. Sie verhielt sich dabei ungewöhnlich, war unruhig und wechselte immer wieder den Ort, so dass die Kleinen im ganzen Raum verstreut lagen, jedes noch über die feine Nabelschnur verbunden mit einem bläulich schimmernden Organ. Das letzte Jungtier war grösser als die anderen, ein Kater. Es blieb halb stecken im Leib der Mutter, die hechelte und mit einem panischen Ausdruck in den Augen umherblickte. Man musste sie daran hindern, durch die Katzentüre in den Garten zu fliehen, wo sie ohne Zweifel gestorben wäre, vielleicht unter einem Busch. So konnte man ihr helfen, sich von ihrem letzten, schon toten Kind zu befreien und zu überleben.
Eines Tages trat eine schwarzweisse Katze durch dieselbe Öffnung in der Gartenhecke des Professors, durch die schon sein geliebter Kater einst erschienen war. Man hätte denken können, es sei die Reinkarnation des verschwundenen Haustiers. Jedenfalls frass er die Heringe, die ihm die Frau hinstellte, mit derselben Hingabe wie sein Vorgänger. Konnte er dessen Stelle im Herzen des Professors einnehmen? Er durfte bleiben und bekam den deutschen Namen «Kurz», wegen seines Stummelschwanzes.
Die Katze hatte vor der schweren Geburt ihrer Jungen schon einen Unfall überlebt, bei dem ihr Becken von einem Auto zertrümmert worden war. Trotzdem erreichte sie ein sehr hohes Alter. Als ihre Nieren zu versagen begannen, zog sie sich oft in den Garten zurück und legte sich zwischen die Stauden. Wenn sie schlief, sah sie nun schon wie tot aus.
Der Professor war Germanist gewesen, was den Katzennamen und das Ritual mit den übergrosssen Biertrinkgefässen erklärte. «Noch nicht!», rief er seinen Freunden zu, wie als kleiner Junge an jenem goldenen Sommerabend, als sie Verstecken spielten auf einem abgeernteten Getreidefeld und er von einem Strohhaufen zum nächsten sprang, weil er sich nicht entscheiden konnte. Die Freunde verfolgten oben auf dem Damm seine Bewegungen und fragten, laut rufend, immer wieder: «Fertig?» Worauf er mit hoher, angestrengter Kinderstimme schrie: «Noch nicht!» Schliesslich aber entdeckte er einen Haufen, der ihm geeignet schien, um darin zu verschwinden.
Die letzte Katze war wild gewesen. Manche Hundebesitzer wechselten die Strassenseite, wenn sie an dem Haus vorbeigingen, das von ihr furchtlos verteidigt wurde. Wenn die ihr vertrauten Menschen von Besorgungen nachhause kamen, waren sie vom feinen Gehör der Katze längst erkannt worden und auch sie kehrte zurück von ihrem Rundgang. In schnellem Trab kam sie daher, kurze Begrüssungslaute ausstossend. Energisch rieb sie sich beim Eintreten durch die Gartentür an den Beinen ihrer Ernährer.
Bevor der kleine Junge sich ganz mit Stroh zugedeckt hat, schaut er gebannt in den Himmel. Die Kamera schwenkt nach oben und man sieht eine Öffnung in den Wolken, deren Ränder in ein unwirkliches rosafarbenes Licht getaucht sind. So endet der letzte Film dieses Regisseurs.
Als die Katze nicht mehr da war, wurde sie von den Menschen, die zu ihr gehörten, noch lange schmerzlich vermisst. Der Schmerz trat dann am heftigsten auf, wenn sie meinten, das Tier sei unverhofft wieder anwesend. Wenn sie aus dem Augenwinkel einen einzelnen dunklen Gegenstand von der Grösse der Katze bemerkten, der sich jedoch nach überraschtem Drehen des Kopfs als Tragetasche oder als herumliegendes Kleidungsstück erwies. In solchen Augenblicken traf sie die Erkenntnis der unwiderruflichen Abwesenheit der Katze wie ein scharfer Stich, gefolgt von leiser Scham über das Gewicht der Trauer, die doch nur einem Tier galt. Aber sie waren alt geworden und wie der Professor wollten auch sie keine weitere Katze mehr ins Haus holen. Darüber durfte man schon ein wenig traurig sein.
«Madadayo» (1993, deutsch: «Noch nicht») ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa. Die Geschichte bezieht sich auf das Leben des Dichters und Germanistikprofessors Hyakken Uchida (1889–1971)
Montag, 21. November 2022
Zeitmesser-Dinge
Als ich sah, dass meine Mutter zwei nicht funktionierende Armbanduhren an ihrem abgemagerten Handgelenk trug, beschloss ich, ihr eine neue zu kaufen. Ich fragte sie, ob sie das wolle. Sie meinte, ja, ich müsse ja nicht viel Geld dafür ausgeben. Die eine der kaputten Uhren hatte ich schon einmal zum Flicken gebracht, zum Uhrmacher, den es in der MANOR noch immer gibt. Er hat sie auseinandergenommen, geputzt, einen Dichtungsring ersetzt und die Batterie ausgewechselt. Zehn Minuten konzentrierter Arbeit mit der Lupenbrille, bei der ich ihm zusehen durfte. Es kostete knapp zwanzig Franken. Ich bedankte mich und sagte ihm, es sei schön, dass es ihn noch gebe. Die Uhr lief aber nicht lange, ging zuerst viel zu schnell, dann gar nicht mehr. Nun habe ich im gleichen Geschäft eine SWATCH gekauft, in Pastellfarben, von denen ich dachte, sie könnten der Mutter gefallen. Die Verkäuferin sagte, ich hätte zwei Jahre Garantie auf die Uhr. Gerade noch konnte ich mich zurückhalten zu sagen, dass meine Mutter vielleicht nicht mehr so lange lebe.
Ich zog ihr die SWATCH an bei unserem letzten sonntäglichen Treffen. Sie hatte wie immer sehr kalte Hände, die gleich gross und lang sind – wir habe wieder einmal verglichen – wie meine und wie die meines Bruders. Sie war zufrieden mit der Uhr, fand sie sogar schön. Wieder einmal einen funktionierenden Sekundenzeiger zu sehen, freute sie. Ihre letzten Uhren hatten keinen gehabt. Ob sie im Pflegeheim viel darauf schauen wird, weiss ich nicht. Ihr Zeitgefühl ist schwankend. Aber das ist ja auch schon meines, seit ich pensioniert bin.
Ich kann mich nicht mehr an alle Armbanduhren erinnern, die ich im Leben hatte. Die erste bekam ich zu dem seltsamen Anlass geschenkt, den die Katholiken «Firmung» nennen, was von den Protestanten dann als Konfirmation übernommen worden war, im Sinne von «stark» (lateinisch «firmus») machen der Schäfchen im Glauben. Wer genau mir die Uhr geschenkt hat, weiss ich nicht mehr. Vielleicht hatte die Mutter den Götti dazu gedrängt, der sich selten genug bei uns zeigte. Ich glaube, es war eine OMEGA, eine ziemlich zierliche, aber mit den damals üblichen, später als gesundheitlich bedenklich eingestuften Leuchtziffern. Die strahlten wirklich überirdisch im Dunkeln.
Erst mit Blick auf ein altes Foto von 1968 – damals war ich fünfzehn – kam mir wieder der Uhrbändel-Hype jener Zeit in den Sinn. Plötzlich waren breite Armbänder Mode, am besten so breit wie die Uhr selbst, die dann mit Schnallen darauf befestigt war. Das schaute man den Stars der Musikbranche ab und fand es poppig. Sie saugten sich im Sommer mit Schweiss voll und rochen bald käsig.
Bevor ich mit neunzehn nach Afrika auf Reise ging, kaufte ich mir mit eigenem Geld und einem Zustupf der Mutter eine «sportliche» Uhr, so ein Outdoor-Ding, von dem ich dachte, dass es zu Freiheit und Abenteuer gut passe. Dazu habe ich auch ein Bild gefunden aus der Zeit nach der Afrikareise. Da trage ich an der gleichen Hand die zwei je achtzig Gramm schweren Silberringe, die ich mir in Nordkamerun hatte machen lassen. Das Foto ist ein Selfie aus einem Automaten-Kabäuschen, entstanden am Tag meiner Hochzeit 1979. Die Hand hält den Kopf meiner Frau, die ich gerade küsse. Aber das ist privat.
Eine richtig teure Uhr – so wie meine Söhne, die aber auch ihre Uhren als «noch nicht so richtig teuer» bezeichnen – hatte ich nie. Einmal leibäugelte ich mit einer Taschenuhr von IWC. Das war in der Zeit, als ich eine Weiterbildung machte im Bereich Kommunikationcoachingmanagment blablabla, wo manche der coolen Dozenten eine Taschenuhr auf dem Tisch liegen hatten und ihre Seminare zur grossen Verwunderung der Teilnehmenden auf die Minute genau zu takten wussten. Das wollte ich auch können, aber zum Kauf der Uhr, die gut siebentausend Franken gekostet hätte, konnte ich mich dann doch nicht entschliessen. Vor allem, weil ich befürchtete, sie bald irgendwo liegen zu lassen und zu verlieren. Aber schön war sie, finde ich heute noch.
Jetzt habe ich seit einigen Jahren eine schwarze SWATCH für fünfzig Franken. Seit man ein Handy hat, braucht man ja eigentlich keine Armbanduhr mehr. Aber bei den Ruderregatten war es nötig, dass einer im Boot eine dabeihatte, denn pünktlich fünf Minuten vor dem Rennen muss man sich im Startraum einfinden, sonst gibt es eine Verwarnung. Und wenn man zu spät kommt, wird nicht gewartet. Jetzt fahre ich keine Rennen mehr, aber ich habe die Uhr noch immer und ich schaue auch recht oft nach der Zeit, die sie angibt. Den ursprünglichen Bändel aus weichem Silikonkautschuk habe ich ersetzen müssen durch ein Band aus Leder. Die Weichmacher im Kunststoff hatten mich zum Verrücktwerden gejuckt.
Ich zog ihr die SWATCH an bei unserem letzten sonntäglichen Treffen. Sie hatte wie immer sehr kalte Hände, die gleich gross und lang sind – wir habe wieder einmal verglichen – wie meine und wie die meines Bruders. Sie war zufrieden mit der Uhr, fand sie sogar schön. Wieder einmal einen funktionierenden Sekundenzeiger zu sehen, freute sie. Ihre letzten Uhren hatten keinen gehabt. Ob sie im Pflegeheim viel darauf schauen wird, weiss ich nicht. Ihr Zeitgefühl ist schwankend. Aber das ist ja auch schon meines, seit ich pensioniert bin.
Ich kann mich nicht mehr an alle Armbanduhren erinnern, die ich im Leben hatte. Die erste bekam ich zu dem seltsamen Anlass geschenkt, den die Katholiken «Firmung» nennen, was von den Protestanten dann als Konfirmation übernommen worden war, im Sinne von «stark» (lateinisch «firmus») machen der Schäfchen im Glauben. Wer genau mir die Uhr geschenkt hat, weiss ich nicht mehr. Vielleicht hatte die Mutter den Götti dazu gedrängt, der sich selten genug bei uns zeigte. Ich glaube, es war eine OMEGA, eine ziemlich zierliche, aber mit den damals üblichen, später als gesundheitlich bedenklich eingestuften Leuchtziffern. Die strahlten wirklich überirdisch im Dunkeln.
Erst mit Blick auf ein altes Foto von 1968 – damals war ich fünfzehn – kam mir wieder der Uhrbändel-Hype jener Zeit in den Sinn. Plötzlich waren breite Armbänder Mode, am besten so breit wie die Uhr selbst, die dann mit Schnallen darauf befestigt war. Das schaute man den Stars der Musikbranche ab und fand es poppig. Sie saugten sich im Sommer mit Schweiss voll und rochen bald käsig.
Bevor ich mit neunzehn nach Afrika auf Reise ging, kaufte ich mir mit eigenem Geld und einem Zustupf der Mutter eine «sportliche» Uhr, so ein Outdoor-Ding, von dem ich dachte, dass es zu Freiheit und Abenteuer gut passe. Dazu habe ich auch ein Bild gefunden aus der Zeit nach der Afrikareise. Da trage ich an der gleichen Hand die zwei je achtzig Gramm schweren Silberringe, die ich mir in Nordkamerun hatte machen lassen. Das Foto ist ein Selfie aus einem Automaten-Kabäuschen, entstanden am Tag meiner Hochzeit 1979. Die Hand hält den Kopf meiner Frau, die ich gerade küsse. Aber das ist privat.
Eine richtig teure Uhr – so wie meine Söhne, die aber auch ihre Uhren als «noch nicht so richtig teuer» bezeichnen – hatte ich nie. Einmal leibäugelte ich mit einer Taschenuhr von IWC. Das war in der Zeit, als ich eine Weiterbildung machte im Bereich Kommunikationcoachingmanagment blablabla, wo manche der coolen Dozenten eine Taschenuhr auf dem Tisch liegen hatten und ihre Seminare zur grossen Verwunderung der Teilnehmenden auf die Minute genau zu takten wussten. Das wollte ich auch können, aber zum Kauf der Uhr, die gut siebentausend Franken gekostet hätte, konnte ich mich dann doch nicht entschliessen. Vor allem, weil ich befürchtete, sie bald irgendwo liegen zu lassen und zu verlieren. Aber schön war sie, finde ich heute noch.
Jetzt habe ich seit einigen Jahren eine schwarze SWATCH für fünfzig Franken. Seit man ein Handy hat, braucht man ja eigentlich keine Armbanduhr mehr. Aber bei den Ruderregatten war es nötig, dass einer im Boot eine dabeihatte, denn pünktlich fünf Minuten vor dem Rennen muss man sich im Startraum einfinden, sonst gibt es eine Verwarnung. Und wenn man zu spät kommt, wird nicht gewartet. Jetzt fahre ich keine Rennen mehr, aber ich habe die Uhr noch immer und ich schaue auch recht oft nach der Zeit, die sie angibt. Den ursprünglichen Bändel aus weichem Silikonkautschuk habe ich ersetzen müssen durch ein Band aus Leder. Die Weichmacher im Kunststoff hatten mich zum Verrücktwerden gejuckt.
Montag, 29. August 2022
Beim Beschlagen eines Pferdes (magische Dinge 3)
Es gibt eine kolorierte Tuschezeichnung meines Vaters, welche die Beschlagung eines Pferdes zeigt. Es steht nach links, das mächtige Hinterteil im Zentrum des Bildes. Die Ohren lauschen nach hinten, unter mächtigen Wimpern bleiben die Augen ergeben geschlossen. Ein hemdsämliger Mann mit Hut hält einen Hinterhuf mit beiden Händen in die Höhe. Wie er genau zum Pferdehintern steht, wird nicht klar. Mein Vater musste da improvisieren, weil sich die Gruppe von Körpern immer wieder bewegt hat. Trotz der verwirrenden Überschneidungen wird aber deutlich, dass der Helfer des Hufschmieds seine Sache gut macht, indem er das kräftige Bein des Pferdes blockiert und damit ein ruhiges Arbeiten an dem nach oben gedrehten Huf ermöglicht. Mit welchem Schritt der Beschlagung der Schmied gerade beschäftigt ist, kann man nicht erkennen. Zu skizzenhaft hingeworfen sind seine Arme und Hände, und man kann auch kein Werkzeug wie zum Beispiel einen Hammer oder eine Kneifzange ausmachen. Klar und deutlich ist aber zu sehen, wie er sich für die Arbeit hingekniet hat, und auch seine konzentrierte Aufmerksamkeit kommt überzeugend zum Ausdruck. Höchst konzentriert erscheint auch ein kleiner Junge in kurzen Hosen, der dem Geschehen aus nächster Nähe zuschaut.
Der Bub bin ich. Ich brauche, um mich an die Szene zu erinnern, nicht auf den in schöner Blockschrift hingeschriebenen Untertitel zu schauen:
POSCIAVO . BÄRNI BEIM BESCHLAGEN EINES PFERDES 1961?
Natürlich habe nicht ich das Pferd mit einem neuen Eisen ausgestattet, wie mein Vater suggeriert, aber vielleicht hatte er beim Schreiben wie schon zuvor beim Zeichnen das selbstvergessene Verschmelzen seines Buben mit dem Geschehen im Sinn. Der Kleine steht von uns weggedreht im Vordergrund. Ein Restchen seines Profils lässt erahnen, wie er gebannt auf den Huf schaut. Den rechten Arm hält er auf dem Rücken, die Hand am Hosenboden. Vielleicht knetet er gedankenverloren den Stoff.
Der Hufschmied hat eine tragbare Holzkiste mit Lederriemen und ein paar Schubladen. Aus der untersten nimmt er die Hufeisen heraus, sucht eines aus und hält es auf den Huf. Passt nicht, also nimmt er ein nächstes. Findet schliesslich eines, das ihm richtig erscheint. Aber auch dieses muss noch ein paar Mal in die Kohlen. Er geht dazu ins Dunkel der Werkstatt, deren Tore zum Vorplatz weit offenstehen. Zieht ein- zweimal an der Kette des riesigen Blasbalgs an der Decke. Unten sprühen die Funken im Rhythmus des fauchenden Atems. Als das Eisen rot ist, wird es auf dem unförmigen Ding geschlagen, das mein Vater Amboss nennt. Die Schläge tönen dumpf, trocken und nicht nach Metall. Immer wieder geht der Schmied zum Pferd um zu schauen, ob es passt. Für den Bauer wird es schwer, das Bein solange hochzuheben, weil das Tier langsam die Geduld verliert. Plötzlich hält der Schmied das Eisen nicht mehr über den Huf, sondern drückt es darauf. Es zischt und brutzelt, sofort ist alles in bläulichen Dunst getaucht. Und wie das riecht, ein bisschen wie damals, als ich mir an einer Kerze die Haare verbrannte, aber viel strenger. Etwas zwischen gut und eklig. Dem Pferd tut es nicht weh, es ist nicht zusammengezuckt bei der Berührung, aber der Rauch macht es unruhig. Also muss der Schmied vorwärtsmachen. Er nimmt das Eisen nochmals vom Huf, kühlt es im Wasserkessel und beginnt dann, es anzunageln. Der erste Nagel geht daneben, ich sehe genau, wie er seitlich aus dem Huf herausschiesst. Dann merke ich, dass man es so machen muss. Die Spitze des vorstehenden Nagels wird mit der Zange abgezwackt bis auf einen halben Zentimeter, dann umgeklappt und mit dem Hammer im weichen Horn versenkt. Viele Nägel braucht es, ein paar fallen auf den Boden, als der Schmied im Karton kramt. Ich setze den Fuss auf einen in meiner Nähe, damit ich ihn später heimlich mitnehmen kann. Noch lange bleibt er unter meinen Schätzen. Der Kopf sieht aus wie ein geschliffener Edelstein.
Der Bub bin ich. Ich brauche, um mich an die Szene zu erinnern, nicht auf den in schöner Blockschrift hingeschriebenen Untertitel zu schauen:
POSCIAVO . BÄRNI BEIM BESCHLAGEN EINES PFERDES 1961?
Natürlich habe nicht ich das Pferd mit einem neuen Eisen ausgestattet, wie mein Vater suggeriert, aber vielleicht hatte er beim Schreiben wie schon zuvor beim Zeichnen das selbstvergessene Verschmelzen seines Buben mit dem Geschehen im Sinn. Der Kleine steht von uns weggedreht im Vordergrund. Ein Restchen seines Profils lässt erahnen, wie er gebannt auf den Huf schaut. Den rechten Arm hält er auf dem Rücken, die Hand am Hosenboden. Vielleicht knetet er gedankenverloren den Stoff.
Der Hufschmied hat eine tragbare Holzkiste mit Lederriemen und ein paar Schubladen. Aus der untersten nimmt er die Hufeisen heraus, sucht eines aus und hält es auf den Huf. Passt nicht, also nimmt er ein nächstes. Findet schliesslich eines, das ihm richtig erscheint. Aber auch dieses muss noch ein paar Mal in die Kohlen. Er geht dazu ins Dunkel der Werkstatt, deren Tore zum Vorplatz weit offenstehen. Zieht ein- zweimal an der Kette des riesigen Blasbalgs an der Decke. Unten sprühen die Funken im Rhythmus des fauchenden Atems. Als das Eisen rot ist, wird es auf dem unförmigen Ding geschlagen, das mein Vater Amboss nennt. Die Schläge tönen dumpf, trocken und nicht nach Metall. Immer wieder geht der Schmied zum Pferd um zu schauen, ob es passt. Für den Bauer wird es schwer, das Bein solange hochzuheben, weil das Tier langsam die Geduld verliert. Plötzlich hält der Schmied das Eisen nicht mehr über den Huf, sondern drückt es darauf. Es zischt und brutzelt, sofort ist alles in bläulichen Dunst getaucht. Und wie das riecht, ein bisschen wie damals, als ich mir an einer Kerze die Haare verbrannte, aber viel strenger. Etwas zwischen gut und eklig. Dem Pferd tut es nicht weh, es ist nicht zusammengezuckt bei der Berührung, aber der Rauch macht es unruhig. Also muss der Schmied vorwärtsmachen. Er nimmt das Eisen nochmals vom Huf, kühlt es im Wasserkessel und beginnt dann, es anzunageln. Der erste Nagel geht daneben, ich sehe genau, wie er seitlich aus dem Huf herausschiesst. Dann merke ich, dass man es so machen muss. Die Spitze des vorstehenden Nagels wird mit der Zange abgezwackt bis auf einen halben Zentimeter, dann umgeklappt und mit dem Hammer im weichen Horn versenkt. Viele Nägel braucht es, ein paar fallen auf den Boden, als der Schmied im Karton kramt. Ich setze den Fuss auf einen in meiner Nähe, damit ich ihn später heimlich mitnehmen kann. Noch lange bleibt er unter meinen Schätzen. Der Kopf sieht aus wie ein geschliffener Edelstein.
Donnerstag, 25. August 2022
zum Beispiel ein Tisch (kurz)
Dinge, auch unscheinbare, können einen um Generationen überleben. Es gibt in unserem Atelierhaushalt einen kleinen Tisch aus Kirschholz, den wir beim Kauf des Hauses als eines von ganz wenigen Dingen übernommen und behalten haben. Es könnte sein, dass das kleine Möbelstück noch aus der Zeit des Architekten stammt, der das Haus für sich und seine Familie 1907 gebaut hat.
Das Tischchen sah ich zum ersten Mal als Kind, und zwar in der Mansarde des Hauses, das dann nicht mehr der Familie Gfeller gehörte, sondern einer Frau D, die darin als Witwe wohnte, zusammen mit ihrem jüngsten, geistig behinderten Sohn. Frau D war die Grossmutter eines meiner Spielkameraden, dem jüngsten Kind der Familie H, mit der meine Eltern auf eine etwas komplizierte Weise befreundet waren. Ich wurde einmal mitgenommen ins Haus der Grossmutter, und wir durften auf dem Estrich spielen, der sich, aufregend und etwas gruselig dunkel, um die Mansarde zog wie der Gang einer Geisterbahn. In einer Pause unseres Spiels führte mich mein Kamerad zu Werni. Dieser sass im schwachen Schein einer Lampe an einem kleinen Tisch und arbeitete an seinen Musikkatalogen. Aus den Broschüren eines Musikhauses schrieb er Titel um Titel akkurat ab in ein Heft, in Grossbuchstaben, auf jeder Zeile in einer anderen Farbe, und er zeigte uns sein Werk mit würdevollem Stolz. Dass diese Tätigkeit als bizarr angesehen wurde, merkte ich erst am Verhalten und an den Äusserungen der Familienmitglieder, die sich, zwar nicht lieblos, aber doch recht ungeniert, über ihren Webstübeler lustig machten.
Wernis Tischchen aus Kirschenholz ist nun ein Werktisch, an dem ich handwerkliche Arbeiten für meine Kunstprojekte ausführe. Es steht immer noch, oder wieder, auf demselben Estrich, in deren Mansarde Werni seine farbigen Listen malte. In meiner letzten Ausstellung wurde es in eine grosse Installation eingebaut. Ich habe die unaufgeräumte Situation, die ich beim Modellieren darauf angerichtet hatte, fotografiert, und in der Ausstellung mit allen Dingen, mit allen Tonbröseln und mitsamt dem Staub, wieder aufgebaut. Es hat mich erstaunt, wie sehr sich das kleine Möbel durch die Verschiebung des Kontextes in meinen Augen veränderte, und wie vollständig es sich danach wieder in das ganz normale Werktischchen zurück verwandelt hat. Ich habe Drachen darauf gebaut, für ein nächstes Vorhaben und im Moment ist es belegt mit Schachteln voller Bilder und Dokumente, die ich für meinen Roman brauchte. Mir gefällt der Gedanke, dass das Tischchen noch viel länger leben könnte als ich. Auch wenn, oder gerade weil dann niemand mehr wissen wird, wie einst Werni daran gearbeitet hat, und dass ich an einem der gedrechselten Beine ein Astloch sorgfältig mit Kirschholz geflickt habe.
Das Tischchen sah ich zum ersten Mal als Kind, und zwar in der Mansarde des Hauses, das dann nicht mehr der Familie Gfeller gehörte, sondern einer Frau D, die darin als Witwe wohnte, zusammen mit ihrem jüngsten, geistig behinderten Sohn. Frau D war die Grossmutter eines meiner Spielkameraden, dem jüngsten Kind der Familie H, mit der meine Eltern auf eine etwas komplizierte Weise befreundet waren. Ich wurde einmal mitgenommen ins Haus der Grossmutter, und wir durften auf dem Estrich spielen, der sich, aufregend und etwas gruselig dunkel, um die Mansarde zog wie der Gang einer Geisterbahn. In einer Pause unseres Spiels führte mich mein Kamerad zu Werni. Dieser sass im schwachen Schein einer Lampe an einem kleinen Tisch und arbeitete an seinen Musikkatalogen. Aus den Broschüren eines Musikhauses schrieb er Titel um Titel akkurat ab in ein Heft, in Grossbuchstaben, auf jeder Zeile in einer anderen Farbe, und er zeigte uns sein Werk mit würdevollem Stolz. Dass diese Tätigkeit als bizarr angesehen wurde, merkte ich erst am Verhalten und an den Äusserungen der Familienmitglieder, die sich, zwar nicht lieblos, aber doch recht ungeniert, über ihren Webstübeler lustig machten.
Wernis Tischchen aus Kirschenholz ist nun ein Werktisch, an dem ich handwerkliche Arbeiten für meine Kunstprojekte ausführe. Es steht immer noch, oder wieder, auf demselben Estrich, in deren Mansarde Werni seine farbigen Listen malte. In meiner letzten Ausstellung wurde es in eine grosse Installation eingebaut. Ich habe die unaufgeräumte Situation, die ich beim Modellieren darauf angerichtet hatte, fotografiert, und in der Ausstellung mit allen Dingen, mit allen Tonbröseln und mitsamt dem Staub, wieder aufgebaut. Es hat mich erstaunt, wie sehr sich das kleine Möbel durch die Verschiebung des Kontextes in meinen Augen veränderte, und wie vollständig es sich danach wieder in das ganz normale Werktischchen zurück verwandelt hat. Ich habe Drachen darauf gebaut, für ein nächstes Vorhaben und im Moment ist es belegt mit Schachteln voller Bilder und Dokumente, die ich für meinen Roman brauchte. Mir gefällt der Gedanke, dass das Tischchen noch viel länger leben könnte als ich. Auch wenn, oder gerade weil dann niemand mehr wissen wird, wie einst Werni daran gearbeitet hat, und dass ich an einem der gedrechselten Beine ein Astloch sorgfältig mit Kirschholz geflickt habe.
Montag, 22. August 2022
Weisse und schwarze Schwäne
Es waren die von den meisten nicht vorhergesehenen Ereignisse der letzten Jahre, die den Begriff des «schwarzen Schwans» («black swan») erneut zur Diskussion stellten. Der Publizist und ehemalige Optionshändler Nassim Nicholas Taleb hatte 2007 ein Buch mit dem Titel «Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse» publiziert und darin eine Metapher des römischen Satirikers Juvenal aufgegriffen, der – als typischer Macho – die Seltenheit einer treuen Ehefrau mit diesem Tier verglichen hatte, von dem er allerdings annahm, dass es ganz und gar inexistent sei. Erst nach seiner Entdeckung in Westaustralien durch niederländische Eroberer wurde der schwarze Schwan dann zur Metapher für ein sehr unwahrscheinliches, aber eben mögliches Ereignis.
Als im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie der Vergleich vielfach in den Zeitungen auftauchte, habe ich das Buch von Taleb gelesen, das spannend beginnt, dann aber durch zu viele Wiederholungen seinen Schwung verliert. Störend sind auch die dauernden Seitenhiebe gegenüber den früheren Berufskollegen, die er als betriebsblind und der Macht der Gaussschen Kurve erlegen bezeichnet. Nach zwei Beispielen hätte man es als Leser verstanden.
Ich habe dann begonnen, mich mit dem schwarzen Schwan ganz direkt – als Bild oder Objekt – zu beschäftigen. Ich baute zum Beispiel Drachen in dieser Gestalt. Oder ich erstellte von einem kleinen Fundobjekt in der Gestalt eines Schwans eine Gussform, mit der ich dutzendfach weisse und schwarze Schwäne aus Parafin und aus Pech giessen konnte. Ich hatte die Absicht, diese irgendwann einmal im öffentlichen städtischen Raum ‘auszusetzen’.
Nun haben sich die kleinen schwarzen Schwäne ihrem Ruf entsprechend verhalten und ihre Form in nicht vorhersehbarer Weise verändert. Pech ist ein Stoff, der aus organischem Material (z. B. Holz oder Erdöl) mit dem Verfahren der Pyrolyse gewonnen wird. Dazu setzt man das Ausgangsmaterial längere Zeit hohen Temperaturen aus, aber unter Luftabschluss. Dies verhindert die Verbrennung und führt zu einer chemischen Spaltung, deren eines Produkt das Pech ist. Es fällt zunächst als Flüssigkeit aus und kann dann durch Kochen verdickt werden, bis es fest wird. Das Pech, welches ich für meine Güsse verwendet habe, bezog ich von einer Firma, die Bedarf für Silber- und Goldschmiede herstellt. In jenem Zusammenhang wird es zum Beispiel verwendet als zähplastische Unterlage von Blechen, die man durch Schläge oder Druck verformen will.
Nach dem Abkühlen wurden die schwarzen Schwäne hart. Das Material bricht sogar sehr leicht und glasig. Bei längerem Aufbewahren in Zimmertemperatur zeigte sich jedoch, dass das Pech eine Flüssigkeit geblieben ist. Die Schwäne legten alle ihren Kopf zur Seite, dann sogar auf ihren Körper, was recht anmutig aussieht. Auch der Körper fliesst, wenn auch viel unscheinbarer, in die Breite, und man ahnt, dass die Schwäne irgendwann ineinander zerfliessen würden.
Als im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie der Vergleich vielfach in den Zeitungen auftauchte, habe ich das Buch von Taleb gelesen, das spannend beginnt, dann aber durch zu viele Wiederholungen seinen Schwung verliert. Störend sind auch die dauernden Seitenhiebe gegenüber den früheren Berufskollegen, die er als betriebsblind und der Macht der Gaussschen Kurve erlegen bezeichnet. Nach zwei Beispielen hätte man es als Leser verstanden.
Ich habe dann begonnen, mich mit dem schwarzen Schwan ganz direkt – als Bild oder Objekt – zu beschäftigen. Ich baute zum Beispiel Drachen in dieser Gestalt. Oder ich erstellte von einem kleinen Fundobjekt in der Gestalt eines Schwans eine Gussform, mit der ich dutzendfach weisse und schwarze Schwäne aus Parafin und aus Pech giessen konnte. Ich hatte die Absicht, diese irgendwann einmal im öffentlichen städtischen Raum ‘auszusetzen’.
Nun haben sich die kleinen schwarzen Schwäne ihrem Ruf entsprechend verhalten und ihre Form in nicht vorhersehbarer Weise verändert. Pech ist ein Stoff, der aus organischem Material (z. B. Holz oder Erdöl) mit dem Verfahren der Pyrolyse gewonnen wird. Dazu setzt man das Ausgangsmaterial längere Zeit hohen Temperaturen aus, aber unter Luftabschluss. Dies verhindert die Verbrennung und führt zu einer chemischen Spaltung, deren eines Produkt das Pech ist. Es fällt zunächst als Flüssigkeit aus und kann dann durch Kochen verdickt werden, bis es fest wird. Das Pech, welches ich für meine Güsse verwendet habe, bezog ich von einer Firma, die Bedarf für Silber- und Goldschmiede herstellt. In jenem Zusammenhang wird es zum Beispiel verwendet als zähplastische Unterlage von Blechen, die man durch Schläge oder Druck verformen will.
Nach dem Abkühlen wurden die schwarzen Schwäne hart. Das Material bricht sogar sehr leicht und glasig. Bei längerem Aufbewahren in Zimmertemperatur zeigte sich jedoch, dass das Pech eine Flüssigkeit geblieben ist. Die Schwäne legten alle ihren Kopf zur Seite, dann sogar auf ihren Körper, was recht anmutig aussieht. Auch der Körper fliesst, wenn auch viel unscheinbarer, in die Breite, und man ahnt, dass die Schwäne irgendwann ineinander zerfliessen würden.
Mittwoch, 20. Juli 2022
Rheingeschichten 4
Es ist kein Wunder, dass mir die Geschichte von Gerold Spät hier auf dem Untersee in den Sinn kommt. Die Wirbel, die ich vom hölzernen Heck weg in die öligglatte Fläche schiebe, haben einen schönen Abstand. Mehr als das Boot lang ist. Es läuft. Und ist so unbeirrbar im Gleichgewicht, dass man sich in aller Ruhe die Dinge vornehmen kann, die dieses Dahingleiten befördern. Die Arme zu strecken zum Beispiel, und das Wasser ganz vorne zu packen. Die Schultern dabei locker hängen zu lassen – weg von den Ohren! –, so dass die Blätter mit einem Blop! im See einrasten. Oder man kann sich – warum nicht? – an diese Geschichte erinnern. Spielt auf dem oberen Zürichsee, bei Verhältnissen wie hier. Spiegelglattes Wasser. Kaum zu sehen die sehr flachen, riesig weit ausgedehnten Täler. Und Hügel, auf deren Kuppe das Boot zur einen oder andern Seite abschmiert, dabei seine Richtung verliert und mit einseitigem Zug wieder eingerenkt werden muss. Stehen also bei solchem Wasser ein paar Buben am Ufer. Es ist heiss, der See verglitzert und verschwimmt unter der Sonne. Bildet sich plötzlich ein ungeheurer Buckel ganz weit draussen. Der zieht seitwärts weg, als ob etwas unter der Oberfläche dahinschiessen würde. Etwas unvorstellbar Grosses, Unheimliches. Was? Wohin? Die Buben rufen aus, zeigen auf den See. Werweissen. Da haut ihnen der Fischer Unschlecht die zeigenden Finger herunter. «Nicht hinschauen! Nicht einmal irionieren!» Er sagt irionieren, sie verstehen, was er meint. Dann bricht die Geschichte ab und eine nächste folgt.
Wiffen heissen die Dinger, die sie hier, und nur hier, in den See- und Flussgrund rammen, zwischen Seeausgang und dem grossen Laufen, wie der Rheinfall früher hiess. Pfosten, eigentlich Baumstämme, die im See die Untiefen in Ufernähe anzeigen und im Rhein dann die Fahrrinne für die Schiffe. Die im stehenden Gewässer sind Skulpturen. Tragen noch die Signale aus alten Tagen: grosse, flaschenbauchförmige Körbe, von Sonne und Regen schwarzgrau verfärbt. Ich sollte wieder mal den Kopf drehen, aus dem Augenwinkel nach dem andern Einer schauen, mit dem Matthias den Wiffen entlang in Richtung Seeausgang zieht. Bald werde ich froh sein, dass er die Führung übernimmt, denn als endlich auch das andere Ufer näherkommt, nimmt die Strömung Fahrt auf. Wir sind auf dem Rhein. Hier tragen die Pfosten rhombusförmige Blechtafeln, grün auf der Seite, wo die Kursschiffe fahren. Auf der weissen Seite sollten wir bleiben. Jetzt ist es aus mit dem gemütlichen nach hinten Schauen alle zwanzig Schläge. Ich zähle: eins, zwei, drei, schauen! Eins, zwei, drei, vier, schauen! Es kann sein, dass du an drei, vier Markierungen auf der weissen Seite vorbeigerauscht bist, zwischen dem nahen Ufer und den Pfosten, die vor sich einen imponierenden Wellenwulst aufstauen und hinter sich das Wasser zerquirlen zu einer sich ausbreitenden Bahn von Wirbeln. Dann kommt plötzlich keiner mehr. Aber als du richtig hinter dich schaust, siehst du das Führungsboot mit kräftigen Schlägen hinüberziehen. Weiss hat abrupt die Seite gewechselt, und du musst schauen, dass du hinüberkommst. Dich rechtzeitig vor dem Hindernis parallel zum Fluss stellst, denn was passieren würde, wenn du seitlich erwischt würdest, willst du nicht wissen. Den Film mit dem in der Mitte zerteilten Weidling schaue ich mir erst nach unserer Reise an.
Manche Strecken sind unwirklich schön. Im Wald um die Thurmündung, zwischen schwarzgrünen Wänden aus Bäumen, in deren Schatten sich Fische tummeln, so gross und zahlreich, wie ich es noch nie gesehen habe im Rhein. Wo der Gesang der Amseln widerhallt übers Wasser, laut und klar wie Stimmen in einem Kirchenraum. Da traue ich mir zwischendurch auch zu, vorauszufahren. Matthias schräg hinter mir. Manchmal können wir auch – das ist am schönsten! – nebeneinander rudern, dabei dem doppelten Rhythmus der Boote lauschen. Kulissen wie aus dem Bilderbuch ziehen vorbei: die alte Holzbrücke von Diessenhofen, das Kloster Rheinau. Müssen fotografiert werden. Die Rennstrecke vor Eglisau ist kaum zur Deckung zu bringen mit den Bildern, die ich vom Winter im Kopf habe. Wo mir der Westwind das eisige Wasser an den Rücken klatschte und ich den Riemen kaum mehr halten konnte. Jetzt: Strandbäder mit lachenden und kreischenden Kindern links und rechts.
Der Wind ist vier Tage lang unser Verbündeter! Wenn er bläst, dann vom Heck her. Ich rudere längere Stücke mit aufgestellten Blättern, um den Schub zu nutzen. Käme er von vorne, von Westen, müssten wir unsere Übernachtungen neu organisieren. Auch sonst meint es das Wetter gut mit uns, ausser an einem Nachmittag, an dem wir eine Kaltfront mit dichtem Regen und ruppigen Böen in einer Kneipe vorbeiziehen lassen. Die Boote schlummern derweil unter einer Brücke wie die Landstreicher. Dort, im Trockenen, machen wir auch meinen Einer mit Klebeband wieder halbwegs heil, nachdem ich ihn unterhalb des Koblenzer Laufens auf einen Stein gesetzt habe. Matthias wechselte an einer turbulenten Stelle überraschend die Seite, weil er eine günstigere Fahrrinne entdeckt hatte. Mir reichte es nicht mehr, aus einem weiss rauschenden, sehr niedrigen Wasser herauszufahren, da krachte es unter mir. Ich stand still, sass hinter meinem Rollsitz. Versuchte, mich loszuschaukeln, aber das Boot antwortete mit laut knackenden Geräuschen. Ich dachte: «Mist, so endet das!» Musste hinaus in die knietiefe Strömung, das Boot vom Stein herunterholen und ein paar Meter flussabwärts in tieferes Wasser ziehen. Jetzt aber gurgelte und riss es um mich herum, das Boot stand zu hoch zum Einsteigen, und schräg in der Strömung. Bockig wie ein Esel. Das erzählt sich so leicht, aber ich war nicht ruhig dabei, habe geflucht und nach Matthias gerufen, von dem ich nur noch sah, dass er zu landen versuchte, bevor er hinter der nächsten Biegung verschwand. Ich brauchte alle meine Kräfte, um das Boot gerade zu halten und mich hinaufzuhieven. Es zog Wasser, aber nicht sprudelnd, wie ich befürchtet hatte. Und liess sich eben flicken mit Tape.
Wiffen heissen die Dinger, die sie hier, und nur hier, in den See- und Flussgrund rammen, zwischen Seeausgang und dem grossen Laufen, wie der Rheinfall früher hiess. Pfosten, eigentlich Baumstämme, die im See die Untiefen in Ufernähe anzeigen und im Rhein dann die Fahrrinne für die Schiffe. Die im stehenden Gewässer sind Skulpturen. Tragen noch die Signale aus alten Tagen: grosse, flaschenbauchförmige Körbe, von Sonne und Regen schwarzgrau verfärbt. Ich sollte wieder mal den Kopf drehen, aus dem Augenwinkel nach dem andern Einer schauen, mit dem Matthias den Wiffen entlang in Richtung Seeausgang zieht. Bald werde ich froh sein, dass er die Führung übernimmt, denn als endlich auch das andere Ufer näherkommt, nimmt die Strömung Fahrt auf. Wir sind auf dem Rhein. Hier tragen die Pfosten rhombusförmige Blechtafeln, grün auf der Seite, wo die Kursschiffe fahren. Auf der weissen Seite sollten wir bleiben. Jetzt ist es aus mit dem gemütlichen nach hinten Schauen alle zwanzig Schläge. Ich zähle: eins, zwei, drei, schauen! Eins, zwei, drei, vier, schauen! Es kann sein, dass du an drei, vier Markierungen auf der weissen Seite vorbeigerauscht bist, zwischen dem nahen Ufer und den Pfosten, die vor sich einen imponierenden Wellenwulst aufstauen und hinter sich das Wasser zerquirlen zu einer sich ausbreitenden Bahn von Wirbeln. Dann kommt plötzlich keiner mehr. Aber als du richtig hinter dich schaust, siehst du das Führungsboot mit kräftigen Schlägen hinüberziehen. Weiss hat abrupt die Seite gewechselt, und du musst schauen, dass du hinüberkommst. Dich rechtzeitig vor dem Hindernis parallel zum Fluss stellst, denn was passieren würde, wenn du seitlich erwischt würdest, willst du nicht wissen. Den Film mit dem in der Mitte zerteilten Weidling schaue ich mir erst nach unserer Reise an.
Manche Strecken sind unwirklich schön. Im Wald um die Thurmündung, zwischen schwarzgrünen Wänden aus Bäumen, in deren Schatten sich Fische tummeln, so gross und zahlreich, wie ich es noch nie gesehen habe im Rhein. Wo der Gesang der Amseln widerhallt übers Wasser, laut und klar wie Stimmen in einem Kirchenraum. Da traue ich mir zwischendurch auch zu, vorauszufahren. Matthias schräg hinter mir. Manchmal können wir auch – das ist am schönsten! – nebeneinander rudern, dabei dem doppelten Rhythmus der Boote lauschen. Kulissen wie aus dem Bilderbuch ziehen vorbei: die alte Holzbrücke von Diessenhofen, das Kloster Rheinau. Müssen fotografiert werden. Die Rennstrecke vor Eglisau ist kaum zur Deckung zu bringen mit den Bildern, die ich vom Winter im Kopf habe. Wo mir der Westwind das eisige Wasser an den Rücken klatschte und ich den Riemen kaum mehr halten konnte. Jetzt: Strandbäder mit lachenden und kreischenden Kindern links und rechts.
Der Wind ist vier Tage lang unser Verbündeter! Wenn er bläst, dann vom Heck her. Ich rudere längere Stücke mit aufgestellten Blättern, um den Schub zu nutzen. Käme er von vorne, von Westen, müssten wir unsere Übernachtungen neu organisieren. Auch sonst meint es das Wetter gut mit uns, ausser an einem Nachmittag, an dem wir eine Kaltfront mit dichtem Regen und ruppigen Böen in einer Kneipe vorbeiziehen lassen. Die Boote schlummern derweil unter einer Brücke wie die Landstreicher. Dort, im Trockenen, machen wir auch meinen Einer mit Klebeband wieder halbwegs heil, nachdem ich ihn unterhalb des Koblenzer Laufens auf einen Stein gesetzt habe. Matthias wechselte an einer turbulenten Stelle überraschend die Seite, weil er eine günstigere Fahrrinne entdeckt hatte. Mir reichte es nicht mehr, aus einem weiss rauschenden, sehr niedrigen Wasser herauszufahren, da krachte es unter mir. Ich stand still, sass hinter meinem Rollsitz. Versuchte, mich loszuschaukeln, aber das Boot antwortete mit laut knackenden Geräuschen. Ich dachte: «Mist, so endet das!» Musste hinaus in die knietiefe Strömung, das Boot vom Stein herunterholen und ein paar Meter flussabwärts in tieferes Wasser ziehen. Jetzt aber gurgelte und riss es um mich herum, das Boot stand zu hoch zum Einsteigen, und schräg in der Strömung. Bockig wie ein Esel. Das erzählt sich so leicht, aber ich war nicht ruhig dabei, habe geflucht und nach Matthias gerufen, von dem ich nur noch sah, dass er zu landen versuchte, bevor er hinter der nächsten Biegung verschwand. Ich brauchte alle meine Kräfte, um das Boot gerade zu halten und mich hinaufzuhieven. Es zog Wasser, aber nicht sprudelnd, wie ich befürchtet hatte. Und liess sich eben flicken mit Tape.
Mittwoch, 23. Februar 2022
Mustererkennung (Zolligeschichten 4)
Es ist nicht verwunderlich, dass der Hl. Algorithmus meine Lust auf Tiergeschichten herausgefunden hat. Die Maschine so zu füttern, dass man das bekommt, was man will, ist allerdings anstrengend. Wenn mir danach ist, wische ich mit trotziger Ausdauer Werbung weg. Auf dem Bildchen-Austauschmarkt, der alles auf sein pseudonostalgisches Polaroidformat zurechtstutzt, muss ich auch noch mit einem zweiten Fingertupfer begründen, weshalb ich die Reklame "verbergen" möchte. Da bin ich stur und einfallslos, erkläre jede Werbung mit grimmiger Genugtuung für "irrelevant". Wenn es doch eine Einstellung gäbe, die mich ein für alle Mal befreien würde von diesem Mist! Aber sei's drum. Auf FB muss ich meistens nur noch einmal den Finger bewegen, um die Werbung zum Verschwinden zu bringen.
Um wieder zu den Tiergeschichten zurückzukehren, denn da wird es interessant: Welches Muster erkennt die Maschine wohl in meinen Bewegungen? Was ich nicht sehen will, sind Haustiere, die von ihren Besitzern vorgeführt werden, besonders wenn es sich dabei um durch Züchtung erzielte Missgeburten handelt. Katzen mit eingedrückter Nase und Stummelbeinchen zum Bespiel. Oder um ausgewachsene weisse Tiger in biederen Wohnungen, in Vorgärten und Swimmingpools. Mittlerweile bekomme ich fast nichts mehr dieser Art zu sehen, obwohl ich nicht generell Filme und Bilder wegwische, auf denen die Tiere mit Menschen zusammen oder in von Menschen gemachten Umgebungen zu sehen sind. Das wäre zugegebenermassen ein einfach erkennbares Muster.
Ich betrachte aber gerne Szenen wie diese: Im Gehege eines Zoos ist ein Wärter mit zwei Jungtieren beschäftigt, einem Zebra und einem Nashorn. Der kleine Dickhäuter wird, vermutlich zum Schutz gegen Sonne und Insekten, vielleicht auch rein zu seinem Vergnügen, mit Schlamm aus einem Eimer eingeschmiert. Das Tier hält dabei nicht nur geduldig still, es stupst mit der Nase die schlammige Hand des Betreuers an und verlangt nach mehr. Witzig und rührend ist das Verhalten des Zebras, das offensichtlich eifersüchtig reagiert auf die exklusive Zuwendung. Der Wärter hat Erbarmen, und auch der Hals des gestreiften Pferdchens bekommt eine Ladung ab, obwohl das später zu Mehrarbeit beim Fell Striegeln führen wird. Daran, dass der Algorithmus meine Vorliebe für spielende Tiere und für tierische Begegnungen über die Artgrenze hinweg erkannt hat, zweifle ich nicht. Ab und zu führt das zu Begegnungen mit Bildern und kurzen Videosequenzen, die mich über längere Zeit gedanklich beschäftigen.
Eine junge Katze, die ganz für sich alleine eine Kinderrutschbahn benützt, zum Beispiel. Geduckt, zum Sprung bereit, wartet sie am Fuss der Rutsche, rast plötzlich los, die glitschige Plastikrampe hoch, lässt sich auf zwei Dritteln der Höhe – Platsch! – auf die Seite fallen und rutscht, alle Viere von sich gestreckt, wieder hinunter. Das wiederholt sie noch zweimal. Zwischendurch verliert die Kamera den Fokus und man kann erkennen, dass der oder die Filmende ziemlich weit weg gestanden haben muss, dass es sich also eher nicht um eine Dressurnummer handelt. Und man wäre gerne dabei gewesen, als das Kätzchen zum ersten Mal entdeckt hat, vielleicht noch mehr erschrocken als lustvoll angeregt, was eine Rutsche ist. Eine andere Videosequenz, über deren zeitliche Begrenztheit hinaus ich kürzlich nachdenken musste, ist die von einer Begegnung zwischen einem halbwüchsigen Löwenmännchen und einem Gnukälblein, das völlig naiv und nichtsahnend vor seiner Nase herumtanzt. Verspielte Hornstösse und Angriffskapriolen vollführt, dazwischen an der Schnauze des Raubtiers schnüffelt, das da riesig vor ihm steht. Es verhält sich dabei so weit ausserhalb dessen, was sich der junge Löwe unter einem essbaren Beutetier vorstellen mag, dass dieser völlig konfus wird angesichts dieses quecksilbrigen Lebewesens. Er unternimmt nicht den geringsten Versuch, zuzubeissen. Schaut sich zwischendurch suchend um. Als Mensch an seiner Stelle würde man rufen: Kann mir mal jemand sagen, was das soll? Und was, bitte schön, in dieser Situation von mir erwartet wird?
Mir auszumalen, wie die Situation geendet hat, bereitet mir produktive Mühe.
Um wieder zu den Tiergeschichten zurückzukehren, denn da wird es interessant: Welches Muster erkennt die Maschine wohl in meinen Bewegungen? Was ich nicht sehen will, sind Haustiere, die von ihren Besitzern vorgeführt werden, besonders wenn es sich dabei um durch Züchtung erzielte Missgeburten handelt. Katzen mit eingedrückter Nase und Stummelbeinchen zum Bespiel. Oder um ausgewachsene weisse Tiger in biederen Wohnungen, in Vorgärten und Swimmingpools. Mittlerweile bekomme ich fast nichts mehr dieser Art zu sehen, obwohl ich nicht generell Filme und Bilder wegwische, auf denen die Tiere mit Menschen zusammen oder in von Menschen gemachten Umgebungen zu sehen sind. Das wäre zugegebenermassen ein einfach erkennbares Muster.
Ich betrachte aber gerne Szenen wie diese: Im Gehege eines Zoos ist ein Wärter mit zwei Jungtieren beschäftigt, einem Zebra und einem Nashorn. Der kleine Dickhäuter wird, vermutlich zum Schutz gegen Sonne und Insekten, vielleicht auch rein zu seinem Vergnügen, mit Schlamm aus einem Eimer eingeschmiert. Das Tier hält dabei nicht nur geduldig still, es stupst mit der Nase die schlammige Hand des Betreuers an und verlangt nach mehr. Witzig und rührend ist das Verhalten des Zebras, das offensichtlich eifersüchtig reagiert auf die exklusive Zuwendung. Der Wärter hat Erbarmen, und auch der Hals des gestreiften Pferdchens bekommt eine Ladung ab, obwohl das später zu Mehrarbeit beim Fell Striegeln führen wird. Daran, dass der Algorithmus meine Vorliebe für spielende Tiere und für tierische Begegnungen über die Artgrenze hinweg erkannt hat, zweifle ich nicht. Ab und zu führt das zu Begegnungen mit Bildern und kurzen Videosequenzen, die mich über längere Zeit gedanklich beschäftigen.
Eine junge Katze, die ganz für sich alleine eine Kinderrutschbahn benützt, zum Beispiel. Geduckt, zum Sprung bereit, wartet sie am Fuss der Rutsche, rast plötzlich los, die glitschige Plastikrampe hoch, lässt sich auf zwei Dritteln der Höhe – Platsch! – auf die Seite fallen und rutscht, alle Viere von sich gestreckt, wieder hinunter. Das wiederholt sie noch zweimal. Zwischendurch verliert die Kamera den Fokus und man kann erkennen, dass der oder die Filmende ziemlich weit weg gestanden haben muss, dass es sich also eher nicht um eine Dressurnummer handelt. Und man wäre gerne dabei gewesen, als das Kätzchen zum ersten Mal entdeckt hat, vielleicht noch mehr erschrocken als lustvoll angeregt, was eine Rutsche ist. Eine andere Videosequenz, über deren zeitliche Begrenztheit hinaus ich kürzlich nachdenken musste, ist die von einer Begegnung zwischen einem halbwüchsigen Löwenmännchen und einem Gnukälblein, das völlig naiv und nichtsahnend vor seiner Nase herumtanzt. Verspielte Hornstösse und Angriffskapriolen vollführt, dazwischen an der Schnauze des Raubtiers schnüffelt, das da riesig vor ihm steht. Es verhält sich dabei so weit ausserhalb dessen, was sich der junge Löwe unter einem essbaren Beutetier vorstellen mag, dass dieser völlig konfus wird angesichts dieses quecksilbrigen Lebewesens. Er unternimmt nicht den geringsten Versuch, zuzubeissen. Schaut sich zwischendurch suchend um. Als Mensch an seiner Stelle würde man rufen: Kann mir mal jemand sagen, was das soll? Und was, bitte schön, in dieser Situation von mir erwartet wird?
Mir auszumalen, wie die Situation geendet hat, bereitet mir produktive Mühe.
Sonntag, 21. November 2021
Nachruf auf meine Katzen (Zolligeschichten 3)
Nun ist sie auch tot, die Nina. Schwer zu akzeptieren. Wir hatten schon vorher beschlossen, dass dies meine letzte Katze sein sollte. Unsere letzte. Wobei der Wunsch – oder sollte ich sagen, die Selbstverständlichkeit –, eine Katze zu haben mein ganzes Leben lang, immer von mir aus ging. Meine Frau hat das akzeptiert und eigentlich immer mehr getan für das Haustier als ich. Futter eingekauft. Die Nachbarn oder Bekannte organisiert für die Fütterung, wenn wir weg waren. Ich war dafür zuständig, wenn eine krank oder verletzt war, oder zum Impfen gebracht werden musste.
Vom Kater, eines der Jungtiere, die unser Primarlehrer loswerden wollte und dazu uns Kindern vorführte in der Schule, habe ich schon erzählt. Er wurde so alt, dass er mich bis in die Zeit des Übergangs zum Erwachsenwerden begleitete. Als unser erster Bub noch ganz klein war und wir in Riehen wohnten, mit Garten, bekamen wir eine kleine schwarze Katze, die einer Tante zugelaufen war. C begann gerade zu reden, und statt Katze oder Kätzli sagte er Takis zu unserem Haustier, was zwar eine griechischer Männername ist und daher eigentlich nicht passend für ein Weibchen. Aber der Name blieb, weil er uns gefiel. Takis blieb nicht lange bei uns, bevor sie wieder weiterzog, darum haben wir nicht viele Erinnerungen an sie. Einmal hörte ich in der Küche, wie unser Bub jauchzte und die Katze jämmerlich schrie. Als ich ins Wohnzimmer kam, hielt er mir das Tier strahlend entgegen, kopfunter am Schwanz! Und einmal waren wir über Weihnachten zwei Tage weg. Takis blieb zuhause und bekam genügend Futterreserven. Als wir heimkamen, hatte sie am Weihnachtsbaum alle Äste in ihrer Reichweite leergeräumt und einen Korb voller Nüsse ausgeleert. Am Streuradius konnte man sehen, dass sie intensiv mit den Weihnachtskugeln und den Nüssen gespielt haben muss.
Eine ausgesprochen traurige Geschichte haben wir erlebt mit unserer ersten Nina. Das war die Katze unseres Freundes H, der im April 1982 die steile Treppe in seinem Haus hinuntergestürzt war – oder sich hinuntergestürzt hatte –, und die ich dann zu uns nach Hause mitnahm. Meine Frau war schwanger und die Aufregung und Trauer um H's Tod trug dazu bei, dass sie wieder liegen musste. Da kam es gar nicht gelegen, dass die Nina Flöhe ins Haus brachte, die bald die Artgrenze übersprangen und sich auf meine Frau stürzten. Nina wurde schliesslich entfloht und entwurmt, und sie gewöhnte sich an uns und wir uns an sie. Leider war sie aber nie richtig gesund. Sie hatte schlechte Zähne und kotzte oft. Meistens über die Heizungsradiatoren, auf denen sie schlief. Mühsame Putzarbeiten zog das nach sich. Ich baute ihr dann eine Kiste und hängte sie innen an eines unserer Kellerfester. Durch ein Loch konnte sie dort ein und aus gehen, und in der Kiste schlafen. Wir schämten uns später dafür, dass wir sie auf diese Weise aus der Wohnung verbannten, aber es war eine sehr angespannte und anstrengende Phase unseres Lebens und wir schafften es einfach nicht, auch noch dauernd hinter der Katze her zu putzen. Sie hat das sicher gespürt, und in der Kiste war es im Winter auch zugig und kalt. Also hat sie sich eines Tages davongemacht. Hoffentlich fand sie noch jemanden, der mehr Geduld mit ihr hatte.
Einige Jahre später wollte ich wieder eine Katze haben. Von einem Arbeitskollegen, einem durchgeknallten Mathelehrer, den ich nicht mochte und er mich nicht, erfuhr ich, dass seine Kinder eine kleine Katze bekämen. Sie gingen oft auf einen Bauernhof in Baselland und dürften sich dort eine aussuchen. Es seien mehr als genug. Ich fuhr also eines Tages mit der Familie des Kollegen auf den Hof. Die kleinen Kätzchen sausten überall umher, und zuerst hiess es, ich dürfe mir einfach eine aussuchen. Ich zeigte auf einen süssen grauen Tiger, aber da protestierte eines der Kinder des Kollegen und behauptete, genau dieses wollten sie für sich haben. Also musste ich mich anders entscheiden. Eine magere weisse, mit dunkel getigertem Schwanz, lag abseits von den anderen auf dem Dach eines niedrigen Schopfs und sonnte sich. Ihre Eigenständigkeit gefiel mir, und so nahm ich sie und steckte sie in den mitgebrachten Deckelkorb. Eigentlich wollte ich so schnell als möglich wieder zuhause abgesetzt werden, damit das Tier nicht zu lange eingesperrt bleiben musste, aber der Kollege und seine Frau bestanden darauf, dass ich noch mit ihnen zu Mittag essen musste. Ich sass dort wie auf Nadeln, denn das Wehgeschrei der Katze im Korb war deutlich zu hören. Aber der Mathematiker und seine Frau stellten sich taub. Als ich den Deckel schliesslich zu Hause öffnen konnte, sass die kleine Katze völlig verängstigt, und vollgeschissen von oben bis unten, im Korb und starrte mich aus grossen Augen an. Sie stank so, dass ich sie im Spülbecken der Küche mit lauwarmem Wasser duschen und mit Shampoo waschen musste. Erst als ich das Tierchen in ein grosses Frotteetuch wickelte und sorgfältig rubbelte, begann es sich langsam zu entspannen und versuchte sogar ein leises Schnurren. Wir stellten ihm im Wintergarten ein Körbchen in die Sonne und legten es hinein. Das kannte die kleine Katze, und es gefiel ihr. Wir nannten sie Pitschi, wie die Katze im Kinderbuch. Ich wusste nicht mehr, dass diese fast ganz schwarz gewesen war.
Pitschi hielt uns auf Trab. Wir wohnten damals schon an dieser verfluchten Strasse, die eigentlich eine Quartiersstrasse wäre, aber zur Durchfahrtpiste erklärt wurde von den Politikern, die von Auto fahrenden Bürgern wiedergewählt werden wollen. Unsere Katze war knapp ein halbes Jahr alt, als sie überfahren wurde. Ich sah sie nach dem Unfall im Garten eines Nachbars, und mir fiel auf, dass sie sich komisch bewegte. Ich kletterte ihr nach, und als ich sie aufheben wollte, versuchte sie vor mir zu fliehen. Ich schaffte es schliesslich, sie einzufangen, aber die langgezogen kehligen Laute, die sie von sich gab, zeugten von starken Schmerzen. Der Tierarzt stellte mit einem Röntgenbild fest, dass ihr Becken an zwei Stellen gebrochen war. Eine Bruchlinie ging genau durch die Pfanne des Hüftgelenks. Er verwies uns an eine Tierklinik in Oberwil, wo sie 'so etwas' operieren könnten. Wir überlegten hin und her, ob wir dem Tier und uns das antun sollten, entschieden uns aber schliesslich dazu, es zu versuchen. Der Chirurg der Klinik erklärte uns, dass man den Bruch durchs Gelenk nicht flicken könne, weil dies zwingend und schnell zu starker Arthrose führen würde. Er könne aber den Gelenkkopf des Oberschenkelknochens abknipsen und herausnehmen. Der Tierkörper bilde dann eine Art Ersatzgelenk aus neu wachsenden Knochenstrukturen, und das werde dann gestützt durch Bänder und Muskeln. Wir glaubten nicht recht daran, willigten aber ein.
Ein zusätzliches Problem war nach der Operation, dass die Katze für ein paar Wochen in einem Käfig gehalten werden musste, damit sie sich möglichst wenig bewegen konnte. Und wir hatten Ferien in Kreta geplant und uns sehr darauf gefreut! Frau K., eine freundliche Nachbarin, die von Pitschi regelmässig besucht worden war, erklärte sich einverstanden, sie im Käfig zu hüten während unserer Abwesenheit. Sie schien sich zu freuen, für eine gewisse Zeit ein Haustier zu haben, dazu erst noch in einem Käfig, wo sie es immer um sich hatte. Wie wir hinterher erfuhren, nahm sie die Katze regelmässig aus dem Käfig und liess sie auf ihrem Schoss schlafen, wenn sie las oder Fernsehen schaute. Als wir Pitschi wieder in Empfang nahmen, hatte sie enorm starke Muskeln an den Vorderläufen und Schultern und konnte sich nur mithilfe der Vorderpfoten am Gitter hochhangeln. Langsam aber lernte sie auch wieder normal zu laufen, und bald merkte man vom Unfall und ihrer Verletzung gar nichts mehr. Wie gut das neue Pseudogelenk funktionierte, konnte man sehen, wenn sie durch den Garten raste und bis zuoberst auf die Bäume kletterte.
Ich wollte unbedingt einmal erleben, wie eine Katze Junge bekommt, also liessen wir Pitschi nicht kastrieren. Im Frühling, knapp bevor sie ein Jahr alt wurde, ging es los mit ihren Hormonen. Sie maunzte die ganze Zeit und rieb ihre Schultern dem Boden entlang, als wolle sie in die Erde eintauchen. Bald erschien auch ein Kater, nicht besonders hübsch, mit einem geknickten Schwanz, aber sehr interessiert. Sicher an zwei, drei Tagen trieben sie ihr Liebesspiel in unserem Garten, x-mal hintereinander dasselbe. Zuerst langes Herummachen von ihrer Seite, immer wieder davonwischen, bis sie endlich stillhielt und er aufsitzen konnte. Kurzes heftiges Rammeln, das sie erduldete, manchmal auch zu geniessen schien, dann nach seinem Höhepunkt ein heftiges Gefauche und Hiebe mit ausgefahrenen Krallen beidseits. Und dann schon bald wieder ihre nächste Bodenturn-Nummer.
Nach gut zwei Monaten hatte Pitschi einen prall runden Bauch und ihre Zitzen waren deutlich sichtbar. Der Tierarzt sagte, wir sollten uns auf einen eher grossen Wurf von fünf oder sechs Kätzchen gefasst machen. Ich war abwesend, an einer Weiterbildungsveranstaltung im Baselbiet, als es soweit war. Vorsorglich hatte ich mir ein Auto ausgeliehen, damit ich im schlimmsten Fall heimkommen konnte. Meine Frau hatte sich dies ausbedungen, es sei schliesslich meine Katze, und auch meine Idee gewesen, dass sie Junge bekommen sollte. Und tatsächlich trat ein, was selten passiert: eine schwere Katzengeburt. Als ich zuhause ankam, hatte Pitschi schon mehrere Junge an verschiedenen Orten im Estrich verstreut geboren. Die Kleinen hingen noch an ihren wie Leberplätzchen aussehenden Mutterkuchen, die Mutter war mit sich selber beschäftigt. Ich ging die piepsenden Neugeborenen einsammeln und durchtrennte mit einer Schere ihre Nabelschnüre. Vier waren es schliesslich, die ich in einen Korb legte, aber Pitschi hatte offensichtlich immer noch starke Wehen. Als sie wieder ein Junges zur Hälfte herausgedrückt hatte, blieb dieses stecken. Sie hatte keine Kraft mehr. Ihre Augen irrten umher, sie hechelte und gab das tiefe Knurren von sich, das ich kannte. Ich musste sie daran hindern, sich durch die Katzentüre davonzumachen. Ich hielt sie fest und zog vorsichtig an dem Jungen, wenn sich ihr Bauch zusammenzog. Das Kätzchen war grösser als die andern, es dauerte viel zu lange, bis wir es draussen hatten. Ein prächtiger kleiner Kater, aber tot. Pitschi war halb tot vor Erschöpfung, erholte sich aber erstaunlich rasch so weit, dass sie die Kleinen säugen und ihnen den Bauch durch Schlecken massieren konnte.
Erst hinterher bemerkten wir, dass sich Pitschi während ihrer Geburtswehen zwischen einen Stapel mit Bildern gezwängt hatte, der auf dem Estrich stand. Eines davon war eine Picasso-Lithografie, die meine Frau von ihrem Vater geerbt hatte. Sie gefiel uns beiden nicht. Ein eher süssliches Porträt seiner Geliebten Françoise, von 1948, in einer kleinen Auflage gedruckt und daher ziemlich wertvoll. Aber wir hatten sie nie aufgehängt, und nun war Blut und Fruchtwasser in den Wechselrahmen eingedrungen. Man hätte das Ganze nur in eine Badewanne mit kaltem Wasser legen müssen, dann wären wohl kaum Spuren geblieben von dem Unfall. Aber wir waren mit anderem beschäftigt, und als ich schliesslich den Rahmen öffnete, klebte alles zusammen und der Schaden wurde durch das Öffnen noch grösser. Als wir die Lithografie ein paar Jahre später verkaufen wollten, musste sie zuerst aufwändig restauriert werden. Aber der Verkauf lohnte sich noch immer halbwegs.
Wir verbrachten in den nächsten Tagen und Wochen viele Stunden bei der Kiste, die wir mit einem Frotteetuch ausgepolstert hatten. Es war besser als Fernsehen schauen. Nur eines der vier Jungen hatte einen geraden Schwanz. Bei einem Kater, einem süssen, grauen Kerlchen, das wir Max tauften, stand hinten eine kleine Kurbel heraus, wie bei einem Aufziehtier. Farblich zeigten die vier Kleinen eine grosse Vielfalt. Ein Tigerchen, einmal das Ebenbild der Mutter, ein fast ganz Schwarzes und dann noch der Graue, den wir schliesslich behielten. Drei konnten wir bei Bekannten und Freunden unterbringen, aber sie lebte alle nicht lange. Liessen ihr Leben unter Autos. Auch der kleine Max wurde nach einem halben Jahr so unglücklich angefahren, dass seine Vorderbeine gelähmt blieben und wir ihn einschläfern lassen mussten. Traurig!
Pitschi wurde alt bei uns, bis ihre Nieren schliesslich nicht mehr mitmachten. In ihren letzten Tagen war sie sehr wärmebedürftig. Legte sich gerne in eines unserer Betten, mit dem Körper unter der Decke und dem mageren Köpfchen auf dem Kissen, wie ein kleines Menschlein. Doch dann wurde sie zunehmend apathisch, konnte weder essen noch trinken. Ich brachte sie zum Tierarzt, der ihr die Spritze gab. Ich habe sie noch lange gestreichelt, als sie schon nicht mehr atmete. Wir haben sie dann im Garten begraben.
Viele Jahre später habe ich ihr Skelett ausgegraben, weil es in einem unserer Kunstprojekte um 'die Bleibe der Dinge' geht. Der erste Knochen, den ich von Pitschi in der Hand hielt, war der Oberschenkel mit dem Pseudogelenk. Es hatte sich am abgesägten Ende des Knochens eine Platte gebildet, die durch den Kontakt zum entsprechenden Teil des Beckens und durch die Bewegung glänzend poliert war. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich konnte fast das ganze Katzenskelett rekonstruieren und in der Haltung zurechtlegen, wie Pitschi gestorben war. Ich habe das fotografiert und auf Drachenpapier ausgedruckt. Es tat mir gut, das feine Knochengerüst, das von dem Tier übriggeblieben war, am Himmel fliegen zu sehen, auch wenn es eine gar einfache Metapher sein mag.
Nina die Zweite schliesslich, die nun an exakt demselben Ort begraben liegt, an dem vor ihr Pitschi über ein Jahrzehnt lang ruhte, suchte ich mir bei einer Familie in Riehen aus, die uns der Tierarzt angegeben hatte. Wir konnten die Jungtiere in der Wohnung beim Spielen beobachten, und ich schaute darauf, welche am aktivsten war, weil ich das als ein Zeichen für Gesundheit und einen lebhaften Charakter ansah. Wir tauften sie wieder Nina, erstens weil sie ein Tigerchen war wie die erste mit diesem Namen, und weil wir zweitens das Gefühl hatten, etwas wieder gut machen zu müssen. Der Tierarzt hatte uns geraten, die Katze möglichst lange im Haus zu behalten, bevor wir sie ins Freie liessen. So sei die Gefahr des Weglaufens kleiner, und vor allem könne ich sie, wenn sie genug gross sei, im Garten an einer Leine herumführen und ihr beizubringen versuchen, dass sie nicht nach vorne hinaus auf die Strasse gehen solle. Also versuchten wir das. Am Anfang ging es gut, wobei sich schon bald zeigte, dass diese Katze ausserordentlich lebhaft war. Wenn sie im Spiel-und Kampf-Modus war, konnte sie einen von weitem anspringen mit ausgefahrenen Krallen. Am liebsten kletterte sie einem an den Beinen hoch, was ziemlich schmerzhaft war. Mit der Zeit realisierte sie, dass es ausserhalb des Hauses eine Welt gab, die wir ihr vorenthielten. Das machte sie rasend. Sie versuchte mit allen Tricks, hinauszuwischen. Wenn ihr dies ein weiteres Mal nicht gelang, sauste sie im Haus umher, kletterte an Bücherschäften hoch, und riss in ihrer Frustration unsere Sachen hinunter. Es war klar, dass etwas gehen musste. Als ich ihr zum ersten Mal das Halfter überzog, wälzte und rollte sie sich über den Boden wie ein kleiner Teufel. Schliesslich gelang es mir dann, sie daran zu gewöhnen, noch im Haus drin allerdings. Als wir das erste Mal hinausgingen in den Garten, raste sie einfach los und wurde hochgeschleudert, als die Leine gespannt war. Nach ein paar weiteren Versuchen akzeptierte sie schliesslich, dass sie nicht einfach losrennen konnte. Ich zeigte ihr den Garten, dessen Grenzen. Schliesslich ging ich mit ihr nach vorne zur Strassenseite. Wenn ein Auto vorbeifuhr, tat ich jedes Mal so, als würde ich erschrecken und zog ruckartig an der Leine. Es gelang mir auf diese Weise, ihr eine Scheu vor Autos einzubläuen, die sie zwölf Jahre lang davor bewahrt hat, hirnlos über die Strasse zu rennen. Warum sie es vor Kurzem plötzlich vergessen hat, mit tödlichen Folgen, weiss der Himmel.
Uns fehlt ihr Rufen, mit dem sie jedes Mal nachfragte, ob wir da seien, wenn sie ins Haus zurückkam von ihren Spaziergängen. Wenn das Maunzen besonders langgezogen war, wussten wir, dass sie eine Maus gebracht hatte. Ja, sie war eine Jägerin, wir geben es zu. Hat manchmal halt auch Vögel gebracht. Um die grössten war es nicht schade, weil es von denen zu viele gibt bei uns. Eichelhäher und Elstern. Manche Hundebesitzer haben wegen ihr die Strassenseite gewechselt, wenn sie an unserem Haus vorbeikamen, weil Nina vor Hunden keine Angst hatte und ihnen offen drohte mit Seitwärtstrippeln und dick gesträubtem Schwanz. Aber sie konnte auch sehr lieb sein. Kam gerne noch vor unserem Schlafengehen zu mir, legte sich auf meine Brust. Liess sich schnurrend von meinem Atem wiegen. Und verliess das Schlafzimmer meistens ohne zu murren, wenn wir Ruhe wollten. Nur ganz selten kehrte sie zu alten Flausen zurück und versteckte sich unter dem Bett. Dann half nur noch der Staubsauger, fast das Einzige, vor dem sie sich wirklich fürchtete.
Vom Kater, eines der Jungtiere, die unser Primarlehrer loswerden wollte und dazu uns Kindern vorführte in der Schule, habe ich schon erzählt. Er wurde so alt, dass er mich bis in die Zeit des Übergangs zum Erwachsenwerden begleitete. Als unser erster Bub noch ganz klein war und wir in Riehen wohnten, mit Garten, bekamen wir eine kleine schwarze Katze, die einer Tante zugelaufen war. C begann gerade zu reden, und statt Katze oder Kätzli sagte er Takis zu unserem Haustier, was zwar eine griechischer Männername ist und daher eigentlich nicht passend für ein Weibchen. Aber der Name blieb, weil er uns gefiel. Takis blieb nicht lange bei uns, bevor sie wieder weiterzog, darum haben wir nicht viele Erinnerungen an sie. Einmal hörte ich in der Küche, wie unser Bub jauchzte und die Katze jämmerlich schrie. Als ich ins Wohnzimmer kam, hielt er mir das Tier strahlend entgegen, kopfunter am Schwanz! Und einmal waren wir über Weihnachten zwei Tage weg. Takis blieb zuhause und bekam genügend Futterreserven. Als wir heimkamen, hatte sie am Weihnachtsbaum alle Äste in ihrer Reichweite leergeräumt und einen Korb voller Nüsse ausgeleert. Am Streuradius konnte man sehen, dass sie intensiv mit den Weihnachtskugeln und den Nüssen gespielt haben muss.
Eine ausgesprochen traurige Geschichte haben wir erlebt mit unserer ersten Nina. Das war die Katze unseres Freundes H, der im April 1982 die steile Treppe in seinem Haus hinuntergestürzt war – oder sich hinuntergestürzt hatte –, und die ich dann zu uns nach Hause mitnahm. Meine Frau war schwanger und die Aufregung und Trauer um H's Tod trug dazu bei, dass sie wieder liegen musste. Da kam es gar nicht gelegen, dass die Nina Flöhe ins Haus brachte, die bald die Artgrenze übersprangen und sich auf meine Frau stürzten. Nina wurde schliesslich entfloht und entwurmt, und sie gewöhnte sich an uns und wir uns an sie. Leider war sie aber nie richtig gesund. Sie hatte schlechte Zähne und kotzte oft. Meistens über die Heizungsradiatoren, auf denen sie schlief. Mühsame Putzarbeiten zog das nach sich. Ich baute ihr dann eine Kiste und hängte sie innen an eines unserer Kellerfester. Durch ein Loch konnte sie dort ein und aus gehen, und in der Kiste schlafen. Wir schämten uns später dafür, dass wir sie auf diese Weise aus der Wohnung verbannten, aber es war eine sehr angespannte und anstrengende Phase unseres Lebens und wir schafften es einfach nicht, auch noch dauernd hinter der Katze her zu putzen. Sie hat das sicher gespürt, und in der Kiste war es im Winter auch zugig und kalt. Also hat sie sich eines Tages davongemacht. Hoffentlich fand sie noch jemanden, der mehr Geduld mit ihr hatte.
Einige Jahre später wollte ich wieder eine Katze haben. Von einem Arbeitskollegen, einem durchgeknallten Mathelehrer, den ich nicht mochte und er mich nicht, erfuhr ich, dass seine Kinder eine kleine Katze bekämen. Sie gingen oft auf einen Bauernhof in Baselland und dürften sich dort eine aussuchen. Es seien mehr als genug. Ich fuhr also eines Tages mit der Familie des Kollegen auf den Hof. Die kleinen Kätzchen sausten überall umher, und zuerst hiess es, ich dürfe mir einfach eine aussuchen. Ich zeigte auf einen süssen grauen Tiger, aber da protestierte eines der Kinder des Kollegen und behauptete, genau dieses wollten sie für sich haben. Also musste ich mich anders entscheiden. Eine magere weisse, mit dunkel getigertem Schwanz, lag abseits von den anderen auf dem Dach eines niedrigen Schopfs und sonnte sich. Ihre Eigenständigkeit gefiel mir, und so nahm ich sie und steckte sie in den mitgebrachten Deckelkorb. Eigentlich wollte ich so schnell als möglich wieder zuhause abgesetzt werden, damit das Tier nicht zu lange eingesperrt bleiben musste, aber der Kollege und seine Frau bestanden darauf, dass ich noch mit ihnen zu Mittag essen musste. Ich sass dort wie auf Nadeln, denn das Wehgeschrei der Katze im Korb war deutlich zu hören. Aber der Mathematiker und seine Frau stellten sich taub. Als ich den Deckel schliesslich zu Hause öffnen konnte, sass die kleine Katze völlig verängstigt, und vollgeschissen von oben bis unten, im Korb und starrte mich aus grossen Augen an. Sie stank so, dass ich sie im Spülbecken der Küche mit lauwarmem Wasser duschen und mit Shampoo waschen musste. Erst als ich das Tierchen in ein grosses Frotteetuch wickelte und sorgfältig rubbelte, begann es sich langsam zu entspannen und versuchte sogar ein leises Schnurren. Wir stellten ihm im Wintergarten ein Körbchen in die Sonne und legten es hinein. Das kannte die kleine Katze, und es gefiel ihr. Wir nannten sie Pitschi, wie die Katze im Kinderbuch. Ich wusste nicht mehr, dass diese fast ganz schwarz gewesen war.
Pitschi hielt uns auf Trab. Wir wohnten damals schon an dieser verfluchten Strasse, die eigentlich eine Quartiersstrasse wäre, aber zur Durchfahrtpiste erklärt wurde von den Politikern, die von Auto fahrenden Bürgern wiedergewählt werden wollen. Unsere Katze war knapp ein halbes Jahr alt, als sie überfahren wurde. Ich sah sie nach dem Unfall im Garten eines Nachbars, und mir fiel auf, dass sie sich komisch bewegte. Ich kletterte ihr nach, und als ich sie aufheben wollte, versuchte sie vor mir zu fliehen. Ich schaffte es schliesslich, sie einzufangen, aber die langgezogen kehligen Laute, die sie von sich gab, zeugten von starken Schmerzen. Der Tierarzt stellte mit einem Röntgenbild fest, dass ihr Becken an zwei Stellen gebrochen war. Eine Bruchlinie ging genau durch die Pfanne des Hüftgelenks. Er verwies uns an eine Tierklinik in Oberwil, wo sie 'so etwas' operieren könnten. Wir überlegten hin und her, ob wir dem Tier und uns das antun sollten, entschieden uns aber schliesslich dazu, es zu versuchen. Der Chirurg der Klinik erklärte uns, dass man den Bruch durchs Gelenk nicht flicken könne, weil dies zwingend und schnell zu starker Arthrose führen würde. Er könne aber den Gelenkkopf des Oberschenkelknochens abknipsen und herausnehmen. Der Tierkörper bilde dann eine Art Ersatzgelenk aus neu wachsenden Knochenstrukturen, und das werde dann gestützt durch Bänder und Muskeln. Wir glaubten nicht recht daran, willigten aber ein.
Ein zusätzliches Problem war nach der Operation, dass die Katze für ein paar Wochen in einem Käfig gehalten werden musste, damit sie sich möglichst wenig bewegen konnte. Und wir hatten Ferien in Kreta geplant und uns sehr darauf gefreut! Frau K., eine freundliche Nachbarin, die von Pitschi regelmässig besucht worden war, erklärte sich einverstanden, sie im Käfig zu hüten während unserer Abwesenheit. Sie schien sich zu freuen, für eine gewisse Zeit ein Haustier zu haben, dazu erst noch in einem Käfig, wo sie es immer um sich hatte. Wie wir hinterher erfuhren, nahm sie die Katze regelmässig aus dem Käfig und liess sie auf ihrem Schoss schlafen, wenn sie las oder Fernsehen schaute. Als wir Pitschi wieder in Empfang nahmen, hatte sie enorm starke Muskeln an den Vorderläufen und Schultern und konnte sich nur mithilfe der Vorderpfoten am Gitter hochhangeln. Langsam aber lernte sie auch wieder normal zu laufen, und bald merkte man vom Unfall und ihrer Verletzung gar nichts mehr. Wie gut das neue Pseudogelenk funktionierte, konnte man sehen, wenn sie durch den Garten raste und bis zuoberst auf die Bäume kletterte.
Ich wollte unbedingt einmal erleben, wie eine Katze Junge bekommt, also liessen wir Pitschi nicht kastrieren. Im Frühling, knapp bevor sie ein Jahr alt wurde, ging es los mit ihren Hormonen. Sie maunzte die ganze Zeit und rieb ihre Schultern dem Boden entlang, als wolle sie in die Erde eintauchen. Bald erschien auch ein Kater, nicht besonders hübsch, mit einem geknickten Schwanz, aber sehr interessiert. Sicher an zwei, drei Tagen trieben sie ihr Liebesspiel in unserem Garten, x-mal hintereinander dasselbe. Zuerst langes Herummachen von ihrer Seite, immer wieder davonwischen, bis sie endlich stillhielt und er aufsitzen konnte. Kurzes heftiges Rammeln, das sie erduldete, manchmal auch zu geniessen schien, dann nach seinem Höhepunkt ein heftiges Gefauche und Hiebe mit ausgefahrenen Krallen beidseits. Und dann schon bald wieder ihre nächste Bodenturn-Nummer.
Nach gut zwei Monaten hatte Pitschi einen prall runden Bauch und ihre Zitzen waren deutlich sichtbar. Der Tierarzt sagte, wir sollten uns auf einen eher grossen Wurf von fünf oder sechs Kätzchen gefasst machen. Ich war abwesend, an einer Weiterbildungsveranstaltung im Baselbiet, als es soweit war. Vorsorglich hatte ich mir ein Auto ausgeliehen, damit ich im schlimmsten Fall heimkommen konnte. Meine Frau hatte sich dies ausbedungen, es sei schliesslich meine Katze, und auch meine Idee gewesen, dass sie Junge bekommen sollte. Und tatsächlich trat ein, was selten passiert: eine schwere Katzengeburt. Als ich zuhause ankam, hatte Pitschi schon mehrere Junge an verschiedenen Orten im Estrich verstreut geboren. Die Kleinen hingen noch an ihren wie Leberplätzchen aussehenden Mutterkuchen, die Mutter war mit sich selber beschäftigt. Ich ging die piepsenden Neugeborenen einsammeln und durchtrennte mit einer Schere ihre Nabelschnüre. Vier waren es schliesslich, die ich in einen Korb legte, aber Pitschi hatte offensichtlich immer noch starke Wehen. Als sie wieder ein Junges zur Hälfte herausgedrückt hatte, blieb dieses stecken. Sie hatte keine Kraft mehr. Ihre Augen irrten umher, sie hechelte und gab das tiefe Knurren von sich, das ich kannte. Ich musste sie daran hindern, sich durch die Katzentüre davonzumachen. Ich hielt sie fest und zog vorsichtig an dem Jungen, wenn sich ihr Bauch zusammenzog. Das Kätzchen war grösser als die andern, es dauerte viel zu lange, bis wir es draussen hatten. Ein prächtiger kleiner Kater, aber tot. Pitschi war halb tot vor Erschöpfung, erholte sich aber erstaunlich rasch so weit, dass sie die Kleinen säugen und ihnen den Bauch durch Schlecken massieren konnte.
Erst hinterher bemerkten wir, dass sich Pitschi während ihrer Geburtswehen zwischen einen Stapel mit Bildern gezwängt hatte, der auf dem Estrich stand. Eines davon war eine Picasso-Lithografie, die meine Frau von ihrem Vater geerbt hatte. Sie gefiel uns beiden nicht. Ein eher süssliches Porträt seiner Geliebten Françoise, von 1948, in einer kleinen Auflage gedruckt und daher ziemlich wertvoll. Aber wir hatten sie nie aufgehängt, und nun war Blut und Fruchtwasser in den Wechselrahmen eingedrungen. Man hätte das Ganze nur in eine Badewanne mit kaltem Wasser legen müssen, dann wären wohl kaum Spuren geblieben von dem Unfall. Aber wir waren mit anderem beschäftigt, und als ich schliesslich den Rahmen öffnete, klebte alles zusammen und der Schaden wurde durch das Öffnen noch grösser. Als wir die Lithografie ein paar Jahre später verkaufen wollten, musste sie zuerst aufwändig restauriert werden. Aber der Verkauf lohnte sich noch immer halbwegs.
Wir verbrachten in den nächsten Tagen und Wochen viele Stunden bei der Kiste, die wir mit einem Frotteetuch ausgepolstert hatten. Es war besser als Fernsehen schauen. Nur eines der vier Jungen hatte einen geraden Schwanz. Bei einem Kater, einem süssen, grauen Kerlchen, das wir Max tauften, stand hinten eine kleine Kurbel heraus, wie bei einem Aufziehtier. Farblich zeigten die vier Kleinen eine grosse Vielfalt. Ein Tigerchen, einmal das Ebenbild der Mutter, ein fast ganz Schwarzes und dann noch der Graue, den wir schliesslich behielten. Drei konnten wir bei Bekannten und Freunden unterbringen, aber sie lebte alle nicht lange. Liessen ihr Leben unter Autos. Auch der kleine Max wurde nach einem halben Jahr so unglücklich angefahren, dass seine Vorderbeine gelähmt blieben und wir ihn einschläfern lassen mussten. Traurig!
Pitschi wurde alt bei uns, bis ihre Nieren schliesslich nicht mehr mitmachten. In ihren letzten Tagen war sie sehr wärmebedürftig. Legte sich gerne in eines unserer Betten, mit dem Körper unter der Decke und dem mageren Köpfchen auf dem Kissen, wie ein kleines Menschlein. Doch dann wurde sie zunehmend apathisch, konnte weder essen noch trinken. Ich brachte sie zum Tierarzt, der ihr die Spritze gab. Ich habe sie noch lange gestreichelt, als sie schon nicht mehr atmete. Wir haben sie dann im Garten begraben.
Viele Jahre später habe ich ihr Skelett ausgegraben, weil es in einem unserer Kunstprojekte um 'die Bleibe der Dinge' geht. Der erste Knochen, den ich von Pitschi in der Hand hielt, war der Oberschenkel mit dem Pseudogelenk. Es hatte sich am abgesägten Ende des Knochens eine Platte gebildet, die durch den Kontakt zum entsprechenden Teil des Beckens und durch die Bewegung glänzend poliert war. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich konnte fast das ganze Katzenskelett rekonstruieren und in der Haltung zurechtlegen, wie Pitschi gestorben war. Ich habe das fotografiert und auf Drachenpapier ausgedruckt. Es tat mir gut, das feine Knochengerüst, das von dem Tier übriggeblieben war, am Himmel fliegen zu sehen, auch wenn es eine gar einfache Metapher sein mag.
Nina die Zweite schliesslich, die nun an exakt demselben Ort begraben liegt, an dem vor ihr Pitschi über ein Jahrzehnt lang ruhte, suchte ich mir bei einer Familie in Riehen aus, die uns der Tierarzt angegeben hatte. Wir konnten die Jungtiere in der Wohnung beim Spielen beobachten, und ich schaute darauf, welche am aktivsten war, weil ich das als ein Zeichen für Gesundheit und einen lebhaften Charakter ansah. Wir tauften sie wieder Nina, erstens weil sie ein Tigerchen war wie die erste mit diesem Namen, und weil wir zweitens das Gefühl hatten, etwas wieder gut machen zu müssen. Der Tierarzt hatte uns geraten, die Katze möglichst lange im Haus zu behalten, bevor wir sie ins Freie liessen. So sei die Gefahr des Weglaufens kleiner, und vor allem könne ich sie, wenn sie genug gross sei, im Garten an einer Leine herumführen und ihr beizubringen versuchen, dass sie nicht nach vorne hinaus auf die Strasse gehen solle. Also versuchten wir das. Am Anfang ging es gut, wobei sich schon bald zeigte, dass diese Katze ausserordentlich lebhaft war. Wenn sie im Spiel-und Kampf-Modus war, konnte sie einen von weitem anspringen mit ausgefahrenen Krallen. Am liebsten kletterte sie einem an den Beinen hoch, was ziemlich schmerzhaft war. Mit der Zeit realisierte sie, dass es ausserhalb des Hauses eine Welt gab, die wir ihr vorenthielten. Das machte sie rasend. Sie versuchte mit allen Tricks, hinauszuwischen. Wenn ihr dies ein weiteres Mal nicht gelang, sauste sie im Haus umher, kletterte an Bücherschäften hoch, und riss in ihrer Frustration unsere Sachen hinunter. Es war klar, dass etwas gehen musste. Als ich ihr zum ersten Mal das Halfter überzog, wälzte und rollte sie sich über den Boden wie ein kleiner Teufel. Schliesslich gelang es mir dann, sie daran zu gewöhnen, noch im Haus drin allerdings. Als wir das erste Mal hinausgingen in den Garten, raste sie einfach los und wurde hochgeschleudert, als die Leine gespannt war. Nach ein paar weiteren Versuchen akzeptierte sie schliesslich, dass sie nicht einfach losrennen konnte. Ich zeigte ihr den Garten, dessen Grenzen. Schliesslich ging ich mit ihr nach vorne zur Strassenseite. Wenn ein Auto vorbeifuhr, tat ich jedes Mal so, als würde ich erschrecken und zog ruckartig an der Leine. Es gelang mir auf diese Weise, ihr eine Scheu vor Autos einzubläuen, die sie zwölf Jahre lang davor bewahrt hat, hirnlos über die Strasse zu rennen. Warum sie es vor Kurzem plötzlich vergessen hat, mit tödlichen Folgen, weiss der Himmel.
Uns fehlt ihr Rufen, mit dem sie jedes Mal nachfragte, ob wir da seien, wenn sie ins Haus zurückkam von ihren Spaziergängen. Wenn das Maunzen besonders langgezogen war, wussten wir, dass sie eine Maus gebracht hatte. Ja, sie war eine Jägerin, wir geben es zu. Hat manchmal halt auch Vögel gebracht. Um die grössten war es nicht schade, weil es von denen zu viele gibt bei uns. Eichelhäher und Elstern. Manche Hundebesitzer haben wegen ihr die Strassenseite gewechselt, wenn sie an unserem Haus vorbeikamen, weil Nina vor Hunden keine Angst hatte und ihnen offen drohte mit Seitwärtstrippeln und dick gesträubtem Schwanz. Aber sie konnte auch sehr lieb sein. Kam gerne noch vor unserem Schlafengehen zu mir, legte sich auf meine Brust. Liess sich schnurrend von meinem Atem wiegen. Und verliess das Schlafzimmer meistens ohne zu murren, wenn wir Ruhe wollten. Nur ganz selten kehrte sie zu alten Flausen zurück und versteckte sich unter dem Bett. Dann half nur noch der Staubsauger, fast das Einzige, vor dem sie sich wirklich fürchtete.
Dienstag, 19. Oktober 2021
becoming Mrs. Jean Dirand
Es dauerte eine Weile, bis an der Park Avenue die gewohnte Ordnung des Alltags wieder eingerichtet war. Mit eine paar Tagen Verspätung kam eine riesige Transportkiste an, die eigentlich mit ihnen zusammen auf der France befördert, dann aber von den Zollbehörden zurückbehalten und sichtbar gründlich untersucht worden war. Mrs. Bailey hatte darin von einer französischen Firma Geschirr, zwei Schmuckkästchen, einen bemalten Wandschirm – in seine Einzelteile zerlegt – sowie drei Lampen sorgfältig einpacken und die Hohlräume mit Stroh ausstopfen lassen. Nun sah sie zu ihrem Ärger, dass die Kiste geöffnet, alles durchwühlt und mehr schlecht als recht wieder eingepackt worden war. Dabei war ein Teller zu Bruch gegangen und eine Lampe hatte einen Kratzer abbekommen. Sie diskutierte mit ihrem Mann darüber, ob es sich lohne für diese Schäden die vorher abgeschlossene Versicherung in Anspruch zu nehmen. Julia hörte zum ersten Mal von der Möglichkeit, für Gegenstände, die auf der Reise beschädigt oder gestohlen wurden, eine Entschädigung zu verlangen.
„Versichern lassen kann man alles“, erklärte Mr. Bailey auf ihre verwunderte Nachfrage. „Man zahlt einfach dafür. Je höher das Risiko eines Schadenfalles, wozu die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Schadensereignisses ebenso gezählt wird wie die Höhe der Kosten, die zur Behebung des Schadens benötigt werden, desto höher die Prämie, die im Voraus bezahlt werden muss. Die Bauern in Ihrem Land kennen sicher eine Versicherung gegen Unwetter, gegen Hagelschlag zum Beispiel, nicht wahr?“
Julia wusste, dass viele Bauern in Cornol nichts hielten von der Hagelversicherung, die es in der Ajoie schon seit Generationen gab. Zu oft hatte diese in der Vergangenheit Schwierigkeiten gemacht bei der Auszahlung von Entschädigungen. Alle wussten, dass die einbezahlten Prämien nicht ausreichten, wenn es in zwei aufeinander folgenden Jahren zu starken Unwettern kam. Der Bund hatte immer wieder Streit mit dem Kanton darüber gehabt, ob und, wenn ja, wie viel und von wem zusätzliche Gelder bereitzustellen seien für den Fall solch katastrophaler Ereignisse.
„Das ist hier ähnlich“, meinte der Dienstherr. „Viele Bauern nehmen das Risiko in Kauf, indem sie keine Prämien an eine Gesellschaft zahlen. Es gibt aber auch solche, die selber Geld auf die Seite legen für den Fall. Manche tun sich als Kooperative zusammen. Wenn es einzelne trifft, wird dann aus der gemeinsamen Kasse solidarisch geholfen.“
Soweit sie wusste, hielt es auch ihr Bruder Alcide so.
Mr. Bailey hatte sich in Abwesenheit seiner Frau ein grösseres Büro im oberen Stock eingerichtet. Da er damit die Absicht verband, vermehrt zu Hause zu arbeiten, hatte diese den Plan sehr begrüsst. Zwischen dem bisherigen Büro und einem Nebenraum, der als Teil der Bibliothek wenig genutzt worden war, hatte ihr Mann die Wand entfernen lassen, wodurch ein grosszügiger Arbeits- und Besprechungsraum entstanden war. Durch eine neu geschaffene Tür zu Treppenhaus und Aufzug konnten Klienten und Geschäftspartner von Mr. Bailey empfangen werden, ohne dass sie die familiäre Sphäre betreten mussten. Diese Regelung funktionierte nicht von Anfang an, so dass Julia und Mathilde immer wieder unbekannten Personen gegenüberstanden, die an der Wohnungstüre geklingelt hatten.
Einer dieser Besucher ging Julia nicht mehr aus dem Sinn. Er hatte seinen Hut gezogen und ihn vor der Brust gehalten, sie mit seinen hellen, grüngrauen Augen unverwandt angesehen, den Kopf leicht schräg gehalten wie zu einer Frage. Er war nicht gross, etwa gleich wie sie. Er sah sie weiterhin stumm an.
"Sie wollen zu Mr. Bailey, nehme ich an?", fragte sie schliesslich.
"Ähm, ja. Entschuldigen Sie! Mein Name ist Dirand, Jean Dirand. Mechaninal Engeneer. Ich sollte eigentlich angemeldet sein. Sind Sie seine Sekretärin?"
Sie musste lachen.
"Nein, nein! Ich bin nur das Kindermädchen der Familie. Ich bringe Sie in Mr. Baileys Büro, wenn Sie mich..."
Sie wollte mit dem Arm die Richtung zur Aussentüre des Büros draussen im Flur anzeigen und berührte ihn dabei an der Schulter. Er versuchte ihr Platz machen, wich dabei aber auf die Seite aus, auf der sie an ihm hatte vorbeigehen wollen, und es kam zu einem dieser merkwürdigen Tänzchen, hin und her, unter zunehmend verlegenem Lachen, bis sie sich schliesslich einigen konnten und er hinter ihr zur anderen Türe schritt.
"Kindermädchen haben eine ehrenwerte und sehr sinnvolle Aufgabe", sagte er förmlich, als sie für ihn angeklopft hatte. "Wie ist ihr Name?"
"Julia. Julia Chiquet. Aus der Schweiz, Sir."
"Alors, vous parlez français?", fragte er noch, dann wurde die Türe geöffnet, Mr. Bailey liess den Besuch eintreten und schloss gleich wieder. Julia stand noch einen Moment verwirrt da. Sie verstand nicht, warum ihr Herz klopfte. Mr. Dirand war deutlich älter als sie. Sie schätzte ihn auf etwa fünfzig, sein Haaransatz war schon weit nach oben gerutscht. Er war sorgfältig gekleidet gewesen, mit einem fein gestreiften Anzug aus Kammgarn, mit Weste, schneeweissem gestärktem Kragen und einer schönen Seidenkrawatte. Ganz leise der Geruch seines Rasierwassers, als sie ihm unversehens nahe gekommen war. Alles an ihm war sehr korrekt gewesen, aber ein Beau war er nicht. Ein rundliches Gesicht mit etwas schmalen Lippen, die Hände von einem Handwerker oder Bauer. Es war die Art und Weise, wie er sie angesehen hatte, und seine sanfte Stimme vielleicht, die sie für ihn einnahmen. Sie schüttelte ihren Kopf, einmal, zweimal, atmete dann tief durch. Ging wieder an ihre Arbeit.
Das nächste Mal traf sie ihn zufällig, und wieder völlig unverhofft, als sie Elsie an einem Nachmittag von der Schule abgeholt hatte und mit ihr der Sechsundsiebzigsten entlang in Richtung der grossen Avenue ging. Das Mädchen hatte die Gewohnheit, bei jedem Hund, dem sie begegneten, stehen zu bleiben und, wenn es die Besitzer und auch das Tier zuliessen, ihn zu streicheln. So war es auch bei diesem schwarzen Mischling, den Julia zuerst argwöhnisch musterte, bevor sie mit dem Blick der Leine folgte und sah, dass diese von Mr. Dirand gehalten wurde. Elsie bettelte:
"Darf man ihn streicheln? Oh bitte...!" Sie hatte sich, noch bevor der Mann richtig antworten konnte, niedergekniet und den Hund mit beiden Händen am Hals zu kraulen begonnen. Dieser liess ein wohliges Brummen ertönen und wedelte begeistert, so dass sein ganzes Hinterteil hin und her wackelte.
"Oh, Hallo!", sagten Julia und Mr. Dirand fast gleichzeitig, worauf sie, ebenso spiegelbildlich, in Lachen ausbrachen.
"Sind sie unterwegs zu Mr. Bailey?", fragte Julia dann, und merkte im gleichen Augenblick, wie dumm die Frage war, denn Mr. Dirand würde ja wohl kaum mit dem Hund zu einer geschäftlichen Besprechung gehen. Ausserdem war er ihnen entgegengekommen.
"Nein, ich wohne hier. Das heisst, gleich um die Ecke."
"Oh!", mehr brachte Julia nicht heraus. Zum Glück fragte Elsie nach dem Namen des Hundes. Mr. Dirand gab ihr freundlich Auskunft.
"Es ist eine Sie. Bessie heisst sie. Und wie heisst du?"
"Ich heiss Elsie. – Sie ist so süss!" Sie streichelte weiterhin das Tier, das versuchte, ihre Hand zu lecken.
"Ich begleite euch noch ein Stückchen", schlug Mr. Dirand vor. "Komm, Bessie!"
Er nahm den Hund dicht an seine Seite und schlug entschlossen den Weg in Richtung Park Avenue ein. Julia wollte so vieles fragen, wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte. Schliesslich brachte sie heraus:
"Sind Sie auch Anwalt wie Mr. Bailey?"
Er lachte.
"Nein, das wäre nichts für mich! Ich bin Maschineningenieur, im Bau von Automobilen. Ich entwickle Antriebssysteme, und da gibt es Projekte, die reif wären für die Anmeldung zu einem Patent. Da ich in einer Firma arbeite, bei Durant Motors, wollen die natürlich die Rechte für sich. Ich muss da schauen, dass ich nicht übers Ohr gehauen werde. Dazu brauche in Mr. Baileys Rat."
"Dann sind Sie ein Erfinder?", fragte Julia bewundernd.
"Ja – auch. Vieles, was wir Ingenieure machen, sind Weiterentwicklungen, kleine oder grössere Verbesserungen an Dingen, die bereits funktionieren. Damit eine als Erfindung gilt, muss etwas wirklich Neues dazu kommen. Die Grenzen sind fliessend, was den Schutz von Erfindungen schwierig macht, aber auch spannend."
Es wurde fast unmöglich, sich zu verständigen, weil sie bei der Avenue angekommen waren, auf der die stehenden Autokolonnen einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Julia musste mit Elsie nach einer Möglichkeit suchen, hinüber zu kommen.
"Soll ich sie noch auf die andere Seite begleiten?", fragte Mr. Dirand laut.
"Nein, nein, wo denken Sie hin! Zweimal durch dieses Durcheinander, noch dazu mit dem Hund, das wäre Blödsinn!"
Er nickte, griff in die Westentasche und gab ihr seine Visitenkarte.
"Ich lasse Sie, sie müssen sich konzentrieren!", rief er dann und machte lächelnd eine kleine Bewegung mit dem Kinn in Elsies Richtung. Dann drehte er sich um, mit dem Hund an kurzer Leine.
"Goodbye Bessie!", schrie Elsie den beiden nach.
Als sie zu Hause angekommen waren, merkte Julia, dass sich die Karte in ihrer geballten Hand in ein angefeuchtetes Röllchen verwandelt hatte. In ihrem Zimmer strich sie sie glatt und las:
Jean L. Dirand
Mechanical Engeneer
309 E 75th St. New York City
Der Herbst war schon fast vorbei, und mit ersten Frostnächten kündigte sich der Winter an, von dem alle hofften, er möge für einmal mild ausfallen. Am Morgen stieg eine dicke Nebelwand aus dem East River empor und wurde vom kalten Ostwind in die Strassenschluchten von Manhattan gedrückt. Wenn man Glück hatte, lichteten sich die weissen Schwaden nach dem Mittag und die Sonne begann ihr Zauberspiel. Beleuchtete einzelne Gebäude wie mit gigantischen Bühnenscheinwerfern, liess den Asphalt der schnurgeraden Strassenzüge aufleuchten als glitzernde Spiegelbahnen. Formte die aus den Gullys aufsteigenden Dampfwolken zu Jazz tanzenden Geistern.
Julia lag bei geöffnetem Fenster auf Jeans breitem Bett. Es wurde langsam kalt im Zimmer, aber sie war zu faul, aufzustehen und es zu schliessen. Als sie beim Ausatmen kleine Wolken auszustossen begann, wälzte sie sich stöhnend auf den Bauch, schob ihre Beine über den Bettrand und stemmt sich hoch. Langsam ging sie zum Fenster und schaute einen Moment auf die Fünfundsiebzigste. Menschen auf dem Heimweg warfen lange Schatten, ein Fuhrwerk mit zwei Pferden klapperte vorbei, ein Auto musste ausweichen und hupte. Ein Junge prellte seinen Ball in schnellem Rhythmus aufs Pflaster des Trottoirs. Sie schloss das Fenster.
Wenn sie darüber nachdachte, konnte sie gar nicht glauben, dass Jean und sie sich erst seit drei Wochen kannten. Sie hatte in dieser Zeit so konzentriert und beharrlich gearbeitet wie noch nie, selbst Mrs. Bailey war dies aufgefallen. Als die Dienstherrin, halb im Spass, nach dem Grund für ihren Eifer gefragt hatte, entschied sich Julia spontan dafür, ihr geradeheraus zu sagen, was los war.
"Ich habe einen Mann kennengelernt, Mrs. Bailey. Ich glaube, es ist was Ernstes."
"Aha! – Oh! Ich freue mich für Sie, Julia!"
Julia bemerkte die Schwankungen in ihrer Stimme trotz der wenigen Worte und erschrak. Schlagartig wurde ihr klar, dass Mrs. Bailey die möglichen Konsequenzen dieser als ernst bezeichneten Beziehung zu einem Mann fürchtete: dass ihre Zofe sie verlassen könnte. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht!
"Ich habe nicht vor... ich meine... wenn Sie weiterhin mit mir zufrieden sind...", stotterte sie. Sie verhedderte sich in ihren durcheinander wirbelnden Gedanken und verstummte. Tränen schossen ihr in die Augen.
"Na, na, Julia! Kommen Sie!", hatte Mrs. Bailey gemurmelt, sie mit beiden Händen bei den Schultern gefasst und sie dann für einen kurzen Moment an sich gezogen.
In der darauf folgenden Unterredung war die Dienstherrin mit ihr zusammen verschiedene mögliche Wege in ihre Zukunft durchgegangen, in aller Ruhe und mit einer Direktheit, die Julia erst bewusst machte, worüber sie noch alles nachzudenken hatte. Sie war noch gar nicht so weit gewesen, eine Heirat mit Jean in Erwägung zu ziehen, und obwohl er ein-, zweimal etwas in diese Richtung angedeutet hatte, war das Thema zwischen ihnen noch nie offen besprochen worden. Mrs. Bailey aber hatte darüber geredet, als sei es das Normalste der Welt, einen Mann zu heiraten, mit dem man es "ernst" meinte. Julia hatte es ihr auch nicht übel genommen, dass sie ihr – Julias und Jeans – Alter in die Überlegungen einbezogen und gefunden hatte, so viele weitere Gelegenheiten, eine Familie zu gründen, fänden wohl beide nicht mehr. Mr. Dirand sei ein seriöser Mann mit solidem Einkommen, wohne dazu an einer sehr guten Adresse. Auch ihr Mann sei von seinen angenehmen Umgangsformen und vor allem von seinen Fähigkeiten beeindruckt.
Das alles musste Julia natürlich sofort mit Mathilde besprechen. Diese hatte Jean nur einmal gesehen, fand aber nach diesem ersten Eindruck und nach dem, was die Baileys von ihm hielten, er sei "ein guter Mann". Zum Heiraten könne sie nichts sagen, da sie die Ehe für sich selber mittlerweile entschieden als Möglichkeit ausschliesse, wie Julia ja wisse. Aber mit Jean solle sie so bald als möglich offen reden.
"Wills du denn Kinder haben mit ihm?", hatte sie plötzlich gefragt, und Julia hatte in der Frage, unausgesprochen aber deutlich, gehört: jetzt noch, in euerm Alter?
Sie ging in Jeans Küche, um etwas Kleines für sie beide zu kochen. Sie hatte ein Stück Suppenfleisch mit Knochen, Gemüse und frisches Brot eingekauft, dazu aus dem Hinterzimmer des Ladens eine Flasche Rotwein besorgt, eingepackt in eine braune Papiertüte. Jean würde bald von seinem Büro am Broadway nach Hause kommen und den Hund mitbringen, den er während der Arbeit beim Hauswart und dessen Kindern lassen durfte. Er ging immer zu Fuss, eine halbe Stunde Weg, der grösste Teil davon quer durch den grossen Park. Er sitze und stehe genug herum bei der Arbeit, und beim Spazieren könne er am besten denken. Sie hörte seine Worte in ihrem Kopf, nicht nur diese. Dass er sie liebe, sagte er nicht oft, aber wenn, dann auf französisch. Sie rieb sich das Ohr, als habe er es gerade hinein geflüstert. Packte die Flasche aus und öffnete sie, damit der Wein Luft bekam.
Das Fleisch war verkocht und liess sich fast nicht mehr schneiden, als sie endlich am Tisch sassen.
"Du hast rote Backen, schön siehst du aus!", sagte er mit breitem Lächeln, als sie ihm einschenkte.
Sie gab ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf die Stirn und setzte sich.
"Daran bist du schuld, wilder Kerl!"
Er wackelte in gespieltem Ernst mit dem Kopf.
"Ich weiss nicht. Wenn ich so darüber nachdenke, wer hier wirklich wild ist...?"
Sie sah ihn an. Am liebsten hätte sie ihn vom Tisch weg und hinüber gezogen ins Schlafzimmer, wäre gleich noch einmal über ihn hergefallen. Er schien es in ihrem Blick zu sehen.
"Oh, oh! Jetzt wird erst mal gegessen!" Er schaute sie nicht mehr an und schöpfte mit betonter Sachlichkeit Suppe und Gemüse aus dem Topf, schnitt Brot und machte sich an den Knochen zu schaffen. Der Moment war vorbei, aber es war gut, denn sie hatte ja auch Hunger.
Wie man mit Jean reden konnte, musste sie herausfinden. Er konnte sehr gesprächig sein, wenn es um seinen Beruf ging, um technische Dinge, die ihn interessierten. Damit er über sich erzählte, woher er kam, wie er dachte, wie er zu seiner Familie und zu anderen Menschen stand, musste man ihn schon beharrlich befragen. Darin war Julia gut.
Jean war als Zweitältester von vier Kindern in Vesoul, in der Franche-Compté aufgewachsen. Sein Vater hatte in der Verwaltung einer Mine gearbeitet, wo Jean nach der Beendigung der Schule Arbeit fand in der mechanischen Werkstatt. Er besuchte Abendkurse für Maschinenbauer und Ingenieure und absolvierte die Abschlussprüfungen mit Bravour. Als sein Versuch scheiterte, in die polytechnische Schule in Paris aufgenommen zu werden, entschied er sich kurzerhand, seiner Schwester nach Amerika zu folgen. Das war 1894, Julia war damals gerade zwei Jahre alt, Jean aber ein einundzwanzigjähriger, ehrgeiziger junger Mann. Sein Schwager, der als Mechaniker in einer grosse Werkstatt für Fuhrwerke in Connecticut arbeitete, riet ihm, sich in Flint bei der Durant-Dort Carriage Company zu bewerben. Er vermutete damals, dass dieser grosse Hersteller von Pferdefuhrwerken früher oder später auf motorgetriebene Fahrzeuge setzen würde. Dafür brauche man tüchtige Ingenieure. Es kam dann nicht ganz so, wie sich Jean das vorgestellt hatte. Durant war das Unternehmen mit Dort nicht gross und dynamisch genug. Er gründete eine riesige Firma, General Motors, mit dem Plan, möglichst viele Automarken entweder unter diesem Dach zu versammeln oder aus dem Markt zu drängen. Während dem grossen Krieg stieg Durant aus der Company mit Dort aus. Er hatte sich mit seinem Partner verkracht, der sehr patriotisch war und sich der Kriegsproduktion zur Verfügung stellte, während Durant den Krieg verabscheute und nicht bereit war, seine Fähigkeiten und sein Geld diesem Unternehmen zur Verfügung zu stellen, das in seinen Augen Wahnsinn war. Jean blieb noch eine Weile bei der Dort Motor Car Company, weil ihn die neue Entwicklung von Automobilen brennend interessierte und man ihm genügend Freiräume gewährte, um eigene Entwicklungen zu lancieren. Durant stieg erst viel später ins Geschäft mit den Automobilen ein, eigentlich erst vor fünf Jahren. Jean beobachtete ein Jahr lang, was Durant vorhatte, und folgte ihm dann zur neu gegründeten Durant Motors Inc., wo er jetzt arbeitete.
Julia konnte sich diese Verwicklungen nicht alle merken. Sie wollte aber noch mehr wissen, anderes.
"Warum wolltest du Amerikaner werden?"
Jean überlegte. Begann dann zögerlich:
"Ich war fünfundzwanzig. Mir gefiel das Land, das von Menschen aus so vielen Gegenden der Welt gegründet wurde und von ihnen am Leben erhalten wird. Und es gefällt mir noch immer. Die Freiheit, die man hier hat, etwas aus seinem Leben zu machen. In Frankreich läuft immer alles über Paris. Du kannst nicht in der Provinz Ingenieur werden, du musst es an eine der Eliteschulen im Zentrum schaffen, sonst hast du keine Chance. Hier sind die besten Schulen auf viele Orte verteilt, und sie stehen in Konkurrenz zueinander. Das spornt sie an!"
"Wärst du auch für Amerika in den Krieg gezogen?", wollte Julia wissen.
"Ich glaube schon. Aber ich war froh, dass ich schon zu alt war, als Amerika in den Krieg eintrat. Und dass er ein Jahr darauf beendet war. Vielleicht hätte ich sonst auch noch gehen müssen."
Julia sah ihn nachdenklich an. Strich ihm dann mit dem Handrücken über die Wange.
"Und wie sind deine Verwandten hier? Siehst du sie oft? Und stellst du sie mir dann vor?"
Er schwieg eine Weile. Sie wusste schon, dass er es nicht gerne hatte, wenn sie ihm mehrere Fragen aufs Mal stellte, aber daran würde er sich gewöhnen müssen.
"Meine Nichte Martha wirst du sicher gut mögen. Sie ist nur ein paar Jahre jünger als du. Meine Schwester und ihr Mann, Diane und Alfred, sind auch in Ordnung."
Und nach einer weiteren Pause:
"Ich finde, wir sollten in Connecticut heiraten..."
Julia stand abrupt auf und stellte sich vor ihn hin.
"Machst du mir gerade einen Antrag, Monsieur Dirand? Fragst du mich, ob ich dich heiraten möchte?"
Er schaute sie von unten an und nickte fast unmerklich.
"Dann frage mich richtig! Bitte!", befahl sie. Es kam etwa strenger heraus als sie beabsichtigt hatte.
Er stand auf und nahm ihre Hände in seine, drückte sie bei jedem Wort.
"Liebe Julia, willst du meine Frau werden?"
"Aber ja, lieber Jean!"
Sowohl Mathilde als auch Mrs. Bailey, und noch entschiedener ihre Mutter, Mrs. Lemen, sie alle fanden, Julia solle unbedingt weiter als Kindermädchen und Kammerzofe arbeiten, auch wenn sie verheiratet war. Julia musste davon nicht überzeugt werden. Sie wusste längst, was sie dieser Tätigkeit im Umfeld einer wohlhabenden, gebildeten Familie verdankte. Sie war stolz auf ihren Beruf, auf die Anerkennung, die sie dabei erfuhr, auf den guten Lohn nicht zuletzt. Mathilde riet ihr, das Thema Jean gegenüber behutsam anzugehen.
"In dieser Hinsicht kennst du ihn ja noch nicht. Viele Männer berufen sich auf die Tradition, wenn es um diese Frage geht. Aber im Grunde geht es ihnen um die Ehre. Darum, ob sie in der Lage sind, den Lebensunterhalt für zwei, und schliesslich für eine ganze Familie, alleine zu bestreiten. Und einige wollen ihre Frau zu kontrollieren, indem sie sie ans Haus fesseln. Sie wollen sie für sich alleine haben, als gehöre sie ihnen. Aber mach langsam, jage ihn nicht in die Trotzecke!"
Jean merkte aber sofort, worum es ging, als Julia herumdruckste.
"Du willst weiter bei den Baileys arbeiten, sehe ich das richtig?", fragte er sie. Und als sie schon befürchtete, sie habe es verdorben, fuhr er weiter:
"Für mich ist das OK. Ich war lange Junggeselle, du bist so viel jünger als ich. Und ich liebe meinen Beruf. Wie sollte ich da auf die Idee kommen, dir deinen zu verbieten, dir den Kontakt zu anderen Menschen zu erschweren? Dazu ist meine Stellung auch nicht so sicher wie es vielleicht scheint. Die Automobilbranche entwickelt sich rasend schnell, Firmen können plötzlich verkauft werden oder bankrott gehen. Und Durand ist ein Spieler, ein Börsenspekulant. Wer weiss, vielleicht bin ich dann einmal froh, wenn du auch etwas verdienst."
Julia fiel ein Stein vom Herzen, und sie liebte die nüchterne Art, mit der Jean ihr Raum neben sich liess. So konnte man sich rasch einig werden über die praktischen Folgen, welche die Heirat mit sich bringen würde. Jean wollte seine langjährige Haushälterin, die ihm dreimal pro Woche den Haushalt gemacht hatte, nicht ganz entlassen. Sie sollte weiterhin dienstags für die Wäsche und zum Putzen kommen. Mit Mrs. Bailey vereinbarte Julia, dass sie jeweils am Wochenende, von Samstag bis Montag Mittag, frei hatte und auch zu Hause übernachten durfte. An den anderen Tagen sollte sie weiter an der Park Avenue arbeiten wie bisher. Für Anlässe wie Einladungen, Ausflüge und Ferienreisen der Familie Bailey würde man sich jeweils absprechen und eine spezielle Abmachung treffen.
Jean bestand darauf, dass Julia von ihren Herrschaften eine Absicherung für den Krankheitsfall und fürs Alter bekam. Er brachte dieses Anliegen bei den Baileys vor, als er sich dort offiziell als Julias zukünftiger Ehemann vorstellte. Julia war erschrocken darüber, dass er diese Forderung gerade bei dieser Gelegenheit äussern musste. Aber sie merkte an Mr. Baileys Reaktion, dass er es nicht als Dreistigkeit ansah und verübelte, sondern ihren Mann als ebenbürtiges Gegenüber behandelte. Als sie ihren neuen Vertrag in der Hand hielt, kam sie sich sehr amerikanisch und modern vor. Und sie freute sich darüber, dass Mathilde, die immer von einem solchen Arbeitsverhältnis geredet, es aber nie geschafft hatte, die Absicht in Tat umzusetzen, nun dank Jeans Initiative auch ihre Versicherung erhielt.
Die zivile Trauung fand am elften August 1926 im Büro eines Friedensrichters von Greenwich in Connecticut statt. Trauzeugen waren Mathilde und Jeans Schwester Diane. Wegen der Frage, ob sie auch in der Kirche heiraten sollten, kam es beinahe zum Streit zwischen Jean und Julia. Er war zwar katholisch aufgewachsen, verhielt sich aber in Glaubensfragen sehr skeptisch, was sie seinem scharfen, auf Technik und Wissenschaft ausgerichteten Verstand zuschrieb. Für sie aber war es so völlig klar, dass nur die kirchliche Zeremonie einer Heirat Gültigkeit verschaffte – die Ehe war schliesslich ein Sakrament! – , dass sie schon der Gedanke entsetzte, es bei dem trockenen Akt im Richterbüro zu belassen. Ganz abgesehen davon wusste sie, dass sie ihrer Mutter nach so einem Frevel nicht mehr hätte unter die Augen treten können. Es reichte schon, dass sie von der Hochzeit einer ihrer Töchter per Brief aus Amerika erfahren sollte.
Jean willigte nur ein, damit sie sich wieder beruhigte, das wurde ihr auf etwas bittere Weise klar.
Aber der Anlass geriet schliesslich doch zu einem Fest, in bescheidenem Rahmen zwar, aber so, dass Julia später gerne daran zurückdachte. Da in den Kirchen von Unionville, wo Jeans Verwandte wohnten, kein passender Termin frei war, fand die Trauung schliesslich in der kleinen, modernen Kirche Saint Roch in Geenwich statt, in dem kleinen Ort, wo schon zivil geheiratet worden war.
Julia war zu Tränen gerührt über den Umstand, dass Mr. und Mrs. Bailey mit dem Automobil von New York hergefahren waren, zusammen mit Mrs. Lemen und Elsie. Mathilde, die schon vorher angereist war, um bei den Vorbereitungen für das Festessen in einem der Gasthöfe von Greenwich zu helfen, hatte kein Wort davon gesagt.
"Ein bisschen sind wir doch auch Familie, nicht wahr?", sagte Mrs. Lemen, als sich Julia nach der Trauung bei ihr bedankte. "Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann alles Gute, Julia! Und ich bin froh, dass Sie uns erhalten bleiben." Julia brachte kein Wort heraus, also breitete Mrs. Lemen die Arme aus und drückte sie kurz an sich.
Auch ihre ältere Schwester Joséphine wünschte ihr Gottes Segen, und die Art und Weise, wie sie dies auf Patois tat, war für Julia tröstlich. Sie konnte sich einbilden, durch Joséphines Stimme auch den Segen der fernen Mutter erhalten zu haben.
An die Zeremonie erinnerte sie sich hinterher nicht mehr genau. Zu viele Gedanken waren in ihrem Kopf durcheinander gegangen. Der Priester war ihr unsympathisch gewesen, der Ring musste enger gemacht werden. Der Organist hatte einen Patzer an den andern gereiht. Aber Jeans ruhige Nähe hatte ihr Sicherheit gegeben. Die Angst, einen Fehler zu begehen, die in den letzten Tagen zugenommen hatte, fiel von ihr ab. Sie heirateten am Gedenktag des Heiligen Rochus in einer ihm geweihten Kirche, wenn das kein gutes Omen war! Dazu kam die Anwesenheit ihrer Schwester und der ganzen Familie Bailey, die alle keine Mienen machten, als täte sie etwas Falsches. Und sie durfte sich nun Mrs. Jean Dirand nennen, oder Mrs. Chiquet Dirand, – Ha!
„Versichern lassen kann man alles“, erklärte Mr. Bailey auf ihre verwunderte Nachfrage. „Man zahlt einfach dafür. Je höher das Risiko eines Schadenfalles, wozu die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Schadensereignisses ebenso gezählt wird wie die Höhe der Kosten, die zur Behebung des Schadens benötigt werden, desto höher die Prämie, die im Voraus bezahlt werden muss. Die Bauern in Ihrem Land kennen sicher eine Versicherung gegen Unwetter, gegen Hagelschlag zum Beispiel, nicht wahr?“
Julia wusste, dass viele Bauern in Cornol nichts hielten von der Hagelversicherung, die es in der Ajoie schon seit Generationen gab. Zu oft hatte diese in der Vergangenheit Schwierigkeiten gemacht bei der Auszahlung von Entschädigungen. Alle wussten, dass die einbezahlten Prämien nicht ausreichten, wenn es in zwei aufeinander folgenden Jahren zu starken Unwettern kam. Der Bund hatte immer wieder Streit mit dem Kanton darüber gehabt, ob und, wenn ja, wie viel und von wem zusätzliche Gelder bereitzustellen seien für den Fall solch katastrophaler Ereignisse.
„Das ist hier ähnlich“, meinte der Dienstherr. „Viele Bauern nehmen das Risiko in Kauf, indem sie keine Prämien an eine Gesellschaft zahlen. Es gibt aber auch solche, die selber Geld auf die Seite legen für den Fall. Manche tun sich als Kooperative zusammen. Wenn es einzelne trifft, wird dann aus der gemeinsamen Kasse solidarisch geholfen.“
Soweit sie wusste, hielt es auch ihr Bruder Alcide so.
Mr. Bailey hatte sich in Abwesenheit seiner Frau ein grösseres Büro im oberen Stock eingerichtet. Da er damit die Absicht verband, vermehrt zu Hause zu arbeiten, hatte diese den Plan sehr begrüsst. Zwischen dem bisherigen Büro und einem Nebenraum, der als Teil der Bibliothek wenig genutzt worden war, hatte ihr Mann die Wand entfernen lassen, wodurch ein grosszügiger Arbeits- und Besprechungsraum entstanden war. Durch eine neu geschaffene Tür zu Treppenhaus und Aufzug konnten Klienten und Geschäftspartner von Mr. Bailey empfangen werden, ohne dass sie die familiäre Sphäre betreten mussten. Diese Regelung funktionierte nicht von Anfang an, so dass Julia und Mathilde immer wieder unbekannten Personen gegenüberstanden, die an der Wohnungstüre geklingelt hatten.
Einer dieser Besucher ging Julia nicht mehr aus dem Sinn. Er hatte seinen Hut gezogen und ihn vor der Brust gehalten, sie mit seinen hellen, grüngrauen Augen unverwandt angesehen, den Kopf leicht schräg gehalten wie zu einer Frage. Er war nicht gross, etwa gleich wie sie. Er sah sie weiterhin stumm an.
"Sie wollen zu Mr. Bailey, nehme ich an?", fragte sie schliesslich.
"Ähm, ja. Entschuldigen Sie! Mein Name ist Dirand, Jean Dirand. Mechaninal Engeneer. Ich sollte eigentlich angemeldet sein. Sind Sie seine Sekretärin?"
Sie musste lachen.
"Nein, nein! Ich bin nur das Kindermädchen der Familie. Ich bringe Sie in Mr. Baileys Büro, wenn Sie mich..."
Sie wollte mit dem Arm die Richtung zur Aussentüre des Büros draussen im Flur anzeigen und berührte ihn dabei an der Schulter. Er versuchte ihr Platz machen, wich dabei aber auf die Seite aus, auf der sie an ihm hatte vorbeigehen wollen, und es kam zu einem dieser merkwürdigen Tänzchen, hin und her, unter zunehmend verlegenem Lachen, bis sie sich schliesslich einigen konnten und er hinter ihr zur anderen Türe schritt.
"Kindermädchen haben eine ehrenwerte und sehr sinnvolle Aufgabe", sagte er förmlich, als sie für ihn angeklopft hatte. "Wie ist ihr Name?"
"Julia. Julia Chiquet. Aus der Schweiz, Sir."
"Alors, vous parlez français?", fragte er noch, dann wurde die Türe geöffnet, Mr. Bailey liess den Besuch eintreten und schloss gleich wieder. Julia stand noch einen Moment verwirrt da. Sie verstand nicht, warum ihr Herz klopfte. Mr. Dirand war deutlich älter als sie. Sie schätzte ihn auf etwa fünfzig, sein Haaransatz war schon weit nach oben gerutscht. Er war sorgfältig gekleidet gewesen, mit einem fein gestreiften Anzug aus Kammgarn, mit Weste, schneeweissem gestärktem Kragen und einer schönen Seidenkrawatte. Ganz leise der Geruch seines Rasierwassers, als sie ihm unversehens nahe gekommen war. Alles an ihm war sehr korrekt gewesen, aber ein Beau war er nicht. Ein rundliches Gesicht mit etwas schmalen Lippen, die Hände von einem Handwerker oder Bauer. Es war die Art und Weise, wie er sie angesehen hatte, und seine sanfte Stimme vielleicht, die sie für ihn einnahmen. Sie schüttelte ihren Kopf, einmal, zweimal, atmete dann tief durch. Ging wieder an ihre Arbeit.
Das nächste Mal traf sie ihn zufällig, und wieder völlig unverhofft, als sie Elsie an einem Nachmittag von der Schule abgeholt hatte und mit ihr der Sechsundsiebzigsten entlang in Richtung der grossen Avenue ging. Das Mädchen hatte die Gewohnheit, bei jedem Hund, dem sie begegneten, stehen zu bleiben und, wenn es die Besitzer und auch das Tier zuliessen, ihn zu streicheln. So war es auch bei diesem schwarzen Mischling, den Julia zuerst argwöhnisch musterte, bevor sie mit dem Blick der Leine folgte und sah, dass diese von Mr. Dirand gehalten wurde. Elsie bettelte:
"Darf man ihn streicheln? Oh bitte...!" Sie hatte sich, noch bevor der Mann richtig antworten konnte, niedergekniet und den Hund mit beiden Händen am Hals zu kraulen begonnen. Dieser liess ein wohliges Brummen ertönen und wedelte begeistert, so dass sein ganzes Hinterteil hin und her wackelte.
"Oh, Hallo!", sagten Julia und Mr. Dirand fast gleichzeitig, worauf sie, ebenso spiegelbildlich, in Lachen ausbrachen.
"Sind sie unterwegs zu Mr. Bailey?", fragte Julia dann, und merkte im gleichen Augenblick, wie dumm die Frage war, denn Mr. Dirand würde ja wohl kaum mit dem Hund zu einer geschäftlichen Besprechung gehen. Ausserdem war er ihnen entgegengekommen.
"Nein, ich wohne hier. Das heisst, gleich um die Ecke."
"Oh!", mehr brachte Julia nicht heraus. Zum Glück fragte Elsie nach dem Namen des Hundes. Mr. Dirand gab ihr freundlich Auskunft.
"Es ist eine Sie. Bessie heisst sie. Und wie heisst du?"
"Ich heiss Elsie. – Sie ist so süss!" Sie streichelte weiterhin das Tier, das versuchte, ihre Hand zu lecken.
"Ich begleite euch noch ein Stückchen", schlug Mr. Dirand vor. "Komm, Bessie!"
Er nahm den Hund dicht an seine Seite und schlug entschlossen den Weg in Richtung Park Avenue ein. Julia wollte so vieles fragen, wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte. Schliesslich brachte sie heraus:
"Sind Sie auch Anwalt wie Mr. Bailey?"
Er lachte.
"Nein, das wäre nichts für mich! Ich bin Maschineningenieur, im Bau von Automobilen. Ich entwickle Antriebssysteme, und da gibt es Projekte, die reif wären für die Anmeldung zu einem Patent. Da ich in einer Firma arbeite, bei Durant Motors, wollen die natürlich die Rechte für sich. Ich muss da schauen, dass ich nicht übers Ohr gehauen werde. Dazu brauche in Mr. Baileys Rat."
"Dann sind Sie ein Erfinder?", fragte Julia bewundernd.
"Ja – auch. Vieles, was wir Ingenieure machen, sind Weiterentwicklungen, kleine oder grössere Verbesserungen an Dingen, die bereits funktionieren. Damit eine als Erfindung gilt, muss etwas wirklich Neues dazu kommen. Die Grenzen sind fliessend, was den Schutz von Erfindungen schwierig macht, aber auch spannend."
Es wurde fast unmöglich, sich zu verständigen, weil sie bei der Avenue angekommen waren, auf der die stehenden Autokolonnen einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Julia musste mit Elsie nach einer Möglichkeit suchen, hinüber zu kommen.
"Soll ich sie noch auf die andere Seite begleiten?", fragte Mr. Dirand laut.
"Nein, nein, wo denken Sie hin! Zweimal durch dieses Durcheinander, noch dazu mit dem Hund, das wäre Blödsinn!"
Er nickte, griff in die Westentasche und gab ihr seine Visitenkarte.
"Ich lasse Sie, sie müssen sich konzentrieren!", rief er dann und machte lächelnd eine kleine Bewegung mit dem Kinn in Elsies Richtung. Dann drehte er sich um, mit dem Hund an kurzer Leine.
"Goodbye Bessie!", schrie Elsie den beiden nach.
Als sie zu Hause angekommen waren, merkte Julia, dass sich die Karte in ihrer geballten Hand in ein angefeuchtetes Röllchen verwandelt hatte. In ihrem Zimmer strich sie sie glatt und las:
Jean L. Dirand
Mechanical Engeneer
309 E 75th St. New York City
Der Herbst war schon fast vorbei, und mit ersten Frostnächten kündigte sich der Winter an, von dem alle hofften, er möge für einmal mild ausfallen. Am Morgen stieg eine dicke Nebelwand aus dem East River empor und wurde vom kalten Ostwind in die Strassenschluchten von Manhattan gedrückt. Wenn man Glück hatte, lichteten sich die weissen Schwaden nach dem Mittag und die Sonne begann ihr Zauberspiel. Beleuchtete einzelne Gebäude wie mit gigantischen Bühnenscheinwerfern, liess den Asphalt der schnurgeraden Strassenzüge aufleuchten als glitzernde Spiegelbahnen. Formte die aus den Gullys aufsteigenden Dampfwolken zu Jazz tanzenden Geistern.
Julia lag bei geöffnetem Fenster auf Jeans breitem Bett. Es wurde langsam kalt im Zimmer, aber sie war zu faul, aufzustehen und es zu schliessen. Als sie beim Ausatmen kleine Wolken auszustossen begann, wälzte sie sich stöhnend auf den Bauch, schob ihre Beine über den Bettrand und stemmt sich hoch. Langsam ging sie zum Fenster und schaute einen Moment auf die Fünfundsiebzigste. Menschen auf dem Heimweg warfen lange Schatten, ein Fuhrwerk mit zwei Pferden klapperte vorbei, ein Auto musste ausweichen und hupte. Ein Junge prellte seinen Ball in schnellem Rhythmus aufs Pflaster des Trottoirs. Sie schloss das Fenster.
Wenn sie darüber nachdachte, konnte sie gar nicht glauben, dass Jean und sie sich erst seit drei Wochen kannten. Sie hatte in dieser Zeit so konzentriert und beharrlich gearbeitet wie noch nie, selbst Mrs. Bailey war dies aufgefallen. Als die Dienstherrin, halb im Spass, nach dem Grund für ihren Eifer gefragt hatte, entschied sich Julia spontan dafür, ihr geradeheraus zu sagen, was los war.
"Ich habe einen Mann kennengelernt, Mrs. Bailey. Ich glaube, es ist was Ernstes."
"Aha! – Oh! Ich freue mich für Sie, Julia!"
Julia bemerkte die Schwankungen in ihrer Stimme trotz der wenigen Worte und erschrak. Schlagartig wurde ihr klar, dass Mrs. Bailey die möglichen Konsequenzen dieser als ernst bezeichneten Beziehung zu einem Mann fürchtete: dass ihre Zofe sie verlassen könnte. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht!
"Ich habe nicht vor... ich meine... wenn Sie weiterhin mit mir zufrieden sind...", stotterte sie. Sie verhedderte sich in ihren durcheinander wirbelnden Gedanken und verstummte. Tränen schossen ihr in die Augen.
"Na, na, Julia! Kommen Sie!", hatte Mrs. Bailey gemurmelt, sie mit beiden Händen bei den Schultern gefasst und sie dann für einen kurzen Moment an sich gezogen.
In der darauf folgenden Unterredung war die Dienstherrin mit ihr zusammen verschiedene mögliche Wege in ihre Zukunft durchgegangen, in aller Ruhe und mit einer Direktheit, die Julia erst bewusst machte, worüber sie noch alles nachzudenken hatte. Sie war noch gar nicht so weit gewesen, eine Heirat mit Jean in Erwägung zu ziehen, und obwohl er ein-, zweimal etwas in diese Richtung angedeutet hatte, war das Thema zwischen ihnen noch nie offen besprochen worden. Mrs. Bailey aber hatte darüber geredet, als sei es das Normalste der Welt, einen Mann zu heiraten, mit dem man es "ernst" meinte. Julia hatte es ihr auch nicht übel genommen, dass sie ihr – Julias und Jeans – Alter in die Überlegungen einbezogen und gefunden hatte, so viele weitere Gelegenheiten, eine Familie zu gründen, fänden wohl beide nicht mehr. Mr. Dirand sei ein seriöser Mann mit solidem Einkommen, wohne dazu an einer sehr guten Adresse. Auch ihr Mann sei von seinen angenehmen Umgangsformen und vor allem von seinen Fähigkeiten beeindruckt.
Das alles musste Julia natürlich sofort mit Mathilde besprechen. Diese hatte Jean nur einmal gesehen, fand aber nach diesem ersten Eindruck und nach dem, was die Baileys von ihm hielten, er sei "ein guter Mann". Zum Heiraten könne sie nichts sagen, da sie die Ehe für sich selber mittlerweile entschieden als Möglichkeit ausschliesse, wie Julia ja wisse. Aber mit Jean solle sie so bald als möglich offen reden.
"Wills du denn Kinder haben mit ihm?", hatte sie plötzlich gefragt, und Julia hatte in der Frage, unausgesprochen aber deutlich, gehört: jetzt noch, in euerm Alter?
Sie ging in Jeans Küche, um etwas Kleines für sie beide zu kochen. Sie hatte ein Stück Suppenfleisch mit Knochen, Gemüse und frisches Brot eingekauft, dazu aus dem Hinterzimmer des Ladens eine Flasche Rotwein besorgt, eingepackt in eine braune Papiertüte. Jean würde bald von seinem Büro am Broadway nach Hause kommen und den Hund mitbringen, den er während der Arbeit beim Hauswart und dessen Kindern lassen durfte. Er ging immer zu Fuss, eine halbe Stunde Weg, der grösste Teil davon quer durch den grossen Park. Er sitze und stehe genug herum bei der Arbeit, und beim Spazieren könne er am besten denken. Sie hörte seine Worte in ihrem Kopf, nicht nur diese. Dass er sie liebe, sagte er nicht oft, aber wenn, dann auf französisch. Sie rieb sich das Ohr, als habe er es gerade hinein geflüstert. Packte die Flasche aus und öffnete sie, damit der Wein Luft bekam.
Das Fleisch war verkocht und liess sich fast nicht mehr schneiden, als sie endlich am Tisch sassen.
"Du hast rote Backen, schön siehst du aus!", sagte er mit breitem Lächeln, als sie ihm einschenkte.
Sie gab ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf die Stirn und setzte sich.
"Daran bist du schuld, wilder Kerl!"
Er wackelte in gespieltem Ernst mit dem Kopf.
"Ich weiss nicht. Wenn ich so darüber nachdenke, wer hier wirklich wild ist...?"
Sie sah ihn an. Am liebsten hätte sie ihn vom Tisch weg und hinüber gezogen ins Schlafzimmer, wäre gleich noch einmal über ihn hergefallen. Er schien es in ihrem Blick zu sehen.
"Oh, oh! Jetzt wird erst mal gegessen!" Er schaute sie nicht mehr an und schöpfte mit betonter Sachlichkeit Suppe und Gemüse aus dem Topf, schnitt Brot und machte sich an den Knochen zu schaffen. Der Moment war vorbei, aber es war gut, denn sie hatte ja auch Hunger.
Wie man mit Jean reden konnte, musste sie herausfinden. Er konnte sehr gesprächig sein, wenn es um seinen Beruf ging, um technische Dinge, die ihn interessierten. Damit er über sich erzählte, woher er kam, wie er dachte, wie er zu seiner Familie und zu anderen Menschen stand, musste man ihn schon beharrlich befragen. Darin war Julia gut.
Jean war als Zweitältester von vier Kindern in Vesoul, in der Franche-Compté aufgewachsen. Sein Vater hatte in der Verwaltung einer Mine gearbeitet, wo Jean nach der Beendigung der Schule Arbeit fand in der mechanischen Werkstatt. Er besuchte Abendkurse für Maschinenbauer und Ingenieure und absolvierte die Abschlussprüfungen mit Bravour. Als sein Versuch scheiterte, in die polytechnische Schule in Paris aufgenommen zu werden, entschied er sich kurzerhand, seiner Schwester nach Amerika zu folgen. Das war 1894, Julia war damals gerade zwei Jahre alt, Jean aber ein einundzwanzigjähriger, ehrgeiziger junger Mann. Sein Schwager, der als Mechaniker in einer grosse Werkstatt für Fuhrwerke in Connecticut arbeitete, riet ihm, sich in Flint bei der Durant-Dort Carriage Company zu bewerben. Er vermutete damals, dass dieser grosse Hersteller von Pferdefuhrwerken früher oder später auf motorgetriebene Fahrzeuge setzen würde. Dafür brauche man tüchtige Ingenieure. Es kam dann nicht ganz so, wie sich Jean das vorgestellt hatte. Durant war das Unternehmen mit Dort nicht gross und dynamisch genug. Er gründete eine riesige Firma, General Motors, mit dem Plan, möglichst viele Automarken entweder unter diesem Dach zu versammeln oder aus dem Markt zu drängen. Während dem grossen Krieg stieg Durant aus der Company mit Dort aus. Er hatte sich mit seinem Partner verkracht, der sehr patriotisch war und sich der Kriegsproduktion zur Verfügung stellte, während Durant den Krieg verabscheute und nicht bereit war, seine Fähigkeiten und sein Geld diesem Unternehmen zur Verfügung zu stellen, das in seinen Augen Wahnsinn war. Jean blieb noch eine Weile bei der Dort Motor Car Company, weil ihn die neue Entwicklung von Automobilen brennend interessierte und man ihm genügend Freiräume gewährte, um eigene Entwicklungen zu lancieren. Durant stieg erst viel später ins Geschäft mit den Automobilen ein, eigentlich erst vor fünf Jahren. Jean beobachtete ein Jahr lang, was Durant vorhatte, und folgte ihm dann zur neu gegründeten Durant Motors Inc., wo er jetzt arbeitete.
Julia konnte sich diese Verwicklungen nicht alle merken. Sie wollte aber noch mehr wissen, anderes.
"Warum wolltest du Amerikaner werden?"
Jean überlegte. Begann dann zögerlich:
"Ich war fünfundzwanzig. Mir gefiel das Land, das von Menschen aus so vielen Gegenden der Welt gegründet wurde und von ihnen am Leben erhalten wird. Und es gefällt mir noch immer. Die Freiheit, die man hier hat, etwas aus seinem Leben zu machen. In Frankreich läuft immer alles über Paris. Du kannst nicht in der Provinz Ingenieur werden, du musst es an eine der Eliteschulen im Zentrum schaffen, sonst hast du keine Chance. Hier sind die besten Schulen auf viele Orte verteilt, und sie stehen in Konkurrenz zueinander. Das spornt sie an!"
"Wärst du auch für Amerika in den Krieg gezogen?", wollte Julia wissen.
"Ich glaube schon. Aber ich war froh, dass ich schon zu alt war, als Amerika in den Krieg eintrat. Und dass er ein Jahr darauf beendet war. Vielleicht hätte ich sonst auch noch gehen müssen."
Julia sah ihn nachdenklich an. Strich ihm dann mit dem Handrücken über die Wange.
"Und wie sind deine Verwandten hier? Siehst du sie oft? Und stellst du sie mir dann vor?"
Er schwieg eine Weile. Sie wusste schon, dass er es nicht gerne hatte, wenn sie ihm mehrere Fragen aufs Mal stellte, aber daran würde er sich gewöhnen müssen.
"Meine Nichte Martha wirst du sicher gut mögen. Sie ist nur ein paar Jahre jünger als du. Meine Schwester und ihr Mann, Diane und Alfred, sind auch in Ordnung."
Und nach einer weiteren Pause:
"Ich finde, wir sollten in Connecticut heiraten..."
Julia stand abrupt auf und stellte sich vor ihn hin.
"Machst du mir gerade einen Antrag, Monsieur Dirand? Fragst du mich, ob ich dich heiraten möchte?"
Er schaute sie von unten an und nickte fast unmerklich.
"Dann frage mich richtig! Bitte!", befahl sie. Es kam etwa strenger heraus als sie beabsichtigt hatte.
Er stand auf und nahm ihre Hände in seine, drückte sie bei jedem Wort.
"Liebe Julia, willst du meine Frau werden?"
"Aber ja, lieber Jean!"
Sowohl Mathilde als auch Mrs. Bailey, und noch entschiedener ihre Mutter, Mrs. Lemen, sie alle fanden, Julia solle unbedingt weiter als Kindermädchen und Kammerzofe arbeiten, auch wenn sie verheiratet war. Julia musste davon nicht überzeugt werden. Sie wusste längst, was sie dieser Tätigkeit im Umfeld einer wohlhabenden, gebildeten Familie verdankte. Sie war stolz auf ihren Beruf, auf die Anerkennung, die sie dabei erfuhr, auf den guten Lohn nicht zuletzt. Mathilde riet ihr, das Thema Jean gegenüber behutsam anzugehen.
"In dieser Hinsicht kennst du ihn ja noch nicht. Viele Männer berufen sich auf die Tradition, wenn es um diese Frage geht. Aber im Grunde geht es ihnen um die Ehre. Darum, ob sie in der Lage sind, den Lebensunterhalt für zwei, und schliesslich für eine ganze Familie, alleine zu bestreiten. Und einige wollen ihre Frau zu kontrollieren, indem sie sie ans Haus fesseln. Sie wollen sie für sich alleine haben, als gehöre sie ihnen. Aber mach langsam, jage ihn nicht in die Trotzecke!"
Jean merkte aber sofort, worum es ging, als Julia herumdruckste.
"Du willst weiter bei den Baileys arbeiten, sehe ich das richtig?", fragte er sie. Und als sie schon befürchtete, sie habe es verdorben, fuhr er weiter:
"Für mich ist das OK. Ich war lange Junggeselle, du bist so viel jünger als ich. Und ich liebe meinen Beruf. Wie sollte ich da auf die Idee kommen, dir deinen zu verbieten, dir den Kontakt zu anderen Menschen zu erschweren? Dazu ist meine Stellung auch nicht so sicher wie es vielleicht scheint. Die Automobilbranche entwickelt sich rasend schnell, Firmen können plötzlich verkauft werden oder bankrott gehen. Und Durand ist ein Spieler, ein Börsenspekulant. Wer weiss, vielleicht bin ich dann einmal froh, wenn du auch etwas verdienst."
Julia fiel ein Stein vom Herzen, und sie liebte die nüchterne Art, mit der Jean ihr Raum neben sich liess. So konnte man sich rasch einig werden über die praktischen Folgen, welche die Heirat mit sich bringen würde. Jean wollte seine langjährige Haushälterin, die ihm dreimal pro Woche den Haushalt gemacht hatte, nicht ganz entlassen. Sie sollte weiterhin dienstags für die Wäsche und zum Putzen kommen. Mit Mrs. Bailey vereinbarte Julia, dass sie jeweils am Wochenende, von Samstag bis Montag Mittag, frei hatte und auch zu Hause übernachten durfte. An den anderen Tagen sollte sie weiter an der Park Avenue arbeiten wie bisher. Für Anlässe wie Einladungen, Ausflüge und Ferienreisen der Familie Bailey würde man sich jeweils absprechen und eine spezielle Abmachung treffen.
Jean bestand darauf, dass Julia von ihren Herrschaften eine Absicherung für den Krankheitsfall und fürs Alter bekam. Er brachte dieses Anliegen bei den Baileys vor, als er sich dort offiziell als Julias zukünftiger Ehemann vorstellte. Julia war erschrocken darüber, dass er diese Forderung gerade bei dieser Gelegenheit äussern musste. Aber sie merkte an Mr. Baileys Reaktion, dass er es nicht als Dreistigkeit ansah und verübelte, sondern ihren Mann als ebenbürtiges Gegenüber behandelte. Als sie ihren neuen Vertrag in der Hand hielt, kam sie sich sehr amerikanisch und modern vor. Und sie freute sich darüber, dass Mathilde, die immer von einem solchen Arbeitsverhältnis geredet, es aber nie geschafft hatte, die Absicht in Tat umzusetzen, nun dank Jeans Initiative auch ihre Versicherung erhielt.
Die zivile Trauung fand am elften August 1926 im Büro eines Friedensrichters von Greenwich in Connecticut statt. Trauzeugen waren Mathilde und Jeans Schwester Diane. Wegen der Frage, ob sie auch in der Kirche heiraten sollten, kam es beinahe zum Streit zwischen Jean und Julia. Er war zwar katholisch aufgewachsen, verhielt sich aber in Glaubensfragen sehr skeptisch, was sie seinem scharfen, auf Technik und Wissenschaft ausgerichteten Verstand zuschrieb. Für sie aber war es so völlig klar, dass nur die kirchliche Zeremonie einer Heirat Gültigkeit verschaffte – die Ehe war schliesslich ein Sakrament! – , dass sie schon der Gedanke entsetzte, es bei dem trockenen Akt im Richterbüro zu belassen. Ganz abgesehen davon wusste sie, dass sie ihrer Mutter nach so einem Frevel nicht mehr hätte unter die Augen treten können. Es reichte schon, dass sie von der Hochzeit einer ihrer Töchter per Brief aus Amerika erfahren sollte.
Jean willigte nur ein, damit sie sich wieder beruhigte, das wurde ihr auf etwas bittere Weise klar.
Aber der Anlass geriet schliesslich doch zu einem Fest, in bescheidenem Rahmen zwar, aber so, dass Julia später gerne daran zurückdachte. Da in den Kirchen von Unionville, wo Jeans Verwandte wohnten, kein passender Termin frei war, fand die Trauung schliesslich in der kleinen, modernen Kirche Saint Roch in Geenwich statt, in dem kleinen Ort, wo schon zivil geheiratet worden war.
Julia war zu Tränen gerührt über den Umstand, dass Mr. und Mrs. Bailey mit dem Automobil von New York hergefahren waren, zusammen mit Mrs. Lemen und Elsie. Mathilde, die schon vorher angereist war, um bei den Vorbereitungen für das Festessen in einem der Gasthöfe von Greenwich zu helfen, hatte kein Wort davon gesagt.
"Ein bisschen sind wir doch auch Familie, nicht wahr?", sagte Mrs. Lemen, als sich Julia nach der Trauung bei ihr bedankte. "Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann alles Gute, Julia! Und ich bin froh, dass Sie uns erhalten bleiben." Julia brachte kein Wort heraus, also breitete Mrs. Lemen die Arme aus und drückte sie kurz an sich.
Auch ihre ältere Schwester Joséphine wünschte ihr Gottes Segen, und die Art und Weise, wie sie dies auf Patois tat, war für Julia tröstlich. Sie konnte sich einbilden, durch Joséphines Stimme auch den Segen der fernen Mutter erhalten zu haben.
An die Zeremonie erinnerte sie sich hinterher nicht mehr genau. Zu viele Gedanken waren in ihrem Kopf durcheinander gegangen. Der Priester war ihr unsympathisch gewesen, der Ring musste enger gemacht werden. Der Organist hatte einen Patzer an den andern gereiht. Aber Jeans ruhige Nähe hatte ihr Sicherheit gegeben. Die Angst, einen Fehler zu begehen, die in den letzten Tagen zugenommen hatte, fiel von ihr ab. Sie heirateten am Gedenktag des Heiligen Rochus in einer ihm geweihten Kirche, wenn das kein gutes Omen war! Dazu kam die Anwesenheit ihrer Schwester und der ganzen Familie Bailey, die alle keine Mienen machten, als täte sie etwas Falsches. Und sie durfte sich nun Mrs. Jean Dirand nennen, oder Mrs. Chiquet Dirand, – Ha!
Mittwoch, 13. Oktober 2021
Scharfe Gegensätze
In ihrer Vorfreude hatte sich Julia den Sommer in Cornol in den hellsten Farben ausgemalt. Nun wurde aber der August im Jahr 1925 völlig verregnet. Den Bauern war das Heu auf den Feldern verfault, auch ihrem Bruder Alcide. Der Boden konnte das viele Wasser nicht mehr aufnehmen, so dass sich in allen Senken grosse Pfützen und gar Teiche bildeten. Man konnte froh sein um das bisschen Gefälle der Felder rund ums Dorf, die nun, da der Regen aufgehört hatte, über unzählige gurgelnde und glucksende Rinnsale in Richtung der Flüsschen Erveratte und Allaine allmählich entwässert wurden.
Mathilde und sie waren erst seit ein paar Tagen zu Hause, für kurze Zeit entlassen aus den Diensten von Mrs. Bailey und ihrer Mutter, die sie zusammen mit der elfjährigen Elsie gegen das Ende der folgenden Woche in Paris wieder erwarteten. Julia kam alles unwirklich vor, nicht nur die luxuriösen Umstände der Reise bis zu diesem kurzen Besuch in Cornol. Auch hier fühlte sie sich manchmal wie durch einen Schleier getrennt vom Geschehen, von ihrer Umgebung und von den Menschen. Als sie Mathilde von dieser seltsamen Empfindung erzählte, erfuhr sie, dass es ihrer Schwester ganz ähnlich erging.
«Nun sind eben wir die américaines», meinte Mathilde. «Wir kleiden uns anders, haben diese Kurzhaarfrisuren, über die man hier die Nasen rümpft. Wahrscheinlich bewegen wir uns sogar anders. Wir haben früher gespottet über solche Rückkehrerinnen, wie sie mit ihrem Arsch wackelten auf der Dorfstrasse, und ihre Nasen hoch trugen. Vielleicht machen wir das jetzt auch und merken es nicht einmal. Ab und zu fällt uns ein Wort zuerst auf amerikanisch ein, und schon ist es draussen! Der Gegensatz war auch noch nie so gross zwischen den Orten, an denen wir gerade noch waren und dem hier, oder?»
Der Unterschied zwischen ihren Verwandten, den Nachbarn und überhaupt allen Menschen im Dorf, und den Wohlhabenden bis Schwerreichen, die sie auf dem Schiff und im Hotel in Paris angetroffen hatten, fand Julia besonders verstörend. Zwar waren Mathilde und sie auch schon auf der France gereist, aber damals in der zweiten Klasse. Nun hatten sie Teil gehabt, und waren Teil gewesen, dieser ungeheuer verschwenderischen Pracht, die dem Dampfer den Beinamen «Versailles der Meere» eingebracht hatte. Ihnen waren Männer und Frauen begegnet, die sich schrecklich langweilten und über alles und jeden in ihrer Reichweite herzogen, weil es nichts auf der Welt gab, was sie nicht schon – besser, teurer, aufregender! – gesehen zu haben glaubten. Aus der Erfahrung, alles kaufen zu können, leiteten sie das Recht ab, die andern beurteilen und über sie bestimmen zu dürfen nach ihrem Belieben. Julia hatte eine Lady gesehen, die ihrer Kammerzofe ein teures Abendkleid, das diese ihrer Dienstherrin aufs obere Deck nachgetragen hatte zur Prüfung, aus den Händen riss und es kurzerhand über Bord werfen wollte. Es wurde vom Wind hochgehoben und verfing sich in den Seilen eines Mastes, wo es bis zur Landung im Havre flatterte wie eine Fahne. Am Nebentisch im Esssalon trank ein älterer Herr jeden Abend eine Flasche Wein, für deren Preis man auf dem Viehmarkt in Pruntrut eine schöne Kuh hätte kaufen können. Alcide hatte nur gelacht, als sie ihm diese Geschichte erzählten. Er war ein richtiger Bauer geworden, ein paiyisain mit harten, schwieligen Händen, sonnenverbranntem Gesicht und einem etwas schweren Gang. Seine streng nach Stall riechenden Arbeitskleider tauschte er nur an Sonntagen für den Gang zur Kirche, zu seiner Freundin oder zum Viehmarkt gegen einen der schönen Anzüge aus Amerika. Dann aber wusch und rasierte er sich sorgfältig und verwandelte sich auf wundersame Weise in einen môssieu, nach dem sich die Frauen im Dorf umdrehten.
Es hatte Julia und Mathilde gefreut, dass er und Célestine sich gefunden hatten, wieder gefunden, musste man sagen, denn die zwei waren als Jugendliche ein heimliches Liebespaar gewesen, was seine jüngeren Schwestern damals aufgeregt verfolgt hatten. Célestines Mann hatte sich nach dem grossen Krieg mit der Spanischen Grippe angesteckt und war an der folgenden Lungenentzündung gestorben, seine Frau als Witwe mit einer kleinen Tochter zurücklassend. Alcide schaute zu den beiden, ohne daraus eine grosse Sache zu machen. Und fast schien es so, als ob er bei Célestine den Kummer über den Verlust seiner grossen Liebe zu Fiona vergessen könnte. Sein Gehör war nochmals schlechter geworden. Wenn man zu ihm sprach, musste man darauf achten, ihm das Gesicht zuzuwenden, damit er von den Lippen ablesen konnte. Ihn schien das weniger zu stören als seine Umgebung. Maman konnte darüber schimpfen:
«Er hört nur noch, was ihm passt. Wenn irgendwo Land günstig zu haben ist, oder wenn jemand einen Blick auf seine schönste Kuh geworfen hat, dann kriegt er immer alles mit. Aber wenn er mir eine klemmende Schublade flicken sollte, ist er taub wie ein Stein!»
Alcide lachte übers ganze Gesicht, sich lautlos schüttelnd. Meinte schliesslich:
«Ich komme zurecht. Und es hat auch Vorteile: die Leute reden sowieso meist zuviel und wenn, dann lauter Unsinn. Bald werde ich mich aus der Armee ausmustern lassen, dann muss ich nicht mehr bezahlen jedes Jahr.»
Julia hatte sich bei ihm erkundigt, wie es der Mutter gehe. Sie sei noch immer rüstig, allerdings klage sie in letzter Zeit über Schmerzen in den Hüftgelenken. Sie könne nicht mehr lange stehen oder grössere Strecken zu Fuss zurücklegen. Einen Stock wolle sie nicht. Aber sie habe noch immer genug Kraft, nach anderen zu schauen auch ausserhalb der Familie, zum Beispiel zu çte paûre Juliette, einer alleinstehenden Nachbarin, für die sie zweimal in der Woche mit koche und ihr die Medikamente besorge.
Ihre Nichte und die Neffen hatten sie kurz nach ihrer Ankunft erlebt. Célinas Tochter Marianne war nun neun Jahre alt, die vier Buben von Jean Baptiste zwischen drei und neun.
«Wenn die so weiter machen, wird die Wohnung in Riehen bald zu klein, dann müssen sie etwas Rechtes finden, ein Haus», fand Alcide.
Es war eine fröhliche Begegnung geworden mit den Kindern, obwohl das Wetter nicht mitspielte. Als sie ihre Tanten bestürmten, sie sollten einmal richtig amerikanisch reden, begannen diese, Schlager zu singen. Zuerst Julia alleine, dann mit Mathilde zusammen. Bald steigerten sie sich unter dem Beifall der Kinder richtig hinein und sangen aus vollem Hals:
Somebody loves me
I wonder who
Maybe it’s you
Und:
Chicago, Chicago
You todell’ing town
Chicago, Chicago
I’ll show you around.
Damit alle den foxtrott oder charleston dazu tanzen konnten, wurde der Stubentisch auf die Seite geschoben und der Teppich eingerollt, fast wie bei den Baileys. Maman stand in der Türe und schaute kopfschüttelnd zu, aber da sie nicht wegging, konnte man ahnen, dass sie sich über die Lebendigkeit der Jugend freute.
Über Célina hatte sich Julia sehr gefreut, sie strahlte eine ruhige Zufriedenheit aus und schien mit ihrem Mann und ihrer Tochter glücklich zu sein. Offenbar gefiel es ihr auch am Zürichsee, wohin die junge Familie gezogen war. Sie kamen oft und regelmässig nach Cornol. Mit Marianne sprach sie konsequent Französisch, was dazu beitrug, dass sich ihre Tochter gut verständigen konnte mit den Verwandten. Sie liebte alle Tiere. Von Alcide hatte sie das Melken gelernt, und wie man die Kühe mit dem Stecken und lauten Zurufen dorthin lenkte, wo man sie haben wollte. Die Hühner füttern, Eier einsammeln, aber auch den Stall ausmisten waren Betätigungen, die sie mit Freude und staunenswerter Ernsthaftigkeit ausführte. Célina erzählte, sie habe noch vor zwei Jahren jedesmal ein grosses Drama vollführt, wenn sie wieder von Cornol wegmusste. Julia musste ihrer Schwester recht geben: sie war wirklich vernarrt in Marianne. Sie war anders als Elsie vor zwei Jahren, ungezwungener und natürlicher. Natürlich musste sie ihr alles erzählen über dieses geheimnisvolle Mädchen, das in New York in einer palastähnlichen Wohnung lebte und von Julia bedient und betreut wurde, die doch eigentlich ihre Lieblingstante war.
Bei Jean Baptistes Buben war man sich nicht so sicher, ob sie gerne herkamen. Sie verstanden wenig von dem, was man zu ihnen sagte und sprachen kaum von sich aus Französisch. Der Patois war für sie ein lustiger Kauderwelsch, eine Art Geheimsprache, die sie manchmal im Spiel nachäfften, aber kaum Interesse daran zeigten, sie zu lernen. Die mittleren zwei, Pierre und Alcide Junior, waren das letzte Mal abgehauen, als sie alleine nach Cornol in die Ferien gehen mussten, so hatten sie unter dem Heimweh gelitten. Man musste sie stundenlang suchen und fand sie schliesslich, beide weinend, auf einem Feldweg am Waldrand. Sie hatten vorgehabt, nach Hause, nach Riehen zu laufen. Aber sie waren auch lustig. Nachdem Mathilde und Julia ihre Gesangsnummer fertig hatten, wollte die Kleinen ebenfalls etwas zum Besten geben. Sie stimmten das Lied von den Petignat an:
Que le matan thuai les Pe, Pe, Pe,
Que le matan thuai les Petignats,
Vivent les Ai, z'Ai, z'Ai
Vivent les Aidjolats.
Anstelle des ihnen unverständlichen Fluchs, der Teufel solle die Petignats holen!, sangen sie einfach täratätä les Pe, Pe, Pe, tärätätä les Petignats, zum grossen Vergnügen der Erwachsenen.
Erst ganz zum Schluss ihres Aufenthalts übergaben die beiden Schwestern Alcide einen dicken Umschlag voller Dollarnoten, Geld, das sie für ihn und die Mutter gespart hatten. Alcide machte grosse Augen, als er das dicke Bündel sah, und noch mehr erstaunte ihn, als er erfuhr, was die beiden bei den Baileys verdienten.
«Donnerwetter, das ist einiges mehr als das, was mir Rockefeller bezahlt hat! Den Amerikanern muss es wirklich ausgezeichnet gehen seit dem Krieg. Wenn man denkt, wie dreckig es die Deutschen noch bis vor Kurzem hatten, weil sie den Siegern viel mehr zahlen mussten zur Wiedergutmachung, als sie eigentlich konnten. Da haben die Leute das Geld mit dem Leiterwagen angekarrt, wenn sie ein Möbelstück kaufen wollten. Ich habe es zwar nie recht glauben wollen, aber ein Kilo Kartoffeln soll im November Dreiundzwanzig neun Milliarden Mark gekostet haben, das kann man sich gar nicht vorstellen. Jetzt soll es wieder aufwärts gehen, seit sie die neue Mark haben, die Rentenmark und die Reichsmark. Ich glaube sie haben zwei aufs Mal.»
«Und wie ist es hier?», wollte Mathilde wissen. Alcide wiegte den Kopf hin und her.
«Es geht. 1921 und 1922 war es schlimm mit dem fièvre aphteuse, da musste ich auch alle meine Tiere töten lassen und habe kaum eine Entschädigung bekommen. Aber jetzt geht es langsam aufwärts. Land ist günstig zu haben, und die Hilfskräfte für die Ernte können nicht viel verlangen. Arme Kerle! Aber für uns Bauern ist das natürlich gut. Maman kann nicht mehr so viel machen, aber Célina kommt oft vorbei um zu helfen.»
Als er begriff, dass er den Schwestern mit seinen Worten ein schlechtes Gewissen machen könnte, fügte er schnell hinzu:
«Ihr macht das gut dort drüben. Geniesst es, solange es so gut läuft. Wir kommen schon zurecht hier!
Zuweilen half nur der Gang aufs Klo um wieder zu sich zu kommen. Sie drehte den Schlüssel um, dann den Lichtschalter, und blickte um sich. Die vernickelten Kreuze der Drehgriffe funkelten sie an wie bösartige Augen. Sie wusste, wie schwer es war, alle Kalkflecken von diesen Vorrichtungen zu entfernen. Hier sah sie keinen einzigen. Statt eines gelben Seifenblocks, wie einer zuhause in der Küche im schief hängenden Drahtgestell über dem Schüttstein lag, waren die Seifen hier zart lila, grünlich und bläulich gefärbte Kissen, jeden zweiten Tag ersetzt durch nagelneue mit scharfen Gussnähten und verschnörkelten Stempeln mit dem Namen des Hotels. Sie klappte den glänzend lackierten Deckel aus dunklem Holz hoch, schürzte den Rock, schob die Unterhosen zu den Waden hinunter und setzte sich. Ihre Füsse ruhten auf einem kleinen Teppich mit weichem, violettem Flor, der sich mit einem halbrunden Ausschnitt nahtlos um den Fuss der Klosettschüssel schmiegte. Sie roch an ihren Unterarmen um zu prüfen, ob noch Reste des heimatlichen Stallgeruchs wahrnehmbar seien. Elsie hatte bei ihrer Ankunft das vornehme Näschen gerümpft und festgestellt:
«Ihr riecht komisch.»
Und Mrs. Bailey hatte ihren Ausführungen über die geplanten und unmittelbar bevorstehenden Unternehmungen mit deutlich hörbarer Betonung beigefügt:
«..., wenn Sie sich dann frisch gemacht haben.»
Als sie zur Papierrolle griff, um sich abzuwischen, bemerkte sie das in trostloser Perfektion zu einer Spitze gefaltete Ende. Es hatte eine leicht andere Form als die, welche sie vor ein paar Jahren vom Butler der Leslies gelernt hatte und seither anwandte. Sie dachte an die auf einen Nagel gespiessten Zeitungsblätter im Häuschen in Cornol und seufzte tief.
Ihre Rückkehr nach Paris, ins Luxushotel Majestic an der Avenue Kléber, zu Mrs. Bailey mit Mutter und Tochter, war nicht so harmonisch verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Fast schien es so, als würde es die Dienstherrin bereuen, ihre Kammerzofe und das Kindermädchen so grosszügig beurlaubt zu haben. Elsie war deutlich anzumerken, dass sie sich tödlich gelangweilt hatte.
«Jeden Tag in diese blöde Ausstellung!», klagte sie. «Da gibt es gar nichts für Kinder, und Mom interessiert sich nur für Möbel und solche Sachen.»
«Nicht in diesem Ton, junge Dame!», schalt sie die Mutter. «Nun ist ja Julia wieder hier. Ihr könnt zusammen in den Zoo gehen, und ins Puppentheater. Ausserdem gibt es in der Ausstellung eine Ecke mit Spielsachen, die du noch gar nicht gesehen hast. Und vielleicht gehen wir noch alle zusammen in dieses spanische Ballett, das soll ganz fantastisch sein.»
Elsie verzog weiterhin schmollend ihren Mund. Auch Mrs. Lemen schien froh zu sein, nun dank der Verfügbarkeit von Julia und Mathilde wieder etwas für sich unternehmen zu können, unabhängig von ihrer Tochter, für die der Hauptzweck der Europareise tatsächlich im Besuch der Exposition des Arts Décoratifs bestand. Dafür war sie nach Paris gekommen, und das wollte sie nun auch voll und ganz auskosten, wie sie sagte. Julia konnte sich vorstellen, dass ihr Mann seine geschäftlichen Verpflichtungen auch deshalb nicht verschoben hatte, weil er den Hang zur Besessenheit seiner Frau kannte, wenn es um schöne Dinge ging. Allerdings hatte er durch sein Zuhausebleiben auch die Kontrolle über die Ausgaben seiner Ehefrau aus der Hand gegeben, die schon einige Bestellungen exquisit moderner Möbelstücke und Textilien, inklusive shipping nach Amerika, getätigt hatte. Es waren also weitere Auseinandersetzungen zum Thema der Wohnungseinrichtung an der Park Avenue zu erwarten.
Jetzt, wo ihr Aufenthalt in Paris nur noch wenige Tage dauern würde, verlieh das Bewusstsein der beschränkten Zeit allen Erlebnissen einen besonderen Glanz. Damit die Damen und die elfjährige Miss alle ihre noch verbleibenden Gelüste befriedigen konnten, wurde sorgfältig geplant. Elsies Zoobesuch, Mrs. Lemens Rundgänge im Louvre und im Grand Palais sowie Mrs. Baileys Erkundungen in den unzähligen Pavillons der Exposition mussten so arrangiert werden, dass die gemeinsamen Morgen- und Nachtessen im Speisesaal des Majestic nicht tangiert wurden. Nicht vergessen durfte man die ärgerliche, aber weit verbreitete Gewohnheit der Franzosen, ihre Museen und öffentlichen Einrichtungen am Dienstag geschlossen zu halten. Dazu kamen zwei Veranstaltungen, für die man Tickets gekauft hatte: eine Vorführung am späten Nachmittag im Théatre Guignol du Champ de Mars, zu der Mrs. Bailey nicht mitkommen würde, sowie das Ballett L’Amour Sorcier von de Falla im Theater Trianon, das sie alle zusammen ansehen wollten.
Es war nicht vorauszusehen gewesen, dass Elsie schliesslich den lebensgrossen Plüschbären im village des jouets den Vorzug gab gegenüber den richtigen Braun- und Eisbären im Pariser Zoo. Julia hatte mit ihr in New York verschiedene Tierparks besucht in den vergangenen Jahren, und das Mädchen war immer vorbehaltlos begeistert gewesen. Nun war Elsie in ein Alter gekommen, in dem sie Vergleiche zu ziehen und sich in das Schicksal eingesperrter Tiere einzufühlen vermochte. Was sie früher belustigt hatte, zum Beispiel die ewig gleichen Gänge eines Eisbären hin und her entlang dem Wassergraben, und wie er in einer Achterschlaufe den Kopf pendeln lässt an den Wendepunkten, veranlasste sie sie nun zu einer beharrlichen Fragerei. Und als sie nach Julias unzureichenden Erklärungen von einem amerikanischen Touristen die Auskunft bekam, dies sei so genanntes stereotypic behaviour, eine leider bei Zootieren häufig auftretende Form des Irreseins, war sie so entsetzt, dass sie den Park sofort verlassen wollte.
Nun standen sie zwischen unzähligen Kindern, Kindermädchen und Eltern vor einem überdimensionierten Puppenhaus, das ebenfalls als einer der Anziehungspunkte im Spielzeugdorf der grossen Ausstellung eingerichtet worden war. Und obwohl Elsie längst aus dem Alter herausgewachsen war, in dem sie noch mit ihrem Puppenhaus gespielt hatte, fand sie es lustig, mit Julia zusammen, sich gegenseitig auf immer neue Details aufmerksam machend, diese mit grosser Kunstfertigkeit nachgeahmte Welt häuslicher Menschen zu betrachten.
Über Mittag trafen sie sich mit Mrs. Lemen und Mathilde in einem der Restaurants an der Champs Elisée. Da die Septembersonne noch angenehm warm schien, konnten sie sich draussen an einen Tisch setzen, etwas Kleines essen und trinken und sich gegenseitig erzählen, was sie erlebt hatten. Mrs. Lemen war noch immer sehr aufgeregt und begeistert von ihrem Besuch in einer Galerie an der Rue Bonaparte, wo sie sich mit Mathilde zusammen eine Ausstellung «surrealistischer» Maler angesehen hatte. Sie habe schon einiges gelesen über diese Richtung der modernen Kunst, die sich von den dunklen Seiten der menschlichen Seele inspirieren liesse, habe aber bisher noch kaum Bilder oder Skulpturen gesehen. Die Ausstellung sei erstaunlich vielfältig und, für sie gänzlich unerwartet, voller Humor gewesen. Mit einem Seitenblick auf Mathilde sagte sie:
«Es gab witzige Bilder, die auch Ihnen gefallen haben, nicht wahr, Mathilda? Zum Beispiel diese fast leere Leinwand eines Malers namens Mirò, ich meine, er ist Katalane. Ein bisschen sah es aus wie eine vergrösserte Postkarte. Oben links stand, in verschnörkelter Schrift: Photo. Rechts unten sah man einen blauen Farbfleck, die Ölfarbe sah aus, als sei sie mit dem Finger aufgetragen und verschmiert worden. Darunter stand, in der verbundenen Schrift einer Feder und auf feinen Bleistiftlinien: Ceci est la couleur de mes rêves.»
Sie hatte den französischen Satz offenbar auf dem Weg hierher geübt, denn sie brachte ihn fast mühelos und mit einigermassen korrektem Akzent über die Lippen.
«Ich überlege mir nun ständig, welche Farbe meine Träume haben, fantastisch!», fügte sie hinzu.
Mathilde hatte zu den enthusiastischen Ausführungen nur still gelächelt, immerhin ein- zweimal genickt, als Mrs. Lemen das Bild beschrieben hatte. Als diese sich nun der Enkelin zuwandte und sie nach deren Erlebnissen des Morgens befragte, zwinkerte Mathilde ihrer Schwester zu und sagte halblaut:
«Çât des dôbats!» – «Die sind verrückt!»
Das Werk eines anderen Verrückten sahen sie sich am Nachmittag an. Mrs. Bailey zuliebe traf man sich nochmals in der Ausstellung, und zwar bei einem Pavillon mit der Bezeichnung de l’Esprit Nouveau, der, wie sie sagte, von der Ausstellungsleitung beinahe geschlossen worden war wegen seiner «radikalen Modernität». Ein Landsmann von Julia und Mathilde, sie meine sogar, aus derselben Gegend der Schweiz wie sie, habe das Haus geschaffen, ein berühmt-berüchtigter Architekt, der sich Le Corbusier nenne, eigentlich aber Jeanneret heisse wie sein Cousin, mit dem er in diesem Fall zusammengearbeitet habe.
Der Pavillon war wirklich modern. Er sah aus wie eine Schachtel aus Beton, die auf kurzen Stelzen über dem Boden schwebte. Eine Seite war fensterlos und durch schmale Stege in zehn grosse, quadratische Flächen eingeteilt. In den vier linken waren, Orange auf Ochsenblutrot, zwei riesige Buchstaben, ein E und ein N, aufgemalt. Das Kreuz aus den darüber liegenden, nackten Betonstegen liess die Schrift wie hinter einem Fenster aussehen. In der Mitte erklärte ein schwarzweisses, aufgemaltes Schild den Sinn der Abkürzung: l’Esprit Nouveau. Diese Seite, sowie der durch ein Loch in der Decke eines kleinen Innenhofs wachsende Baum gefielen Elsie und auch Julia am besten. Im Innern war das Haus zwar faszinierend einfach eingerichtet. Julia fröstelte es aber bei der Vorstellung, in solchen Räumen leben zu müssen. Ihr Blick prallte von leeren Flächen zurück, die Stimmen und auch ihre Tritte hallten. Nichts stand einfach so herum, wie die Dinge in normalen Häusern, die von lebenden Menschen herumgeschoben werden und schliesslich dort ihren Platz finden, wo sie am wenigsten im Wege stehen. Alles zeugte von einer durchdringenden Kraft, einem unbeirrbaren Willen, die Räume genau so einzurichten, wie sie ausgedacht waren. Mathilde schien es ähnlich zu gehen wie ihr.
«Hierher kannst du keine eigenen Möbel mitbringen.» Und lachend fügte sie hinzu:
«Stell dir mal unser Sofa und den Stubentisch vor hier drin!»
«Oder die Kommode mit den Lourdes-Madonnen!», schlug Julia kichernd vor.
Ohne Vorbehalte beeindruckt waren alle vom spanischen Tanz der beiden Stars im Ballett von Manuel de Falla. Schon das Theater mit seinen zwei senkrecht übereinander hängenden Balkonen und den roten Plüschsesseln war eindrucksvoll. Als es sich gefüllt hatte mit hunderten festlich gekleideter Zuschauer, war die Stimmung freudig gespannt. Von Antonia Mercé, genannt la Argentina, und Vicente Escudero, den beiden Protagonisten des Stücks, hatte man schon viel gehört und gelesen, und manche im Publikum kamen schon zum dritten oder vierten Mal in die Aufführung, um ihren Tanz, vor allem aber ihr äusserst kunstvolles Geklapper mit Schuhsohlen und Kastagnetten zu erleben. Der Vorhang hob sich und gab den Blick frei auf ein glühend rot leuchtendes Bühnenbild, eine gefährlich schöne, symmetrisch zur Mittelachse aufgebaute Hölle aus Tüchern, mit Leinwänden bespannten Holzrahmen, Treppenstufen und Podesten. Elsie suchte Julias Hand, hielt und drückte sie fest bis zu Pause. Was sie sahen, war wirklich atemberaubend. Die Tanzenden, vor allem aber die beiden Hauptfiguren, wirbelten manchmal so schnell und scheinbar schwerelos auf der Bühne umher, dass man ihnen kaum folgen konnte. Dann wieder standen sie fast still, mit aufs Äusserste angespannten Körpern, stampften und traten den Boden in so rasend schnellen Rhythmen, dass es unmöglich war zu erkennen, wie sie es genau machten. Ähnlich war es mit dem Spiel der spanischen Klappern, auf denen die Finger ihre Wirbel vollführten. Julia bemerkte, und machte Elsie flüsternd darauf aufmerksam, dass die Kastagnetten der Argentina etwas heller tönten als diejenigen ihres Partners. Durch diese Unterscheidung konnten sie in der Folge eine Art furioses Zwiegespräch der beiden ausmachen, das die Tanzbewegungen ergänzte.
Sie kehrten nach der Aufführung ganz benommen ins Hotel zurück und Elsie konnte lange nicht einschlafen.
«Kann man tanzen lernen?», wollte sie von Julia mitten in der Nacht wissen.
«Das kann man sicher. Du musst das in Ruhe mit deinen Eltern besprechen. Jetzt aber solltest du schlafen. Bald werden wir auf dem Schiff sein. Dann spielen wir wieder shuffleboard mit deiner Grandma, und mit Mathilde.»
Elsie hatte endlich die Augen geschlossen. Sie murmelte:
«Und ich werde wieder gewinnen.»
Man hielt es meist nicht lange aus an Deck, auf dieser Überfahrt. Das Meer war ein bewegter Teppich aus dunkel blaugrün schimmernden Wellen mit darauf reitenden Kronen aus weissem Schaum, die immer wieder von starken Böen abgerissen und zerfleddert wurden. Elsie war erstaunt, dass es auf dem Ozean auch regnen kann. Sie musste laut rufen, damit Julia sie verstand.
«Spüren es die Fische, wenn es so stürmt?»
Julia konnte es nicht genau sagen.
«Ich glaube, das Wasser bewegt sich nicht bis in die Tiefe, die Wellen sind nur oben drauf. Und nass sind sie ja schon.»
Über die Tiefe des Atlantiks wusste Elsie etwas aus der Schule. Eigentlich hätte sie jetzt schon wieder im Unterricht sein müssen, aber unter der Voraussetzung, dass sie nach ihrer Reise über ihre Erlebnisse berichten würde, hatte ihre Mutter die Verlängerung der Sommerferien erwirken können. Die Lehrerin hatte auf Elsies Reise Bezug genommen und der Klasse etwas über die Schiffahrt auf dem Atlantik erzählt.
«Das Meer ist mehr als siebentausend Fuss tief, da wo wir jetzt fahren», brüllte sie.
Julia schauderte.
«Komm, wir gehen wieder hinein, bevor wir ganz nass sind!»
Der Wind orgelte in den Ohren und peitschte einem nasse Schwaden ins Gesicht. Als sie die Türe öffnen wollten, reichte ihre vereinte Kraft nicht aus, bis Julia sich darauf besann, wie man einen störrischen Ochsen aus dem Stall zieht. Sie hob ihr Bein, setzte den Fuss auf den Türrahmen und stiess sich davon ab. Drinnen war es warm und still. Elsie drückte sich an Julia.
«Du bist stark!»
In den Salons der ersten Klasse herrschte ein Wettstreit unter den wohlhabenden und reichen bis schwer reichen Fahrgästen. Viele hatte sich in Europa mit teuren Kleidern nach der neusten Mode ausgestattet, die sie nun unbedingt vorführen mussten. Manche Frauen wechselten ihre Garderobe bis zu viermal am Tag, um ihren Konkurrentinnen zu zeigen, wie exquisit ihr Geschmack sei und was sie sich alles leisten konnten. Sogar Mrs. Bailey, die sich zuerst darüber gefreut hatte, – «wir bekommen hier eine Gratis-Modeschau zu sehen!» – wurde es nach wenigen Tagen zu viel. Und als von der Schiffsleitung eine soirée dansante angekündigt wurde, beschloss sie kurzerhand, diejenige der zweiten Klasse mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Julia und Mathilde war es recht, denn der Name der Musikkapelle, die dort aufspielen sollte, The Creole Birds, war vielversprechend. Ausserdem würden sie so an dem Abend auch Bekannte aus Cornol treffen. Den neunzehnjährigen Jean Baptiste aus der rotte der Grillon zum Beispiel, «ein süsser Bub», wie Mathilde gefunden hatte, als sie ihn beim Einsteigen gesehen hatten. Und der konnte wirklich tanzen wie der Teufel, weiss der Himmel, wo der das gelernt hatte. Bei den modernen Tänzen, foxtrott, charleston, shimmy und wie sie alle hiessen, war es auch an so einem Anlass völlig normal, dass alle, die Lust hatten zu tanzen, einfach auf die Fläche stürmten und loslegten, ohne sich um die mühsame und oft demütigende Paarbildung zu kümmern. Als Elsies Mutter und Grossmutter sahen, wie auch andere Kinder und Jugendliche tanzten, durfte sie zeigen, was sie von Daddy und Mary McD gelernt hatte. Und so bildeten sie ein wildes Quartett, der junge Grillon, Mathilde, Julia und Elsie. Es gab Momente, wo sich um sie ein Kreis von Zuschauern bildete, die sie anfeuerten.
Weil sie danach nicht schlafen konnten, verliessen die beiden Schwestern in den frühen Morgenstunden ihre Kajüte, und betraten das obere Deck mit wahllos übereinander angezogenen Kleiderschichten. Der Sturm hatte nachgelassen, aber es war Nebel aufgezogen, der sich, von mehreren starken Scheinwerfern beleuchtet, wie eine undurchdringliche, leuchtende Glocke über das Schiff gestülpt hatte und mit ihm mitfuhr. Als ein Horn plötzlich ein tiefes Röhren von sich gab, zuckten sie zusammen.
«Hoffentlich wissen die, wo sie hinfahren!», meinte Mathilde.
Julia hatte auf dem untersten Deck eine kleine Gruppe von Männern entdeckt, die sich gegenseitig Zigaretten anboten und sie anzuzünden versuchten. Sie trugen Latzhosen, manche direkt über dem nackten Oberkörper. Als sie von einem entdeckt wurde, winkte er und machte die andern auf die zwei Frauen aufmerksam. Erst jetzt erkannte Julia, dass es nicht Schwarze waren, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern Maschinisten, deren Gesichter und Arme vom Öl schwarz gefärbt waren. Sie winkte zurück, ein paar der Männer schwenkten ihre Kappen und riefen etwas, was nicht zu verstehen war. Da tauchte aus einer eisernen Tür ein weiterer Mann auf, der mit den Armen fuchtelte und dazu brüllte. Die Arbeiter warfen ihre Kippen über die Reling und verschwanden schnell in der dunklen Öffnung, der letzte zog die Türe hinter sich zu.
Sie schwiegen beide. Unter ihren Füssen spürten sie das leise Zittern der Motoren, die tief unter ihnen von den Männern am Laufen gehalten wurden.
Mathilde und sie waren erst seit ein paar Tagen zu Hause, für kurze Zeit entlassen aus den Diensten von Mrs. Bailey und ihrer Mutter, die sie zusammen mit der elfjährigen Elsie gegen das Ende der folgenden Woche in Paris wieder erwarteten. Julia kam alles unwirklich vor, nicht nur die luxuriösen Umstände der Reise bis zu diesem kurzen Besuch in Cornol. Auch hier fühlte sie sich manchmal wie durch einen Schleier getrennt vom Geschehen, von ihrer Umgebung und von den Menschen. Als sie Mathilde von dieser seltsamen Empfindung erzählte, erfuhr sie, dass es ihrer Schwester ganz ähnlich erging.
«Nun sind eben wir die américaines», meinte Mathilde. «Wir kleiden uns anders, haben diese Kurzhaarfrisuren, über die man hier die Nasen rümpft. Wahrscheinlich bewegen wir uns sogar anders. Wir haben früher gespottet über solche Rückkehrerinnen, wie sie mit ihrem Arsch wackelten auf der Dorfstrasse, und ihre Nasen hoch trugen. Vielleicht machen wir das jetzt auch und merken es nicht einmal. Ab und zu fällt uns ein Wort zuerst auf amerikanisch ein, und schon ist es draussen! Der Gegensatz war auch noch nie so gross zwischen den Orten, an denen wir gerade noch waren und dem hier, oder?»
Der Unterschied zwischen ihren Verwandten, den Nachbarn und überhaupt allen Menschen im Dorf, und den Wohlhabenden bis Schwerreichen, die sie auf dem Schiff und im Hotel in Paris angetroffen hatten, fand Julia besonders verstörend. Zwar waren Mathilde und sie auch schon auf der France gereist, aber damals in der zweiten Klasse. Nun hatten sie Teil gehabt, und waren Teil gewesen, dieser ungeheuer verschwenderischen Pracht, die dem Dampfer den Beinamen «Versailles der Meere» eingebracht hatte. Ihnen waren Männer und Frauen begegnet, die sich schrecklich langweilten und über alles und jeden in ihrer Reichweite herzogen, weil es nichts auf der Welt gab, was sie nicht schon – besser, teurer, aufregender! – gesehen zu haben glaubten. Aus der Erfahrung, alles kaufen zu können, leiteten sie das Recht ab, die andern beurteilen und über sie bestimmen zu dürfen nach ihrem Belieben. Julia hatte eine Lady gesehen, die ihrer Kammerzofe ein teures Abendkleid, das diese ihrer Dienstherrin aufs obere Deck nachgetragen hatte zur Prüfung, aus den Händen riss und es kurzerhand über Bord werfen wollte. Es wurde vom Wind hochgehoben und verfing sich in den Seilen eines Mastes, wo es bis zur Landung im Havre flatterte wie eine Fahne. Am Nebentisch im Esssalon trank ein älterer Herr jeden Abend eine Flasche Wein, für deren Preis man auf dem Viehmarkt in Pruntrut eine schöne Kuh hätte kaufen können. Alcide hatte nur gelacht, als sie ihm diese Geschichte erzählten. Er war ein richtiger Bauer geworden, ein paiyisain mit harten, schwieligen Händen, sonnenverbranntem Gesicht und einem etwas schweren Gang. Seine streng nach Stall riechenden Arbeitskleider tauschte er nur an Sonntagen für den Gang zur Kirche, zu seiner Freundin oder zum Viehmarkt gegen einen der schönen Anzüge aus Amerika. Dann aber wusch und rasierte er sich sorgfältig und verwandelte sich auf wundersame Weise in einen môssieu, nach dem sich die Frauen im Dorf umdrehten.
Es hatte Julia und Mathilde gefreut, dass er und Célestine sich gefunden hatten, wieder gefunden, musste man sagen, denn die zwei waren als Jugendliche ein heimliches Liebespaar gewesen, was seine jüngeren Schwestern damals aufgeregt verfolgt hatten. Célestines Mann hatte sich nach dem grossen Krieg mit der Spanischen Grippe angesteckt und war an der folgenden Lungenentzündung gestorben, seine Frau als Witwe mit einer kleinen Tochter zurücklassend. Alcide schaute zu den beiden, ohne daraus eine grosse Sache zu machen. Und fast schien es so, als ob er bei Célestine den Kummer über den Verlust seiner grossen Liebe zu Fiona vergessen könnte. Sein Gehör war nochmals schlechter geworden. Wenn man zu ihm sprach, musste man darauf achten, ihm das Gesicht zuzuwenden, damit er von den Lippen ablesen konnte. Ihn schien das weniger zu stören als seine Umgebung. Maman konnte darüber schimpfen:
«Er hört nur noch, was ihm passt. Wenn irgendwo Land günstig zu haben ist, oder wenn jemand einen Blick auf seine schönste Kuh geworfen hat, dann kriegt er immer alles mit. Aber wenn er mir eine klemmende Schublade flicken sollte, ist er taub wie ein Stein!»
Alcide lachte übers ganze Gesicht, sich lautlos schüttelnd. Meinte schliesslich:
«Ich komme zurecht. Und es hat auch Vorteile: die Leute reden sowieso meist zuviel und wenn, dann lauter Unsinn. Bald werde ich mich aus der Armee ausmustern lassen, dann muss ich nicht mehr bezahlen jedes Jahr.»
Julia hatte sich bei ihm erkundigt, wie es der Mutter gehe. Sie sei noch immer rüstig, allerdings klage sie in letzter Zeit über Schmerzen in den Hüftgelenken. Sie könne nicht mehr lange stehen oder grössere Strecken zu Fuss zurücklegen. Einen Stock wolle sie nicht. Aber sie habe noch immer genug Kraft, nach anderen zu schauen auch ausserhalb der Familie, zum Beispiel zu çte paûre Juliette, einer alleinstehenden Nachbarin, für die sie zweimal in der Woche mit koche und ihr die Medikamente besorge.
Ihre Nichte und die Neffen hatten sie kurz nach ihrer Ankunft erlebt. Célinas Tochter Marianne war nun neun Jahre alt, die vier Buben von Jean Baptiste zwischen drei und neun.
«Wenn die so weiter machen, wird die Wohnung in Riehen bald zu klein, dann müssen sie etwas Rechtes finden, ein Haus», fand Alcide.
Es war eine fröhliche Begegnung geworden mit den Kindern, obwohl das Wetter nicht mitspielte. Als sie ihre Tanten bestürmten, sie sollten einmal richtig amerikanisch reden, begannen diese, Schlager zu singen. Zuerst Julia alleine, dann mit Mathilde zusammen. Bald steigerten sie sich unter dem Beifall der Kinder richtig hinein und sangen aus vollem Hals:
Somebody loves me
I wonder who
Maybe it’s you
Und:
Chicago, Chicago
You todell’ing town
Chicago, Chicago
I’ll show you around.
Damit alle den foxtrott oder charleston dazu tanzen konnten, wurde der Stubentisch auf die Seite geschoben und der Teppich eingerollt, fast wie bei den Baileys. Maman stand in der Türe und schaute kopfschüttelnd zu, aber da sie nicht wegging, konnte man ahnen, dass sie sich über die Lebendigkeit der Jugend freute.
Über Célina hatte sich Julia sehr gefreut, sie strahlte eine ruhige Zufriedenheit aus und schien mit ihrem Mann und ihrer Tochter glücklich zu sein. Offenbar gefiel es ihr auch am Zürichsee, wohin die junge Familie gezogen war. Sie kamen oft und regelmässig nach Cornol. Mit Marianne sprach sie konsequent Französisch, was dazu beitrug, dass sich ihre Tochter gut verständigen konnte mit den Verwandten. Sie liebte alle Tiere. Von Alcide hatte sie das Melken gelernt, und wie man die Kühe mit dem Stecken und lauten Zurufen dorthin lenkte, wo man sie haben wollte. Die Hühner füttern, Eier einsammeln, aber auch den Stall ausmisten waren Betätigungen, die sie mit Freude und staunenswerter Ernsthaftigkeit ausführte. Célina erzählte, sie habe noch vor zwei Jahren jedesmal ein grosses Drama vollführt, wenn sie wieder von Cornol wegmusste. Julia musste ihrer Schwester recht geben: sie war wirklich vernarrt in Marianne. Sie war anders als Elsie vor zwei Jahren, ungezwungener und natürlicher. Natürlich musste sie ihr alles erzählen über dieses geheimnisvolle Mädchen, das in New York in einer palastähnlichen Wohnung lebte und von Julia bedient und betreut wurde, die doch eigentlich ihre Lieblingstante war.
Bei Jean Baptistes Buben war man sich nicht so sicher, ob sie gerne herkamen. Sie verstanden wenig von dem, was man zu ihnen sagte und sprachen kaum von sich aus Französisch. Der Patois war für sie ein lustiger Kauderwelsch, eine Art Geheimsprache, die sie manchmal im Spiel nachäfften, aber kaum Interesse daran zeigten, sie zu lernen. Die mittleren zwei, Pierre und Alcide Junior, waren das letzte Mal abgehauen, als sie alleine nach Cornol in die Ferien gehen mussten, so hatten sie unter dem Heimweh gelitten. Man musste sie stundenlang suchen und fand sie schliesslich, beide weinend, auf einem Feldweg am Waldrand. Sie hatten vorgehabt, nach Hause, nach Riehen zu laufen. Aber sie waren auch lustig. Nachdem Mathilde und Julia ihre Gesangsnummer fertig hatten, wollte die Kleinen ebenfalls etwas zum Besten geben. Sie stimmten das Lied von den Petignat an:
Que le matan thuai les Pe, Pe, Pe,
Que le matan thuai les Petignats,
Vivent les Ai, z'Ai, z'Ai
Vivent les Aidjolats.
Anstelle des ihnen unverständlichen Fluchs, der Teufel solle die Petignats holen!, sangen sie einfach täratätä les Pe, Pe, Pe, tärätätä les Petignats, zum grossen Vergnügen der Erwachsenen.
Erst ganz zum Schluss ihres Aufenthalts übergaben die beiden Schwestern Alcide einen dicken Umschlag voller Dollarnoten, Geld, das sie für ihn und die Mutter gespart hatten. Alcide machte grosse Augen, als er das dicke Bündel sah, und noch mehr erstaunte ihn, als er erfuhr, was die beiden bei den Baileys verdienten.
«Donnerwetter, das ist einiges mehr als das, was mir Rockefeller bezahlt hat! Den Amerikanern muss es wirklich ausgezeichnet gehen seit dem Krieg. Wenn man denkt, wie dreckig es die Deutschen noch bis vor Kurzem hatten, weil sie den Siegern viel mehr zahlen mussten zur Wiedergutmachung, als sie eigentlich konnten. Da haben die Leute das Geld mit dem Leiterwagen angekarrt, wenn sie ein Möbelstück kaufen wollten. Ich habe es zwar nie recht glauben wollen, aber ein Kilo Kartoffeln soll im November Dreiundzwanzig neun Milliarden Mark gekostet haben, das kann man sich gar nicht vorstellen. Jetzt soll es wieder aufwärts gehen, seit sie die neue Mark haben, die Rentenmark und die Reichsmark. Ich glaube sie haben zwei aufs Mal.»
«Und wie ist es hier?», wollte Mathilde wissen. Alcide wiegte den Kopf hin und her.
«Es geht. 1921 und 1922 war es schlimm mit dem fièvre aphteuse, da musste ich auch alle meine Tiere töten lassen und habe kaum eine Entschädigung bekommen. Aber jetzt geht es langsam aufwärts. Land ist günstig zu haben, und die Hilfskräfte für die Ernte können nicht viel verlangen. Arme Kerle! Aber für uns Bauern ist das natürlich gut. Maman kann nicht mehr so viel machen, aber Célina kommt oft vorbei um zu helfen.»
Als er begriff, dass er den Schwestern mit seinen Worten ein schlechtes Gewissen machen könnte, fügte er schnell hinzu:
«Ihr macht das gut dort drüben. Geniesst es, solange es so gut läuft. Wir kommen schon zurecht hier!
Zuweilen half nur der Gang aufs Klo um wieder zu sich zu kommen. Sie drehte den Schlüssel um, dann den Lichtschalter, und blickte um sich. Die vernickelten Kreuze der Drehgriffe funkelten sie an wie bösartige Augen. Sie wusste, wie schwer es war, alle Kalkflecken von diesen Vorrichtungen zu entfernen. Hier sah sie keinen einzigen. Statt eines gelben Seifenblocks, wie einer zuhause in der Küche im schief hängenden Drahtgestell über dem Schüttstein lag, waren die Seifen hier zart lila, grünlich und bläulich gefärbte Kissen, jeden zweiten Tag ersetzt durch nagelneue mit scharfen Gussnähten und verschnörkelten Stempeln mit dem Namen des Hotels. Sie klappte den glänzend lackierten Deckel aus dunklem Holz hoch, schürzte den Rock, schob die Unterhosen zu den Waden hinunter und setzte sich. Ihre Füsse ruhten auf einem kleinen Teppich mit weichem, violettem Flor, der sich mit einem halbrunden Ausschnitt nahtlos um den Fuss der Klosettschüssel schmiegte. Sie roch an ihren Unterarmen um zu prüfen, ob noch Reste des heimatlichen Stallgeruchs wahrnehmbar seien. Elsie hatte bei ihrer Ankunft das vornehme Näschen gerümpft und festgestellt:
«Ihr riecht komisch.»
Und Mrs. Bailey hatte ihren Ausführungen über die geplanten und unmittelbar bevorstehenden Unternehmungen mit deutlich hörbarer Betonung beigefügt:
«..., wenn Sie sich dann frisch gemacht haben.»
Als sie zur Papierrolle griff, um sich abzuwischen, bemerkte sie das in trostloser Perfektion zu einer Spitze gefaltete Ende. Es hatte eine leicht andere Form als die, welche sie vor ein paar Jahren vom Butler der Leslies gelernt hatte und seither anwandte. Sie dachte an die auf einen Nagel gespiessten Zeitungsblätter im Häuschen in Cornol und seufzte tief.
Ihre Rückkehr nach Paris, ins Luxushotel Majestic an der Avenue Kléber, zu Mrs. Bailey mit Mutter und Tochter, war nicht so harmonisch verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Fast schien es so, als würde es die Dienstherrin bereuen, ihre Kammerzofe und das Kindermädchen so grosszügig beurlaubt zu haben. Elsie war deutlich anzumerken, dass sie sich tödlich gelangweilt hatte.
«Jeden Tag in diese blöde Ausstellung!», klagte sie. «Da gibt es gar nichts für Kinder, und Mom interessiert sich nur für Möbel und solche Sachen.»
«Nicht in diesem Ton, junge Dame!», schalt sie die Mutter. «Nun ist ja Julia wieder hier. Ihr könnt zusammen in den Zoo gehen, und ins Puppentheater. Ausserdem gibt es in der Ausstellung eine Ecke mit Spielsachen, die du noch gar nicht gesehen hast. Und vielleicht gehen wir noch alle zusammen in dieses spanische Ballett, das soll ganz fantastisch sein.»
Elsie verzog weiterhin schmollend ihren Mund. Auch Mrs. Lemen schien froh zu sein, nun dank der Verfügbarkeit von Julia und Mathilde wieder etwas für sich unternehmen zu können, unabhängig von ihrer Tochter, für die der Hauptzweck der Europareise tatsächlich im Besuch der Exposition des Arts Décoratifs bestand. Dafür war sie nach Paris gekommen, und das wollte sie nun auch voll und ganz auskosten, wie sie sagte. Julia konnte sich vorstellen, dass ihr Mann seine geschäftlichen Verpflichtungen auch deshalb nicht verschoben hatte, weil er den Hang zur Besessenheit seiner Frau kannte, wenn es um schöne Dinge ging. Allerdings hatte er durch sein Zuhausebleiben auch die Kontrolle über die Ausgaben seiner Ehefrau aus der Hand gegeben, die schon einige Bestellungen exquisit moderner Möbelstücke und Textilien, inklusive shipping nach Amerika, getätigt hatte. Es waren also weitere Auseinandersetzungen zum Thema der Wohnungseinrichtung an der Park Avenue zu erwarten.
Jetzt, wo ihr Aufenthalt in Paris nur noch wenige Tage dauern würde, verlieh das Bewusstsein der beschränkten Zeit allen Erlebnissen einen besonderen Glanz. Damit die Damen und die elfjährige Miss alle ihre noch verbleibenden Gelüste befriedigen konnten, wurde sorgfältig geplant. Elsies Zoobesuch, Mrs. Lemens Rundgänge im Louvre und im Grand Palais sowie Mrs. Baileys Erkundungen in den unzähligen Pavillons der Exposition mussten so arrangiert werden, dass die gemeinsamen Morgen- und Nachtessen im Speisesaal des Majestic nicht tangiert wurden. Nicht vergessen durfte man die ärgerliche, aber weit verbreitete Gewohnheit der Franzosen, ihre Museen und öffentlichen Einrichtungen am Dienstag geschlossen zu halten. Dazu kamen zwei Veranstaltungen, für die man Tickets gekauft hatte: eine Vorführung am späten Nachmittag im Théatre Guignol du Champ de Mars, zu der Mrs. Bailey nicht mitkommen würde, sowie das Ballett L’Amour Sorcier von de Falla im Theater Trianon, das sie alle zusammen ansehen wollten.
Es war nicht vorauszusehen gewesen, dass Elsie schliesslich den lebensgrossen Plüschbären im village des jouets den Vorzug gab gegenüber den richtigen Braun- und Eisbären im Pariser Zoo. Julia hatte mit ihr in New York verschiedene Tierparks besucht in den vergangenen Jahren, und das Mädchen war immer vorbehaltlos begeistert gewesen. Nun war Elsie in ein Alter gekommen, in dem sie Vergleiche zu ziehen und sich in das Schicksal eingesperrter Tiere einzufühlen vermochte. Was sie früher belustigt hatte, zum Beispiel die ewig gleichen Gänge eines Eisbären hin und her entlang dem Wassergraben, und wie er in einer Achterschlaufe den Kopf pendeln lässt an den Wendepunkten, veranlasste sie sie nun zu einer beharrlichen Fragerei. Und als sie nach Julias unzureichenden Erklärungen von einem amerikanischen Touristen die Auskunft bekam, dies sei so genanntes stereotypic behaviour, eine leider bei Zootieren häufig auftretende Form des Irreseins, war sie so entsetzt, dass sie den Park sofort verlassen wollte.
Nun standen sie zwischen unzähligen Kindern, Kindermädchen und Eltern vor einem überdimensionierten Puppenhaus, das ebenfalls als einer der Anziehungspunkte im Spielzeugdorf der grossen Ausstellung eingerichtet worden war. Und obwohl Elsie längst aus dem Alter herausgewachsen war, in dem sie noch mit ihrem Puppenhaus gespielt hatte, fand sie es lustig, mit Julia zusammen, sich gegenseitig auf immer neue Details aufmerksam machend, diese mit grosser Kunstfertigkeit nachgeahmte Welt häuslicher Menschen zu betrachten.
Über Mittag trafen sie sich mit Mrs. Lemen und Mathilde in einem der Restaurants an der Champs Elisée. Da die Septembersonne noch angenehm warm schien, konnten sie sich draussen an einen Tisch setzen, etwas Kleines essen und trinken und sich gegenseitig erzählen, was sie erlebt hatten. Mrs. Lemen war noch immer sehr aufgeregt und begeistert von ihrem Besuch in einer Galerie an der Rue Bonaparte, wo sie sich mit Mathilde zusammen eine Ausstellung «surrealistischer» Maler angesehen hatte. Sie habe schon einiges gelesen über diese Richtung der modernen Kunst, die sich von den dunklen Seiten der menschlichen Seele inspirieren liesse, habe aber bisher noch kaum Bilder oder Skulpturen gesehen. Die Ausstellung sei erstaunlich vielfältig und, für sie gänzlich unerwartet, voller Humor gewesen. Mit einem Seitenblick auf Mathilde sagte sie:
«Es gab witzige Bilder, die auch Ihnen gefallen haben, nicht wahr, Mathilda? Zum Beispiel diese fast leere Leinwand eines Malers namens Mirò, ich meine, er ist Katalane. Ein bisschen sah es aus wie eine vergrösserte Postkarte. Oben links stand, in verschnörkelter Schrift: Photo. Rechts unten sah man einen blauen Farbfleck, die Ölfarbe sah aus, als sei sie mit dem Finger aufgetragen und verschmiert worden. Darunter stand, in der verbundenen Schrift einer Feder und auf feinen Bleistiftlinien: Ceci est la couleur de mes rêves.»
Sie hatte den französischen Satz offenbar auf dem Weg hierher geübt, denn sie brachte ihn fast mühelos und mit einigermassen korrektem Akzent über die Lippen.
«Ich überlege mir nun ständig, welche Farbe meine Träume haben, fantastisch!», fügte sie hinzu.
Mathilde hatte zu den enthusiastischen Ausführungen nur still gelächelt, immerhin ein- zweimal genickt, als Mrs. Lemen das Bild beschrieben hatte. Als diese sich nun der Enkelin zuwandte und sie nach deren Erlebnissen des Morgens befragte, zwinkerte Mathilde ihrer Schwester zu und sagte halblaut:
«Çât des dôbats!» – «Die sind verrückt!»
Das Werk eines anderen Verrückten sahen sie sich am Nachmittag an. Mrs. Bailey zuliebe traf man sich nochmals in der Ausstellung, und zwar bei einem Pavillon mit der Bezeichnung de l’Esprit Nouveau, der, wie sie sagte, von der Ausstellungsleitung beinahe geschlossen worden war wegen seiner «radikalen Modernität». Ein Landsmann von Julia und Mathilde, sie meine sogar, aus derselben Gegend der Schweiz wie sie, habe das Haus geschaffen, ein berühmt-berüchtigter Architekt, der sich Le Corbusier nenne, eigentlich aber Jeanneret heisse wie sein Cousin, mit dem er in diesem Fall zusammengearbeitet habe.
Der Pavillon war wirklich modern. Er sah aus wie eine Schachtel aus Beton, die auf kurzen Stelzen über dem Boden schwebte. Eine Seite war fensterlos und durch schmale Stege in zehn grosse, quadratische Flächen eingeteilt. In den vier linken waren, Orange auf Ochsenblutrot, zwei riesige Buchstaben, ein E und ein N, aufgemalt. Das Kreuz aus den darüber liegenden, nackten Betonstegen liess die Schrift wie hinter einem Fenster aussehen. In der Mitte erklärte ein schwarzweisses, aufgemaltes Schild den Sinn der Abkürzung: l’Esprit Nouveau. Diese Seite, sowie der durch ein Loch in der Decke eines kleinen Innenhofs wachsende Baum gefielen Elsie und auch Julia am besten. Im Innern war das Haus zwar faszinierend einfach eingerichtet. Julia fröstelte es aber bei der Vorstellung, in solchen Räumen leben zu müssen. Ihr Blick prallte von leeren Flächen zurück, die Stimmen und auch ihre Tritte hallten. Nichts stand einfach so herum, wie die Dinge in normalen Häusern, die von lebenden Menschen herumgeschoben werden und schliesslich dort ihren Platz finden, wo sie am wenigsten im Wege stehen. Alles zeugte von einer durchdringenden Kraft, einem unbeirrbaren Willen, die Räume genau so einzurichten, wie sie ausgedacht waren. Mathilde schien es ähnlich zu gehen wie ihr.
«Hierher kannst du keine eigenen Möbel mitbringen.» Und lachend fügte sie hinzu:
«Stell dir mal unser Sofa und den Stubentisch vor hier drin!»
«Oder die Kommode mit den Lourdes-Madonnen!», schlug Julia kichernd vor.
Ohne Vorbehalte beeindruckt waren alle vom spanischen Tanz der beiden Stars im Ballett von Manuel de Falla. Schon das Theater mit seinen zwei senkrecht übereinander hängenden Balkonen und den roten Plüschsesseln war eindrucksvoll. Als es sich gefüllt hatte mit hunderten festlich gekleideter Zuschauer, war die Stimmung freudig gespannt. Von Antonia Mercé, genannt la Argentina, und Vicente Escudero, den beiden Protagonisten des Stücks, hatte man schon viel gehört und gelesen, und manche im Publikum kamen schon zum dritten oder vierten Mal in die Aufführung, um ihren Tanz, vor allem aber ihr äusserst kunstvolles Geklapper mit Schuhsohlen und Kastagnetten zu erleben. Der Vorhang hob sich und gab den Blick frei auf ein glühend rot leuchtendes Bühnenbild, eine gefährlich schöne, symmetrisch zur Mittelachse aufgebaute Hölle aus Tüchern, mit Leinwänden bespannten Holzrahmen, Treppenstufen und Podesten. Elsie suchte Julias Hand, hielt und drückte sie fest bis zu Pause. Was sie sahen, war wirklich atemberaubend. Die Tanzenden, vor allem aber die beiden Hauptfiguren, wirbelten manchmal so schnell und scheinbar schwerelos auf der Bühne umher, dass man ihnen kaum folgen konnte. Dann wieder standen sie fast still, mit aufs Äusserste angespannten Körpern, stampften und traten den Boden in so rasend schnellen Rhythmen, dass es unmöglich war zu erkennen, wie sie es genau machten. Ähnlich war es mit dem Spiel der spanischen Klappern, auf denen die Finger ihre Wirbel vollführten. Julia bemerkte, und machte Elsie flüsternd darauf aufmerksam, dass die Kastagnetten der Argentina etwas heller tönten als diejenigen ihres Partners. Durch diese Unterscheidung konnten sie in der Folge eine Art furioses Zwiegespräch der beiden ausmachen, das die Tanzbewegungen ergänzte.
Sie kehrten nach der Aufführung ganz benommen ins Hotel zurück und Elsie konnte lange nicht einschlafen.
«Kann man tanzen lernen?», wollte sie von Julia mitten in der Nacht wissen.
«Das kann man sicher. Du musst das in Ruhe mit deinen Eltern besprechen. Jetzt aber solltest du schlafen. Bald werden wir auf dem Schiff sein. Dann spielen wir wieder shuffleboard mit deiner Grandma, und mit Mathilde.»
Elsie hatte endlich die Augen geschlossen. Sie murmelte:
«Und ich werde wieder gewinnen.»
Man hielt es meist nicht lange aus an Deck, auf dieser Überfahrt. Das Meer war ein bewegter Teppich aus dunkel blaugrün schimmernden Wellen mit darauf reitenden Kronen aus weissem Schaum, die immer wieder von starken Böen abgerissen und zerfleddert wurden. Elsie war erstaunt, dass es auf dem Ozean auch regnen kann. Sie musste laut rufen, damit Julia sie verstand.
«Spüren es die Fische, wenn es so stürmt?»
Julia konnte es nicht genau sagen.
«Ich glaube, das Wasser bewegt sich nicht bis in die Tiefe, die Wellen sind nur oben drauf. Und nass sind sie ja schon.»
Über die Tiefe des Atlantiks wusste Elsie etwas aus der Schule. Eigentlich hätte sie jetzt schon wieder im Unterricht sein müssen, aber unter der Voraussetzung, dass sie nach ihrer Reise über ihre Erlebnisse berichten würde, hatte ihre Mutter die Verlängerung der Sommerferien erwirken können. Die Lehrerin hatte auf Elsies Reise Bezug genommen und der Klasse etwas über die Schiffahrt auf dem Atlantik erzählt.
«Das Meer ist mehr als siebentausend Fuss tief, da wo wir jetzt fahren», brüllte sie.
Julia schauderte.
«Komm, wir gehen wieder hinein, bevor wir ganz nass sind!»
Der Wind orgelte in den Ohren und peitschte einem nasse Schwaden ins Gesicht. Als sie die Türe öffnen wollten, reichte ihre vereinte Kraft nicht aus, bis Julia sich darauf besann, wie man einen störrischen Ochsen aus dem Stall zieht. Sie hob ihr Bein, setzte den Fuss auf den Türrahmen und stiess sich davon ab. Drinnen war es warm und still. Elsie drückte sich an Julia.
«Du bist stark!»
In den Salons der ersten Klasse herrschte ein Wettstreit unter den wohlhabenden und reichen bis schwer reichen Fahrgästen. Viele hatte sich in Europa mit teuren Kleidern nach der neusten Mode ausgestattet, die sie nun unbedingt vorführen mussten. Manche Frauen wechselten ihre Garderobe bis zu viermal am Tag, um ihren Konkurrentinnen zu zeigen, wie exquisit ihr Geschmack sei und was sie sich alles leisten konnten. Sogar Mrs. Bailey, die sich zuerst darüber gefreut hatte, – «wir bekommen hier eine Gratis-Modeschau zu sehen!» – wurde es nach wenigen Tagen zu viel. Und als von der Schiffsleitung eine soirée dansante angekündigt wurde, beschloss sie kurzerhand, diejenige der zweiten Klasse mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Julia und Mathilde war es recht, denn der Name der Musikkapelle, die dort aufspielen sollte, The Creole Birds, war vielversprechend. Ausserdem würden sie so an dem Abend auch Bekannte aus Cornol treffen. Den neunzehnjährigen Jean Baptiste aus der rotte der Grillon zum Beispiel, «ein süsser Bub», wie Mathilde gefunden hatte, als sie ihn beim Einsteigen gesehen hatten. Und der konnte wirklich tanzen wie der Teufel, weiss der Himmel, wo der das gelernt hatte. Bei den modernen Tänzen, foxtrott, charleston, shimmy und wie sie alle hiessen, war es auch an so einem Anlass völlig normal, dass alle, die Lust hatten zu tanzen, einfach auf die Fläche stürmten und loslegten, ohne sich um die mühsame und oft demütigende Paarbildung zu kümmern. Als Elsies Mutter und Grossmutter sahen, wie auch andere Kinder und Jugendliche tanzten, durfte sie zeigen, was sie von Daddy und Mary McD gelernt hatte. Und so bildeten sie ein wildes Quartett, der junge Grillon, Mathilde, Julia und Elsie. Es gab Momente, wo sich um sie ein Kreis von Zuschauern bildete, die sie anfeuerten.
Weil sie danach nicht schlafen konnten, verliessen die beiden Schwestern in den frühen Morgenstunden ihre Kajüte, und betraten das obere Deck mit wahllos übereinander angezogenen Kleiderschichten. Der Sturm hatte nachgelassen, aber es war Nebel aufgezogen, der sich, von mehreren starken Scheinwerfern beleuchtet, wie eine undurchdringliche, leuchtende Glocke über das Schiff gestülpt hatte und mit ihm mitfuhr. Als ein Horn plötzlich ein tiefes Röhren von sich gab, zuckten sie zusammen.
«Hoffentlich wissen die, wo sie hinfahren!», meinte Mathilde.
Julia hatte auf dem untersten Deck eine kleine Gruppe von Männern entdeckt, die sich gegenseitig Zigaretten anboten und sie anzuzünden versuchten. Sie trugen Latzhosen, manche direkt über dem nackten Oberkörper. Als sie von einem entdeckt wurde, winkte er und machte die andern auf die zwei Frauen aufmerksam. Erst jetzt erkannte Julia, dass es nicht Schwarze waren, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern Maschinisten, deren Gesichter und Arme vom Öl schwarz gefärbt waren. Sie winkte zurück, ein paar der Männer schwenkten ihre Kappen und riefen etwas, was nicht zu verstehen war. Da tauchte aus einer eisernen Tür ein weiterer Mann auf, der mit den Armen fuchtelte und dazu brüllte. Die Arbeiter warfen ihre Kippen über die Reling und verschwanden schnell in der dunklen Öffnung, der letzte zog die Türe hinter sich zu.
Sie schwiegen beide. Unter ihren Füssen spürten sie das leise Zittern der Motoren, die tief unter ihnen von den Männern am Laufen gehalten wurden.
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