Freitag, 17. Juli 2020

zum Beispiel ein Tisch

Dinge, auch unscheinbare, können einen um Generationen überleben. Es gibt in unserem Atelierhaushalt einen kleinen Tisch aus Kirschholz, den wir beim Kauf des Hauses als eines von ganz wenigen Dingen übernommen und behalten haben. Es könnte sein, dass das kleine Möbelstück noch aus der Zeit des Architekten stammt, der das Haus für sich und seine Familie 1907 gebaut hat. Auf einer Fotografie aus der Zeit nach der Fertigstellung sitzen Gottfried Gfeller und seine Frau Marie, geborene Steinmann, mit ihren beiden Kindern Erika und Arnold auf dem Kiesplatz seitlich neben dem Haus, dort, wo wir achtzig Jahre später eine Terrasse mit einem Wintergarten ans Haus anbauen liessen. Der Architekt trägt einen karierten Anzug mit Gilet und gut sichtbarer, silberner Uhrenkette. Über dem gestärkten Hemdkragen ein etwas spöttisch zum Fotografen blickender Charakterkopf, mit Bürstenschnitt und quer gezwirbeltem Schnurrbart. Seine Frau, in einem schweren, schwarzen Rock, darüber eine reich bestickte, weisse Bluse mit Stehkrägchen, die Haare kunstvoll frisiert und hochgesteckt, blättert in einem Buch, das auf einem kleinen Beistelltischchen liegt. Davor die beiden Kinder, auch sie sonntäglich gekleidet mit weissen Spitzenkragen. Arnold, der später Architekt wird wie sein Vater, scheint sich über ein Bild im Buch zu amüsieren, das seine Schwester auf ihrem Schoss hält. Die kleine Erika schaut herausfordernd in die Kamera. Die Eltern sitzen auf zwei gleichen Stühlen, die sie aus dem Haus nach draussen geholt haben, Möbelstücke aus Kirschholz, mit Rattangeflecht auf Sitzfläche und in der Rücklehne, die oben durch eine quer liegende, gedrechselte Docke abgeschlossen wird. Wir benützen sie heute als Kleiderstühle.

Das Tischchen aus Kirschholz, von dem anfangs die Rede war, ist auf dem Bild nicht zu sehen. Ich sah es zum ersten Mal als Kind, und zwar in der Mansarde des Hauses, das dann nicht mehr der Familie Gfeller gehörte, sondern einer Frau D, die darin als Witwe wohnte, zusammen mit ihrem jüngsten, geistig behinderten Sohn. Frau D war die Grossmutter eines meiner Spielkameraden, dem jüngsten Kind der Familie H, mit der meine Eltern auf eine etwas komplizierte Weise befreundet waren. Ich wurde einmal mitgenommen ins Haus der Grossmutter, und wir durften auf dem Estrich spielen, der sich, aufregend und etwas gruselig dunkel, um die Mansarde zog wie der Gang einer Geisterbahn. In einer Pause unseres Spiels führte mich mein Kamerad zu Werni. Dieser sass im schwachen Schein einer Lampe an einem kleinen Tisch und arbeitete an seinen Musikkatalogen. Aus den Broschüren eines Musikhauses schrieb er Titel um Titel akkurat ab in ein Heft, in Grossbuchstaben, auf jeder Zeile in einer anderen Farbe, und er zeigte uns sein Werk mit würdevollem Stolz. Dass diese Tätigkeit als bizarr angesehen wurde, merkte ich erst am Verhalten und an den Äusserungen der Familienmitglieder, die sich, zwar nicht lieblos, aber doch recht ungeniert, über ihren Webstübeler lustig machten.

Ich mochte Werni, vor allem, nachdem ich ihn einmal im Winter beim Schlitteln auf dem Hang unter der Wackernagelstrasse angetroffen und mit ihm einen sehr vergnügten Nachmittag verbracht hatte. Werni legte sich bäuchlings auf seinen Davoserschlitten und fädelte die Unterschenkel in die Kufen meines Schlittens ein, den er dann, oft wild schleudernd, hinterherzog. Bob nannten wir solche Verbände, die manchmal auch auf drei oder vier Schlitten verlängert wurden. Dann hat es das auf dem letzten sitzende Kind aber meist abgeworfen, und die verbindenden Beine des Zugs bekamen blaue Flecken und Verstauchungen ab. Werni war da vorsichtig. Bei ihm durfte sich immer nur ein Schlitten anhängen. Weil viele Kinder mit ihm fahren wollten, musste man warten, bis man an der Reihe war. Mich liess er an diesem Nachmittag aber unvermittelt auf seinem Rücken mitfahren. Ich spürte zwischen meinen Beinen, wie er mit seinem breiten, mir unendlich stark vorkommenden Rücken steuerte, und sah ein Stück seines geröteten Nackens zwischen dem gestrickten Mützenrand und dem schwarzen Kragen der Windjacke. Die Mütze rutschte ihm während der Fahrt immer über die Augen, was für ihn eine Gelegenheit zu ausgiebigem, lustvollem Fluchen war. Im Ziel sagten wir lachend zu ihm, aber, aber, Werni, red doch nicht so unanständig, worauf er alle schlimmen Wörter der Abfahrt nochmals sorgfältig wiederholte, dazu grinsend von einem Ohr zum andern.

Später, als ich in der Stadt zur Schule ging, begegnete ich Werni nach zwölf im Zweiertram. In der warmen Jahreszeit blieben die Schiebetüren der alten Tramwagen geöffnet, und es wurde eine Querstange zwischen die Türpfosten eingehängt. Der Platz an diesen Stangen war begehrt, für Werni musste aber immer einer frei bleiben, denn dort, halb im Freien hängend, mit wehenden Haaren und tränenden Augen über die Wettsteinbrücke segelnd, war er Tramführer, Billetteur, Kontrolleur und deren aller Chef gleichzeitig. Sein so sichtbares Glück wurde ihm nie streitig gemacht, auch von den gröbsten Rabauken nicht.

Wernis Tischchen aus Kirschenholz ist nun ein Werktisch, an dem ich handwerkliche Arbeiten für meine Kunstprojekte ausführe. Es steht immer noch, oder wieder, auf demselben Estrich, in deren Mansarde Werni seine farbigen Listen malte. Die mit Schilfmatten armierten Gipswände der Mansarde haben wir bei einer unserer Renvationsrunden herausgerissen und aus dem Estrich einen einzigen, grossen Raum gemacht. Dass wir einmal in dem Haus wohnen, es sogar besitzen würden, hätte ich mir damals, als ich vor Wernis Tischchen stand und seine farbige Schönschrift bewunderete, nie träumen lassen. Aber anfangs der Achtzigerjahre suchten wir ein Haus, weil die Situation in der Kleinbasler Wohnung für eine junge Familie ungünstig wurde und meine Frau nach dem frühen Tod ihrer Eltern etwas geerbt hatte. Die ehemalige Freundschaft meines Vaters zur Familie H wurde nun plötzlich zu einem schicksalshaften Vorteil, weil er in einer zufälligen Begegnung mit Frau H erfuhr, dass diese ihr Elternhaus in Riehen verkaufen wollte. Sie berichtete über die unterschiedlichen Ansichten bezüglich des Verkaufs zwischen ihren Geschwistern, und als mein Vater ihr dann von unserer Suche nach einem Haus erzählte, versprach sie, sich für uns, für eine junge Familie, einzusetzen. Was sie dann auch mit Erfolg tat, so dass wir 1980 in den Besitz des Gfellerhauses kamen, mit Werni-Tischchen.

In meiner letzten Ausstellung wurde es in eine grosse Installation eingebaut. Ich habe die unaufgeräumte Situation, die ich beim Modellieren darauf angerichtet hatte, fotografiert, und in der Ausstellung mit allen Dingen, mit allen Tonbröseln und mitsamt dem Staub, wieder aufgebaut. Es hat mich erstaunt, wie sehr sich das kleine Möbel durch die Verschiebung des Kontextes in meinen Augen veränderte, und wie vollständig es sich danach wieder in das ganz normale Werktischchen zurück verwandelt hat. Gerade habe ich Drachen darauf gebaut, für ein nächstes Vorhaben. Mir gefällt der Gedanke, dass das Tischchen noch viel länger leben könnte als ich. Auch wenn, oder gerade weil dann niemand mehr wissen wird, wie einst Werni daran gearbeitet hat, und dass ich an einem der gedrechselten Beine ein Astloch sorgfältig mit Kirschholz geflickt habe.

Montag, 29. Juni 2020

man hat (k)ein Hobby


Ich weiss nicht mehr, wann ich dem Wort Hobby zum ersten Mal begegnet bin. Es war mir jedoch von Anfang an klar, dass wir so etwas nicht hatten in der Familie. Das ist halt sein Hobby, wurde im Tonfall geäussert, als rede man von einer Behinderung. Man konnte den Satz als Antwort bekommen auf die Frage nach Sinn und Zweck einer Beschäftigung, die man bei jemandem in der Umgebung beobachtet hatte, und deren Resultate von einem ungewöhnlich grossen Aufwand erzählten. Eine mir damals riesig erscheinende Eisenbahnanlage in der Garage der Familie S zum Beispiel. Mehrere Züge konnten darauf gleichzeitig fahren, in gegenläufiger Richtung. Es gab viele Weichen, Abzweigungen und Ausweichstellen. Die Steuerung erfolgte über zwei oder drei Transformerkästchen mit schwarzen Drehknöpfen, und, das sah man an den konzentrierten Gesichtern der Buben, die hier wohnten, und deren Vater mit ihnen diese Wunderwelt geschaffen hatte, es erforderte ein mir unerreichbar erscheinendes Wissen, die Bewegungen der Züge ohne Zusammenstösse zu meistern. Ich durfte ein zwei Mal an die Regler, aber nur unter der vereinfachenden Bedingung, dass die von mir befohlene Bahn alleine unterwegs war. Ich hatte bald schweissige Hände und einen verspannten Nacken, so dass ich noch so gerne die Kontrolle wieder abgab. Viel lieber kletterte ich auf ein kleines Schemelchen, das, wenn man sich darauf stellte, auf der Rückseite des Berges den Einblick in die Eingeweide der Anlage ermöglichte. Ich liebte den Moment, wenn die Lokomotive plötzlich in der hell gleissenden Öffnung des Tunneleingangs erschien, sie mit den hinterher gezogenen Wagen füllte und verdunkelte und sich dann, mit ihren zwei gelblichen Scheinwerferchen den Schienenweg schwach beleuchtend, durch die Unterwelt aus Sperrholzspanten, Kanthözern, Eisenwinkeln und Hühnerdrahtgittern bewegte. Der Gegensatz zur Aussenseite der Landschaft hätte nicht grösser sein können. Draussen gab es die Faller-Häuschen aus trübfarbigem Plastik, welche den Mief schweizerischer Provinzbahnhöfe so echt ins Zwergenhafte übersetzten, dass man den säuerlichen Geruch nach Rost, Urin und Schmieröl zu riechen meinte. Die Wiesen aus eingefärbtem Sägemehl, ausgestrichen auf nicht überall mit gleichem Geschick gefalteter Jute, konnten mit der Natürlichkeit der Gebäude nicht mithalten, und bei näherer Betrachtung entdeckte ich auch allerlei irritierende Brüche in den Grössenverhältnissen.

Ein Hobby, wenn ich hier eines vor Augen hatte, war offensichtlich mit ungeheuren, kniffligen und langwierigen Anstrengungen verbunden, an deren Ende – wenn sie denn je ein Ende fanden – ein zwar erstaunliches, im Wert aber zweifelhaftes Resultat stand. Dennoch schob ich die leise Distanznahme, die ich aus den Äusserungen meiner Eltern über Hobbies heraushörte, nicht diesem scheinbaren Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag zu. Tätigkeiten solcher Art kannte ich durchaus von meinen Eltern, aber sie wurden niemals auch nur in die Nähe der Bezeichnung als Hobby gebracht.

Viel später, als Kunstpädagoge, musste ich die Überschneidungen und Abgrenzungen zwischen Hobby und Kunst, zwischen Kunst und Kunsthandwerk, aus Gründen der professionellen Klarheit analysieren und mir zu einer vorläufigen Ordnung zurechtlegen. Heute, wieder als Künstler-Kind, habe ich die Begriffe entlassen in ihre angestammte Vieldeutigkeit. Wenn ich Drachen baue und fliegen lasse, bin ich am Arbeiten.

Einmal, während meiner Zeit als Werklehrer, wollte ich ganz eintauchen in die Welt der Modellbauer. Ich war in der Kindheit und Jugend nie über das Zusammenkleben von ein paar Schiffsmodellen aus Plastik hinausgekommen. Zwar hatte ich auch einen Ausflug in die Welt des Flaschenschiff-Baus unternommen, aber das war mehr als Beschäftigungstherapie während Spitalaufenthalten entstanden. Was ich nie versucht hatte, war die Konstruktion von bewegten, ferngesteuerten Flug- oder Schiffsmodellen. Und so schenkte ich mir auf den Geburtstag, der immer in den Sommerferien lag, den Graupner-Bausatz eines Modellsegelschiffs. Es handelte sich um die 'Optimist', den Nachbau einer erfolgreichen Ein-Tonnen-Rennyacht aus den späten Sechzigerjahren. Ich war bald komplett eingetaucht ins Lesen der Baupläne und Konstruktionsanleitungen, dabei räumte ich mir eine grosszügige Zeitvorgabe zur Fertigstellung des Modells ein. Zuerst musste ich begreifen, dass im Bausatz vieles noch nicht enthalten war, was ich für den erfolgreichen Bau eines steuerbaren Segelschiffs brauchte. Ich wurde also Kunde eines dieser Hobby-Läden, in die wohl noch kaum jemand aus unserer Familie je einen Fuss gesetzt hatte. Ein kleines Lokal hinter einem vollkommen mit Modellen und Kartonschachteln von Modellen zugestellten Schaufenster, in dem ein Bastler, Sammler und Verkäufer hauste, der schlicht alles kannte und wusste, was mit Modellbau zu tun hatte. Ich lernte ihn gut kennen, denn ich musste ihn während meines Vorhabens dutzende Male aufsuchen, und er machte mit mir einen guten Umsatz, auch dank einiger Fehlversuche, welche den Ersatz kaputt gegangener Teile zur Folge hatten.

Es gab viele Knacknüsse zu bewältigen, die für mich harmloseren betrafen handwerkliche und materialtechnische Probleme, bei denen ich auf meine Erfahrung zurückgreifen konnte. Zum Beispiel war die Befestigung des sehr schweren Kiels aus Gusseisen am sehr leichten, dünnwandigen Kunststoffrumpf eine Herausforderung. Die Gefahr bestand in einer Verformung der Schale, die um jeden Preis vermieden werden musste. Dies galt auch beim Verkleben des Decks. Die Reihenfolge bei der Montage der verschiedenen Teile, so wie sie in der Bauanleitung angegeben war, musste unbedingt eingehalten werden. Zu Beginn meinte ich es da und dort besser zu wissen, wurde jedoch durch Misserfolge bestraft und verstand die Struktur der Anleitung erst danach. Als das Boot dann als Modell fertig auf seinem Ständer zu ruhen schien, kam das komplexe, und für mich ganz neue, elektronische Innenleben dazu. Ich hatte im Hobbyladen zwei Server-Motoren gekauft, einen mit einer Seilwinde und einen mit einem kleinen Hebel. Mit der Winde sollten die Segel über die entsprechenden Schoten dichtgeholt und gefiert werden. Ich lernte parallel zu meiner Betätigung als Bootsbauer auch die Funktionen und die fachsprachlichen Begriffe. Mit dem Hebel konnte man das Steuer hin und her bewegen.

In dieser Zeit meines Modellbau-Abenteuers war ich völlig absorbiert. Es waren zwar Sommerferien, aber damit verbanden sich für mich immer auch grundsätzliche Zweifel am Sinn meiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer. Ich sollte in dieser Zeit einerseits für die Familie dasein, andererseits aber auch wieder Unterrichtsvorhaben für das nach den Ferien folgende Semester planen und vorbereiten. Das so einzuteilen, dass ich nicht dauernd gedanklich mit der Schule beschäftigt war und mich auch erholen und mit den Kindern und meiner Frau die Zeit geniessen konnte, war schwierig. Und nun diese völlig absurde Idee mit dem Segelschiff! Ich schaffte es damals nicht, dem Unternehmen einen Sinn zu unterlegen, der das Gewissen beruhigt hätte. Es war ein Entlastungs- und Befreiungsversuch aus diffus empfundenen Einschränkungen. Aus der Geringschätzung von Menschen, die Hobbies haben. Aus dem nie aufhörenden Begründungs- und Verbesserungszwang, dem sich Lehrerinnen und Lehrer aussetzen. Aus den armseligen Abgrenzungen zwischen Freizeit und Arbeit, Arbeit und Hobby, Hobby und Kunst. Ob man selber arbeitet oder nicht, weiss man selber ganz genau, schreibt Ludwig Hohl in einem Aphorismus. Der Satz tönt gut, vereinfacht aber, indem er eine quasi objektive Realität sowohl für Arbeit als auch für Wissen suggeriert. Ich hatte damals für beides nicht einmal eine klare eigene Konstruktion.

Das Segelboot wurde noch in den Sommerferien fertig und ich fuhr damit ein paar Mal nach Brüglingen zum Teich, um es auzuprobieren. Das Segeln, in einer verkleinerten und etwas vereinfachten Form, brachte ich mir vor Ort bei, mit dem Fernsteuer-Kästchen vor dem Bauch. Bald konnte ich bei sanftem Wind jeden beliebigen Ort im Teich gezielt ansteuern. Bei stärkerem Wind erzeugte der breite Rumpf allerdings zu starke Wellen, wodurch Effizienz und Eleganz der Fortbewegung stark beeinträchtigt wurden. Ich beherrschte aber das Segeln vor dem Wind, am und gegen den Wind so gut, dass ich einmal bei einem motorisierten Modellboot, dessen Schraube sich mitten im kleinen See in den Algen verheddert hatte, längs anlegen und es mit dem Winddruck auf den Segeln seitwärts befreien konnte. Den Applaus der Umstehenden nahm ich etwas verlegen, aber auch stolz, entgegen.

Die Optimist stand jahrzehntelang abgetakelt in unserem Keller, bis ich mich bei einer Aufräumaktion entschloss, sie übers Internet zu verschenken. Es meldete sich ein Handwerker aus dem Bodenseegebiet, der mit seinem Kastenwagen zu uns nach Basel fuhr und das Boot mitsamt der Fernsteuerung glücklich mitnahm. Er erzählte, dass er als Bub von diesem Modell geträumt hatte, es sich aber nicht leisten konnte. So kaufte er sich mit seinem gesamten Taschengeld ein kleineres Boot von Graupner, das er aber einmal bei zu starkem Wind auf den Seegrund setzte. Jahre später habe er mit Tauchen begonnen und einmal einen ganzen Nachmittag lang nach dem Modellboot gesucht. Er fand es aber nicht, obwohl er meinte, den genauen Ort seines Versinkens gefunden zu haben. Wahrscheinlich sei es aber in der langen Zeit von Sedimenten begraben worden.

Donnerstag, 28. Mai 2020

fliegende Dinge


An einem Herbstnachmittag blies die Bise heftig, und ich sah am Himmel über unserem Quartier einen Drachen. Er erschien mir rund, hatte einen sehr langen Schwanz mit kleinen Papierschlipsen dran, die er mit seinem leichten Hin- und Herschwanken in eine wunderschöne Schlangenbewegung versetzte. Ich wollte unbedingt wissen, von woher der Drache aufgestiegen war, und wer dieses Meisterwerk in Flugkünsten vollbrachte, und machte mich auf den Weg, kreuz und quer durch die Strassen der Nachbarschaft. Es war nicht einfach, den Standort des Drachenfliegers zu ermitteln, denn die Schnur war kaum zu sehen, und ich hatte sie zuerst auf einer direkten, schrägen Verbindung zum Boden gesucht, sah aber dann, dass sie vom Drachen fast senkrecht nach unten und, in einem immer flacher werdenden Bogen, zur Erde führte. Schliesslich fand ich eine Gruppe von Kindern, die auf einer Nebenstrasse im Kreis standen und nach oben schauten, mitten drin ein älterer Bub mit einer dicken Schnurrolle. Ich stellte mich zwischen die kleinen Zuschauer und hörte ihren Fragen zu, die der junge Fachmann mit betonter Geduld beantwortete, den Blick immer himmelwärts gerichtet, ab und zu etwas Schnur gebend oder einholend. Der Drache war selbst gebaut, mit ein wenig Hilfe des älteren Bruders. Er war achteckig, nicht rund, was ich erst jetzt sehen konnte, obwohl er inzwischen noch weiter gestiegen war. Die Schnur sei ein Kilometer lang, behauptete der Drachenlenker, aber niemand schien ihm recht zu glauben. Das Schwierigste sei das Starten gewesen, in der Enge der Strasse, und mit den Bäumen am Trottoirrand und in den Gärten. Ich hatte noch nie einen Drachen gebaut, also hatte ich auch keine Erfahrung mit den Schwierigkeiten beim Steigenlassen, aber Drachenleichen hatte ich schon viele gesehen in den Bäumen. Manche blieben jahrelang hängen, bleichten aus und zerfledderten immer mehr, bis nur noch die Stäbe und ein paar Schnüre übrig waren. Nun fragte ein Kind, ob es die Rolle auch ein Mal halten dürfe, und sofort wollten alle, so dass eine Warteschlange entstand. Ich stellte mich an, und als ich dran war und die Rolle übernahm, klopfte mir das Herz bis zum Hals vor Aufregung. Keine Schnur mehr geben, befahl der Besitzer des Drachens, du musst die Rolle blockieren. Was für ein Gefühl, als man den Zug des Drachens spürte und es einem die Arme nach vorne und aufwärts hob. Mit dem Blick der riesigen Kurve der Schnur entlang nach oben folgen. Zu spüren, dass man für den Moment Ankerpunkt und Gebieter dieses fliegenden Tiers war. Als der Drache plötzlich stärker schwankte und begann, eine liegende Acht in den Himmel zu schreiben, nahm man mir die Rolle aus der Hand. Melken muss man, dann kommt er wieder. Und mit grossen Pandelbewegungen zog der Dachenflieger an der Leine, liess locker, zog wieder an. Der Drache stellte seine Seitwärtsbewegungen ein, stieg bei jedem Straffen der Leine senkrecht auf und schien wieder eine stabile Luftschicht zu erreichen. Hing eine kurze Zeit sogar völlig still am Himmel.

Ich weiss nicht mehr, ob es dieses Erlebnis war, das mich bewog, meinen Vater zu bearbeiten, er solle mit uns Drachen steigen lassen. Jedenfalls machte er sich eines Tages dahinter, mit meinem Bruder und mir einen riesigen Vogel zu bauen. Wenn schon, dann schon. Und, wie es typisch war für ihn, begann er das Unterfangen mit grossem Selbstbewusstsein und ohne jede Anleitung. Wie ich erst viel später beurteilen konnte, auch ohne jede Ahnung von der Kunst des Drachenbaus und -fliegens. Als Bespannung verwendeten wir ein weisses Papier ab der Rolle, das wir auf ein Kreuz aus zwei hölzernen Halbrundprofilen spannten und es dann bemalten. Es wurde ein Adler mit sicher zweieinhalb Metern Spannweite, sehr schwer und, vor allem für uns Buben, unhandlich. Durchaus schön und dekorativ anzuschauen. Aber das reicht nicht als Qualitätsmerkmal für einen Drachen, wir wollte ihn fliegen sehen. So zogen wir los und versuchten ihn auf einem Feld zu starten. Einer stellte sich hinter das Ungetüm und hielt es, aufgestellt auf den Boden, in der Senkrechten. Der andere gab einige Meter Schnur, und auf sein Kommando, bei dem der andere loslassen sollte, rannte er los. Der Vogel erhob sich kaum, der Zug auf die Schnur war ungeheuer stark und wir waren nach kurzer Zeit so ausgepumt, dass wir auf die Idee kamen, es mit dem Velo zu versuchen, diesmal auf der Strasse, die dem Feld entlang führte. Bei diesen Starts zog der Drachen stark auf eine Seite, und da er nie weit vom Boden wegkam, überschlug er sich einige Male und bekam erste Risse. Wir flickten sie tapfer mit Klebstreifen, und holten schliesslich den Vater, der uns mit dem Töff helfen sollte, das Ding hochzuziehen. Mein Bruder wusste, dass auch Segelflugzeuge mit Autos oder motorisierten Seilwinden gestartet werden, und so kam uns diese Möglichkeit naheliegend vor. Als wir die Schnur am Gepäckträger der Hummel befestigt hatten, stellten wir uns in einiger Entfernung beide hinter den Drachen, gaben das Startzeichen, und mein Vater fuhr los. Der Drachen zog hoch, dann in einer schwerfälligen Kurve wieder nach unten, und zerschellte auf dem Trottoir. Da mein Vater nicht nach hinten schauen konnte, schleifte er den Kadaver noch eine Weile hinter sich drein, bis es so aussah, als würde er ein zerissenes Leintuch hinter sich herziehen. Danach baute ich keine Drachen mehr. Ich glaubte nicht daran, dass es mir je gelingen könnte.

Ende der 70er-, anfangs der 80er-Jahre gab es erste Drachenbücher zu kaufen, und der alte Traum wurde wieder wach. Bevor der Hype einsetzte, mit Drachenläden, Drachenkursen und Drachentagen in der Region, war es nicht einfach, die geeigneten Materialien zu bekommen. Zum Beispiel Drachenschnur. Ich kam auf die Idee, in dem kleinen Fischerei-Laden nachzufragen, den es damals noch gab, am Barfüsserplatz. Es war Frühling, und ich arbeitete mich beharrlich durchs Sortiment, interessierte mich für die Zugfestigkeit und das Gewicht der Schnüre. Die Ladeninhaberin fragte mich schliesslich, etwas ungeduldig, wozu ich denn die Schnur brauche. Als ich sagte, um Drachen steigen zu lassen, wollte sie mir die Rolle nicht verkaufen. Sie regte sich darüber auf, dass man diese traditionelle Herbstangelegenheit jetzt auch vorverlege, wie die Schokoladenhasen und die Fastenwähen, die schon bald nach Weihnachten angeboten würden. Alles werde verschoben und verdreht, fand sie. Es kostete mich viel Geduld und freundliches Beharren, bis sie mir die Schnur schliesslich doch überliess.

In einem Klassenlager im Brugnasco anfangs der 1980er-Jahre baute ich mit Schülerinnen und Schülern der DMS Drachen. Es war knifflig, in der steilen Hanglage unseres Aufenthaltsortes Drachen steigen zu lassen, ohne sie alle in den Wald zu setzen. Wenn die Schnur schon sehr weit ausgerollt und der Drache hoch aufgestiegen war, befand er sich doch immer noch sehr nahe über den Baumwipfeln, und da der Wind jeder topografischen Form des Untergrundes folgte, über den er in die Höhe strich, sog er die Drachen bei Senken oder Waldlichtungen gefährlich nach unten. Einmal baute ein Schüler einen grossen Vogel, nach einem brasilianischen Modell aus einem meiner Bücher. Wir bespannten ihn mit zusammengeklebten schwarzen Plastikfolien grosser Abfallsäcke. Als er fertig war, hatte er eine Spannweite von etwa zwei Metern, und obwohl er mich an den Riesenvogel meines Vaters erinnerte, versprachen seine Form und sein geringes Gewicht mehr Erfolg. Der Drache stieg von Anfang an völlig ruhig und steil senkrecht nach oben. Wenn er den Jungen unten an der Rolle fast überflogen hatte, zog er einen Kreis und setzte, wenn er wieder flacher stand, seinen Ansteig fort. Schon bald hatte er optisch die Grösse eines Adlers oder Milans, und seine Silhouette erinnerte trotz der Abstraktion stark an einen echten Vogel. Und so erstaunte es uns kaum, als ein Milan vom Wald herflog, neugierig ein zweimal um unseren Drachen kreiste, und dann wieder abzog. Dieser war in der Zwischenzeit sehr hoch aufgestiegen und geriet in eine starke Windströmung. Bald wurde uns klar, dass er sich kaum mehr einholen liess, weil die Nylonschnur, die wir aus Kostengründen verwendeten, reissen würde. Da sich das Schullager seinem Ende näherte, schlugen die Schüler vor, wir sollten dem Drachen alle Schur geben, die wir noch hatten. Und so liessen wir den Drachen bis über die Wolken steigen. Dann riss die Schur, irgendwo in der Mitte, so dass das Gewicht des an dem Drachen verbleibenden Restes ihn immer noch im richtigen Winkel hielt. Aber nach oben gabs kein Halten mehr. Es war nur noch ein Pünktchen zu sehen, man verlor ihn aus den Augen, andere hatten ihn noch im Blick und zeigten auf Wolkenlücken, in denen sie ihn angeblich noch sahen. Er war in den schnellen Windstrom aufgestiegen, der in diesen Tagen von Süden nach Norden über den Gotthard zog.








Montag, 27. April 2020

viele Dinge


Die Regalbretter waren eine Station; wenn Dinge dort landeten, waren sie aus dem Kreislauf herausgefallen und blieben liegen.
Karl Ove Knausgård, Kämpfen, S. 295

Das Buch von Knausgård hat mich nun über Wochen begleitet und beschäftigt. Ich hatte es auf Rat eines Freundes im Zusammenhang mit meinem autobiografischen Schreiben zu lesen begonnen. Nach meiner Meinung halten die verschiedenen Teile nicht zusammen, aber es gab viele Aspekte, die mich sehr beeindruckt haben, vor allem seine sehr ehrliche, trockene Art, über den Alltag zu schreiben, über die verschiedenen Ebenen der inneren und äusseren Realität, die sich im ganz normalen Leben parallel oder vermischt abwickeln, über die gleichzeitige Existenz der Körper, Seelen und Dinge, die zu all den Komplikationen führen, die wir jeden Tag erleben.

Um den Satz von den Landestationen in einem Haushalt, auf dem die Dinge aus dem Kreislauf herausfallen und liegenbleiben, beneide ich Knausgård. Auf norwegisch ist er womöglich noch trockener.

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Ordnung der Dinge sich wie Ebbe und Flut verhielt, naturhaft an- und abschwellend. Auf Fotos aus meiner frühen Kindheit sind die unteren Räume, das Ess- und das Wohnzimmer, noch relativ karg eingerichtet. Es gibt schöne Gegenstände, die genügend Raum um sich haben, einen alten Kasten und einen kasachischen Teppich, den die Eltern auf die Hochzeit geschenkt bekamen. Moderne Designstücke wie die schwarzen Ameisenstühle von Eames, eine Stehlampe, das modernistische Clubtischchen mit einem Steinmosaik, das der Vater gemacht hatte. Über die ganze Fensterfornt des Esszimmers zog sich die Werkbank, die auf drei Schubladenmöbeln ruhte. In den kleineren lagen die Goldschmiedewerkzeuge meines Vaters, die für uns Kinder lange Zeit tabu waren. In den breiten, flachen Schubladen hatte er Zeichnungen und Bilder versorgt. In zwei Regalmöbeln, die der Werkbank aufgesetzt waren, wurden Kunstbände und die Hefte der Kulturzeitschrift Du aufbewahrt. Darunter stand die Bernina-Nähmaschine in ihrem schweren Gehäuse. Wenn meine Mutter nähte, stellte sie die Maschine auf den Esstisch, und der leere Koffer wurde mir zu einem Parkhaus für die Dinky Toys-Autos. Als meine Mutter mit den Gesangsstunden begann, musste ein Klavier angeschafft und im Wohnzimmer untergebracht werden. Die neue Enge erforderte einen mehr pragmatische als ästhetische Aufstellung der Dinge, es kam das Cello dazu, das eine Zimmerecke besetzte. Die Sammelbegeisterung beider Eltern füllte die Regale über den Fenstern, Sammlungen brauchten Vitrinen, immer mehr Bilder zwangen zu unkonventionellen Hängungen. Meine Mutter hatte immer wieder Haushalthilfen, junge Frauen, welche eine Haushaltlehre machten und ihr Praktikum bei uns absolvierten. Oder eine Frau, die gegen Bezahlung die Wäsche bügelte. Sie war das so gewohnt aus ihrer Kindheit, und als sie wieder ausserhalb des Hauses zu arbeiten begann, ging es wohl nicht anders.

Manchmal wurde ein Teil unseres Hauses zum Atelier der Eltern. Im Keller hatte der Vater seine Werkstatt, in der er zum Beispiel seine Mosaiken machte. Oder die Treibhalbkugel mit dem Pech vorbereitete. Das Treiben und Zisellieren setzte er dann an der Werkbank fort, im Esszimmer. Einmal übernahm er vom Schwiegervater, der Zunftmeister bei den Webern war, einen grösseren Auftrag. Er sollte eine Silberplatte mit dem Wappentier der Zunft, mit dem Vogel Gryff, verzieren. Abend für Abend hörten wir vor dem Einschlafen das rhythmische Picken des Ziselierhammers, bis er einmal abrupt aufhörte und laut zu fluchen begann. Die Katastrophe war eingetreten, er hatte das Silber überstrapaziert und den Punzen hindurchgehauen. Es zeigte sich, dass er ein zu reines Silberblech gekauft hatte, und er musste von vorne beginnen. Der Schwiegervater bezahlte zum Glück das zweite Blech. Auch die Mutter nahm einmal das Esszimmer vollkommen in Beschlag wegen einem Auftrag. Für die St. Christophoruskirche in Kleinhüningen entwarf und gestaltete sie einen grossen textilen Wandbehang für das Weihnachtsfest. Den Entwurf vergrösserte sie mit einem Raster auf Papierbahnen, die auf dem Boden ausgelegt werden mussten und das ganze Zimmer füllten. Der Esstisch wurde vorübergehend ins Wohnzimmer verlegt, die entstehende Enge und die provisorische Lage aller Dinge im Haushalt liess die Ordnung schnell gänzlich erodieren. Wir lernten, uns im Chaos der Gegenstände und Abläufe einzurichten.

Wir hatte in unserem jetzigen Haus, das 1907 gebaut wurde, sehr lange Zeit nur eine Toilette, im ersten Stock. Im Parterre gab es links neben dem Eingang einen kleinen Durchgang zu Küche, einen winzigen Raum, der ursprünglich zwei Türen hatte, die wir aber sofort aushängten. Ich installierte in dem Raum ein sehr einfaches Regal, mit drei an einem Balken befestigten, quadratischen Regalbrettern. Wir nutzten den Raum und die Installation zur Unterbringung von Vorräten und Putzgeräten. Bald wurde es auch zu einer Station im Sinne des Satzes von Knausgård. Für Aussenstehende war die Ordnung, die wir in dem Sammelsurium durchaus noch sahen, unmöglich zu durchschauen. Aber es wurde auch uns manchmal zuviel, und bei Lebensmitteln wird das Vergessen bestraft durch Insekten, die sich einnisten und von der Station ausbreiten können. Immer wieder aufräumen, reduzieren, neu strukturieren half auf die Dauer nicht. Im Zuge einer Renovation der Küche wurden in den kleinen Raum eine Toilette und eine Dusche eingebaut. Ein Teil der vorher dort versorgten Dinge ist nun in der neu strukturierten Küche untergebracht, der selten gebrauchte Teil musste in den Keller umziehen. Wenn ich heute Fotos der Station anschaue, staune ich, wie wir mit dieser bunten, unübersichtlichen Fülle im Alltag klar kamen. Ein bisschen wehmütig macht es mich auch, denn es strahlt eine eigene, sehr menschliche Ästhetik aus.


Samstag, 25. April 2020

magische Dinge


Als kleiner Bub waren mir Trophäen wichtig, Dinge, die ich von meinen Abenteuern zurück in die vertraute Umgebung meines Zimmers mitnehmen und, zur Erinnerung oder als Beleg für das Erlebte, aufbewahren musste. Ich inszenierte die Objekte gerne auch zu kleinen Ausstellungen, zum Beispiel auf dem Nachttischchen in einer Ferienpension. Ein solches Bild habe ich noch vor Augen, ich weiss aber nicht mehr, wo und wann das gewesen ist. Dass ich nicht ganz alles auf diese Weise zeigen konnte, daran erinnere ich mich. Der Grund war, dass ich mich bei meiner Trophäenjagd auch zu verbotenen Aktionen hinreissen liess. Auf meinem Nachttisch damals fehlte das kurze Stück einer goldenen Kordel, das ich heimlich in einer Kapelle von einer Fahne abgerissen hatte. In diesem aggressiven Akt drückte sich vielleicht mein stiller Protest gegen die vielen Kirchenbesuche mit meinen Eltern aus, sei es, um bestimmte Kapellen und Kirchen aus kunsthistorischem Interesse zu besichtigen, sei es auch, um die katholische Pflicht des sonntäglichen Messebesuchs noch an den entlegensten Ferienorten zu erfüllen. Die goldene Schnur musste also in meinem Hosensack bleiben und wurde nur im Versteckten angeschaut.

Den Hang, zu sammeln und auszustellen, zeigten beide Eltern. Eine der ersten Sammlungen, die eine eigene Vitrine bekam, betraf kleine Modelle historischer Autos. Das war erstaunlich, denn weder mein Vater noch meine Mutter interessierten sich sonderlich für Autos. Aber diese kleinen, oft sehr zierlichen Nachbildungen von Oldtimern aus der Geschichte des Automobils, Pennen, wie wir sie komischerweise nannten, hatten es ihnen angetan. Ich meine, dass der befreundete Fotograf dabei eine Rolle spielte, der zuerst so eine Sammlung besass, und vielleicht meinen Eltern die ersten Modelle schenkte. Eine Zeit lang hing die Vitrine in unserem Esszimmer, dann, als sich das Interesse, vor allem meiner Mutter, auf neue Gebiete verschob, zog die Ausstellung ins Bubenimmer um. Wir sammelten noch eine Weile weiter, wobei mein Bruder sich dank seiner Kenntnisse gezielt besonders wichtige und berühmte Modelle wünschte und schenken liess. An den Itala des italienischen Fürsten Scipione Borghese kann ich mich gut erinnern, ein Riesenauto, mit dem 1907 das Rennen von Paris nach Peking gewonnen wurde, und das wir in zwei verschiedenen Zuständen seiner damaligen Ausstattung hatten. Irgendwann erlahmte auch unser Interesse an den kleinen Autos, die Sammlung verstaubte, einzelne Modelle gingen kaputt, obwohl die ursprüngliche Abmachung das Spiel mit ihnen ausgeschlossen hatte. Die Vitrine verschwand schliesslich, als unser Zimmer bei meinem Eintritt ins Gymnasium renoviert und für Schularbeiten tauglicher gemacht wurde.

Ab wie vielen ähnlichen Objekten, Dingen mit der gleichen Funktion, aus demselben Material, mit ähnlicher Bedeutung und so weiter, spricht man von einer Sammlung? Ab fünf, ab zehn, ab fünfzig? Nach dem letzten Kriterium habe ich drei Sammlungen. Eine mit Schneckenhäusern, eine mit Messern und eine mit kleinen Köpfen und Figuren. Die ersten beiden, die Schnecken und die Messer, haben mehrere hundert meiner Studentinnen kennengelernt. Ich habe an den Schneckenhäusern gezeigt, wie sich die Regeln des Bauplans analysieren, dann variieren und wieder anwenden lassen. Bei der Beschäftigung mit den Messern ging es um die Prüfung und Bewertung von Artefakten, sowohl auf ihre Funktion hin, als auch in Bezug auf die Ästhetik. Beide Sammlungen haben ihre Wurzeln in meiner Kindheit und Jugend, weshalb sie sich dazu eigneten, ein Gespräch über das Sammeln bei Kindern und Jugendlichen, als ästhetische Praxis, zu eröffnen. Die erste Gruppe von Köpfchen schliesslich habe ich gezielt zusammengetragen, um das Projekt 'têtes de moules' in Gang zu setzen. Später wurde meine Sammlung von den Teilnehmern um ein Vielfaches erweitert und schliesslich in einer grossen Installation ausgestellt. Auch darin waren Objekte enthalten, die ich schon in meiner Kindheit um mich hatte, Figuren und Köpfe, die meine Eltern auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden gekauft und im Haus aufgestellt hatten. Man kann sich vorstellen, dass die Räumung dieses Haushalts eine Riesenaufgabe war, welche die zweite Frau meines Vaters fast alleine geschultert hat.


Donnerstag, 23. April 2020

Zolligeschichten 2


Die Bezeichnung Zolligeschichten, für Erzählungen von mir, die meine Frau zwar interessant, aber im Moment nicht passend fand, hatte einen Grund. Es gab eine Zeit, da ich einen Morgen pro Woche im Zoo verbrachte und Tiere zeichnete. Dabei konnte man einiges erleben.

Während unserer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule hatte wir jeweils am Montagmorgen Tierzeichnen im Zoologischen Garten, beim Basler Maler Gusti Stettler. Er hatte eine klare Vorstellung davon, mit welchen Tieren man als Anfänger zu beginnen hatte. Rinder, Hirsche, Ziegen. Keine Vögel, und schon gar keine Bären oder Raubkatzen, die seien für uns zu schwierig. Ich begann mit den afrikanischen Zwerggeissen, ich glaube, mein allererstes Blatt aus diesem Unterricht habe ich noch. Da die Modelle nie lange stillhielten, musste ich eine Strategie lernen. Man beginnt mit einer Stellung, und wenn das Tier wegläuft, sich dreht oder hinlegt, fängt man ein eine zweite Zeichnung an, und so weiter, bis man drei vier Skizzen auf dem Papier hat. An diesen zeichnet man abwechselnd dann weiter, wenn die Ziege, oder was auch immer, wieder ungefähr in einer der Stellungen verharrt. Da wir vom Lehrer angehalten wurden, mehrere Montage beim gleichen Tier zu bleiben, stellte ich bald fest, dass sich gewisse seiner Eigenheiten, Formen, Silhouetten, Proportionen, aber auch Bewegungsabläufe und typische Haltungen, ins Gedächtnis einprägen. So kann man begonnene Zeichnungen auswendig ergänzen oder gar fertigstellen. Stettler klopfte einem aber auf die Finger, wenn man zu sehr aus der Routine schöpfte und seiner Meinung nach nicht mehr richtig hinschaute. Nach einer Weile durfte man sich die Tiere frei aussuchen. Ich spezialisierte mich während kürzerer oder längerer Phasen auf Menschenaffen, dann auf Vögel, und schliesslich auf die Raubkatzen.

Der Montagmorgen war eine interessante Zeit, um im Zolli zu sein. Die grossen Raubkatzen zum Beispiel bekamen an diesem Tag nichts zu essen, und waren in dieser verordneten Fastenzeit viel lebendiger als sonst. Oder sie wurden auf eine Weise gefüttert, die man lieber vor spärlichem Publikum ausprobierte, mit ganzen Ratten für die schwarzen Panther, die bald aussahen wie geteert und gefedert, über und über verklebt waren mit Blut und weissen Haaren. Es gab nur sehr wenige Besucher, meist ältere Leute, Rentnerinnen und Rentner, welche die Tiere persönlich kannten, sie begrüssten und manchmal sogar umgekehrt erkannt und begrüsst wurden. Bei den Menschenaffen setzten sich in jener Zeit neue Methoden durch, wie man die zootypische Langeweile und Schwermut der Primaten vermindern könne durch abwechslungsreiche Spielangebote. Sie bekamen jeweils am Montag Nachschub, und immer etwas Neues. Jutesäcke für die Orang Utan. Holzwolle in Hülle und Fülle für die Schimpansen und Gorillas. Wir vergassen zwischendurch ob des Spektakels das Zeichnen. Es ergaben sich aber auch witzige Motive, ein junger Orang zum Beispiel, der sich einen Kapuzenmantel aus den Säcken zurechtriss und sich immer wieder neu damit verkleidete, die andern provozierte und erschreckte. Ich habe mehrere Blätter mit diesem Clown gefüllt. Wir legten unsere Zeichenutensilien auf dem Betonsims vor den grossen Glasfronten der Käfige ab. Vor allem die Schimpansen zeigten sich sehr interessiert, wenn wir in unseren Kästchen und Tüten nach dem Knetgummi oder den Kohlen kramten. Bei den Gorillas fanden wir heraus, dank unseres Halbwissens aus Artikeln und Filmen über Dian Fossey, wie man mit ihnen in Kontakt kommen kann. Wenn man sie direkt fixiert, wenden sie sich ab. Dreht man sich aber umgekehrt von ihnen ab und schaut nur ab und zu, quasi verschämt und über die Schulter, durch das Glas zu ihnen, nehmen sie das Spiel auf, und es ergibt sich eine Art Flirt über die Artgrenze hinweg. Sehr aufregend!

Mit uns künftigen Zeichenlehrern war ein Lehrling im Tierzeichnen, der Tierpräparator werden wollte. Wir kannten ihn schon aus dem dreidimensionalen Gestalten, das er auch mit uns zusammen absolvierte. Wegen seines Plappermauls und der Ausrüstung, die er dort trug, erhielt er von einem von uns einen Übernamen. Der Edi mit der Gärtnerschürze. Hatte er uns schon in der Werkstatt dauernd mit seinen Ratschlägen traktiert, so war er nun im Zoo erst recht in seinem Element. Er wusste alles und kannte alle. Immer um zehn Uhr durften wir im Zollirestaurant Pause machen. Als wir einmal von dort wieder zu unseren Feldstühlen zurückkehrten, kamen wir mit Edi, der links und rechts alles kommentierte, am Gehege der Fischotter vorbei. Eine niedere Betonmauer, dahinter der Wassergraben, dann die Pseudolandschaft mit Betonfelsen, darauf verteilt ein paar Fischotter. Edi beugt sich weit über das Mäuerchen und streckt einem der Tiere, mit dem er persönlich befreundet ist, seine Hand entgegen. Wusch! Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie der Otter Edis Hand ansprang und sich mit seinen breiten Kiefern in seinen Daumenballen festbiss. Die Hand zurückzuziehen nützte dem armen Kerl auch nichts, weil ein fauchender, ziemlich schwerer Pelzknäuel daran hing. Edi hatte grosses Glück, dass der Fischotter sich nach ein paar Sekunden ins Wasser platschen liess, ohne ihm den ganzen Daumenmuskel wegzureissen. Er hatte aber nach diesem Vorfall mehrere Wochen lang den Arm in der Schlinge. Und uns schien, dass er etwas weniger schwatzte.






Dienstag, 21. April 2020

Zolligeschichten 1


Als Zolligeschichten bezeichnete meine Frau früher Erzählungen von mir, über Dinge und Begebenheiten, die nach ihrer Meinung vor allem mich interessierten, weniger die Zuhörer. Vor allem in den Augenblicken, in denen ich zu solchen Geschichten anhob, wo ein persönliches Gespräch unter den Anwesenden möglich oder gerade am Entstehen gewesen wäre, das ich nun aber mit der ausführlichen Schilderung eines zwar an sich interessanten, aber im Moment eher peripheren Gegenstandes abgewürgt, wenn nicht für die verbleibende Zeit der Begegnung verunmöglicht hätte. Die mitschwingende Unterstellung, ich weiche auf diese Weise, oder gar generell, einem Austausch mit meinen Gesprächspartnern aus, sagen wir, über unsere aktuelle Befindlichkeit, über die Beziehungen, oder über die Dinge, welche die andern wirklich interessierten, musste ich natürlich zurückweisen, auch wenn sie vielleicht da und dort zutreffen mochten. Ich empfand meine Zolligeschichten nicht als Ausweichmanöver. Mich interessieren einfach sehr viele Dinge, unter anderem Geschichten von und mit Tieren.

Als ich in der dritten Primarklasse war, brachte unser Lehrer drei junge Kätzchen mit ins Klassenzimmer. Aus umgekippten Turnbänken hatte er ein Gehege gebaut, ein paar Kartonschachteln und -röhren hineingelegt, auch ein zwei alte Kissen, und in diese Installation die Katzenbabys hineingesetzt. Wir durften ringsherum Platz nehmen, in der ersten Reihe knieend, dahinter auf Stühlen, wir waren über dreissig Schüler, es war also eng. Was wir zu sehen bekamen, war für die meisten neu. Die Kätzchen waren zuerst sehr eingeschüchtert und versteckten sich in den Schachteln, dicht aneinandergedrängt. Bald aber begannen sie, die neue Umgebung zu erkunden, dabei in der ihnen eigenen drolligen Weise sich von allem und jedem sekundenweise ablenken zu lassen, von einem Staubfussel, der angefallen werden musste, vom eigenen Schwanz, der im Augenwinkel auftauchte und, weil er nicht zu erhaschen war, zu einem wilden Wirbeltanz verleitete. Wenn eines in einer Röhre verschwand, musste ein anderes von der Gegenseite nach dem Rechten schauen, die Begegnung in der Mitte konnten wir nicht sehen, aber dass sie zu einer wilden Balgerei in grosser Enge führte, konnte man an der Bewegung der Kartonhülse erkennen. Unser Gelächter und die vielen Jöööh's erschreckten die Tiere nur am Anfang.

Der Lehrer eröffnete uns schliesslich den tieferen Zweck seiner Vorführung. Er musste die Kätzchen loswerden, wir sollten also zu Hause fragen, ob wir vielleicht eines bei uns aufnehmen dürften. Ich habe nicht gefragt, wie mir später immer wieder unter die Nase gerieben wurde, sondern meine Mutter beschworen. Mami, ich muss unbedingt so ein Kätzchen haben, bitte, bitte, bitte. Und so durfte ich eines haben, einen fast ganz weissen Kater mit getigertem Schwanz, und ein paar dunkeln Tupfen über den Ohren und auf dem unteren Rücken. Er hatte keinen richtigen Namen, wir riefen ihn einfach Busi, worauf er nach kurzer Zeit sehr gut hörte. Ich erinnere mich noch an die erste Nacht, als er bei uns war. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Ich nahm den kleinen Kater zuerst zu mir ins Bett und spielte noch eine Weile mit ihm. Als ich dann schlafen wollte, wurde es schwierig, weil er sich entweder möglichst auf mich oder ganz nahe an mich legen wollte und dabei unglaublich laut schnurrte und mich mit den Vorderpfötchen tretend bearbeitete. Oder aber er ging wieder auf die Jagd nach allem, was sich bewegte. Wenn ich einen Zeh auch nur um einen Millimeter rührte, sprang er ihn mit voller Wucht seines kleinen Körpers an und stach mich mit seinen scharfen Krallen durch alle Stoffschichten hindurch empfindlich. So trug ich ihn schliesslich schweren Herzens hinaus. Weil er meine Absicht durchschaute und immer von neuem versuchte, zwischen meinen Beinen hindurch ins Zimmer zurück zu wischen, musste ich ihn schliesslich überlisten, indem ich ihn auf meinen Pullover bettete. Den traktierte er schnurrend mit seinem Milchtritt, und geriet dabei so in Extase, dass ich mich davonstehlen und die Türe zumachen konnte.

Der Kater wurde nie kastriert, er durfte die pelzigen Marmeln unter seinem hocherhobenen Schwanz das ganze Leben lang spazieren führen, mit allen Konsequenzen. Wir stellten fest, dass es nach ein paar Jahren in der Umgebung immer mehr weisse Katzen mit getigertem Schwanz gab. Mani Matters Lied vom Ferdinand und den vielen Ferdinändli im Quartier war daher für mich klar ein Lied auf unseren Kater. So friedlich wie Matters Ferdinand war er aber nicht. Er kämpfte zur Verteidigung seines riesigen Reviers, wir bekamen Berichte von Sichtungen unseres Katers bis hinauf an den Rand des Hörnliwaldes. Und seine Ohren wurden zuerst gefranst, dann durch die sich alljährlich wiederholten Verletzungen etwas kürzer und unregelmässig gerundet. Sein mächtiger Kopf wurde dadurch noch imposanter. Manchmal kam er mehrere Tage nicht nach Hause. War er schwer verwundet, hörte man das an seinem Ruf, wenn er unten zur Küchentür hereinkam. Meine Mutter sagte, wenn sie diesen lang gezogenen Klagelaut vernahm, immer schnell, ich solle gehen und schauen. Sie wolle das gar nicht sehen. Wir waren mit dem Kater nie beim Tierarzt, soweit ich mich erinnern kann. Ich wusch seine Wunden mit Kamillentee, er legte sich für mehrere Tage auf den Fenstersims und schlief durch, so lange, bis es ihm wieder besser ging. Die Narben unter dem Fell waren deutlich spürbar, wenn man ihn streichelte.

Der Kater lebte immer noch, als ich aus dem Elternhaus auszog, da war er schon dreizehn oder mehr Jahre alt. Mein Vater und seine zweite Frau kümmerten sich weiter um ihn. Kurz vor seinem Tod, oder besser, vor seinem letzten Verschwinden, tauchte ein junges, ausgehungertes Kätzchen auf, das sich an seinen Futternapf heranschlich und daraus frass. Natürlich kam unser Maudi, als er es merkte, angerauscht und wollte den Futterdieb verdreschen. Das Kätzchen aber duckte sich auf den Boden und hob auffordernd sein Hinterteil in die Höhe, ein einfaches Angebot, sex for food. Der Alte liess sich nicht lange bitten, besprang sie, und erlaubte ihr zu fressen. So ging das einige Tage lang, bis sich Leute aus der Nachbarschaft bei meinem Vater und seiner Frau meldeten. Ihnen sei ein kleiner Kater entlaufen, und jemand habe gesagt, er sei in ihrem Garten gesehen worden. Man wies auf den Umstand hin, dass es sich bei dem Besuch um eine Katze handle, und nicht um einen Kater, aber man machte ab, das Tier mit einem Trick zu fangen und zu schauen. Die kleine Katze war sehr scheu und liess sich nicht anfassen, also musste man sie mit Futter in die Küche locken und die Türe hinter ihr mit einer Schnur zuziehen. Als sie gefangen war und er sie auf den Arm nehmen konnte, stellte mein Vater fest, dass es sich tatsächlich um einen Kater handelte!

Mein alter Kater kam eines Tages einfach nicht mehr zurück von seinen Wanderungen. Ein würdiger Abgang,fanden wir.