Der Oktober 1913 begann mit sintflutartigen Regengüssen, denen das Kanalisationssystem der Stadt bei weitem nicht gewachsen war. Das Wasser hob die Gullyplatten an vielen Orten in die Höhe und warf sie zur Seite wie Bierdeckel. Unterführungen und Keller wurden überflutet, Archive lösten sich auf, Kurzschlüsse führten zu Bränden. Und es regnete fast den ganzen Monat hindurch weiter, sodass dieser Oktober zu einem der nässesten seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen wurde.
Ein beunruhigender Brief des ältesten Bruders Joseph erreichte Jules und seine Schwestern. Sie setzten sich zusammen, im Aufenthaltsraum des Home Jeanne d'Arc. Es ging dem Vater, nach einer längeren Phase scheinbarer Genesung, wieder schlechter. Ausserdem machte sich Joseph Sorgen über die politischen Spannungen zwischen dem deutschen Kaiserreich und Frankreich, deren Auswirkungen er an der Grenze sehen konnte, sowohl in Basel, wo die Grenzwache durch Soldaten verstärkt wurde, als auch bei Bonfol, in der Nachbarschaft von Cornol, wo die gegnerischen Länder mit der Schweiz einen gemeisamen Grenzpunkt teilten. Er machte in seinem Schreiben deutlich, dass er ihre Heimkehr wünschte, zumindest vorübergehend, damit man sich gemeinsam Gedanken über die Zukunft der Familie machen könne. Für Marie war es sofort klar, dass sie zurückkehren werde. Berthe dagegen war masslos enttäuscht. Sie hatte die Krankheit des Vaters schon völlig vergessen und damit gerechnet, dass bald auch die jüngste Schwester Clara zu ihnen stossen werde. Auch Jules musste zugeben, dass er, wegen dem längeren Ausbleiben schlechter Nachrichten von zuhause, sich nicht mehr gefragt hatte, wie es dem Vater gehe. Es wurde ihm bewusst, wie wenig er bisher über das Altwerden, oder gar den Tod, seiner Eltern nachgedacht hatte. Und deutlicher als auch schon tauchte die Möglichkeit auf, sein amerikanisches Abenteuer könnte von begrenzter Dauer sein.
"Wir kommen wieder!", versuchte er Berthe trösten, aber sie legte den Kopf auf die Arme und heulte. Er verstand sie.
Mr. McCurdy überreichte ihm an einem Abend einen Briefumschlag von Edmond.
"Sie wollen uns doch nicht verlassen, Chiquet?"
Jules konnte nicht deuten, ob die Frage ernst gemeint war. Und er hatte keine Ahnung, was Edmond ihm mitteilen oder von ihm wollen könnte.
"Natürlich nicht, Sir. Vielleicht geht es um meine Schwester Berthe, Sir. Sie würde gerne als Hausangestellte arbeiten."
"Ach so!"
Mr. McCurdy schien nicht überzeugt zu sein.
Als Jules den Brief bei sich im Zimmer öffnete, las er wirklich von der Aussicht auf eine mögliche Arbeitsstelle seiner Schwester bei drei älteren, unverheirateten Geschwistern mit dem Namen Bayne, an guter Adresse. Edmond werde diese Option genau prüfen, was noch ein paar Wochen dauern könne. Er sei aber zuversichtlich. Dann kam eine seltsame Passage, die Jules betraf. Sie bestand nur aus Andeutungen. Er schrieb über Anzeichen von Interesse an seiner, Jules', Person aus allerhöchsten Kreisen, über die sie unbedingt bald, und persönlich, miteinander reden müssten. Er könne sich diese unerwartete und, im Falle ihre Eintretens, überaus glückliche Wendung selber nicht erklären. Vielleicht ahne Jules ja, woher und weshalb ihm das Schicksal winken könnte, aber weiteres lieber mündlich.
Jules sass auf seinem Bett, den Brief noch immer in der Hand. Er musste überlegen. Natürlich hatte er sofort an Rockefeller gedacht, aber warum sollte sich der Millionär jetzt plötzlich, mehr als zwei Jahre nach jener seltsamen Begegnung, für ihn interessieren? Er stand unter öffentlichem Druck wegen der Sache in Colorado, das wusste Jules von Fiona. Sie redete vom Colorado Coalfield War, wie es auch in Mr. McCurdys Zeitungen genannt wurde. Zudem redeten Mr. Kretschman und die anderen Angestellten im Haus häufig vom Umzug von Rockefeller Juniors Familie in die kürzlich fertigegestellte, achtstöckige Mansion an der Vierundfünzigsten. Die Rockefellers hatten in der Zwischenzeit fünf Kinder, und es gab viele Spekulationen über die Anzahl der Zimmer in dem riesigen Haus, und darüber, wie viele Hausangestellte dafür nötig seien. Natürlich träumten einige davon, einmal in so einer Umgebung arbeiten zu dürfen. Konnten diese Umstände, vielleicht zusammen mit einer Kündigung des bisherigen Kammerdieners, dazu führen, dass sich Mr. Rockefeller Junior an ihn, den Bauernbub aus dem Jura, erinnerte? Er versuchte, weiter reichende Überlegungen auf die Seite zu schieben und das Treffen mit Edmond abzuwarten.
Diesem erschien es am besten, wenn man sich an einem freien Sonntagnachmittag in einem Kaffee treffe, und so musste Jules schweren Herzens Fiona ausladen. Aber sie fand es aufregend.
"Da bin ich ja gespannt, ob du recht hast. Ob es wirklich um Rockefeller geht."
Halb scherzhaft fügte sie hinzu:
"Ich weiss nicht, ob ich das zulassen werde."
Als er Edmond im King's Coffee and Teas gegenüber sass, wollte dieser zu einer seiner ausschweifenden Einleitungen ansetzen, aber Jules unterbrach in sofort.
"Es geht um Mr. Rockefeller Junior, oder?"
Edmond schien einen Augenblick lang beleidigt, rührte in seinem Kaffee, räusperte sich und druckste herum. Schliesslich aber schwenkte er auf Jules' direkten Kurs ein und bestätigte:
"Ja, Sie haben es erraten. Ich weiss nicht, was da zwischen Ihnen vorgefallen ist, Jules. Man erwähnte, dass Mr. Rockefeller Junior Sie einmal gesehen habe, bei einer Besprechung in seinem früheren Haus an der Vierundfünfzigsten. Hat er Sie damals ausgefragt? Was hat er gesagt?"
Jules hatte nicht die Absicht, dem Vermittler von der speziellen Situation zu erzählen, die damals entstanden war, ob zufällig oder durch das Zutun des Millionärs.
"Nein, er hat nur gefragt, ob ich Mr. McCurdys Kammerdiener sei, was ich bejahte. Dazu gab ich ihm meinen Namen bekannt, und dass ich aus der Schweiz komme."
Edmond überlegte.
"Das könnte eine gewisse Rolle spielen. Aber am besten erzähle ich Ihnen der Reihe nach, wie mir Mr. Rockefellers Interesse an Ihnen überhaupt zu Ohren gekommen ist. Ich hatte vor Jahren das Vergnügen, mit Miss Annie Davis zusammenzuarbeiten, die jetzt Haushälterin ist bei den Rockefellers. Offenbar hat sich Mrs. Aldrich Rockefeller bei ihr nach einem zuverlässigen Vermittler erkundigt, wodurch mein Name ins Spiel kam. Gegenwärtig hat Mr. Rockefeller einen Kammerdiener deutscher Herkunft, der in letzter Zeit einen übertriebenen Enthusiasmus für die Sache seines ehemaligen Vaterlandes offenbart. Dem Dienstherr ist dies angesichts der politischen Lage in Europa, die vermehrt zu unerwünschten Resonanzen auch hierzulande führt, sehr unangenehm. Wie Sie vielleicht mitbekommen haben, steht Mr. Rockefeller auch wegen der Sache in Colorado in der öffentlichen Kritik, weshalb er sorgfältig darauf achten muss, dass keiner seiner Hausangestellten Indiskretionen irgendwelcher Art hinausträgt in ausserhäusliche Kreise. Noch schlimmer wären Beziehungen eines Angestellten zur Presse oder gar zu einer politischen Vereinigung. Er möchte sich also von seinem Kammerdiener trennen und sucht quasi ein unbeschriebenes Blatt. Jemand, der in dieser Situation ein Neutrum darstellt. Und selbstverständlich dennoch möglichst gute Empfehlungen für die Profession mitbringt."
"Und das wäre ich?"
"Das könnte Sie sein, ja doch."
Jules konnte Edmonds Überlegungen zwar nachvollziehen, aber angenehm war es ihm nicht, als "unbeschriebenes Blatt" oder gar als "Neutrum" zu gelten. Was sollte das überhaupt bedeuten? Aber er spürte ein Kribbeln im Bauch bei der Vorstellung, das erreichen zu können, was er sich nie ganz ernsthaft zu wünschen getraut hatte. Da kam ihm in den Sinn, dass sie ja im Sinne hatten, schon bald nach Cornol zurückzufahren.
"Meinem Vater geht es wieder schlechter, und wir haben beschlossen, ihn bald zu besuchen. Das heisst, ich könnte erst anfangs nächstes Jahr den Dienst antreten. Das ist wohl zu spät?"
Edmond beruhigte ihn.
"Nein, nein, das wird nicht so schnell gehen. Wie gesagt, war es ein vorsichtiges Herantasten von Seiten der Rockefellers, noch keine konkrete Anfrage. Und wir müssen Mr. und Mrs. McCurdy dazu bringen, Sie ohne Groll freizugeben."
Jules erzählte Edmond von seinem Eindruck, dass zwischen den Eheleuten keine Einigkeit darüber bestehe, ob Mr. McCurdy einen Kammerdiener haben sollte oder nicht.
"Da muss ich Ihnen wohl recht geben. Mrs. McCurdy ist eine starke Persönlichkeit, die gerne alles genau kontrolliert, was in ihrem Hause geschieht. Und ein valet ist immer eine Art Springer im Schach der Hausführung. Nicht einfach, das kann ich aus meiner Erfahrung als Butler sagen. Aber Sie scheinen damit gut zurecht gekommen zu sein bisher. Nun, jedenfalls wird es Mr. McCurdy schmeicheln, wenn sein Diener von Mr. Rockefeller Junior abgeworben wird, und ich habe noch ein zwei Männer an der Hand, die Sie ablösen könnten. Wann kommen Sie zurück?"
"Ende Januar, wäre das in Ordnung?"
"Ja das ist gut."
Edmond machte eine sehr ernste Miene.
"Ich möchte Sie aber darauf hinweisen, dass Sie noch mit niemandem über diese Aussichten reden dürfen, auch nicht mit Ihren Familienangehörigen. Wenn Sie plaudern, sind Sie sofort aus dem Spiel. Ich denke, Sie sind nicht vertraut mit dem Grad der Diskretion, der von Ihnen verlangt werden wird, sobald Sie als Kammerdiener ernsthaft in Frage kommen, und erst recht ab dem Moment des Vertragsabschlusses, der mit grösster Wahrscheinlichkeit schriftlich und sehr detailliert behandelt werden wird. Sie bewegen sich dann in unmittelbarer Nähe einer höchst öffentlichen Person von enormer Bedeutung, was Ihnen eine entsprechende Verantwortung auferlegt. Können Sie mir da folgen?"
Jules bejahte es mit einem Kopfnicken. Er spürte seinen Magen, und Edmond sah seine Unsicherheit.
"Aber wir werden Sie sorgfältig darauf vorbereiten, seien Sie unbesorgt! Mit Ihrer Schwester Berthe werde ich noch sprechen wegen der Stelle bei den Geschwistern Bayne. Das könnte sehr interessant sein für sie, der ideale Ort, um als Hausangestellte zu beginnen. Die ältere Schwester ist ungefähr fünfundsechzig, sie hat das Sagen im Haus. Die jüngere und der Bruder sind um die Fünfzig, oder etwas darüber. Sehr nette, weltoffene Leute. Sie haben im Moment nur zwei Angestellte, eine Köchin aus Irland und einen Diener aus Japan."
Die Geschwister Chiquet beschlossen, ihre Heimreise auf Anfang Dezember zu planen, damit sie Weihnachten mit den Eltern zusammen in Cornol feiern könnten. Jules war froh von Fiona zu hören, dass auch sie über die Feiertage wieder einmal zu ihren Eltern und Brüdern nach Irland fahren wollte. Natürlich konnte er ihr gegenüber den Inhalt des Gesprächs mit Edmond nicht verheimlichen. Er spürte ihren Zwiespalt, wenn sie sich ihn als Kammerdiener bei Rockefeller Junior vorstellte, einem der ganz grossen Blutsauger, wie sie ihn nannte. Einerseits freute sie sich über seinen Erfolg, und war auch stolz auf ihn, andererseits las sie seit einiger Zeit alles über den Streik in Colorado. Sie sah Rockefeller verantwortlich für die immer wieder aufflammenden Gewaltausbrüche und die zunehmende, beidseitige Aufrüstung mit Waffen, die nichts Gutes verhiess für den Ausgang der Auseinandersetzungen. Und sie schwärmte geradezu für Mother Jones, die sechsundsiebzigjährige irische Aktionistin, welche sich auch durch falsche Anklagen und unrechtmässige Haftstrafen nicht unterkriegen liesse und nun auch in Ludlow die Frauen und Kinder der Streikenden unterstütze.
"Jetzt kommt dann der Winter, und die leben dort in Zelten, stell dir vor! Warum geht er nicht hin, dein Rockefeller? Warum kann er ihnen nicht das bisschen geben, was sie fordern? Ich versteh's nicht!"
Jules wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er hätte lieber weniger geredet und mehr Zärtlichkeiten ausgetauscht mit ihr, in der kurzen Zeit, die ihnen blieb.
Am sechzehnten November feierte die New Yorker Gemeinde der Cornoler gemeinsam das Fest des Heiligen Martin. Man hatte dafür den Saal des Gemeindehauses von St. Vincent de Paul reserviert, darin zwei lange Tischreihen eingerichtet und alles sorgfältig dekoriert. In vielen Haushalten war vorgekocht worden, damit die Speisen in der Küche nur aufgewärmt werden mussten. Auch traditionelle Backwaren und Desserts wurden in grossen Mengen antransportiert, dazu Wein und Schnaps. Jemand brachte sogar ein Fässchen damassine, das aus der Heimat per Schiff herbestellt worden war. Da man auch Begleitung mitbringen durfte, fragte Jules Fiona, ob sie Lust hätte, an dem Fest teilzunehmen. Es werde aber nur Patois gesprochen an dem Abend. Da sie neugierig war und zusagte, legte er ihr nahe, sie solle an dem Tag nichts essen, weil das Menu an St. Martin unglaublich reichhaltig und fett sei.
"Bei uns werden da keine Gänse gegessen, aber viel Schweinefleisch und Würste. Isst du Blutwurst?"
"Ich weiss nicht, black pudding mag ich nicht so, aber ich glaube, die französischen sind ganz anders."
Zu Fionas Überraschung begann Jules zu singen:
Eh! vive lai Saint Maitchïn!
Maindgeans bïn di boudïn!
Eh! vive lai Saint Maitchïn!
Boyans di bon vïn!
Als er fertig war, klatschte sie in die Hände und umarmte ihn lachend.
"So eine fröhliche Melodie! Was bedeutet der Text?"
"Es ist eine Einladung zum Fest, von einfachen Leuten. Für einfache Leute, so wie wir halt sind: Es lebe der Heilige Martin! Lasst uns viele Würste essen und guten Wein trinken!"
Als sie abends den Saal betraten, herrschte schon munteres Treiben und ein beeindruckender Lärm. Die Leute standen zum Aperitif in Gruppen zusammen, eine kleine Musikkapelle spielte, Helferinnen der Kirchgemeinde eilten zwischen den Leuten hin und her und versorgten sie mit Weisswein und salzigem Gebäck. Jules stellte Fiona unzähligen Menschen vor. Er kannte fast alle und war froh, als Berthe auftauchte, Fiona am Ärmel von ihm wegzog und sich um sie zu kümmern schien. Nach einer Weile spielte die Musik einen Tusch und man wurde gebeten, sich zu setzen, weil der erste Gang serviert werde. Jules suchte Fiona und fand sie bei Berthe, die daran war, Plätze auszusuchen und zu besetzen, inmitten von Cornolern, die alle näher oder ferner mit ihnen verwandt waren. Rondez, Girard, Crétin. Man studierte schon die von Hand kolorierten Menukarten, überprüfte und kommentierte die Vollständigkeit des traditionellen Ablaufs der Speisen. Bouillon, Gelée de ménage, Blutwurst mit Apfelmus und Randensalat, Grillade mit Bratwurst und Atriaux, Schweinebraten mit Sauerkraut. Dann Damassine- sowie Kirsch- und Apfelschnaps. Und zum Dessert gebrannte Crème, Toetché und Chtriflates. Während sie die Suppe assen, wurde Fiona erklärt, was noch alles auf sie zukommen sollte.
Mit zunehmendem Genuss der Schnäpse wurde die Stimmung noch angeregter, das Stimmengewirr immer lauter. Man musste sich rufend unterhalten und die Mimik des Gegenübers gut im Auge behalten, um ihn zu verstehen. Jules wurde heiser, und ihm war schwindlig. Da stellte sich Fiona hinter ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern. Als er zu ihr aufschaute, küsste sie ihn auf die Stirn und sagte:
"Komm, lass uns tanzen!"
Ein paar Stunden später fuhren sie mit der Untergrundbahn nach Norden. Jules brachte Fiona nach Hause zu Liam und Kuiwa. Sie waren beide müde und hatten zuviel gegessen und getrunken. Fiona legte ihren Kopf auf seine Schulter und ging die Erlebnisse des Abends durch, dabei mehr zu sich selber sprechend.
"Vieles ist bei euch ganz ähnlich wie bei uns, obwohl ich wirklich nichts verstehe, wenn ihr miteinander redet. Aber das ist umgekehrt auch so, du hast es ja schon erlebt, wenn wir unter uns sind, und nur gälisch reden und singen. Diese Lust an der eigenen Sprache, die einen einhüllt, und andere ausschliesst. Die Musik klingt ganz anders. Unbekümmert fröhlich, französisch irgendwie. Wie an einem Bauernfest."
"Wir sind Bauern", sagte Jules.
Sie hob den Kopf und schaute ihn an.
"Einmal Bauer, immer Bauer?"
Jules zuckte mit den Schultern und grinste.
Es war eine grosse Gruppe von Cornolern, die am fünften Dezember das Schiff nach Le Havre bestieg. Es gab solche darunter, die mehr Gepäck dabei hatten als sonst, weil sie das Abenteuer der Auswanderung beenden und endgültig ins Dorf zurückkehren wollten. Berthe mochte deren Geschichten nicht hören, sie war traurig und betrachtete ihre Rückkehr wie eine Niederlage. Zum Glück blieb das Wetter die ganze Fahrt über ruhig, sodass nicht noch die Seekrankheit zu ihrem Elend dazu kam. Jules konnte ein paar längere Gespräche mit seiner Schwester Marie führen, die ihm hauptsächlich von ihren Erlebnissen im Home Jeanne d' Arc und in der Kirchgemeinde erzählte. Die Arbeit im Nähatelier schien sie als unvermeidlichen Teil ihrer Pflichten anzusehen, über den es nichts zu berichten gab. In der kirchlichen Umgebung aber hatte sie ihren Platz gefunden, und der Name eines Mitarbeiters fiel mehrmals, sodass Jules den Eindruck hatte, sie entwickle zarte Bande zu einem Mann. Er selber war froh, die ruhigen Tage der Fahrt dazu nutzen zu können, über alles nachzudenken, was in der letzten Zeit passiert war, und was vielleicht auf ihn zukommen könnte. Die Aussicht, bei Rockefeller Junior arbeiten zu können, löste wiedersprüchliche Gefühle in ihm aus. Einerseits war er aufgeregt und freute sich auf eine neue Herausforderung. Auf der andern Seite war ihm klar, dass er dabei kläglich versagen könnte. Und er konnte das Erlebnis damals im Büro noch immer nicht einordnen. Wenn er jetzt, aus der Distanz, darüber nachdachte, konnte er gar nicht verstehen, weshalb diese Begegnung eine solche Bedeutung bekommen hatte. Und doch verfolgte ihn das Bild, wie sie einander gegenüber gestanden, wie Mr. Rockefeller ihn angeschaut und dabei wortlos genickt hatte.
Nach so langer Zeit wieder einmal die weihnächtliche Mitternachtsmesse in Cornol zu erleben, im Kreise der vollständig versammelten Familie, war eine berührende Erfahrung für alle. Es war eng gewesen am Heiligen Abend in der guten Stube. Man hatte den Tisch ausgezogen, und das von den jüngsten Schwestern, Berthe und Clara, geschmückte Bäumchen brauchte auch seinen Platz. Man sang alle Weihnachtslieder, die man kannte. Maman wusste alle Strophen auswendig, aber ihre Stimme war dünner geworden. Papa war gerührt und weinte ein bisschen. Alle steckten in ihren besten Kleidern, die Américains mit modischen Anteilen aus Übersee, der älteste Bruder in seiner Galauniform. Nach dem Essen legte man sich kurz hin, dann gab es eine Tasse Tee, und man machte sich auf den kurzen Weg hinüber zur Kirche. Die Leute vom Dorf strömten aus allen Richtungen herbei, leise miteinander sprechend und dabei Wolken ausatmend, die im Schein der Strassenlaternen hell aufleuchteten. Die Kirche war nur von Kerzen erleuchtet, die Krippe liebevoll hergerichtet mit viel Tannengrün. Auch hier sang man Lieder, wobei der Organist versuchte, die Gläubigen durch leichtes Vorauseilen zum Halten des Tempos zu bewegen. Es tönte wie immer, etwas dünn und falsch, aber vertraut. In seiner Predigt sprach der Pfarrer von der Notwendigkeit, Frieden zu bewahren, und alle wussten, damit war nicht nur ihr Dorf gemeint.
Papa war meist guter Dinge. Aber er war schwächer geworden, und seine Hustenanfälle waren manchmal begleitet von blutigem Auswurf. Maman war vom Arzt zu grösstmöglicher Sorgfalt bei der Hygiene im Umgang mit dem Patienten angewiesen worden, und man konnte sich denken, was das bedeutete. Ins Berner Oberland in die Kur zu gehen, kam für Papa nicht infrage. Er hatte schon einige Schübe seiner Krankheit erlebt und war zuversichtlich, dass er auch diesmal wieder gesund würde. Aber es war offenkundig, dass er den kleinen Hof nicht mehr lange alleine würde führen können. Jules nahm sich vor, seinen kommenden Aufenthalt in Amerika bewusst zu geniessen. Und in der kurzen Zeit zu Hause packte er an wie noch nie. Er mistete den Stall gründlich aus und kalkte ihn überall bis in Schulterhöhe. Er fegte die Spinnweben herunter und befreite die Balken von Staub und Sand. Er ersetzte alle gebrochenen Sprossen der Futtergitter, legte neue Bodenbretter, wo die alten durchgefault waren. Und er hackte Holz für zwei Winter. Seine Hände sahen bald nicht mehr aus wie die eines Kammerdieners, aber das war ihm gerade recht.
Dass seine Rückfahrt, diesmal mit der Chicago, fast zwei Wochen dauern würde, konnte er nicht wissen. Marie wollte noch in Cornol bleiben für eine Weile, und auch Berthe hatte sich dazu überreden lassen, abzuwarten, bis es Papa besser ginge. Vielleicht könnten sie dann in einem halben Jahr reisen und dabei Clara mitnehmen, die auch ihr Glück jenseits des Atlantik versuchen wollte. Jules aber machte sich wieder auf den Weg durch Frankreich, bestieg dann in Le Havre das Schiff. Es war schlechtes Wetter angesagt, mehrere Winterstürme waren im Anmarsch, auf ihrem Weg von West nach Ost. Wenn Jules später über diese Fahrt nachdachte, kam sie ihm vor wie ein dunkler, nicht enden wollender Tunnel. Er verlor mehrere Kilos, weil er tagelang nichts essen konnte und das wenige, das er heruntergebracht hatte, gleich wieder erbrach. Der Gestank, der sich überall in den Kajüten, Gängen, Toiletten ausbreitete, ja sogar die Luft in den Speisesäälen und auf Deck verpestete, war unerträglich. Mit der Zeit wurde er aber so allgegenwärtig, dass sein Gehirn es aufgab ihn wahrzunehmen. Die Bewegungen der Chicago vorauszusehen und sich eingermassen aufrecht und geradeaus vorwärts zu bewegen, war unmöglich. Man wurde umhergeschleudert und hatte bald überall blaue Flecken. Alles bewegliche Mobiliar wurde vom Personal entweder entfernt oder angeschraubt. Schwere Gepäckstücke mussten von den oberen Ablagen heruntergenommen oder angezurrt werden. Getrunken wurde alles, auch Kaffee und Tee, nur noch direkt aus der Flasche. Für die Teller gab es zwar Haltevorrichtungen, aber die Speisen rutschten zuweilen einfach auf den Tisch, und von dort auf den Boden. Manchmal krachte das Schiff mit solcher Wucht auf die Brecher, dass es wie von einer Explosion erschüttert wurde. Es folgten ächzende, knackende und polternde Geräusche, die einen das Auseinanderbrechen des Rumpfs befürchten liessen. Es wurde viel gebetet und geweint auf der Fahrt, und selbst die Mitglieder der Crew machten zuweilen besorgte Gesichter. Nach zwölf Tagen war der Spuk vorbei, das Meer beruhigte sich und wurde schliesslich, wie zum Hohn, spiegelglatt. Das Personal wollte bis zur Ankunft alle Spuren der Seekrankheit entfernt haben, und so roch bald jeder Winkel nach Alkohol und Chlor. Jules duschte ausgiebig, und langsam kamen sein Appetit und seine Fähigkeit, normal zu denken, wieder zurück. Am vierzehnten Februar 1914 betrat er wieder den Boden von Manhattan.
Dienstag, 6. April 2021
Donnerstag, 1. April 2021
Irritationen
Der Frühlingsanfang 1911 war nass und kalt. Dicker Nebel schwabbte vom Long Island Sound hinüber in den East River. Es nieselte, als Jules mit dem Hündchen von Mrs. McCurdy das Haus verliess. Sein Dienstherr wollte noch verschiedene Telefongespräche führen und hatte gemeint, er brauche seinen Kammerdiener erst wieder in einer knappen Stunde. Von der Hausherrin wurde er daraufhin beauftragt, mit dem Hund hinauszugehen.
"Mindestens eine Stunde, Chiquet, er war diese Woche zu oft eingesperrt, der Arme!"
Jules machte sie darauf aufmerksam, dass er von ihrem Mann voraussichtlich früher gebraucht werde, doch sie wischte darüber hinweg.
"Papperlapapp! Ich werde mit ihm reden."
Als der kleine Pudel hörte, wie Jules die Leine vom Haken nahm, kam er angesaust, sprang an ihm hoch und bekam, wie immer, wenn er aufgeregt war, einen Hustenanfall.
"Komm, du verrückter kleiner Teufel", sagte er auf Patois, und schon stürmte Blacky die Treppe hinunter. Jules hatte ein Stück Zeitung eingesteckt um, wie von Mrs. McCurdy gewünscht, die Hinterlassenschaften des Haustiers einzusammeln. Er nahm den Hund an die Leine und ging auf der Einundfünzigsten in Richtung East River bis zur First Avenue, dann bog er nach links ab, bis sie die Siebenundfünfzigste erreicht hatten, die bis zu einem kleinen Park am Fluss hinuterführte. Er wollte zur Sicherheit nicht bis auf die Brücke gehen, weil dort um diese Zeit sehr viele Fussgänger unterwegs waren und er auch schon in der Menge steckengeblieben war. Im Park liess er den Hund auf den Rasen scheissen, nahm die warmen Würstchen mit der Zeitung auf und warf sie in den Abfalleimer. Er musste grinsen bei der Vorstellung, wie er so etwas in Cornol machen würde.
"Komm, wir werfen einen Blick auf die Brücke!"
Der Hund verstand gleich viel, oder wenig, ob er ihn auf englisch oder in seinem Dialekt ansprach. Die Pfeiler der Queensboro Bridge sahen heute besonders eindrucksvoll aus. Wie eine Kolonne hintereinander marschierender Riesen, bis zu den Knien im Nebel, über sich geworfen ihre zusammengewachsenen, aus Stahlseilen gewobenen Pellerinen. Die Fahrbahn trugen sie wie eine lange, schwarze Bahre. Jules begann zu frösteln und wollte zurück.
Als sie zuhause ankamen, öffnete ihm Mary die Tür und gab mit einer Grimasse zu verstehen, dass Ärger auf ihn warte. Mr. McCurdy war mit seinen Anrufen früher fertig geworden und hatte sich nach einem Wutanfall alleine zur Wallstreet aufgemacht. Die Ehefrau schien nicht daran zu denken, Jules Verspätung mit ihren eigenen Anweisungen in Verbindung zu bringen. Da Jules nie mitgeteilt worden war, wie lange seine Probezeit dauern würde und ob sie schon beendet sei, machte er sich Sorgen. Und er war wütend auf Mrs. McCurdy. Die Unterredung mit seinem Dienstherrn, am Abend in dessen Büro, war demütigend. Jules kannte sich im Beziehungsgeflecht der McCurdys mittlerweile genügend aus um zu wissen, dass er mit Hinweisen auf eine Mitschuld der Ehefrau an seiner Verspätung Mr. McCurdy nur noch mehr gegen sich aufbringen würde. Dieser sei vor allem deshalb wütend, so vermutete er, weil sich bei solchen und ähnlichen Manövern ihre verborgene Missbilligung des Umstands zeigte, dass ihr Mann einen Diener hatte, für den er alleine zuständig sein wollte. Als nun Mr. McCurdy auf die Probezeit zu sprechen kam und sagte, er habe diese eigentlich für erfolgreich beendet erklären wollen, sehe sich nun aber veranlasst, sie nochmals um einen Monat zu verlängern, fühlte sich Jules auf einmal sehr müde. Es kam ihm vor, als habe er nun schon mehr als ein dutzendmal gesagt, "Ja, Sir, das sehe ich auch so, Sir, ja Sir, das kann ich verstehen, Sir", dabei war er versucht, dem Mann vor sich ins Gesicht zu sagen, was er von ihm hielt. Aber er wollte und konnte sich zurückhalten.
Ein paar Tage später war New York in hellem Aufruhr. Am fünfundzwanzigsten März, einem Samstag, war in einer Kleiderfabrik kurz vor dem Wochenendfeierabend ein Brand ausgebrochen. Die Fabrik, in welcher Damenblusen hergestellt wurden, vor allem von jungen Frauen und Mädchen, belegte die drei obersten von zehn Stockwerken eines grossen Mietshauses am Washington Place. Nur ein kleiner Teil der Belegschaft, darunter die Besitzer, welche an diesem Tag zusammen mit ihren Kindern im Haus gewesen waren, konnten sich übers Dach und die viel zu wenigen, zu schwach gebauten Feuertreppen retten. Eine Zeit lang wurden auch die Lifte noch in Betrieb gehalten, bis sie wegen der Hitze unbrauchbar wurden. Wie sich herausstellte, waren die Türen der Fabrikationsräume geschlossen, so dass die jungen Frauen und Mädchen in ihrer Not begannen, sich aus den Fenstern in den sicheren Tod zu stürzen, mitten unter die unzähligen Schaulustigen. Die Feuerwehr war zwar schnell mit mehreren Pferdewagen zur Stelle, aber ihre Leitern reichten nur bis zum siebten Stock, und die Rettungstücher wurden von den Herunterspringenden zerrissen. Der Brand wütete bis zum nächsten Morgen, und als man die Türen öffnen konnte, türmten sich dahinter die Leichen erstickter Mädchen und Frauen. Mehr als hundertvierzig Arbeiterinnen wurden getötet. Die Presse schrieb von einem Riesenskandal.
Als Jules mit Mr. McCurdy am Montag darauf an die Wallstreet fuhr, wollte der Chauffeur unbedingt am Brandort vorbeifahren. Der Dienstherr wehrte sich nur halbherzig dagegen. Er schimpfte während der ganzen Fahrt auf die beiden Fabrikbesitzer.
"Juden, wie könnte es anders sein! Unsere Versicherung hatte schon mehrfach mit ihnen zu tun wegen Bränden. Wir vermuteten, dass sie ihre Fabriken immer dann in Brand steckten, wenn sich ein Produktionszweig nicht mehr lohnte. Wir haben sie dann rausgeschmissen aus allen Verträgen. Wenn das hier wieder so ein Fall ist, dann Gnade ihnen Gott!"
Als sie am Ende der Fifth Avenue beim Park ankamen, konnte man nicht nach links abbiegen, der Unfallort war grossräumig abgesperrt. Jules war froh darüber, denn schon die wenigen Pressebilder, die er gesehen hatte, verfolgten ihn bis in seine Träume.
Und es kam zum ersten Streit mit Fiona wegen der Sache. An einem der auf das Unglück folgenden Sonntage hatten sie nach dem Kirchgang noch ein paar Stunden Zeit. Es war endlich warm geworden und sie nutzten die Umstände für einen Spaziergang im Central Park. Als sie Halt machten auf einer Bank, kam Fiona auf den Brand zurück, über den sie bereits gesprochen hatten. Jules erzählte ihr von Mr. McCurdys Reaktion und teilte dessen Meinung, die Besitzer der Fabrik seien Verbrecher, da hielt Fiona plötzlich vehement dagegen.
"Also, erstens einmal hat das gar nichts damit zu tun, dass sie Juden sind. Wären es irgendwelche Amerikaner, würde man auch nicht sagen, so etwas sei typisch für, sagen wir mal, Babtisten. Und zudem ist es ein fataler Irrtum zu glauben, dass dies einfach passiert sei wegen dieser zwei Verbrecher. Wegen zwei schwarzen Schafen. Damit kommen die gestopften Unternehmer und die von ihnen bezahlten Politiker auch bei uns zuhause immer dann, wenn eine Mine explodiert oder eingestürzt ist. Dabei zeigen soche Vorfälle nur zu deutlich, wie das ganze System wirklich ist. Tödlich für die Arbeiter, aber lukrativ für die Besitzer! Hier sperrt man die Mädchen ein, nur damit sie nichts klauen können. Wenn es brennt, sitzen sie in der Falle. Und bei uns müssen die Minenleute Abstützungen und Belüftungen auf eigene Rechnung bauen, in der Freizeit! Und sie sterben mit dreissig, vierzig an der Staublunge!"
Sie hatte sich in Fahrt geredet, wurde richtig laut. Ihre Wangen glühten, und Jules kam kaum dazwischen. Es befremdete ihn, dass sie so mit ihm redete. Er war ein Dummkopf, der nichts von den wahren Hintergründen verstand, ja. Aber konnte es sein, dass sie so viel mehr wusste, und wenn, musste sie es ihn so spüren lassen? Er fragte kleinlaut:
"Was müsste man denn machen? Wie kann man das ändern?"
"Man muss sich organisieren. Wir müssen uns organisieren! Man sollte hier, und auch in Irland, in der Schweiz, endlich die Gewerkschaften voranbringen! Auch für uns Diener und Hausmädchen schaut ja niemand, wenn wir krank werden, oder schwanger, womöglich vom Dienstherrn. Auch wenn wir unsere Eltern besuchen wollen, verdienen wir nichts, man kann uns jederzeit feuern, wegen nichts! Wenn manche von uns das Tafelsilber mitgehen lassen, ist das doch kein Wunder!"
Das fand nun Jules völlig übertrieben, und er versuchte ihr klarzumachen, dass Diebstahl nach seiner Auffassung eine Sünde sei, die nicht mit dem Hinweis auf schlechte Behandlung gerechtfertigt werden könne. Fiona hielt es nicht mehr auf der Bank, sie war aufgestanden und redete weiter auf ihn ein, manchmal schien es ihm fast, als ob sie ihre Worte mit einem Aufstampfen der zierlichen Füsse unterstreichen würde. Als er deswegen lachen musste, lief sie ihm davon.
Ende April wurde Jules eines Morgens ins Büro von Mr. McCurdy bestellt. Dort teilte man ihm förmlich mit, er habe seine Probezeit bestanden und dürfe sich hiermit und ab sofort als vollwertiges Mitglied im Team der Hausangestellten betrachten. Sein Gehalt wurde um zehn Dollar im Monat erhöht und man wies ihn darauf hin, dass bei Krankheit oder allfälligen Besuchen von Verwandten grundsätzlich kein Anspruch auf Bezahlung bestehe. Man werde aber in solchen Fällen die Situation prüfen und sich im Härtefall kulant zeigen.
Am gleichen Tag durfte er den Dienstherrn zu einer Sitzung begleiten. Zuerst wurde ihm nur gesagt, es handle sich um ein Treffen mit sehr bedeutenden Geschäftspartnern, und zu seinem Erstaunen machte man sich zu Fuss auf den Weg, nachdem noch Mr. McCurdys Sekretärin aus dem Büro an der Wallstreet eingetroffen war. Sie gingen die Einundfünfzigste entlang nach Westen bis zur Fifth Avenue, dann in Richtung Central Park bis zur Vierundfünfzigsten. Jules begann zu ahnen, dass sie der Weg ins Imperium der Rockefeller führen könnte, und wirklich rief die Sekretärin, als sie die Avenue überquert hatten:
"Da ist die Baustelle der neuen Mansion, die Mr. Rockefeller Junior für sich bauen lässt. Sie soll gigantisch werden!"
Mr. McCurdy drehte sich etwas unwirsch zu ihr um und sagte:
"Ja, Miss Castenay, danke, dass Sie uns darüber informiert haben. Wir sind jedoch bestellt ins Büro des Hauses Nummer dreizehn. Darf ich Sie bitten dafür zu sorgen, dass wir eingelassen und hinaufgeführt werden?"
Es war das erste Mal, dass Jules Vater und Sohn Rockefeller aus der Nähe sah und erlebte. Er war schon verschiedentlich von andern auf die teuren Automobile der Millionäre hingewiesen worden, wenn sie durchs Quartier fuhren, und einmal hatte er von Weitem gesehen, wie Reporter und Fotografen vor einem der Häuser in der Vierundfünfzigsten dem alten Rockefeller abpassten und ihn bestürmten, als er das Haus verlassen wollte. Nun war er zu Beginn und gegen den Schluss der Besprechung im gleichen Raum mit den Herrschaften, wurde von Mr. Rockefeller Seniors wässerigblauen Vogelaugen fixiert, als er Mr. McCurdy die Taschen und Mappen überreichte. Kam dabei, weil sich Mr. Rockefeller Junior im gleichen Moment erhoben hatte, für einen Augenblick zu nahe neben diesen zu stehen, der gleich gross war und dieselbe Statur hatte wie er. Er trat sofort mit einer leise ausgesprochenen Entschuldigung zur Seite, wodurch er von Mr. McCurdy getrennt wurde.
"Sie sind Mr. McCurdys valet, Mr...... ?
"Ja Sir. Jules Chiquet, Sir. Aus der Schweiz, Sir."
Mr. Rockefeller Junior sah ihn nachdenklich an, nickte dazu fast unmerklich ein paarmal, ohne noch etwas zu sagen. Jules war verlegen. Er stand falsch, zog es aber vor, sich nicht vom Fleck zu bewegen. Sein Dienstherr erlöste ihn, indem er, etwas zu laut, nach ihm rief.
"Haben Sie meine Füllfeder gesehen, Chiquet?"
Jules brachte sie ihm. Er hatte sie auf einem Beistelltisch bemerkt und an sich genommen.
Jules hatte nur wenig mitbekommen von dem, worum es bei dem Treffen gegangen war. Der Butler meinte, die Rockefellers müssten etwas von Mr. McCurdy gewollt haben, sonst hätten sie ihn nicht extra in ihr Büro kommen lassen. Wahrscheinlich eine Versicherungsgeschichte. Er liess sich von Jules berichten, was er hatte aufschnappen können und meinte aus den Gesprächsfetzen eine Version der Geschehnisse rekonstruieren zu können. Zuerst war es wirklich um die Anpassung der Lebensversicherung für die Familie gegangen. Mr. McCurdy war zwar als Geschäftsführer der Mutual Life vor ein paar Jahren zurückgetreten, verfügte aber immer noch über reichlich Insiderwissen und war deshalb als Berater willkommen. Das Gespräch im Büro der Rockefellers wandte sich aber schon bald anderen Dingen zu. Das Monopol im Ölsektor war unter Druck geraten. Es gab Untersuchungen durch einen Ausschuss, schliesslich in jüngster Zeit sogar eine Anklage gegen Standard Oil wegen Verstosses gegen das Antitrust-Gesetz. Eine Verhandlung am höchsten Gericht war im Gange, und es stand zu befürchten, etwas ähnliches könnte auch dem Komplex der Telefon- und Telegrafengesellschaften zustossen, in dem Mr. McCurdy eine führende Position inne hatte. So besprach man mögliche Verteidigungsstrategien und alternative Geschäftsmodelle für die Unternehmungsgruppen. Und man tauschte Adressen geeigneter Anwälte und geneigter Politiker untereinander aus. Jules versuchte, Mr. Kretschmans Erklärungen zu folgen. Dabei erinnerte er sich daran, wie Mr. Rockefeller Junior vor ihm gestanden und ihn gemustert hatte. Es kam ihm fast so vor, als hätte ihn dieser absichtlich in eine Situation unangemessener Nähe gebracht.
Er bekam einen aufgeregten Brief von Berthe, in dem sie ihre Überfahrt, gemeinsam mit Marie, für den November ankündigte. Endlich erfülle sich ihr Traum, sie hoffe, als Modistin in New York eine gute Stellung zu finden, und freue sich sehr auf das Leben in der Grossstadt, auf ihn. Er werde ihr sicher alles zeigen. Sie würde am Anfang im Home Jeanne d' Arc wohnen. Von Marie war der Brief ebenfalls unterschrieben, mit ein paar förmlichen Gruss- und Segensworten. Jules hatte sich mit Fiona wieder versöhnt und erzählte ihr von der bevorstehenden Ankunft seiner Schwestern. Als sie hörte, dass beide in der Textilbranche arbeiten wollten, machte sie sich Sorgen. Jules merkte, wie sie bei dem Thema sorgfältig darauf achtete, nicht wieder mit ihm in Streit zu geraten. Er beruhigte sie:
"Marie hat ja schon in einem kleineren Atelier gearbeitet, in dem die Bedingungen erträglich sind. Dort werden die Türen nicht verschlossen. Vielleicht kann sie da wieder Arbeit bekommen. Sie möchte nicht die volle Zeit arbeiten, damit sie noch in der Kirchgemeinde mithelfen kann. Sie wird jedenfalls Berthe nicht in einer dieser Fabriken sehen wollen."
"Ja, und du?", wollte Fiona wissen.
"Ich natürlich auch nicht. Auf Berthe muss man sicher noch gut aufpassen, sie ist ja erst neunzehn. Wenn sie etwas begeistert, dann ist ihr alles egal, da hat sie etwas Naives. Auch wenn sie als Haus- oder Kindermädchen eine Stelle findet, braucht sie Unterstützung. Ich kümmere mich um sie, keine Sorge!"
"Vielleicht müssen wir deinen Edmond einschalten, was meinst du?", fragte Fiona vorsichtig.
Er lachte.
"Er ist nicht mein Edmond, aber ja, das kann man machen."
Es war schliesslich der Hilfe von Mr. Solomon Abramov, des Schneiders von Mr. McCurdy, zu verdanken, dass Berthe in einer mittelgrossen Hutmanufaktur unterkam, wo sie ihre in Pruntrut erworbenen Fertigkeiten einsetzen konnte. Jules begleitete sie zu Beginn ein paarmal dorthin, um sich ein Bild zu machen von den Verhältnissen. Er konnte herausfinden, dass der ihr zuerst offerierte Lohn zu tief war, weil er nicht berücksichtigte, dass sie ein Zeugnis aus der Fabrik in der Schweiz vorlegen konnte, das ihre Berufserfahrung belegte. Sie wäre zufrieden gewesen, freute sich dann aber doch sehr über die frühe Gehaltserhöhung. Und war stolz auf ihren Bruder, der sich für sie eingesetzt hatte. Jules liebte es, mit seiner jüngeren Schwester New York zu Fuss zu erkunden, weil er alles durch ihre Augen wieder frisch und neu erlebte. Sie fuhren an Sonntagen kreuz und quer mit den Fähren, über den Hudson oder den East River, zur Freiheitsstatue, und einmal sogar nach St. George auf Staten Island. Berthe war von allem begeistert, vom dichten Verkehr der Schiffe und deren Hornen, von den Manövern der Schiffscrews, der modischen Kleidung der New Yorker, dem Salzgeruch des Meeres, den Flugkünsten und Schreien der Möwen. Sie hatte Mitleid mit Bettlern, Krüppeln und Obdachlosen, mit verdreckten Kinderarbeitern und Huren. Sie staunte über die Zahl der Pferdefuhrwerke und Kutschen, die unterwegs waren, und darüber, wie viele chinesische Läden und Restaurants es in gewissen Quartieren gab. Jules musste sie oft daran hindern, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, auf Schwarze, auf Einbeinige, besonders Vornehme oder Zerlumpte. Sie blieb immer wieder stehen und musste schauen, wie ein kleines Kind. Er zeigte ihr, was er am liebsten mochte, Fahrten mit der Hochbahn oder den Gang über Brücken, den Blick von einem Wolkenkratzer, zum Beispiel vom 'Bügeleisen', dem Flatiron, das auch 'grösstes Kuchenstück der Welt' genannt wurde wegen seiner Form. Einmal passierte es, dass er sich am gleichen Sonntagnachmittag mit Berthe und mit Fiona verabredet hatte. Er entschied sich kurzerhand, die beiden Frauen zusammenzubringen, ohne es ihnen vorher anzukündigen. Als er mit Fiona am Arm bei dem mit Berthe abgemachten Ort eintraf, war er unsicher, ob er nicht einen Fehler gemacht hatte. Berthe war zu Beginn eingeschüchtert von Fionas Selbstsicherheit, und wohl von ihrer modischen Kleidung. Diese bemerkte Berthes Unsicherheit und bemühte sich betont freundlich um sie. Schon nach kurzer Zeit hatte Jules den Eindruck, dass ihn die beiden zwischendurch vergassen. Fiona befragte Berthe über ihre ersten Erfahrungen im Hutatelier und erzählte ihr im Gegenzug aus ihrem Leben als Dienerin reicher Leute. Die Frauen lachten viel. Jules war glücklich.
"Du hast eine tolle Schwester, aber sie ist ein bisschen verrückt, glaube ich", sagte Fiona später.
"Du hast eine wunderschöne Freundin, du musst lieb sein zu ihr", meinte Berthe über Fiona. Um das zu bekräftigen, fügte sie ein Sprichwort hinzu, auf Patois.
"D'enne rôse, te n'en faîs pi ïn graipe-tiu! – Aus einer Rose macht man keinen Arschkratzer!"
Auch bei den McCurdys wurde in den nächsten zwei Jahren vieles für Jules zur Routine. Die Rituale des Ankleidens und Entkleidens morgens und abends erledigte er mit geübten Handgriffen und wenigen Worten. Am Morgen war sein Dienstherr froh, wenn er vor dem Frühstück nicht reden musste, am Abend war er meist sehr müde, und schläfrig von den paar Gläsern Brandy oder Whisky, die er gewohnheitsmässig nach dem Abendessen zu sich nahm. Dann musste Jules meistens zum Büro mitfahren, bei Sitzungen im Hintergrund warten und dabei die von Mr. McCurdy verstreuten Gegenstände im Auge behalten. Am langweiligsten waren die Ausflüge nach Morristown zum Landhaus von Mr. McCurdy Senior, oder nach Morris Plains, in das Pendent des Sohnes. Dort konnte es sein, dass Jules halbe Sonntage im Automobil der Herrschaften verschlief, sich zwischendurch die dreckigen Witze des Chauffeurs anhörte, dann im nahen Wäldchen sein grosses Geschäft verrichtete. Sich dabei den Hintern mit Blättern putzte wie in der Kindheit, und sich freute über den Gegensatz zu der Fassade, die er gegenüber den Herrschaften aufrecht erhalten musste. Manchmal war er froh, den Hund um sich zu haben, der rührend an ihm hing, vor allem, seit er ihm einmal mit einer seiner feinen Uhrmacherzangen eine Gräte aus dem Rachen entfernt hatte. Mrs. McCurdy war eifersüchtig, wenn Blacky zuerst zu Jules lief, um ihm die Hände zu lecken. Einmal wollte sich die Hausherrin mit der Haushälterin und der Köchin, mit Jules und dem Hund vor dem Landhaus ablichten lassen mit dem Fotoapparat, den sie von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte. Sie bat den Chauffeur, das Bild zu machen und wollte, dass Blacky artig zu ihren Füssen sässe. Dieser sprang aber immer wieder davon, und wenn er endlich zurückkam, presste er sich gegen Jules' Beine. So packte der ihn schliesslich am Halsband, setzte sich vor den Damen ins Gras und hielt den Hund mit beiden Armen fest. Es entstand ein mehrwürdiges Foto, das Mrs. McCurdy wohl nicht ihrem Mann zeigte.
Mr. McCurdy war mehrere Male krank während dieser Zeit, dabei ein ungeduldiger und mürrischer Patient. Jules führte es auf den beruflichen Druck zurück, der auf dem Dienstherr lastete und zugenommen hatte. Er verstand nun, dank vieler Gespräche mit Mr. Kretschman über das Thema, einigermassen die Zusammenhänge. Die Monopolstellung des Bell-Systems, wie der Zusammenschluss einer grossen Zahl von Telefon- und Telegrafengesellschaften unter der Leitung der American Telephone & Telegraph genannt wurde, war der Bundesregierung zunehmend ein Dorn im Auge. Sie drohten mit der Auflösung oder gar Verstaatlichung von Ma Bell, wie die Unternehmensgruppe, halb höhnisch, halb bewundernd, auch genannt wurde. Mr. McCurdys Seniors Schwager, Gardiner Green Hubbard, war erster Präsident gewesen der Bell Telephon Company, seine Tochter heiratete Alexander Graham Bell, der das erste Telefon für jedermann patentieren liess und auch eine leitende Stellung im Unternehmen bekeidete. Mr. McCurdy Junior war Präsident der internationalen Abteilung, mit Hauptsitz in Brüssel. Jules konnte sich also vorstellen, dass sein Dienstherr, der selber keine Kinder hatte, aber ein ausgesprochener Familienmensch war, unter der Situation sehr litt. Man hatte einen tüchtigen Hausarzt, so dass er als Kammerdiener etwas entlastet war. Trotzdem musste er Mr. McCurdy Fusswickel machen gegen das Fieber, oder ihm gut zureden, damit er seine Medizin pünktlich einnahm. Der schwere Mann wirkte hilflos und es war unmöglich, ihn durch Ablenkung aus seiner jammervoll selbstmitleidigen Stimmung herauszuholen. Jules gab sich Mühe, ihn deswegen nicht zu verachten.
Fiona, ganz die Tochter eines Minenarbeiters, war die erste in Jules Umgebung, die im Spätsommer 1913 von den Streiks in Colorado berichtete.
"Siehst du, die haben eine starke Gewerkschaft, konnten schon die Achtundvierzig-Stundenwoche durchdrücken. Und letzes Jahr erfolgreich gekämpft in West-Virginia. Mittlerweile werden sie sogar von der Bundesregierung als Verhandlungspartner akzeptiert. Und jetzt geht es los in Colorado. Auch dort sind die Bedingungen in den Minen erbärmlich."
Jules hielt es für besser, zuzuhören und zu schweigen.
"Weisst du eigentlich, dass auch dort die Rockefellers die Hände im Spiel haben?"
Natürlich hatte ihr Jules von seinem Erlebnis damals im Büro der Millionäre erzählt, und sie hatten gemeinsam, nicht ganz ernsthaft, Pläne geschmiedet, wie er Diener werden könnte in dem Haus. Er sagte: "Nein, weiss ich nicht.
"Die Gesellschaft, die jetzt bestreikt wird, die Colorado Fuel & Iron, wurde von Rockefeller Senior bedrängt und schliesslich gekauft. Seitdem wurden die Arbeiter immer schlechter behandelt. Der Alte hat das Unternehmen dann seinem Sohn zum Geburtstag geschenkt, stell dir das mal vor! Der besitzt das Ganze jetzt, und war noch nie dort, hat keine Ahnung, was es bedeutet, dort unten in der Hitze, in dem Staub und dem höllischen Lärm zu molochen. Dabei sein Leben zu riskieren. Zu krepieren, wenn nicht bei einem Schlagwetter, dann wegen dem schwarzen Zeug in der Lunge!"
Sie hatte sich wieder in Wut geredet. Jules wollte etwas Hoffnungsvolles sagen.
"Vielleicht schafft es die Gewerkschaft ja, das zu verändern. Vielleicht sollte man Rockefeller mal sagen, er solle hinfahren und einfach nur schauen."
"Ich rufe ihn gleich an", sagte sie, und beide lachten.
"Mindestens eine Stunde, Chiquet, er war diese Woche zu oft eingesperrt, der Arme!"
Jules machte sie darauf aufmerksam, dass er von ihrem Mann voraussichtlich früher gebraucht werde, doch sie wischte darüber hinweg.
"Papperlapapp! Ich werde mit ihm reden."
Als der kleine Pudel hörte, wie Jules die Leine vom Haken nahm, kam er angesaust, sprang an ihm hoch und bekam, wie immer, wenn er aufgeregt war, einen Hustenanfall.
"Komm, du verrückter kleiner Teufel", sagte er auf Patois, und schon stürmte Blacky die Treppe hinunter. Jules hatte ein Stück Zeitung eingesteckt um, wie von Mrs. McCurdy gewünscht, die Hinterlassenschaften des Haustiers einzusammeln. Er nahm den Hund an die Leine und ging auf der Einundfünzigsten in Richtung East River bis zur First Avenue, dann bog er nach links ab, bis sie die Siebenundfünfzigste erreicht hatten, die bis zu einem kleinen Park am Fluss hinuterführte. Er wollte zur Sicherheit nicht bis auf die Brücke gehen, weil dort um diese Zeit sehr viele Fussgänger unterwegs waren und er auch schon in der Menge steckengeblieben war. Im Park liess er den Hund auf den Rasen scheissen, nahm die warmen Würstchen mit der Zeitung auf und warf sie in den Abfalleimer. Er musste grinsen bei der Vorstellung, wie er so etwas in Cornol machen würde.
"Komm, wir werfen einen Blick auf die Brücke!"
Der Hund verstand gleich viel, oder wenig, ob er ihn auf englisch oder in seinem Dialekt ansprach. Die Pfeiler der Queensboro Bridge sahen heute besonders eindrucksvoll aus. Wie eine Kolonne hintereinander marschierender Riesen, bis zu den Knien im Nebel, über sich geworfen ihre zusammengewachsenen, aus Stahlseilen gewobenen Pellerinen. Die Fahrbahn trugen sie wie eine lange, schwarze Bahre. Jules begann zu frösteln und wollte zurück.
Als sie zuhause ankamen, öffnete ihm Mary die Tür und gab mit einer Grimasse zu verstehen, dass Ärger auf ihn warte. Mr. McCurdy war mit seinen Anrufen früher fertig geworden und hatte sich nach einem Wutanfall alleine zur Wallstreet aufgemacht. Die Ehefrau schien nicht daran zu denken, Jules Verspätung mit ihren eigenen Anweisungen in Verbindung zu bringen. Da Jules nie mitgeteilt worden war, wie lange seine Probezeit dauern würde und ob sie schon beendet sei, machte er sich Sorgen. Und er war wütend auf Mrs. McCurdy. Die Unterredung mit seinem Dienstherrn, am Abend in dessen Büro, war demütigend. Jules kannte sich im Beziehungsgeflecht der McCurdys mittlerweile genügend aus um zu wissen, dass er mit Hinweisen auf eine Mitschuld der Ehefrau an seiner Verspätung Mr. McCurdy nur noch mehr gegen sich aufbringen würde. Dieser sei vor allem deshalb wütend, so vermutete er, weil sich bei solchen und ähnlichen Manövern ihre verborgene Missbilligung des Umstands zeigte, dass ihr Mann einen Diener hatte, für den er alleine zuständig sein wollte. Als nun Mr. McCurdy auf die Probezeit zu sprechen kam und sagte, er habe diese eigentlich für erfolgreich beendet erklären wollen, sehe sich nun aber veranlasst, sie nochmals um einen Monat zu verlängern, fühlte sich Jules auf einmal sehr müde. Es kam ihm vor, als habe er nun schon mehr als ein dutzendmal gesagt, "Ja, Sir, das sehe ich auch so, Sir, ja Sir, das kann ich verstehen, Sir", dabei war er versucht, dem Mann vor sich ins Gesicht zu sagen, was er von ihm hielt. Aber er wollte und konnte sich zurückhalten.
Ein paar Tage später war New York in hellem Aufruhr. Am fünfundzwanzigsten März, einem Samstag, war in einer Kleiderfabrik kurz vor dem Wochenendfeierabend ein Brand ausgebrochen. Die Fabrik, in welcher Damenblusen hergestellt wurden, vor allem von jungen Frauen und Mädchen, belegte die drei obersten von zehn Stockwerken eines grossen Mietshauses am Washington Place. Nur ein kleiner Teil der Belegschaft, darunter die Besitzer, welche an diesem Tag zusammen mit ihren Kindern im Haus gewesen waren, konnten sich übers Dach und die viel zu wenigen, zu schwach gebauten Feuertreppen retten. Eine Zeit lang wurden auch die Lifte noch in Betrieb gehalten, bis sie wegen der Hitze unbrauchbar wurden. Wie sich herausstellte, waren die Türen der Fabrikationsräume geschlossen, so dass die jungen Frauen und Mädchen in ihrer Not begannen, sich aus den Fenstern in den sicheren Tod zu stürzen, mitten unter die unzähligen Schaulustigen. Die Feuerwehr war zwar schnell mit mehreren Pferdewagen zur Stelle, aber ihre Leitern reichten nur bis zum siebten Stock, und die Rettungstücher wurden von den Herunterspringenden zerrissen. Der Brand wütete bis zum nächsten Morgen, und als man die Türen öffnen konnte, türmten sich dahinter die Leichen erstickter Mädchen und Frauen. Mehr als hundertvierzig Arbeiterinnen wurden getötet. Die Presse schrieb von einem Riesenskandal.
Als Jules mit Mr. McCurdy am Montag darauf an die Wallstreet fuhr, wollte der Chauffeur unbedingt am Brandort vorbeifahren. Der Dienstherr wehrte sich nur halbherzig dagegen. Er schimpfte während der ganzen Fahrt auf die beiden Fabrikbesitzer.
"Juden, wie könnte es anders sein! Unsere Versicherung hatte schon mehrfach mit ihnen zu tun wegen Bränden. Wir vermuteten, dass sie ihre Fabriken immer dann in Brand steckten, wenn sich ein Produktionszweig nicht mehr lohnte. Wir haben sie dann rausgeschmissen aus allen Verträgen. Wenn das hier wieder so ein Fall ist, dann Gnade ihnen Gott!"
Als sie am Ende der Fifth Avenue beim Park ankamen, konnte man nicht nach links abbiegen, der Unfallort war grossräumig abgesperrt. Jules war froh darüber, denn schon die wenigen Pressebilder, die er gesehen hatte, verfolgten ihn bis in seine Träume.
Und es kam zum ersten Streit mit Fiona wegen der Sache. An einem der auf das Unglück folgenden Sonntage hatten sie nach dem Kirchgang noch ein paar Stunden Zeit. Es war endlich warm geworden und sie nutzten die Umstände für einen Spaziergang im Central Park. Als sie Halt machten auf einer Bank, kam Fiona auf den Brand zurück, über den sie bereits gesprochen hatten. Jules erzählte ihr von Mr. McCurdys Reaktion und teilte dessen Meinung, die Besitzer der Fabrik seien Verbrecher, da hielt Fiona plötzlich vehement dagegen.
"Also, erstens einmal hat das gar nichts damit zu tun, dass sie Juden sind. Wären es irgendwelche Amerikaner, würde man auch nicht sagen, so etwas sei typisch für, sagen wir mal, Babtisten. Und zudem ist es ein fataler Irrtum zu glauben, dass dies einfach passiert sei wegen dieser zwei Verbrecher. Wegen zwei schwarzen Schafen. Damit kommen die gestopften Unternehmer und die von ihnen bezahlten Politiker auch bei uns zuhause immer dann, wenn eine Mine explodiert oder eingestürzt ist. Dabei zeigen soche Vorfälle nur zu deutlich, wie das ganze System wirklich ist. Tödlich für die Arbeiter, aber lukrativ für die Besitzer! Hier sperrt man die Mädchen ein, nur damit sie nichts klauen können. Wenn es brennt, sitzen sie in der Falle. Und bei uns müssen die Minenleute Abstützungen und Belüftungen auf eigene Rechnung bauen, in der Freizeit! Und sie sterben mit dreissig, vierzig an der Staublunge!"
Sie hatte sich in Fahrt geredet, wurde richtig laut. Ihre Wangen glühten, und Jules kam kaum dazwischen. Es befremdete ihn, dass sie so mit ihm redete. Er war ein Dummkopf, der nichts von den wahren Hintergründen verstand, ja. Aber konnte es sein, dass sie so viel mehr wusste, und wenn, musste sie es ihn so spüren lassen? Er fragte kleinlaut:
"Was müsste man denn machen? Wie kann man das ändern?"
"Man muss sich organisieren. Wir müssen uns organisieren! Man sollte hier, und auch in Irland, in der Schweiz, endlich die Gewerkschaften voranbringen! Auch für uns Diener und Hausmädchen schaut ja niemand, wenn wir krank werden, oder schwanger, womöglich vom Dienstherrn. Auch wenn wir unsere Eltern besuchen wollen, verdienen wir nichts, man kann uns jederzeit feuern, wegen nichts! Wenn manche von uns das Tafelsilber mitgehen lassen, ist das doch kein Wunder!"
Das fand nun Jules völlig übertrieben, und er versuchte ihr klarzumachen, dass Diebstahl nach seiner Auffassung eine Sünde sei, die nicht mit dem Hinweis auf schlechte Behandlung gerechtfertigt werden könne. Fiona hielt es nicht mehr auf der Bank, sie war aufgestanden und redete weiter auf ihn ein, manchmal schien es ihm fast, als ob sie ihre Worte mit einem Aufstampfen der zierlichen Füsse unterstreichen würde. Als er deswegen lachen musste, lief sie ihm davon.
Ende April wurde Jules eines Morgens ins Büro von Mr. McCurdy bestellt. Dort teilte man ihm förmlich mit, er habe seine Probezeit bestanden und dürfe sich hiermit und ab sofort als vollwertiges Mitglied im Team der Hausangestellten betrachten. Sein Gehalt wurde um zehn Dollar im Monat erhöht und man wies ihn darauf hin, dass bei Krankheit oder allfälligen Besuchen von Verwandten grundsätzlich kein Anspruch auf Bezahlung bestehe. Man werde aber in solchen Fällen die Situation prüfen und sich im Härtefall kulant zeigen.
Am gleichen Tag durfte er den Dienstherrn zu einer Sitzung begleiten. Zuerst wurde ihm nur gesagt, es handle sich um ein Treffen mit sehr bedeutenden Geschäftspartnern, und zu seinem Erstaunen machte man sich zu Fuss auf den Weg, nachdem noch Mr. McCurdys Sekretärin aus dem Büro an der Wallstreet eingetroffen war. Sie gingen die Einundfünfzigste entlang nach Westen bis zur Fifth Avenue, dann in Richtung Central Park bis zur Vierundfünfzigsten. Jules begann zu ahnen, dass sie der Weg ins Imperium der Rockefeller führen könnte, und wirklich rief die Sekretärin, als sie die Avenue überquert hatten:
"Da ist die Baustelle der neuen Mansion, die Mr. Rockefeller Junior für sich bauen lässt. Sie soll gigantisch werden!"
Mr. McCurdy drehte sich etwas unwirsch zu ihr um und sagte:
"Ja, Miss Castenay, danke, dass Sie uns darüber informiert haben. Wir sind jedoch bestellt ins Büro des Hauses Nummer dreizehn. Darf ich Sie bitten dafür zu sorgen, dass wir eingelassen und hinaufgeführt werden?"
Es war das erste Mal, dass Jules Vater und Sohn Rockefeller aus der Nähe sah und erlebte. Er war schon verschiedentlich von andern auf die teuren Automobile der Millionäre hingewiesen worden, wenn sie durchs Quartier fuhren, und einmal hatte er von Weitem gesehen, wie Reporter und Fotografen vor einem der Häuser in der Vierundfünfzigsten dem alten Rockefeller abpassten und ihn bestürmten, als er das Haus verlassen wollte. Nun war er zu Beginn und gegen den Schluss der Besprechung im gleichen Raum mit den Herrschaften, wurde von Mr. Rockefeller Seniors wässerigblauen Vogelaugen fixiert, als er Mr. McCurdy die Taschen und Mappen überreichte. Kam dabei, weil sich Mr. Rockefeller Junior im gleichen Moment erhoben hatte, für einen Augenblick zu nahe neben diesen zu stehen, der gleich gross war und dieselbe Statur hatte wie er. Er trat sofort mit einer leise ausgesprochenen Entschuldigung zur Seite, wodurch er von Mr. McCurdy getrennt wurde.
"Sie sind Mr. McCurdys valet, Mr...... ?
"Ja Sir. Jules Chiquet, Sir. Aus der Schweiz, Sir."
Mr. Rockefeller Junior sah ihn nachdenklich an, nickte dazu fast unmerklich ein paarmal, ohne noch etwas zu sagen. Jules war verlegen. Er stand falsch, zog es aber vor, sich nicht vom Fleck zu bewegen. Sein Dienstherr erlöste ihn, indem er, etwas zu laut, nach ihm rief.
"Haben Sie meine Füllfeder gesehen, Chiquet?"
Jules brachte sie ihm. Er hatte sie auf einem Beistelltisch bemerkt und an sich genommen.
Jules hatte nur wenig mitbekommen von dem, worum es bei dem Treffen gegangen war. Der Butler meinte, die Rockefellers müssten etwas von Mr. McCurdy gewollt haben, sonst hätten sie ihn nicht extra in ihr Büro kommen lassen. Wahrscheinlich eine Versicherungsgeschichte. Er liess sich von Jules berichten, was er hatte aufschnappen können und meinte aus den Gesprächsfetzen eine Version der Geschehnisse rekonstruieren zu können. Zuerst war es wirklich um die Anpassung der Lebensversicherung für die Familie gegangen. Mr. McCurdy war zwar als Geschäftsführer der Mutual Life vor ein paar Jahren zurückgetreten, verfügte aber immer noch über reichlich Insiderwissen und war deshalb als Berater willkommen. Das Gespräch im Büro der Rockefellers wandte sich aber schon bald anderen Dingen zu. Das Monopol im Ölsektor war unter Druck geraten. Es gab Untersuchungen durch einen Ausschuss, schliesslich in jüngster Zeit sogar eine Anklage gegen Standard Oil wegen Verstosses gegen das Antitrust-Gesetz. Eine Verhandlung am höchsten Gericht war im Gange, und es stand zu befürchten, etwas ähnliches könnte auch dem Komplex der Telefon- und Telegrafengesellschaften zustossen, in dem Mr. McCurdy eine führende Position inne hatte. So besprach man mögliche Verteidigungsstrategien und alternative Geschäftsmodelle für die Unternehmungsgruppen. Und man tauschte Adressen geeigneter Anwälte und geneigter Politiker untereinander aus. Jules versuchte, Mr. Kretschmans Erklärungen zu folgen. Dabei erinnerte er sich daran, wie Mr. Rockefeller Junior vor ihm gestanden und ihn gemustert hatte. Es kam ihm fast so vor, als hätte ihn dieser absichtlich in eine Situation unangemessener Nähe gebracht.
Er bekam einen aufgeregten Brief von Berthe, in dem sie ihre Überfahrt, gemeinsam mit Marie, für den November ankündigte. Endlich erfülle sich ihr Traum, sie hoffe, als Modistin in New York eine gute Stellung zu finden, und freue sich sehr auf das Leben in der Grossstadt, auf ihn. Er werde ihr sicher alles zeigen. Sie würde am Anfang im Home Jeanne d' Arc wohnen. Von Marie war der Brief ebenfalls unterschrieben, mit ein paar förmlichen Gruss- und Segensworten. Jules hatte sich mit Fiona wieder versöhnt und erzählte ihr von der bevorstehenden Ankunft seiner Schwestern. Als sie hörte, dass beide in der Textilbranche arbeiten wollten, machte sie sich Sorgen. Jules merkte, wie sie bei dem Thema sorgfältig darauf achtete, nicht wieder mit ihm in Streit zu geraten. Er beruhigte sie:
"Marie hat ja schon in einem kleineren Atelier gearbeitet, in dem die Bedingungen erträglich sind. Dort werden die Türen nicht verschlossen. Vielleicht kann sie da wieder Arbeit bekommen. Sie möchte nicht die volle Zeit arbeiten, damit sie noch in der Kirchgemeinde mithelfen kann. Sie wird jedenfalls Berthe nicht in einer dieser Fabriken sehen wollen."
"Ja, und du?", wollte Fiona wissen.
"Ich natürlich auch nicht. Auf Berthe muss man sicher noch gut aufpassen, sie ist ja erst neunzehn. Wenn sie etwas begeistert, dann ist ihr alles egal, da hat sie etwas Naives. Auch wenn sie als Haus- oder Kindermädchen eine Stelle findet, braucht sie Unterstützung. Ich kümmere mich um sie, keine Sorge!"
"Vielleicht müssen wir deinen Edmond einschalten, was meinst du?", fragte Fiona vorsichtig.
Er lachte.
"Er ist nicht mein Edmond, aber ja, das kann man machen."
Es war schliesslich der Hilfe von Mr. Solomon Abramov, des Schneiders von Mr. McCurdy, zu verdanken, dass Berthe in einer mittelgrossen Hutmanufaktur unterkam, wo sie ihre in Pruntrut erworbenen Fertigkeiten einsetzen konnte. Jules begleitete sie zu Beginn ein paarmal dorthin, um sich ein Bild zu machen von den Verhältnissen. Er konnte herausfinden, dass der ihr zuerst offerierte Lohn zu tief war, weil er nicht berücksichtigte, dass sie ein Zeugnis aus der Fabrik in der Schweiz vorlegen konnte, das ihre Berufserfahrung belegte. Sie wäre zufrieden gewesen, freute sich dann aber doch sehr über die frühe Gehaltserhöhung. Und war stolz auf ihren Bruder, der sich für sie eingesetzt hatte. Jules liebte es, mit seiner jüngeren Schwester New York zu Fuss zu erkunden, weil er alles durch ihre Augen wieder frisch und neu erlebte. Sie fuhren an Sonntagen kreuz und quer mit den Fähren, über den Hudson oder den East River, zur Freiheitsstatue, und einmal sogar nach St. George auf Staten Island. Berthe war von allem begeistert, vom dichten Verkehr der Schiffe und deren Hornen, von den Manövern der Schiffscrews, der modischen Kleidung der New Yorker, dem Salzgeruch des Meeres, den Flugkünsten und Schreien der Möwen. Sie hatte Mitleid mit Bettlern, Krüppeln und Obdachlosen, mit verdreckten Kinderarbeitern und Huren. Sie staunte über die Zahl der Pferdefuhrwerke und Kutschen, die unterwegs waren, und darüber, wie viele chinesische Läden und Restaurants es in gewissen Quartieren gab. Jules musste sie oft daran hindern, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, auf Schwarze, auf Einbeinige, besonders Vornehme oder Zerlumpte. Sie blieb immer wieder stehen und musste schauen, wie ein kleines Kind. Er zeigte ihr, was er am liebsten mochte, Fahrten mit der Hochbahn oder den Gang über Brücken, den Blick von einem Wolkenkratzer, zum Beispiel vom 'Bügeleisen', dem Flatiron, das auch 'grösstes Kuchenstück der Welt' genannt wurde wegen seiner Form. Einmal passierte es, dass er sich am gleichen Sonntagnachmittag mit Berthe und mit Fiona verabredet hatte. Er entschied sich kurzerhand, die beiden Frauen zusammenzubringen, ohne es ihnen vorher anzukündigen. Als er mit Fiona am Arm bei dem mit Berthe abgemachten Ort eintraf, war er unsicher, ob er nicht einen Fehler gemacht hatte. Berthe war zu Beginn eingeschüchtert von Fionas Selbstsicherheit, und wohl von ihrer modischen Kleidung. Diese bemerkte Berthes Unsicherheit und bemühte sich betont freundlich um sie. Schon nach kurzer Zeit hatte Jules den Eindruck, dass ihn die beiden zwischendurch vergassen. Fiona befragte Berthe über ihre ersten Erfahrungen im Hutatelier und erzählte ihr im Gegenzug aus ihrem Leben als Dienerin reicher Leute. Die Frauen lachten viel. Jules war glücklich.
"Du hast eine tolle Schwester, aber sie ist ein bisschen verrückt, glaube ich", sagte Fiona später.
"Du hast eine wunderschöne Freundin, du musst lieb sein zu ihr", meinte Berthe über Fiona. Um das zu bekräftigen, fügte sie ein Sprichwort hinzu, auf Patois.
"D'enne rôse, te n'en faîs pi ïn graipe-tiu! – Aus einer Rose macht man keinen Arschkratzer!"
Auch bei den McCurdys wurde in den nächsten zwei Jahren vieles für Jules zur Routine. Die Rituale des Ankleidens und Entkleidens morgens und abends erledigte er mit geübten Handgriffen und wenigen Worten. Am Morgen war sein Dienstherr froh, wenn er vor dem Frühstück nicht reden musste, am Abend war er meist sehr müde, und schläfrig von den paar Gläsern Brandy oder Whisky, die er gewohnheitsmässig nach dem Abendessen zu sich nahm. Dann musste Jules meistens zum Büro mitfahren, bei Sitzungen im Hintergrund warten und dabei die von Mr. McCurdy verstreuten Gegenstände im Auge behalten. Am langweiligsten waren die Ausflüge nach Morristown zum Landhaus von Mr. McCurdy Senior, oder nach Morris Plains, in das Pendent des Sohnes. Dort konnte es sein, dass Jules halbe Sonntage im Automobil der Herrschaften verschlief, sich zwischendurch die dreckigen Witze des Chauffeurs anhörte, dann im nahen Wäldchen sein grosses Geschäft verrichtete. Sich dabei den Hintern mit Blättern putzte wie in der Kindheit, und sich freute über den Gegensatz zu der Fassade, die er gegenüber den Herrschaften aufrecht erhalten musste. Manchmal war er froh, den Hund um sich zu haben, der rührend an ihm hing, vor allem, seit er ihm einmal mit einer seiner feinen Uhrmacherzangen eine Gräte aus dem Rachen entfernt hatte. Mrs. McCurdy war eifersüchtig, wenn Blacky zuerst zu Jules lief, um ihm die Hände zu lecken. Einmal wollte sich die Hausherrin mit der Haushälterin und der Köchin, mit Jules und dem Hund vor dem Landhaus ablichten lassen mit dem Fotoapparat, den sie von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte. Sie bat den Chauffeur, das Bild zu machen und wollte, dass Blacky artig zu ihren Füssen sässe. Dieser sprang aber immer wieder davon, und wenn er endlich zurückkam, presste er sich gegen Jules' Beine. So packte der ihn schliesslich am Halsband, setzte sich vor den Damen ins Gras und hielt den Hund mit beiden Armen fest. Es entstand ein mehrwürdiges Foto, das Mrs. McCurdy wohl nicht ihrem Mann zeigte.
Mr. McCurdy war mehrere Male krank während dieser Zeit, dabei ein ungeduldiger und mürrischer Patient. Jules führte es auf den beruflichen Druck zurück, der auf dem Dienstherr lastete und zugenommen hatte. Er verstand nun, dank vieler Gespräche mit Mr. Kretschman über das Thema, einigermassen die Zusammenhänge. Die Monopolstellung des Bell-Systems, wie der Zusammenschluss einer grossen Zahl von Telefon- und Telegrafengesellschaften unter der Leitung der American Telephone & Telegraph genannt wurde, war der Bundesregierung zunehmend ein Dorn im Auge. Sie drohten mit der Auflösung oder gar Verstaatlichung von Ma Bell, wie die Unternehmensgruppe, halb höhnisch, halb bewundernd, auch genannt wurde. Mr. McCurdys Seniors Schwager, Gardiner Green Hubbard, war erster Präsident gewesen der Bell Telephon Company, seine Tochter heiratete Alexander Graham Bell, der das erste Telefon für jedermann patentieren liess und auch eine leitende Stellung im Unternehmen bekeidete. Mr. McCurdy Junior war Präsident der internationalen Abteilung, mit Hauptsitz in Brüssel. Jules konnte sich also vorstellen, dass sein Dienstherr, der selber keine Kinder hatte, aber ein ausgesprochener Familienmensch war, unter der Situation sehr litt. Man hatte einen tüchtigen Hausarzt, so dass er als Kammerdiener etwas entlastet war. Trotzdem musste er Mr. McCurdy Fusswickel machen gegen das Fieber, oder ihm gut zureden, damit er seine Medizin pünktlich einnahm. Der schwere Mann wirkte hilflos und es war unmöglich, ihn durch Ablenkung aus seiner jammervoll selbstmitleidigen Stimmung herauszuholen. Jules gab sich Mühe, ihn deswegen nicht zu verachten.
Fiona, ganz die Tochter eines Minenarbeiters, war die erste in Jules Umgebung, die im Spätsommer 1913 von den Streiks in Colorado berichtete.
"Siehst du, die haben eine starke Gewerkschaft, konnten schon die Achtundvierzig-Stundenwoche durchdrücken. Und letzes Jahr erfolgreich gekämpft in West-Virginia. Mittlerweile werden sie sogar von der Bundesregierung als Verhandlungspartner akzeptiert. Und jetzt geht es los in Colorado. Auch dort sind die Bedingungen in den Minen erbärmlich."
Jules hielt es für besser, zuzuhören und zu schweigen.
"Weisst du eigentlich, dass auch dort die Rockefellers die Hände im Spiel haben?"
Natürlich hatte ihr Jules von seinem Erlebnis damals im Büro der Millionäre erzählt, und sie hatten gemeinsam, nicht ganz ernsthaft, Pläne geschmiedet, wie er Diener werden könnte in dem Haus. Er sagte: "Nein, weiss ich nicht.
"Die Gesellschaft, die jetzt bestreikt wird, die Colorado Fuel & Iron, wurde von Rockefeller Senior bedrängt und schliesslich gekauft. Seitdem wurden die Arbeiter immer schlechter behandelt. Der Alte hat das Unternehmen dann seinem Sohn zum Geburtstag geschenkt, stell dir das mal vor! Der besitzt das Ganze jetzt, und war noch nie dort, hat keine Ahnung, was es bedeutet, dort unten in der Hitze, in dem Staub und dem höllischen Lärm zu molochen. Dabei sein Leben zu riskieren. Zu krepieren, wenn nicht bei einem Schlagwetter, dann wegen dem schwarzen Zeug in der Lunge!"
Sie hatte sich wieder in Wut geredet. Jules wollte etwas Hoffnungsvolles sagen.
"Vielleicht schafft es die Gewerkschaft ja, das zu verändern. Vielleicht sollte man Rockefeller mal sagen, er solle hinfahren und einfach nur schauen."
"Ich rufe ihn gleich an", sagte sie, und beide lachten.
Samstag, 27. März 2021
bei den McCurdys
Während der Rückreise nach New York hatte es ununterbrochen geschneit, jetzt schien wieder die Sonne und es herrschte Tauwetter in der Stadt. Schmutzige Schneehaufen verstopften die Gullis der Abwasserkanäle, das Schmelzwasser bildete ausgedehnte, knöcheltiefe Seen auf den Strassen. Überall wurde geschaufelt und gewischt. Jules war von Edmond zum Stadthaus der McCurdys bestellt worden. Es war abgemacht, dass er dem Personal vorgestellt und danach in die Obhut der Haushälterin und des Butlers übergeben werde, von Miss Clara Swenson und Mr. Charles Kretschman, welche die weitere Einführung in die Besonderheiten des Haushalts sowie in seine diesbezüglichen Aufgaben übernehmen würden. Die Einzelheiten dessen, was er als Kammerdiener von Mr. McCurdy zu tun haben werde, könne selbstverständlich nur dieser selbst bestimmen. Ein delikater Vorgang gegenseitiger Annäherung und Abstimmung, welcher wohl nach ein paar Tagen beginnen werde, dann, wenn Mr. McCurdy dies für angemessen halte und das Signal dazu gebe.
Jules hatte sein Gepäck noch für zwei weitere Tage im Keller der Pension einstellen können. Er trug nur eine kleine Tasche bei sich, weil er nicht wusste, ob er schon im Haus seiner neuen Herrschaften übernachten würde. Als er vor dem Haus stand, war er überrascht, wie schmal es war. Es hatte über alle vier Stockwerke nur drei Fenster nebeneinander, die nach oben in der Grösse abnahmen. Im Erdgeschoss waren es zwei, hohe, vergitterte und mit Bögen abgeschlossene Öffnungen, rechts davon ein wuchtiges Eingangsportal, wie zu einem Tempel. Die Fassade war auffällig zweifarbig, hell, fast weiss der Kalkstein für das ganze Erdgeschoss und alle Fensterumrahmungen, dunkelrote Ziegelsteine für die Wand vom ersten Stock bis unters Dach. Er ging die drei Stufen zum Eingang hoch und zog an der Klingel. Eine jüngere Hausdienerin öffnete ihm und bat ihn, einzutreten. Hut und Mantel wurden ihm abgenommen, dann führte sie ihn viele Treppen hoch bis in den vierten Stock, wo sich die Räume der Angestellten befanden. Die Türe des Essraums war angelehnt, dahinter hörte man angeregte Stimmen, auch die von Edmond.
"Da ist er, Mr. Chiquet aus der Schweiz!", rief Edmond in die Runde, stand auf und stellte sich neben Jules.
"Nicht aus Schweden, ich bitte Sie, das nicht zu verwechseln!"
Man lachte höflich über den Scherz.
"Miss Swenson, welche hier und in Morris Plains das Szepter schwingt über das weibliche Team, kommt nämlich aus Schweden, und sie kann ein Lied davon singen, wie oft Schweden mit der Schweiz verwechselt wird und umgekehrt. Jules ging auf die Haushälterin zu und streckte ihr die Hand hin. Sie ergriff sie sitzend und musterte ihn mit sehr hellen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Jules schätzte ihr Alter auf etwa vierzig Jahre, sie trug ein schwarzes Kleid mit grossem, blendend weissem Spitzenkragen und einer ebenso weissen Schürze. Ihre Haare waren hochgesteckt, gekrönt durch eine weisse Schleife.
"Ihr männliches Gegenstück, wenn ich ihn so nennen darf, ist Mr. Kretschman, hier zu meiner Rechten. Er wird in erster Linie dafür besorgt sein, Sie in ihre Aufgaben einzuführen, Mr. Chiquet."
Der Butler erhob sich, um Jules zu begrüssen. Er war gegen fünfzig Jahre alt, trug einen schwarzen Frack, darunter eine etwas hellere Hose mit feinen schwarzen und grauen Streifen, Kragen und Manschetten so blütenweiss wie die Schürze von Miss Swenson.
"Es ist mir eine Vergnügen, Mr. Chiquet. Und ein noch grösseres wird es sein, Ihnen hier alles zeigen zu dürfen. Willkommen in der Mansion McCurdy, Sir."
Trotz seiner steifen Haltung und der förmlichen Begrüssung war er Jules nicht unsympathisch. Edmond stellte ihm die weiteren drei weiblichen Angestellten vor, die am Tisch sassen. Als erste kam die Ladys maid an die Reihe, die sich zu seiner Begrüssung erhob. Sie hiess Ellen Denbyek, kam wie Miss Swenson aus Schweden und war etwa gleich alt wie er selber. Die zweite, auch sie stand auf, war eine ziemlich korpulente Frau um die Fünfzig, mit rosiger Gesichtsfarbe und kräftigem Händedruck. Sie wurde ihm als Esther Villeni, Köchin des Hauses, vorgestellt. Obwohl sie tadellos sauber gekleidet war, roch sie deutlich nach Bratfett. Als letzter gab er der jungen Frau die Hand, die ihm die Türe geöffnet und ihn hinaufgeführt hatte, Mary Robertson. Ihr Hauptgebiet war die Wäsche. Es gebe, so führte Edmond nach Abschluss der Begrüssungen aus, noch einige weitere Angestellten in Morris Town und Morris Plains, die mehrheitlich beschäftigt seien in den sehr grossen Landhäusern der beiden Herren McCurdy Senior und Junior. Mr. Chiquet werde diese sicher in nicht weit entfernter Zukunft kennenlernen. Dazu komme noch der Chauffeur, Thomas Connors, mit dem er wohl bald gemeinsam Mr. McCurdy an die Orte seiner vielfältigen Tätigkeiten begleiten würde. Nun aber schlage er vor, dass man den von Miss Villeni freundlicherweise vorbereitenen Kuchen, wahlweise mit Kaffee oder Tee, zu sich nehmen sollte, was Gelegenheit böte, sich zwanglos einander anzunähern. Dann müsse er sich leider schon bald verabschieden, da er noch weitere Verpflichtungen, in anderen Häusern, vor sich habe.
Nach Kuchen, Tee und Kaffee wurde Jules von Mr. Kretschman das Haus gezeigt. Aus praktischen Gründen begann man mit dem obersten, fünften Stock, den Jules von der Strasse aus nicht gesehen hatte. In diesem befanden sich ein paar wenige Kammern sowie der Estrich, der in erster Linie dem Trocknen der Wäsche diente.
"Sie können sich sogar die Kammer aussuchen, weil im Moment nicht alle belegt sind. Ich würde Ihnen empfehlen, diejenige nach hinten, auf die Höfe, zu wählen. Der Verkehr in der einundfünfzigsten Strasse hat doch sehr zugenommen in den letzten Jahren, und die Madison Avenue ist auch nicht fern. Zudem wird es im Sommer in der nördlichen Kammer nicht ganz so heiss."
Der Butler führte ihn auf die Dachterrasse, und erst jetzt sah Jules, dass die Tiefe des Gebäudes etwa dreimal seiner Breite entsprach. Die Terrasse erstreckte sich über die vordere Hälfte des Grundrisses, über dem hinteren Teil erhob sich der fünfte Stock mit den Kammern.
Auf dem Weg nach unten nahm Mr. Kretschman Bezug auf die spezielle Form des Hauses.
"Sie werden sehen, dass die Anordnung der Räume im Haus eine Herausforderung darstellt. Wir haben leider etwas wenig Tageslicht, weil das Gebäude lang ist, und schmal. Das Tageslicht kommt hauptsächlich von den Fenstern in der vorderen und hinteren Fassade, nur im nordöstlichen Teil gibt es pro Stock noch ein seitliches Fenster. Sie können sich denken, dass den Leuchten im Haus unter diesen Umständen grosse Bedeutung zukommt, überall elektrisches Licht, wie Sie sicher bemerkt haben. Darf ich Sie bitten, den Drehschalter zu betätigen, bevor wir weitergehen?"
Jules versuchte, sich die Anordnung der Räume zu merken, aber es fiel ihm schwer, weil er durch lange Gänge mit vielen gleich aussehenden Türen geführt wurde. Sie erinnerten ihn an das Hotel in Paris, in dem er auf der ersten Reise gewesen war.
Im Salon des ersten Stocks begegneten sie Mrs. McCurdy, die damit beschäftigt war, mit Miss Swenson zusammen den Blumenschmuck zu erneuern.
"Ach, Mr. Chiquet, da sind Sie ja. Ich bin gerade sehr beschäftigt, aber Mr. Kretschman wird Ihnen sicher alles Nötige zeigen. Haben Sie Ihr Gepäck schon hierher gebracht? Ich nehme an, dass Sie ab heute hier im Haus übernachten werden?"
Da Jules nicht recht wusste, was er dazu sagen sollte, antwortete der Butler an seiner Stelle.
"Ich werde dies veranlassen, Madam, sobald der Chauffeur mit Mr. McCurdy zurückgekehrt ist.
"Ja, machen Sie das, Kretschman." Sie wendete sich wieder den Blumen zu. Nachdem Jules den riesigen Empfangssaal im Erdgeschoss bewundert hatte, führte man ihn ins Untergeschoss, wo sich die Küche, Miss Villenis Reich, befand. Diese erklärte ihm die Funktion des Aufzugs, der alle Stöcke bis zum dritten verband, und so gross war, dass eine kauernde Person darin Platz gefunden hätte. In der Mitte der Küche stand ein grosser Tisch.
"Hier halten wir manchmal wichtige Besprechungen unter der Leitung von Mrs. Swenson und Mr. Kretschman ab. Oder wir feiern hier, wenn jemand vom Personal Geburtstag hat. Normalerweise wird aber oben gegessen, im Essraum im Vierten, den Sie gesehen haben."
Der Butler wollte Jules noch die Haustechnik zeigen, wie er es nannte, die Zentralheizung, die Dampfküche sowie die zentralen Schaltungen für den elektrischen Strom.
"Hier kommt zweimal pro Tag William Ryan vorbei, der auch für die Heizung im Nachbarhaus zuständig ist. Ich weiss nicht, ob Sie ihn einmal kennenlernen werden. Er geht Menschen aus dem Weg und spricht nicht sehr viel. Aber für die technischen Belange ist er unverzichtbar."
Gegen Abend kam es zu einer kurzen Begegnung mit dem neuen Dienstherrn. Dieser war kurz angebunden, fast mürrisch, und überliess Jules rasch dem Chauffeur, der mit ihm das Gepäck holen sollte. Jules befürchtete, Mr. McCurdy könnte seinen Entscheid bereits bereuen. Etwas niedergeschlagen bestieg er das prächtige Automobil, das vor dem Haus stand. Thomas, wie der Chauffeur angesprochen werden wollte, war ein munterer Bursche, der seine Zweifel lachend wegwischte.
"Mach dir keinen Kopf daraus, der alte Herr kommt oft in diesem Zustand von der Wallstreet zurück. Wahrscheinlich sind die Aktienkurse gesunken, oder jemand will ihn vor Gericht ziehen wegen irgendetwas. Bei ihm geht das schnell vorbei. Wenn ihm die Villeni etwas Gutes aufgetischt und Mrs. McCurdy ihm die Wangen gestreichelt hat, ist alles wieder gut, du wirst sehen."
Jules hütete sich, auf diese Einschätzung der Launen seines neuen Dienstherren zu antworten, die ihm doch ziemlich respektlos vorkam. Man wusste nicht, ob man auf die Probe gestellt wurde.
Thomas betätigte die Hupe und rief: "Jetzt schau mal, was der Simplex kann!"
Sie fuhren, im Zickzack-Kurs zwischen Pferdefuhrwerken, Omnibussen, anderen Automobilen und Fussgängern, die kreuz und quer über die Strassen liefen, auf der zweiundfünfzigsten Strasse nach Westen. Viel zu schnell, fand Jules.
Jules kam zu zwei neuen Anzügen. Mr McCurdy liess ihn langsam in seine Nähe kommen, und ein Schritt dazu war die Betrauung mit Aufgaben, welche die herrschaftliche Kleidung und das Schuhwerk betrafen. Er suchte, nach den unterschiedlich präzisen Wünschen des Dienstherrn, die Kleidungsstücke heraus, lüftete und bürstete Jacken, Westen und Hosen. Hemden, Vorhemden, Kragen und Manschetten wurden da und dort nachbehandelt, gestärkt und mit einem kleinen elektrischen Eisen aufgebügelt. Mary, die Wäscherin hatte ihm alle Kniffe gezeigt, die sie kannte. Nun wurde von Mr. McCurdy der Kontakt hergestellt zu seinem Masschneider, Mr. Solomon Abramov, dessen Atelier sich an der westlichen dreiunddreissigsten Strasse, mitten im Quartier der Schneider und Hutmacher, befand. Anlässlich der zweiten Anprobe für eine Reihe von Anzügen McCurdys konnte sich Jules zum ersten Mal ein genaueres Bild machen von der aufwendigen Herstellung auf Mass gefertigter Kleidungsstücke. Dabei bestellte sein Dienstherr zu seinem grossen Erstaunen auch zwei Anzüge für ihn, und teilte ihm gleichzeitig in sachlichem Ton mit, dass diese aus nahe liegenden Gründen in einem kleinen Zweigunternehmen der Familie Abramov hergestellt werden sollten, mit nur zwei Anproben. Er habe es sich zur Regel gemacht, die Kosten einer solchen textilen Starthilfe für seine Angestellten vollumfänglich zu übernehmen, wenn diese die Probezeit mit Erfolg hinter sich gebracht hätten. Im anderen Fall, der hoffentlich nicht eintreten werde, habe Jules für die Hälfte der Summe aufzukommen. Dasselbe gelte auch für ein Paar Schuhe, wobei er ihn bitte, sich ein zweites aus eigenen Mitteln anzuschaffen. Jules war es recht. Sein Gehalt war gut, besser noch, als er gehofft hatte.
Es blieb schwierig, sich mit Fiona zu treffen. Die einfachste Möglichkeit war, mit ihr die sonntägliche Messe in der St. Patrick's Cathedral zu besuchen. Er bekam dafür immer frei, wohl auch, weil sich die Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft seines Wohn- und Arbeitsortes befand. Fiona hatten einen deutlich längeren Anreiseweg, und so konnte sie nur ein zweimal im Monat kommen. Es war für Jules jedes Mal ein Fest, sie zu sehen. Anders als in der Kirche des Heligen Vinzenz in Cornol, wo Frauen und Männer, Mädchen und Buben strikt getrennte Bänke hatten, links und rechts des Mittelgangs, war es in der grossen New Yorker Kathedrale üblich, dass man fast überall sitzen, stehen oder knien konnte. Ausgenommen waren nur ein paar wenige Reihen im vorderen Viertel, die den vornehmsten und reichsten Gläubigen vorbehalten waren. So genoss er wärend der ganzen Liturgie Fionas Nähe. Er roch ihr Parfüm, spürte die Wärme ihres Körpers, wenn sich ihre Schultern beim Sitzen berührten. Manchmal traute er sich auch, sie von der Seite anzusehen. Sie merkte es immer, lächelte dann, den Blick weiterhin nach vorne auf das Geschehen am Altar gerichtet. Oder sie drehte leicht den Kopf und sah ihn gespielt streng an, wenn er zu lange schaute. Am liebsten waren ihm die Lieder, wenn er ihre klare Stimme hörte, oder der Gang zur Kommunion und wieder zurück, wenn er ihr den Vortritt lassen und sie betrachten konnte, wie sie vor ihm ging. Er wusste, dass es nicht recht war, sich auf diese Weise vom heiligen Geschehen ablenken zu lassen, zählte aber auf das Verständnis des Lieben Gottes, mit dem er manchmal innerliche Gespräche führte.
"Siehst du nicht, wie schön sie ist?"
In New Jersey besass die Familie der McCurdy zwei sehr grosse Anwesen. Das eine, in Morristown, gehörte Robert Henry McCurdys Vater, Richard Aldrich McCurdy, der das riesige, einem Schloss ähnliche Haus zusammen mit seiner Frau, Sahra Little McCurdy, sowie unzähligen Hausangestellten bewohnte. Das andere hatte Jules' Dienstherr, Robert Henry McCurdy, im benachbarten Morris Plains für sich und seine Frau bauen lassen. Es trug den Namen Mayfair, und war nur unerheblich kleiner als das seines Vaters. Mr. Kretschmar, der Butler, machte es sich zur Aufgabe, Jules in die Bedeutung dieser Häuser einzuführen. Gleichzeitig machte er ihn vertraut mit den Tätigkeiten und Funktionen der beiden Herren McCurdy, Senior und Junior, sowie mit dem weit verzweigten Netz ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Beziehungen, wenigstens so weit, wie er dies für die Tätigkeit eines Kammerdieners für angemessen hielt.
"Die Landhäuser in Morristown und Morris Plains kann man als die eigentlichen Schaltzentralen des Imperiums der McCurdy ansehen. Obwohl gebaut und eingerichtet für das angenehme Leben bedeutender und sehr wohlhabender Leute neben ihrem beruflichen Alltag, werden dort immer wieder Veranstaltungen durchgeführt, bei denen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass diese für die Wirtschaft des Landes zuweilen von grosser Bedeutung sind."
Jules sollte auf ein für den Frühling angekündigtes Ereignis dieser Art vorbereitet werden. Mr. Kretschmar legte Wert darauf, dass er den Zusammenhang, aus dem die zu erwartenden Gäste kommen würden, in groben Zügen verstand.
"Mr. Richard Aldrich McCurdy", fuhr er fort, "war bis vor fünf Jahren Präsident der Mutual Life Versicherungsgesellschaft, die er zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Sie haben sicher das grosse Bürogebäude gesehen, das nun auch schon wieder zu klein geworden ist. Sein Rückzug aus dem Geschäft, und nach Morristown, verlief nicht ganz ohne Bitternis. Das ist ein sehr heikles Thema in der Familie, zu dem man sich als Angestellter am besten gar nie äussert. Nur soviel deshalb: Es gab Vorwürfe einer Untersuchungskommission unter William Armstrong, die auf Korruption und Vetternwirtschaft lauteten. Auch unser Dienstherr war davon betroffen, weil er bis 1905 als Geschäftsführer von seinem Vater mit der internationalen Ausrichtung der Gesellschaft bauftragt worden war. Es gab keine konkreten Belege für die Anklagepunkte, aber die ganze Versicherungsbranche wurde in der Folge von den Gesetzgebern stärker kontrolliert, und beide McCurdys zogen sich daraus zurück. Mr. McCurdy Junior ist nun hauptsächlich als Banker beschäftigt, als Gründer und Direktor der Bank McCurdy, Henderson & Co.. Darüber hinaus ist er Direktor der Bank von Morristown sowie der Telefongesellschaft International Bell, zu der es über eine Tante auch familiäre Beziehungen gibt. Von seinen diversen Mitgliedschaften in Clubs haben Sie sicher schon gehört. Kennenlernen werden Sie sicher den Golfclub von Morris County, wo sich auch der alte Herr noch gerne sportlich zeigt."
Bei der kommenden Veranstaltung, im Landhaus von Mr. McCurdy Junior in Morris Plains, sollte es um die Verbindung von Vergnügen und Arbeit auf höchstem Niveau gehen. Gepflegte Gastfreundschaft in einer malerischen Umgebung auf der einen Seite, Sitzungen mit dem Zweck geschäftlicher Absprachen unter Geschäftspartnern auf der anderen. Eingeladen würden Träger entscheidender Funktionen in Banken und im Patentwesen, sowie aus den Sektoren des Transports und der Telefonie. Nach Mr. Kretschmars Erfahrung könne dies für die Angestellten alles Mögliche bedeuten, von dahinplätschernder Routine bis zu grösster Hektik. Ob und in welchen Momenten Jules als Kammerdiener gebraucht werde, entscheide einzig und allein Mr. McCurdy. Er werde also für die drei bis maximal fünf Tage rund um die Uhr zur Verfügung stehen, aber auch damit rechnen müssen, wenig oder gar nicht gebraucht zu werden. Gerade darin sei seine eigentliche Aufgabe zu sehen, dieser Unwägbarkeit mit grösstmöglicher Bereitschaft zu begegnen. Jules meinte, solche Zustände aus seiner Zeit im Club zu kennen, fand es aber besser, dem Butler gegenüber nichts davon zu erwähnen.
Wenn er Fiona von seiner neuen Stellung erzählte, zog sie ihn manchmal auf mit seinen eigenen Worten des Zweifels, ob er als Bauernsohn in einem solchen Haus am richtigen Platz sei. Eigentlich aber wollte sie ihn bestärken, riet ihm in ihrer sehr direkten Art, sich nicht beeindrucken zu lassen, schon gar nicht, sich zu verbiegen.
"Riechst du nach Stall? Nein, genauso wenig, wie ich nach Kohle und Torf. Und wenn die Herrschaften Wasserspülung schon in ihrer Kindheit kannten, scheissen müssen sie doch!"
Jules kam seinem Dienstherrn nun schon sehr nahe, besonders am Morgen, wenn er ihm die erste Tasse Kaffee servierte und ihm beim Anziehen behilflich war, ihn manchmal auch rasierte, wenn er sich dazu ausserstande fühlte.
"Ach, machen Sie das, Chiquet, sonst passiert noch ein Unglück."
So etwas hörte Jules eines Morgens zum ersten Mal, als Mr. McCurdy am Abend zuvor, bei einer Runde mit Geschäftsfreunden, zuviel geraucht und Brandy getrunken hatte. Er war zwar um eine Handbreite grösser als sein Kammerdiener, aber wie er da vor ihm stand in Unterhosen, mit hängenden Schultern über einem Bauch, der einen beim Richten der Krawatte dazu zwang, sich leicht seitlich aufzustellen, bot er doch das Bild eines grossen Kindes. Dieser Eindruck verschwand augenblicklich, wenn andere Menschen dazukamen, zuallererst seine Ehefrau, die darauf bestand, immer und in jedem Fall seine Kleidung nachzukontrollieren. Sie hatte zu diesem Zweck eine kleine Bürste mit Elfenbeingriff, mit dem sie ihm den Kragen bürstete, dabei in gurrendem Ton auf ihn einredend. Wegzubürsten gab es nicht eine einzige Hautschuppe, dafür sorgte Jules mit trotziger Sorgfalt. Mr. McCurdy aber war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder im Dienst, in eins mit dem Gehabe eines Mannes von Bedeutung. Ihn auch in den Momenten seiner grössten Verletzlichkeit zu erleben, gab dem Kammerdiener Macht, trotz seiner sonstigen Abhängigkeit, das spürte Jules. Ob dieses diffizile Gefüge in ihrem Fall schon durch ein gewisses Mass an gegenseitigem Vertrauen in der Waage gehalten wurde, konnte er noch nicht sagen.
Die Angestellten des Stadthauses wurden zur Vorbereitung des grossen Ereignisses schon an zwei vorausgehenden Tagen am Morgen nach Morris Plains gefahren und am Abend wieder nach New York zurückgeholt. Ziel dieser Massnahme war es, sich mit dem Personal des Landhauses zu einem grossen, gut eingespielten Team zu vereinigen. Dazu zählte die Einführung in einen detailliert ausgearbeiteten Personalplan genauso wie das Putzen und Herrichten aller Räume, und zwar unter der strengen Anleitung von Miss Swenson und Mr. Kretschman. Und man musste zugeben, dass der Butler und die Haushälterin auf eine beeindruckende Erfahrung zurückgreifen konnten. Zwar wurde man während der zwei Tage ziemlich herumgescheucht, aber Jules stellte zum Schluss fest, dass er dabei kaum je einen Gang zuviel oder eine Aufgabe vergebens gemacht hatte. Ein ziemlicher Unterschied zu den oft chaotischen Abläufen im Club, fand er, wo er oft den Eindruck gehabt hatte, ein guter Teil der hektischen Beschäftigung von Angestellten sei vergeblich gewesen, oder habe gar zu noch mehr Arbeit geführt. Thomas Connors, der Chauffeur, genoss es, am Morgen und Abend das Automobil mit viel zu vielen Personen vollzustopfen, mit allen Hausangestellten, denen gegenüber er sich ziemlich formlos verhalten konnte. Nur die Anwesenheit von Miss Swenson und Mr. Kretschman hinderte ihn daran, während der ganzen Fahrt schottisch-irische Lieder zu singen oder Witze zu reissen. Immer wieder musste er von der Haushälterin zur Ordnung gerufen werden.
"Bitte achten Sie auf den Verkehr, Mr. Connors! Wir können uns keinen Unfall erlauben, schliesslich sind wir in diesem Fahrzeug Versammelten für den reibungslosen Ablauf der Tagung in Morris Plains verantwortlich."
Trotzdem wurde viel gelacht auf diesen Fahrten, und zuweilen konnte sogar Miss Swenson nicht anders, als sich von der fröhlichen Stimmung anstecken zu lassen. Für die zweite Fahrt wurde ihnen Rocky, der schwarze Zwergpudel von Mrs. Curdy mitgegeben. Sie war der Ansicht, dass er auf diese Weise einen zusätzlichen Tag mit viel Bewegung erhielte. Zudem brauche er immer eine gewisse Zeit, um sich wieder an die Verhältnisse in Mayfair zu gewöhnen. Thomas Connors war nicht erfreut darüber, den Hund mitnehmen zu müssen.
"Der kotzt mir den ganzen Wagen voll, und ich kann ihn dann putzen!"
Und so war es auch. Jules musste sich, als sie ankamen, eine saubere Hose vom Chauffeur ausleihen. Weil er den Hund beruhigen konnte, nachdem sich dieser erleichtert hatte, sollte er sich den Tag über um ihn kümmern. So kam er zu einer Aufgabe, die ihm in der kommenden Zeit oft Gelegenheit geben sollte, seine Dienstzeit mit Spaziergängen aufzulockern, ein Umstand, der ihm da und dort den Neid seiner Arbeitskollegen eintrug.
Mr. Kretschman hatte Jules eingeschärft, er müsse seinen Dienstherrn während des Anlasses von Anfang an eng, aber unaufdringlich begleiten. Ihn dabei genau beobachten, damit er den wahren Bedarf an Unterstützung bald erkenne und seine Einsätze punktgenau auf dessen Bedürfnisse ausrichten könne. Er beherzigte den Rat und stellte fest, dass Mr. McCurdy sich in den Pausen zwischen den Sitzungen im Plenum so sehr auf die Gespräche mit den zahlreichen Gästen konzentrierte, dass er die Übersicht über seine persönlichen Dinge verlor. Er liess da seine Brille auf einem Beistelltisch liegen, legte dort sein Notizbuch mitten zwischen Sektgläsern ab, stellte seine Mappe an irgendein Tischbein, und vergass sie sogleich. Sogar einen Schlüsselbund, mit dem man sich den Zugang zu seinem Büro und zu den Aktenschränken hätte verschaffen können, musste Jules von der Kaminablage fischen und ihn, als der Dienstherr mit gefurchter Stirn seine Jackentaschen zu durchwühlen begann, so überreichen, als sei er zum Behändigen des Gegenstandes bauftragt worden. Mr. McCurdy legte bei solchen Rückgaben zusehends die Verlegenheit ab und schien sich ganz auf Jules zu verlassen.
"Sie machen das gut, Chiquet", stellte er einmal in einem ruhigeren Moment fest.
"Danke, Sir. Darf ich Ihnen noch etwas bringen?" Jules genoss seine Aufgabe. Sie erinnerte ihn merkwürdigerweise an den Umgang mit den Tieren zu Hause in Cornol, wenn er versucht hatte, am Gang, an der Krümmung des Rückens oder am Rhythmus des Atmens seiner Kühe herauszufinden, was ihnen fehlte.
Mrs Swenson und Mr. Kretschman hatten die Gewohnheit, nach einem Ereignis dieser Grössenordnung alle beteiligten Hausangestellten zusammenzurufen für eine auswertende Besprechung. Sie beurteilten das gerade hinter sich gebrachte im Grossen und Ganzen als Erfolg. Der Butler stellte den Zusammenhang her zwischen ihrem bescheidenen Beitrag zum Gelingen des Anlasses und der Bedeutung der in diesen Tagen verhandelten Sache.
"Es waren hier in Morris Planes die wichtigsten Vertreter der Telefonbranche sowie einige der bedeutendsten Banker und Anwälte des Landes versammelt. Wie Mr. McCurdy in seiner abschliessenden Rede betonte, wurden dabei entscheidende Weichenstellungen getroffen für die Zukunft, für die Verständigung unter den amerikanischen Bürgern. Er stellte sogar eine Ausdehnung der Tätigkeiten seiner Unternehmungen nach Europa in Aussicht, was dem Symposium eine internationale Dimension hinzufügen würde. Wir, und ich meine damit Sie alle, haben dazu beigetragen, dass die Herren in gepflegter Umgebung arbeiten und sich zwischendurch erfrischen und entspannen konnten. Es gab ein paar kleine Pannen, die Mrs. Swenson jetzt gleich mit Ihnen durchgehen wird."
Jules war jetzt doch müde und schweifte ab mit seinen Gedanken. Das meiste, was noch besprochen wurde, ging ihn nichts mehr an, woran er seine Sonderstellung erkannte. Er durchschaute diese noch nicht ganz, begann aber zu begreifen, dass er als Kammerdiener nicht der vollen Rigidität der Personalpläne unterworfen war. Und Mr. McCurdy war ihm etwas vertrauter geworden, doch er blieb auf der Hut.
Jules hatte sein Gepäck noch für zwei weitere Tage im Keller der Pension einstellen können. Er trug nur eine kleine Tasche bei sich, weil er nicht wusste, ob er schon im Haus seiner neuen Herrschaften übernachten würde. Als er vor dem Haus stand, war er überrascht, wie schmal es war. Es hatte über alle vier Stockwerke nur drei Fenster nebeneinander, die nach oben in der Grösse abnahmen. Im Erdgeschoss waren es zwei, hohe, vergitterte und mit Bögen abgeschlossene Öffnungen, rechts davon ein wuchtiges Eingangsportal, wie zu einem Tempel. Die Fassade war auffällig zweifarbig, hell, fast weiss der Kalkstein für das ganze Erdgeschoss und alle Fensterumrahmungen, dunkelrote Ziegelsteine für die Wand vom ersten Stock bis unters Dach. Er ging die drei Stufen zum Eingang hoch und zog an der Klingel. Eine jüngere Hausdienerin öffnete ihm und bat ihn, einzutreten. Hut und Mantel wurden ihm abgenommen, dann führte sie ihn viele Treppen hoch bis in den vierten Stock, wo sich die Räume der Angestellten befanden. Die Türe des Essraums war angelehnt, dahinter hörte man angeregte Stimmen, auch die von Edmond.
"Da ist er, Mr. Chiquet aus der Schweiz!", rief Edmond in die Runde, stand auf und stellte sich neben Jules.
"Nicht aus Schweden, ich bitte Sie, das nicht zu verwechseln!"
Man lachte höflich über den Scherz.
"Miss Swenson, welche hier und in Morris Plains das Szepter schwingt über das weibliche Team, kommt nämlich aus Schweden, und sie kann ein Lied davon singen, wie oft Schweden mit der Schweiz verwechselt wird und umgekehrt. Jules ging auf die Haushälterin zu und streckte ihr die Hand hin. Sie ergriff sie sitzend und musterte ihn mit sehr hellen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Jules schätzte ihr Alter auf etwa vierzig Jahre, sie trug ein schwarzes Kleid mit grossem, blendend weissem Spitzenkragen und einer ebenso weissen Schürze. Ihre Haare waren hochgesteckt, gekrönt durch eine weisse Schleife.
"Ihr männliches Gegenstück, wenn ich ihn so nennen darf, ist Mr. Kretschman, hier zu meiner Rechten. Er wird in erster Linie dafür besorgt sein, Sie in ihre Aufgaben einzuführen, Mr. Chiquet."
Der Butler erhob sich, um Jules zu begrüssen. Er war gegen fünfzig Jahre alt, trug einen schwarzen Frack, darunter eine etwas hellere Hose mit feinen schwarzen und grauen Streifen, Kragen und Manschetten so blütenweiss wie die Schürze von Miss Swenson.
"Es ist mir eine Vergnügen, Mr. Chiquet. Und ein noch grösseres wird es sein, Ihnen hier alles zeigen zu dürfen. Willkommen in der Mansion McCurdy, Sir."
Trotz seiner steifen Haltung und der förmlichen Begrüssung war er Jules nicht unsympathisch. Edmond stellte ihm die weiteren drei weiblichen Angestellten vor, die am Tisch sassen. Als erste kam die Ladys maid an die Reihe, die sich zu seiner Begrüssung erhob. Sie hiess Ellen Denbyek, kam wie Miss Swenson aus Schweden und war etwa gleich alt wie er selber. Die zweite, auch sie stand auf, war eine ziemlich korpulente Frau um die Fünfzig, mit rosiger Gesichtsfarbe und kräftigem Händedruck. Sie wurde ihm als Esther Villeni, Köchin des Hauses, vorgestellt. Obwohl sie tadellos sauber gekleidet war, roch sie deutlich nach Bratfett. Als letzter gab er der jungen Frau die Hand, die ihm die Türe geöffnet und ihn hinaufgeführt hatte, Mary Robertson. Ihr Hauptgebiet war die Wäsche. Es gebe, so führte Edmond nach Abschluss der Begrüssungen aus, noch einige weitere Angestellten in Morris Town und Morris Plains, die mehrheitlich beschäftigt seien in den sehr grossen Landhäusern der beiden Herren McCurdy Senior und Junior. Mr. Chiquet werde diese sicher in nicht weit entfernter Zukunft kennenlernen. Dazu komme noch der Chauffeur, Thomas Connors, mit dem er wohl bald gemeinsam Mr. McCurdy an die Orte seiner vielfältigen Tätigkeiten begleiten würde. Nun aber schlage er vor, dass man den von Miss Villeni freundlicherweise vorbereitenen Kuchen, wahlweise mit Kaffee oder Tee, zu sich nehmen sollte, was Gelegenheit böte, sich zwanglos einander anzunähern. Dann müsse er sich leider schon bald verabschieden, da er noch weitere Verpflichtungen, in anderen Häusern, vor sich habe.
Nach Kuchen, Tee und Kaffee wurde Jules von Mr. Kretschman das Haus gezeigt. Aus praktischen Gründen begann man mit dem obersten, fünften Stock, den Jules von der Strasse aus nicht gesehen hatte. In diesem befanden sich ein paar wenige Kammern sowie der Estrich, der in erster Linie dem Trocknen der Wäsche diente.
"Sie können sich sogar die Kammer aussuchen, weil im Moment nicht alle belegt sind. Ich würde Ihnen empfehlen, diejenige nach hinten, auf die Höfe, zu wählen. Der Verkehr in der einundfünfzigsten Strasse hat doch sehr zugenommen in den letzten Jahren, und die Madison Avenue ist auch nicht fern. Zudem wird es im Sommer in der nördlichen Kammer nicht ganz so heiss."
Der Butler führte ihn auf die Dachterrasse, und erst jetzt sah Jules, dass die Tiefe des Gebäudes etwa dreimal seiner Breite entsprach. Die Terrasse erstreckte sich über die vordere Hälfte des Grundrisses, über dem hinteren Teil erhob sich der fünfte Stock mit den Kammern.
Auf dem Weg nach unten nahm Mr. Kretschman Bezug auf die spezielle Form des Hauses.
"Sie werden sehen, dass die Anordnung der Räume im Haus eine Herausforderung darstellt. Wir haben leider etwas wenig Tageslicht, weil das Gebäude lang ist, und schmal. Das Tageslicht kommt hauptsächlich von den Fenstern in der vorderen und hinteren Fassade, nur im nordöstlichen Teil gibt es pro Stock noch ein seitliches Fenster. Sie können sich denken, dass den Leuchten im Haus unter diesen Umständen grosse Bedeutung zukommt, überall elektrisches Licht, wie Sie sicher bemerkt haben. Darf ich Sie bitten, den Drehschalter zu betätigen, bevor wir weitergehen?"
Jules versuchte, sich die Anordnung der Räume zu merken, aber es fiel ihm schwer, weil er durch lange Gänge mit vielen gleich aussehenden Türen geführt wurde. Sie erinnerten ihn an das Hotel in Paris, in dem er auf der ersten Reise gewesen war.
Im Salon des ersten Stocks begegneten sie Mrs. McCurdy, die damit beschäftigt war, mit Miss Swenson zusammen den Blumenschmuck zu erneuern.
"Ach, Mr. Chiquet, da sind Sie ja. Ich bin gerade sehr beschäftigt, aber Mr. Kretschman wird Ihnen sicher alles Nötige zeigen. Haben Sie Ihr Gepäck schon hierher gebracht? Ich nehme an, dass Sie ab heute hier im Haus übernachten werden?"
Da Jules nicht recht wusste, was er dazu sagen sollte, antwortete der Butler an seiner Stelle.
"Ich werde dies veranlassen, Madam, sobald der Chauffeur mit Mr. McCurdy zurückgekehrt ist.
"Ja, machen Sie das, Kretschman." Sie wendete sich wieder den Blumen zu. Nachdem Jules den riesigen Empfangssaal im Erdgeschoss bewundert hatte, führte man ihn ins Untergeschoss, wo sich die Küche, Miss Villenis Reich, befand. Diese erklärte ihm die Funktion des Aufzugs, der alle Stöcke bis zum dritten verband, und so gross war, dass eine kauernde Person darin Platz gefunden hätte. In der Mitte der Küche stand ein grosser Tisch.
"Hier halten wir manchmal wichtige Besprechungen unter der Leitung von Mrs. Swenson und Mr. Kretschman ab. Oder wir feiern hier, wenn jemand vom Personal Geburtstag hat. Normalerweise wird aber oben gegessen, im Essraum im Vierten, den Sie gesehen haben."
Der Butler wollte Jules noch die Haustechnik zeigen, wie er es nannte, die Zentralheizung, die Dampfküche sowie die zentralen Schaltungen für den elektrischen Strom.
"Hier kommt zweimal pro Tag William Ryan vorbei, der auch für die Heizung im Nachbarhaus zuständig ist. Ich weiss nicht, ob Sie ihn einmal kennenlernen werden. Er geht Menschen aus dem Weg und spricht nicht sehr viel. Aber für die technischen Belange ist er unverzichtbar."
Gegen Abend kam es zu einer kurzen Begegnung mit dem neuen Dienstherrn. Dieser war kurz angebunden, fast mürrisch, und überliess Jules rasch dem Chauffeur, der mit ihm das Gepäck holen sollte. Jules befürchtete, Mr. McCurdy könnte seinen Entscheid bereits bereuen. Etwas niedergeschlagen bestieg er das prächtige Automobil, das vor dem Haus stand. Thomas, wie der Chauffeur angesprochen werden wollte, war ein munterer Bursche, der seine Zweifel lachend wegwischte.
"Mach dir keinen Kopf daraus, der alte Herr kommt oft in diesem Zustand von der Wallstreet zurück. Wahrscheinlich sind die Aktienkurse gesunken, oder jemand will ihn vor Gericht ziehen wegen irgendetwas. Bei ihm geht das schnell vorbei. Wenn ihm die Villeni etwas Gutes aufgetischt und Mrs. McCurdy ihm die Wangen gestreichelt hat, ist alles wieder gut, du wirst sehen."
Jules hütete sich, auf diese Einschätzung der Launen seines neuen Dienstherren zu antworten, die ihm doch ziemlich respektlos vorkam. Man wusste nicht, ob man auf die Probe gestellt wurde.
Thomas betätigte die Hupe und rief: "Jetzt schau mal, was der Simplex kann!"
Sie fuhren, im Zickzack-Kurs zwischen Pferdefuhrwerken, Omnibussen, anderen Automobilen und Fussgängern, die kreuz und quer über die Strassen liefen, auf der zweiundfünfzigsten Strasse nach Westen. Viel zu schnell, fand Jules.
Jules kam zu zwei neuen Anzügen. Mr McCurdy liess ihn langsam in seine Nähe kommen, und ein Schritt dazu war die Betrauung mit Aufgaben, welche die herrschaftliche Kleidung und das Schuhwerk betrafen. Er suchte, nach den unterschiedlich präzisen Wünschen des Dienstherrn, die Kleidungsstücke heraus, lüftete und bürstete Jacken, Westen und Hosen. Hemden, Vorhemden, Kragen und Manschetten wurden da und dort nachbehandelt, gestärkt und mit einem kleinen elektrischen Eisen aufgebügelt. Mary, die Wäscherin hatte ihm alle Kniffe gezeigt, die sie kannte. Nun wurde von Mr. McCurdy der Kontakt hergestellt zu seinem Masschneider, Mr. Solomon Abramov, dessen Atelier sich an der westlichen dreiunddreissigsten Strasse, mitten im Quartier der Schneider und Hutmacher, befand. Anlässlich der zweiten Anprobe für eine Reihe von Anzügen McCurdys konnte sich Jules zum ersten Mal ein genaueres Bild machen von der aufwendigen Herstellung auf Mass gefertigter Kleidungsstücke. Dabei bestellte sein Dienstherr zu seinem grossen Erstaunen auch zwei Anzüge für ihn, und teilte ihm gleichzeitig in sachlichem Ton mit, dass diese aus nahe liegenden Gründen in einem kleinen Zweigunternehmen der Familie Abramov hergestellt werden sollten, mit nur zwei Anproben. Er habe es sich zur Regel gemacht, die Kosten einer solchen textilen Starthilfe für seine Angestellten vollumfänglich zu übernehmen, wenn diese die Probezeit mit Erfolg hinter sich gebracht hätten. Im anderen Fall, der hoffentlich nicht eintreten werde, habe Jules für die Hälfte der Summe aufzukommen. Dasselbe gelte auch für ein Paar Schuhe, wobei er ihn bitte, sich ein zweites aus eigenen Mitteln anzuschaffen. Jules war es recht. Sein Gehalt war gut, besser noch, als er gehofft hatte.
Es blieb schwierig, sich mit Fiona zu treffen. Die einfachste Möglichkeit war, mit ihr die sonntägliche Messe in der St. Patrick's Cathedral zu besuchen. Er bekam dafür immer frei, wohl auch, weil sich die Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft seines Wohn- und Arbeitsortes befand. Fiona hatten einen deutlich längeren Anreiseweg, und so konnte sie nur ein zweimal im Monat kommen. Es war für Jules jedes Mal ein Fest, sie zu sehen. Anders als in der Kirche des Heligen Vinzenz in Cornol, wo Frauen und Männer, Mädchen und Buben strikt getrennte Bänke hatten, links und rechts des Mittelgangs, war es in der grossen New Yorker Kathedrale üblich, dass man fast überall sitzen, stehen oder knien konnte. Ausgenommen waren nur ein paar wenige Reihen im vorderen Viertel, die den vornehmsten und reichsten Gläubigen vorbehalten waren. So genoss er wärend der ganzen Liturgie Fionas Nähe. Er roch ihr Parfüm, spürte die Wärme ihres Körpers, wenn sich ihre Schultern beim Sitzen berührten. Manchmal traute er sich auch, sie von der Seite anzusehen. Sie merkte es immer, lächelte dann, den Blick weiterhin nach vorne auf das Geschehen am Altar gerichtet. Oder sie drehte leicht den Kopf und sah ihn gespielt streng an, wenn er zu lange schaute. Am liebsten waren ihm die Lieder, wenn er ihre klare Stimme hörte, oder der Gang zur Kommunion und wieder zurück, wenn er ihr den Vortritt lassen und sie betrachten konnte, wie sie vor ihm ging. Er wusste, dass es nicht recht war, sich auf diese Weise vom heiligen Geschehen ablenken zu lassen, zählte aber auf das Verständnis des Lieben Gottes, mit dem er manchmal innerliche Gespräche führte.
"Siehst du nicht, wie schön sie ist?"
In New Jersey besass die Familie der McCurdy zwei sehr grosse Anwesen. Das eine, in Morristown, gehörte Robert Henry McCurdys Vater, Richard Aldrich McCurdy, der das riesige, einem Schloss ähnliche Haus zusammen mit seiner Frau, Sahra Little McCurdy, sowie unzähligen Hausangestellten bewohnte. Das andere hatte Jules' Dienstherr, Robert Henry McCurdy, im benachbarten Morris Plains für sich und seine Frau bauen lassen. Es trug den Namen Mayfair, und war nur unerheblich kleiner als das seines Vaters. Mr. Kretschmar, der Butler, machte es sich zur Aufgabe, Jules in die Bedeutung dieser Häuser einzuführen. Gleichzeitig machte er ihn vertraut mit den Tätigkeiten und Funktionen der beiden Herren McCurdy, Senior und Junior, sowie mit dem weit verzweigten Netz ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Beziehungen, wenigstens so weit, wie er dies für die Tätigkeit eines Kammerdieners für angemessen hielt.
"Die Landhäuser in Morristown und Morris Plains kann man als die eigentlichen Schaltzentralen des Imperiums der McCurdy ansehen. Obwohl gebaut und eingerichtet für das angenehme Leben bedeutender und sehr wohlhabender Leute neben ihrem beruflichen Alltag, werden dort immer wieder Veranstaltungen durchgeführt, bei denen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass diese für die Wirtschaft des Landes zuweilen von grosser Bedeutung sind."
Jules sollte auf ein für den Frühling angekündigtes Ereignis dieser Art vorbereitet werden. Mr. Kretschmar legte Wert darauf, dass er den Zusammenhang, aus dem die zu erwartenden Gäste kommen würden, in groben Zügen verstand.
"Mr. Richard Aldrich McCurdy", fuhr er fort, "war bis vor fünf Jahren Präsident der Mutual Life Versicherungsgesellschaft, die er zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Sie haben sicher das grosse Bürogebäude gesehen, das nun auch schon wieder zu klein geworden ist. Sein Rückzug aus dem Geschäft, und nach Morristown, verlief nicht ganz ohne Bitternis. Das ist ein sehr heikles Thema in der Familie, zu dem man sich als Angestellter am besten gar nie äussert. Nur soviel deshalb: Es gab Vorwürfe einer Untersuchungskommission unter William Armstrong, die auf Korruption und Vetternwirtschaft lauteten. Auch unser Dienstherr war davon betroffen, weil er bis 1905 als Geschäftsführer von seinem Vater mit der internationalen Ausrichtung der Gesellschaft bauftragt worden war. Es gab keine konkreten Belege für die Anklagepunkte, aber die ganze Versicherungsbranche wurde in der Folge von den Gesetzgebern stärker kontrolliert, und beide McCurdys zogen sich daraus zurück. Mr. McCurdy Junior ist nun hauptsächlich als Banker beschäftigt, als Gründer und Direktor der Bank McCurdy, Henderson & Co.. Darüber hinaus ist er Direktor der Bank von Morristown sowie der Telefongesellschaft International Bell, zu der es über eine Tante auch familiäre Beziehungen gibt. Von seinen diversen Mitgliedschaften in Clubs haben Sie sicher schon gehört. Kennenlernen werden Sie sicher den Golfclub von Morris County, wo sich auch der alte Herr noch gerne sportlich zeigt."
Bei der kommenden Veranstaltung, im Landhaus von Mr. McCurdy Junior in Morris Plains, sollte es um die Verbindung von Vergnügen und Arbeit auf höchstem Niveau gehen. Gepflegte Gastfreundschaft in einer malerischen Umgebung auf der einen Seite, Sitzungen mit dem Zweck geschäftlicher Absprachen unter Geschäftspartnern auf der anderen. Eingeladen würden Träger entscheidender Funktionen in Banken und im Patentwesen, sowie aus den Sektoren des Transports und der Telefonie. Nach Mr. Kretschmars Erfahrung könne dies für die Angestellten alles Mögliche bedeuten, von dahinplätschernder Routine bis zu grösster Hektik. Ob und in welchen Momenten Jules als Kammerdiener gebraucht werde, entscheide einzig und allein Mr. McCurdy. Er werde also für die drei bis maximal fünf Tage rund um die Uhr zur Verfügung stehen, aber auch damit rechnen müssen, wenig oder gar nicht gebraucht zu werden. Gerade darin sei seine eigentliche Aufgabe zu sehen, dieser Unwägbarkeit mit grösstmöglicher Bereitschaft zu begegnen. Jules meinte, solche Zustände aus seiner Zeit im Club zu kennen, fand es aber besser, dem Butler gegenüber nichts davon zu erwähnen.
Wenn er Fiona von seiner neuen Stellung erzählte, zog sie ihn manchmal auf mit seinen eigenen Worten des Zweifels, ob er als Bauernsohn in einem solchen Haus am richtigen Platz sei. Eigentlich aber wollte sie ihn bestärken, riet ihm in ihrer sehr direkten Art, sich nicht beeindrucken zu lassen, schon gar nicht, sich zu verbiegen.
"Riechst du nach Stall? Nein, genauso wenig, wie ich nach Kohle und Torf. Und wenn die Herrschaften Wasserspülung schon in ihrer Kindheit kannten, scheissen müssen sie doch!"
Jules kam seinem Dienstherrn nun schon sehr nahe, besonders am Morgen, wenn er ihm die erste Tasse Kaffee servierte und ihm beim Anziehen behilflich war, ihn manchmal auch rasierte, wenn er sich dazu ausserstande fühlte.
"Ach, machen Sie das, Chiquet, sonst passiert noch ein Unglück."
So etwas hörte Jules eines Morgens zum ersten Mal, als Mr. McCurdy am Abend zuvor, bei einer Runde mit Geschäftsfreunden, zuviel geraucht und Brandy getrunken hatte. Er war zwar um eine Handbreite grösser als sein Kammerdiener, aber wie er da vor ihm stand in Unterhosen, mit hängenden Schultern über einem Bauch, der einen beim Richten der Krawatte dazu zwang, sich leicht seitlich aufzustellen, bot er doch das Bild eines grossen Kindes. Dieser Eindruck verschwand augenblicklich, wenn andere Menschen dazukamen, zuallererst seine Ehefrau, die darauf bestand, immer und in jedem Fall seine Kleidung nachzukontrollieren. Sie hatte zu diesem Zweck eine kleine Bürste mit Elfenbeingriff, mit dem sie ihm den Kragen bürstete, dabei in gurrendem Ton auf ihn einredend. Wegzubürsten gab es nicht eine einzige Hautschuppe, dafür sorgte Jules mit trotziger Sorgfalt. Mr. McCurdy aber war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder im Dienst, in eins mit dem Gehabe eines Mannes von Bedeutung. Ihn auch in den Momenten seiner grössten Verletzlichkeit zu erleben, gab dem Kammerdiener Macht, trotz seiner sonstigen Abhängigkeit, das spürte Jules. Ob dieses diffizile Gefüge in ihrem Fall schon durch ein gewisses Mass an gegenseitigem Vertrauen in der Waage gehalten wurde, konnte er noch nicht sagen.
Die Angestellten des Stadthauses wurden zur Vorbereitung des grossen Ereignisses schon an zwei vorausgehenden Tagen am Morgen nach Morris Plains gefahren und am Abend wieder nach New York zurückgeholt. Ziel dieser Massnahme war es, sich mit dem Personal des Landhauses zu einem grossen, gut eingespielten Team zu vereinigen. Dazu zählte die Einführung in einen detailliert ausgearbeiteten Personalplan genauso wie das Putzen und Herrichten aller Räume, und zwar unter der strengen Anleitung von Miss Swenson und Mr. Kretschman. Und man musste zugeben, dass der Butler und die Haushälterin auf eine beeindruckende Erfahrung zurückgreifen konnten. Zwar wurde man während der zwei Tage ziemlich herumgescheucht, aber Jules stellte zum Schluss fest, dass er dabei kaum je einen Gang zuviel oder eine Aufgabe vergebens gemacht hatte. Ein ziemlicher Unterschied zu den oft chaotischen Abläufen im Club, fand er, wo er oft den Eindruck gehabt hatte, ein guter Teil der hektischen Beschäftigung von Angestellten sei vergeblich gewesen, oder habe gar zu noch mehr Arbeit geführt. Thomas Connors, der Chauffeur, genoss es, am Morgen und Abend das Automobil mit viel zu vielen Personen vollzustopfen, mit allen Hausangestellten, denen gegenüber er sich ziemlich formlos verhalten konnte. Nur die Anwesenheit von Miss Swenson und Mr. Kretschman hinderte ihn daran, während der ganzen Fahrt schottisch-irische Lieder zu singen oder Witze zu reissen. Immer wieder musste er von der Haushälterin zur Ordnung gerufen werden.
"Bitte achten Sie auf den Verkehr, Mr. Connors! Wir können uns keinen Unfall erlauben, schliesslich sind wir in diesem Fahrzeug Versammelten für den reibungslosen Ablauf der Tagung in Morris Plains verantwortlich."
Trotzdem wurde viel gelacht auf diesen Fahrten, und zuweilen konnte sogar Miss Swenson nicht anders, als sich von der fröhlichen Stimmung anstecken zu lassen. Für die zweite Fahrt wurde ihnen Rocky, der schwarze Zwergpudel von Mrs. Curdy mitgegeben. Sie war der Ansicht, dass er auf diese Weise einen zusätzlichen Tag mit viel Bewegung erhielte. Zudem brauche er immer eine gewisse Zeit, um sich wieder an die Verhältnisse in Mayfair zu gewöhnen. Thomas Connors war nicht erfreut darüber, den Hund mitnehmen zu müssen.
"Der kotzt mir den ganzen Wagen voll, und ich kann ihn dann putzen!"
Und so war es auch. Jules musste sich, als sie ankamen, eine saubere Hose vom Chauffeur ausleihen. Weil er den Hund beruhigen konnte, nachdem sich dieser erleichtert hatte, sollte er sich den Tag über um ihn kümmern. So kam er zu einer Aufgabe, die ihm in der kommenden Zeit oft Gelegenheit geben sollte, seine Dienstzeit mit Spaziergängen aufzulockern, ein Umstand, der ihm da und dort den Neid seiner Arbeitskollegen eintrug.
Mr. Kretschman hatte Jules eingeschärft, er müsse seinen Dienstherrn während des Anlasses von Anfang an eng, aber unaufdringlich begleiten. Ihn dabei genau beobachten, damit er den wahren Bedarf an Unterstützung bald erkenne und seine Einsätze punktgenau auf dessen Bedürfnisse ausrichten könne. Er beherzigte den Rat und stellte fest, dass Mr. McCurdy sich in den Pausen zwischen den Sitzungen im Plenum so sehr auf die Gespräche mit den zahlreichen Gästen konzentrierte, dass er die Übersicht über seine persönlichen Dinge verlor. Er liess da seine Brille auf einem Beistelltisch liegen, legte dort sein Notizbuch mitten zwischen Sektgläsern ab, stellte seine Mappe an irgendein Tischbein, und vergass sie sogleich. Sogar einen Schlüsselbund, mit dem man sich den Zugang zu seinem Büro und zu den Aktenschränken hätte verschaffen können, musste Jules von der Kaminablage fischen und ihn, als der Dienstherr mit gefurchter Stirn seine Jackentaschen zu durchwühlen begann, so überreichen, als sei er zum Behändigen des Gegenstandes bauftragt worden. Mr. McCurdy legte bei solchen Rückgaben zusehends die Verlegenheit ab und schien sich ganz auf Jules zu verlassen.
"Sie machen das gut, Chiquet", stellte er einmal in einem ruhigeren Moment fest.
"Danke, Sir. Darf ich Ihnen noch etwas bringen?" Jules genoss seine Aufgabe. Sie erinnerte ihn merkwürdigerweise an den Umgang mit den Tieren zu Hause in Cornol, wenn er versucht hatte, am Gang, an der Krümmung des Rückens oder am Rhythmus des Atmens seiner Kühe herauszufinden, was ihnen fehlte.
Mrs Swenson und Mr. Kretschman hatten die Gewohnheit, nach einem Ereignis dieser Grössenordnung alle beteiligten Hausangestellten zusammenzurufen für eine auswertende Besprechung. Sie beurteilten das gerade hinter sich gebrachte im Grossen und Ganzen als Erfolg. Der Butler stellte den Zusammenhang her zwischen ihrem bescheidenen Beitrag zum Gelingen des Anlasses und der Bedeutung der in diesen Tagen verhandelten Sache.
"Es waren hier in Morris Planes die wichtigsten Vertreter der Telefonbranche sowie einige der bedeutendsten Banker und Anwälte des Landes versammelt. Wie Mr. McCurdy in seiner abschliessenden Rede betonte, wurden dabei entscheidende Weichenstellungen getroffen für die Zukunft, für die Verständigung unter den amerikanischen Bürgern. Er stellte sogar eine Ausdehnung der Tätigkeiten seiner Unternehmungen nach Europa in Aussicht, was dem Symposium eine internationale Dimension hinzufügen würde. Wir, und ich meine damit Sie alle, haben dazu beigetragen, dass die Herren in gepflegter Umgebung arbeiten und sich zwischendurch erfrischen und entspannen konnten. Es gab ein paar kleine Pannen, die Mrs. Swenson jetzt gleich mit Ihnen durchgehen wird."
Jules war jetzt doch müde und schweifte ab mit seinen Gedanken. Das meiste, was noch besprochen wurde, ging ihn nichts mehr an, woran er seine Sonderstellung erkannte. Er durchschaute diese noch nicht ganz, begann aber zu begreifen, dass er als Kammerdiener nicht der vollen Rigidität der Personalpläne unterworfen war. Und Mr. McCurdy war ihm etwas vertrauter geworden, doch er blieb auf der Hut.
Freitag, 19. März 2021
zur Probe
In Basel stellte Jules im Depot des Bahnhofs sein Gepäck ein und ging dann am Platz ins Geschäftshaus der Agentur Zwilchenbart, um sein Billet abzuholen und zu bezahlen. Weil das Dokument noch nicht fertiggestellt war, wollte er versuchen, Joseph telefonisch zu erreichen. Es dauerte eine Weile, bis man auf der Post eine Verbindung zum Grenzposten herstellen konnte. Dann hatte er einen Zollbeamten am Apparat, den er, zuerst auf Französisch, dann radebrechend auf Deutsch, bat, seinen Bruder ans Telefon zu holen. Er verstand die wortreiche Antwort nur zum Teil, wohl aber, dass man Grenzbeamte nicht einfach im Dienst anrufen könne zu privaten Zwecken. So versuchte er ausrichten zu lassen, dass er vorbeikomme, etwa in zwei Stunden. Er wollte ruhig bleiben und unterdrückte den Impuls, den Besuch abzublasen.
Nachdem er mit der Trambahn Nummer drei durch die ganze Stadt gefahren war, stieg er an der Burgfeldenstrasse aus und ging zu Fuss, den Rest des Wegs bis zur Grenze. Er wunderte sich darüber, dass er während der Fahrt etwas wie Heimweh nach New York verspürt hatte, er freute sich auf kommende Fahrten mit der Hochbahn, bei denen man die Bewegung durch Strassenschluchten aus erhobener Position geniessen konnte. Sein Bruder war immerhin informiert worden über den Besuch, und man hatte ihm erlaubt, sich während einer halben Stunde mit ihm abzugeben.
"Ich durfte meine Mittagspause vorverschieben. Wir können uns ins Wachlokal setzen."
Dann sassen sie sich an einem langen Tisch gegenüber, der Raum war überheizt, die Luft roch nach abgestandenem Rauch von Zigarren. Jules musste sich eingestehen, dass er vom Auftreten seines älteren Bruders beeindruckt war. Er trug einen schmalen Schnurrbart, sonst war er tadellos rasiert, trug die Haare sehr kurz geschoren. Die Uniform schien frisch gebügelt und gebürstet, mit polierten Messingknöpfen, und mit Schulterpatten, noch ohne Abzeichen. Den Hut, mit dem silbernen Stern über dem Schirm, darin das Schweizerkreuz, hatte er sorgfältig umgedreht und neben sich auf dem Tisch platziert, die Handschuhe abgestreift und darübergelegt.
"Wie geht es Papa?", wollte er als erstes wissen. "Meinst du, man kann ihn alleine lassen?"
Jules entgegnete, dass er ja nicht allein sei, Marie bleibe noch eine Weile, und auch die Mutter sei noch sehr rüstig. Papas Husten sei lästig, wie er sage, aber nicht allzu schlimm. Den Schwächeanfall im Stall erwähnte er nicht. Als er von seinen Aussichten auf eine neue Stelle berichten wollte, und von seinen bisherigen Erfahrungen im New Yorker Club, merkte er, wie Josephs Aufmerksamkeit schnell nachliess. Bald drehte das Gespräch, und der Bruder erzählte nur noch von sich, vom Dienst an der Grenze. Von den Herausforderungen, welche ein Geflecht von Gesetzen und Vorschriften, aber auch subtilen diplomatischen Beziehungen des kleinen Vaterlandes mit dem deutschen Kaiserreich, mit sich bringe. Wie eisern Hierarchie und Disziplin der Zollbehörden funktionierten und, ja, funktionieren müssten. Jules glaubte nicht, dass er selber in der Lage wäre, an Josephs Stelle zu bestehen, wie schon so oft. Während sein Bruder die Uniform trug wie eine zweite Haut, war ihm immer unwohl gewesen bei dem Gedanken, je eine tragen zu müssen. Unvermittelt zog Joseph seine Uhr aus der Tasche und sagte:
"So, wir müssen Schluss machen. Jetzt habe ich vor lauter Schwatzen vergessen, dir etwas anzubieten."
Er holte seine Tasche, zog ein eingepacktes Brot heraus und teilte es mit seinem Taschenmesser. Jules sah gerührt zu.
"Du kannst es hier essen, wenn du willst, ich muss wieder hinaus."
"Nein, ich will auch weiter." Jules musste an die frische Luft. Er begleitete seinen Grenzwächterbruder bis zum Schlagbaum, dort umarmten sie sich kurz und steif. Dann machte er sich auf den Weg, zurück zur Tramstation.
Am Morgen vor dem heiligen Abend kam er in Le Havre an. Es wurde ihm bald klar, dass das Schiff nicht voll würde. Die Zahl der Passagiere an der Station war überschaubar, und alles lief ruhig und gelassen ab. Da sie noch etwas Zeit hatten vor dem boarding, konnte Jules am Pier auf und ab gehen und das Schiff von aussen in Augenschein nehmen. Es war etwas kleiner als die 'Provence', aber in Form und Proportionen sehr ähnlich, auch mit zwei rotschwarz gestrichenen Kaminen ausgestattet. Die Masten dienten als Lastkräne. Ein Bereich am Ufer war abgesperrt mit Schranken, weil von dort noch Fässer und Kisten verladen wurden. Jules wollte zusehen, wie die Hafenarbeiter ein grosses, schweres Automobil mit einem Netz und vielen Gurten für den Kran vorbereiteten, musste nun aber sein Gepäck holen und sich in die Reihe stellen. Als er über den Steg zum Schiffsrumpf hochstieg, sah er das Auto am Himmel schweben, wie ein Scherenschnitt.
Nachdem der Heilige Abend auf der 'Tourrène' nur dezent angedeutet worden war, mit Kerzenlichtern auf den Tischen aller Klassen sowie je einem mit roten Kugeln und Bandschlaufen dekorierten Weihnachtsbaum, wobei der im Esssaal der Ersten selbstverständlich der grösste war, wurde für die Festlichkeit am Fünfundzwanzigsten kein Aufwand gescheut. Das Essen umfasste sogar in der dritten Klasse mehrere Gänge, in Jules' zweiter spielte ein kleines Orchester und es wurde um Erscheinen in festlicher Kleidung gebeten. Die Tische waren zu grossen Tafeln zusammengrückt, man hatte von den Passagierlisten die Namen herausgelesen und auf Tischkarten übertragen. Als Jules, gekleidet in seinem besten Anzug, mit einem weissen noeud pappillon unter dem Kinn, in den Saal trat, musste er wie alle andern seinen Platz suchen. Er fand ihn schliesslich zwischen zwei Damen in Abendkleidern, und gegenüber von einem Herrn im Smoking. Die Frau zu Jules' Linken war in den Fünfzigern, eine eindrucksvolle, etwas korpulennte und in der Körpermitte stark eingeschnürte Erscheinung in weinrotem Taft. Sie musterte ihn ohne eine Spur von Hemmung, mit dem Monokel, von Kopf bis Fuss, und stellte sich dann vor, auf Französisch mit italienischem Akzent, als Madame Angela Cattelli, die Gemahlin des ihm gegenüber sitzenden Herrn, Monsieur Giuseppe Cattelli. Beide lebten schon seit über fünfzehn Jahren in Kanada, hatten die Heimat in Italien besucht und waren auf der Rückreise nach Montreal, wo Herr Cattelli ein Geschäft mit forstwirtschaftlichem Gerät betrieb. Die Frau zu Jules' Rechten war etwa gleich alt wie er. Sie hiess Lillian Dyke, war aus New York, und unterwegs zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem Ehemann Otto, der schräg gegenüber sass. Die beiden schienen sehr unruhig, verliessen abwechslungsweise immer wieder den Tisch, weil sie nach ihren Kindern sehen wollten, die in einem speziellen Essraum assen, einen Stock tiefer, zusammen mit vielen anderen Kindern und betreut von einem Dutzend Kinderfrauen, welche die Schiffahrtsgesellschaft stellte. Es herrsche ein höllischer Lärm und grosses Durcheinander im Saal der Kinder, die nurses seien ihrer Aufgabe nicht gewachsen, sagte die junge Mutter entschuldigend, als sie sich wieder an den Tisch setzte. Sie könne wohl nicht bis zum Dessert bleiben.
Auch hier war es mit zunehmendem Konsum des recht guten Weins lauter geworden, was die Cattellis und ihre Nachbarn aber nicht davon abhielt, über Politik zu diskutieren. Obwohl sie sehr laut sprechen und ihre Sätze des öftern wiederholen mussten, kam es Jules so vor, als wollten sie das bald zu Ende gehende Jahr Ereignis für Ereignis durchgehen. Er konnte nicht viel dazu beitragen, denn vieles erfuhr er zum ersten Mal. Er kam sich vor, wie ein dummer Bub vom Land. Immerhin wurde sein Interesse wieder geweckt, als man auf den Schwarzen Freitag von London zu sprechen kam. Fiona, Kuiwa und Margaret hatten sich an jenem Abend von Thanksgiving sehr ereifert über die Gewalttätigkeit der Polizei und der männlichen Gaffer, und eine hitzige Diskussion war ausgebrochen darüber, ob solche Übergriffe Gegengewalt rechtfertigten. Hier, an Bord des Weihnachtsschiffs, nahm das Gespräch eine Richtung, welche die drei Frauen erst recht in Rage gebracht hätte. Madame Catellis Gesicht, als sie lautstark verkündete, was man ihrer Meinung nach mit den Suffrageten machen müsste, wurde Jules plötzlich so widerwärtig, dass er am liebsten aufgestanden und weggegangen wäre. Da aber in dem Moment die Kellner das Geschirr des Hauptgangs abzuräumen begannen, wurde die Debatte jäh beendet, und er blieb doch sitzen.
Nach einem Tusch des Orchesters trat der Kapitän der 'Tourrène' auf für eine kurze Rede, die von Jules' Tischumgebung als ganz nett beurteilt wurde, obwohl sie hier, wie wohl auch davor in der ersten Klasse, vom Blatt abgelesen war. Darauf intonierte das Orchester in forschem Tempo ein Weihnachtslied, Il est né le divin enfant, die Hälfte der Passagiere sang mit, mit einem halben Takt Verzögerung und ziemlich unrein. Als das Lied ausgeklungen war, nahm man sich das Dessert vor, dazu wurde die vor kurzem ausgebrochene Revolution in Mexiko besprochen. Jules hatte genug, er liess sich entschuldigen, wünschte allerseits eine gute Nacht und verliess den Saal. Beim Ausgang traf er Otto Dyke, der zurückkehrte von seinen väterlichen Pflichten.
"Sie sind im Bett, Gott sei Dank! Gibt es noch Dessert?"
Am Nachmittag des dritten Januar kam Jules mit der Eirie Railroad bei der Station in Ho-Ho-Kus an. Es war schneidend kalt, die dünne Schneeschicht wurde vom Nordwind verblasen. Er stand mit seinem Gepäck neben dem Bahnhofsgebäude, einem kleinen, rechteckigen Bau mit aus mächtigen Flusskieseln gebauten Wänden, die sich gegen den Boden hin verbreiterten. Das gab ihm etwas militärisch Trotziges. Das nach allen vier Seiten weit auskragende Dach wirkte wie ein Helm, hier weiss man sich zu verteidigen, dachte Jules. Er stellte seine Sachen an eine Wand und ging um das Gebäude. An einer der Schmalseiten standen zwei Handkarren, wie gebaut für das Gepäck eines Riesen, daneben regungslos eine schwarze Gestalt unter einem dicken Cape aus Filz, mit einem Hut, wie sie die Schafhirten im Jura trugen. Es war ein älterer Mann mit Vollbart. Jules zeigte ihm seinen Zettel mit der Adresse und fragte ihn, ob er ihm mit Koffer und Taschen behilflich sein könne. Der Mann spuckte einen braunen Tabakstrahl in den Schnee und sagte:
"Yes, Sir. Dafür bin ich ja da! Ist nicht weit, Sir. Fünf Minuten."
Dann, nach einem Blick auf Jules' Schuhe:
"Zehn Minuten."
Er war froh, als er in der warmen Stube stand. Edmond stellte ihn den Gastgebern vor, Irène Dubois Carter und William S. Carter, ein älteres Ehepaar im Ruhestand. Mit Edmond hatte Irène lange Zeit, ein halbes Leben, wie sie ausrief, bei sehr reichen Herrschaften gedient, William war Lateinlehrer gewesen am College of the City in New York. Er wirkte gebrechlich, Jules gab sich Mühe, seine knochendünne Hand nicht zu fest zu drücken, während seine Frau drallfröhlich und sehr gesund wirkte. Ihre Stimme war laut wie eine Posaune, und sie wechselte mitten im Satz von Englisch zu Französisch, oder umgekehrt. Wenn der neue Gast sich eine wenig frisch gemacht habe, könne man essen, ordnete sie an. Jules bekam ein kleines Zimmerchen unter den Dach, in dem alles, bis auf den kleinsten Gegenstand, entweder in Weiss oder in Hellblau gehalten war. Er setzte sich aufs Bett, auf dem Kopfkissen neben ihm sass ein kleiner Bär in Menschenkleidern, weiss, hellblau. Es wurde ihm zu warm, darum stand er auf, öffnete das Fenster und sog die kalte Luft ein. Es hatte wieder zu schneien begonnen.
Beim Nachtessen wollte Edmond gleich über seine Vorhaben berichten, und über die Pläne zu Jules Zukunft, aber Irène bestand darauf, dass dieser zuerst von seinem Besuch in der Heimat erzählen solle. Er habe schliesslich eine lange, anstrengende Reise hinter sich, und es interessiere sie auch persönlich, woher er komme, denn ihre Vorfahren stammten ebenfalls aus dem Jura, wenn auch aus dem französischen Teil. Jules wusste nicht, wo er beginnen sollte, aber Irène half ihm, indem sie nachfragte, aufmerksam zuhörte und nur selten unterbrach. So erzählte er von seinen Eltern, von den Schwestern, vom älteren Bruder, von den Menschen im Dorf. Er staunte selber über seine Offenheit, und als er einmal auf Englisch die Worte nicht fand, sagte er es auf Patois. Irène war hell entzückt, sie wiederholte seinen Satz in ihrem eigenen Dialekt, und man stellte fest, dass es sehr ähnlich klang. Als sich nun auch William zu Wort meldete, zu einem Vortrag über die Verwandtschaft galloromanischer Sprachen ausholen wollte, fuhr Edmond dazwischen. Er war verärgert.
"Nun müssen wir aber wirklich über die Gegenwart und unsere unmittelbare Zukunft sprechen, meine Herren, und meine Dame, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbrochen habe."
Jules sah auf seinen Teller, aber Irène zeigte sich wenig betroffen.
"Ja, machen Sie nur, lieber Edmond. Ich muss mich meinerseits entschuldigen, aber es war doch wirklich sehr interessant, was uns Jules da berichtet hat. Wie eine Reise in eine andere Welt, nicht wahr?"
"Es geht darum, dass ich unseren Jules bei den McCurdys als Kammerdiener unterbringen möchte."
So begann Edmond eine lange Erklärung der Umstände, weshalb er Jules hatte nach Ho-Ho-Kus kommen lassen und was er mit ihm vorhatte. Der Ort wirke ja wohl auf Neuankömmlinge nicht besonders einladend, vor allem jetzt, bei diesem Winterwetter. Ursprünglich den Delaware-Indianern abgetrotztes Territorium, im Revolutionskrieg Durchzugsland, sowohl für die Hessians und die Briten als auch für die Truppen Washingtons. In jener Zeit sei hier ein Haus gebaut worden, das sich zwar heute in veränderter Form präsentiere, aber noch immer als herausragend geschichtsträchtiger Ort gelten könne. Die Hermitage, wie Grundstück und Gebäude genannt würden, ziehe seit langem Besucher aus dem ganzen Land an, die mit eigenen Augen sehen wollten, wo einst Washington, Monroe, Paterson, Lafayette, Stirling und Burr als Gäste ein und aus gegangen seien. Dies gelte auch für den äusserst wohlhabenden und erfolgreichen Bankier Robert Henry McCurdy Junior, für den er, Edmond Jacquelin, schon mehrfach Hausangestellte mit ausgezeichneten Qualifikationen gesucht und gefunden habe, alle weiblich bisher. Deshalb habe er auch erfahren, dass Mr. McCurdy einen Kammerdiener suche, und dass er ausserdem im Januar mit seiner Frau der Hermitage einen Besuch abstatten wolle. Dies habe er als eine hervorrragende Gelegenheit betrachtet, den Herrschaften Jules sowohl vorzustellen als auch als Diener vorzuschlagen. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, dass es für das Gelingen solch delikater Gespräche und Abwägungen unabdingbar sei, sich den Dienstherren zu einem Zeitpunkt anzunähern, wo diese nicht unter dem Druck ihrer beruflichen Verhältnisse stünden, am besten an einem neutralen und gleichzeitig angenehmen Ort, wo sie die Musse fänden, sich in die Niederungen der Haushaltsführung zu begeben, sich mit erhofften als auch tatsächlichen Eigenschaften einer Person abzugeben, deren Nähe sie, nach positivem Vertragsabschluss, täglich ausgesetzt sein würden. Er habe deshalb mit Bess Rosencrantz und deren Nichte Mary Elizabeth ausgemacht, dass man den MacCurdys nach der Besichtigung der Hermitage ein Nachtessen in den geschichtsträchtigen Räumen ausrichten werde, selbstverständlich auf seine, Edmonds, Rechnung und mit Hilfe von zwei Angestellten, die er aus New York kommen lasse. Es sei vorgesehen, dass auch Jules an diesem Abend als Steward die Gäste bediene und sich so, quasi in Aktion, vorstelle.
Jules war erschlagen, und um irgendetwas zu sagen fragte er:
"Wer sind die beiden Damen Rosencrantz?
Irène war schneller als Edmond.
"Die kennt hier jeder, und auch weit herum. Bess hat die Hermitage und einen Teil der Mühle von ihrem Onkel geerbt. Sie kam ins Haus, um ihren Bruder und dessen zweite Frau beim Grossziehen der Kinder zu unterstützen, Dayton, und eben Mary Elizabeth, beide aus erster Ehe. Seine erste Frau, Mary Warner, ist früh verstorben. Mit der Nichte und deren Stiefmutter, die verwirrenderweise Bessy heisst, nicht Bess, und schon ziemlich gebrechlich ist, bewirtschaftet sie das Haus. Wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, sie hat schon die halbe Welt gesehen. Bess ist jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, Mary Elizibeth hat ungefähr Ihr Alter, Jules, schätze ich. Der Bruder und Onkel, Will heisst er, möchte, dass Bess die Hermitage verkauft, denn seine Geschäfte gehen nicht gut. Gingen nie gut, soviel ich weiss. Auch Dyton möchte das, weil er Geld für seine Ausbildung braucht. Aber Bess und Mary Elizabeth hängen an dem Ort. Sie leben schon lange mit seiner Geschichte, und können sie auch hervorragend zum Besten geben, Sie werden sehen. Am liebsten würde Bess wohl ein Museum daraus machen, mit einem Lokal, in dem man Tee trinken und Konzerte anhören kann, so etwas in der Art. Sie liebt es, Besucher zu empfangen und sie in die Geheimnisse der Hermitage einzuführen."
William ergänzte:
"Eine erstaunliche, sehr gescheite und gebildete Frau. Man kann wunderbare Gespräche mit ihr führen."
Jules wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er fühlte sich eingeschüchtert, nicht am richtigen Ort. Wie sollte er bestehen unter diesen Menschen, die so fliessend und gescheit reden konnten, deren Hände immer weich waren, und sauber? Aber er zog es vor, seine Zweifel für sich zu behalten.
Zur Vorbereitung des Dinners mit den McCurdys gehörte ein erstes Treffen zum Nachmittagstee bei den Damen Rosencrantz in der Hermitage. Es war immer noch sehr kalt, als Edmond und Jules auf das Haus zugingen. Der Schnee auf dem Parkweg knirschte unter ihren Füssen. Das Hauptgebäude war nicht sehr gross, aber es erschien Jules wie ein kleines Schlösschen, oder wie ein Kapelle, gebaut aus rotem Sandstein über einem T-förmigen Grundriss. Die Dachflächen waren mit Holzschindeln gedeckt, die Giebel der Gebäudeflügel und der vielen Lukarnen waren verziert mit aus Brettern gesägten schlangenförmigen Ornamenten, die in ihrem Scheitelpunkt kleine Masten in den Himmel streckten, alles weiss gestrichen. Die Fenster waren mit senkrecht stehenden, weissen und gelben Rhomben verglast. Als sie den Hausflur betraten, bewunderten sie die Lichteffekte, welche die Wintersonne durch die Scheiben in die Räume zauberten. Bess Rosencrantz empfing sie und führte sie in die Stube, wo Marie Elizabeth noch mit dem Decken des Tischs beschäftigt war, und sie nun auch begrüsste.
Das Gespräch dauerte mehr als zwei Stunden, während denen vor allem Bess und Edmond alle Einzelheiten des geplanten Nachtessens besprachen. Das Essen sollte in geeigneten Behältern geliefert werden vom lokalen Metzger sowie vom Gasthof Ho-Ho-Kus Inn, von wo auch die Getränke, das Geschirr und Besteck bestellt worden waren. Edmond war erleichtert, dass er nur eine zusätzliche Hilfskraft würde kommen lassen müssen, da Mary Elizabeth darauf bestand, beim Bedienen der Gäste zu helfen, und auch die Metzgerei einen Mann mitschicken wollten, die sich mit dem Warmhalten der Speisen auskannte. Bess sollte an dem Abend möglichst davon befreit sein, oder davon abgehalten werden, wie Mary Elizabeth präzisierte, selber anzupacken, damit sie sich ganz dem Gespräch mit den McCurdys widmen und ihnen die sicher gewünschten historischen Hintergründe des Ortes schildern könne. Jules hatte sich gleich zu Beginn der Besprechung in einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit versetzt, eine Fähigkeit, die er sich im Club angeeignet hatte, zu Beginn mit viel Mühe. Nun stellte er fest, dass es ihm nicht schwerfiel, die wichtigen, ihn unmittelbar betreffenden Aufgaben zu erkennen und sich zu merken. Trotzdem notierte er sich ein paar wesentliche Punkte in einem kleinen Notizbuch, das er seit dem Verlassen des Brook nicht mehr benutzt hatte. Er nahm sich vor, Edmond später noch zu den Tätigkeiten und Verdiensten von Mr. McCurdy zu befragen. Bess Rosencrantz beeindruckte ihn sehr. Als sie ihnen die Türe geöffnet hatte, war er bestürzt gewesen über sein erstes, unüberlegtes Urteil, dass eine typische Jüdin vor ihm stehe. Gleichzeitig hatte er den unangenehmen Eindruck, sie habe seine Reaktion durchschaut. Im Laufe des Nachmittags lernte er sie als eine nachdenkliche Frau kennen, die genau zu wissen schien, was sie wollte. Wenn Edmond etwas vorschlug, was ihr nicht passte, sah man ihre Ablehnung daran, dass sie den Blick abwandte und, sichtbar nachdenkend, ins Leere richtete. Sie liess ihr Gegenüber zuerst weiter reden. Wenn er dann aber das Thema wechseln wollte, kam sie auf den betreffenden Punkt zurück und legte ihren gegenteiligen Standpunkt so ruhig, klar und unmissverständlich dar, dass Widerspruch zwecklos schien. Edmond probierte es auch gar nicht.
Jules hatte wenig Erfahrung mit jüdischen Menschen. In New York war er vielen begegnet, die durch ihre Kleidung und Haartracht auffielen, und er hatte sich die Unterschiede zwischen Orthodoxen und Sekulären erklären lassen. Er hatte mitbekommen, dass in den letzten Jahren immer mehr Juden aus dem Osten vor Verfolgungen fliehen mussten, nach Europa, sogar in die heimatliche Schweiz, aber auch nach Amerika. Er hatte sie gesehen auf seinen Schifffahrten, arme Menschen, die verzweifelt versuchten, nicht arm zu erscheinen. Und in Cornol waren die Juden immer wieder Gegenstand von hitzigen Debatten gewesen, man machte sie verantwortlich für alle möglichen schlechten Entwicklungen, vor allem, wenn es um die Wirtschaft, um Geld ging. Vielleicht stimmte es ja, und Papa und Maman sahen das auf jeden Fall so. Warum genügten die auffällig markante Nase und der spezielle Name einer Frau, ihn ihr gegenüber so befangen zu machen? Dabei konnte er sich jetzt, nach ein paar Stunden, in der er sie erlebt hatte, sogar vorstellen, dass man mit ihr darüber sprechen könnte.
Robert Henry McCurdy Junior war ein grosser Mann mit beeindruckend dickem Bauch. Ein dichter Schnurrbart und der oft aufgesetzte strenge Blick konnten die weichen Gesichtszüge nicht gänzlich verdecken, und auch aus seiner Stimme war ein Widerstreit von Impulsivität und Zurücknahme zu hören, was sich in einem etwas gepressten Tonfall äusserte. Lady Suckley McCurdy war eine vornehm wirkende, würdevolle Dame, deren üppige Rundungen in ein dunkelblaues, raschelndes Seidenkleid gehüllt waren. Sie wich nicht von der Seite ihres Mannes und hatte die Angewohnheit, seine Worte in etwas anderer Formulierung zu wiederholen. Beide schätzte Jules auf etwa fünfzig.
Das Abendessen war in vollem Gang. Jules war, zusammen mit Mary Elizabeth, beschäftigt mit Auf- und Abtragen von Tellern und Schüsseln, mit Nachschenken von Wein und Wasser, währenddem John, der von der Metzgerei geschickt worden war, und Louise, die Edmond mitgebracht hatte, im Hintergrund blieben und die Verbindung zur Küche aufrecht erhielten. Jules las fallengelassene Servietten vom Boden auf und ersetzte sie durch frische, behob ein Unglück mit einem umgestürzten Weinglas, indem er den Schaden so rasch und rücksichtsvoll wie möglich mit einem schmalen Tischtuchstreifen abdeckte. Er beobachtete die Gäste genau, um dem richtigen Zeitpunkt für das Nachschenken oder das Wegräumen von Tellern weder vorzugreifen, noch ihn zu verpassen. Es entging ihm nicht, wie er dabei sowohl von Mr. McCurdy als auch von dessen Frau beobachtet wurde. Man würde sich nach dem Essen in der kleinen Bibliothek treffen, um seine Arbeit zu besprechen und, je nach Urteil, die weiteren Schritte festzulegen, hatte ihm Edmond beschieden. Davor aber entwickelten sich die Ausführungen von Bess über die Geschichte der Hermitage zu einem eigentlichen Vortrag. Sie erzählte von der Zeit vor dem Revolutionskrieg, als im Jahre 1767 Ann Bartow DeVisme das Haus gekauft habe, das noch sehr anders ausgesehen habe als heute. Wie deren Tochter Theodosia Bartow, die den Offizier James Marcus Prevost heiratete, während dem Krieg von ihrem Mann alleine gelassen worden sei, mitsamt den gemeinsamen Kindern. Sie habe damals nicht in der Hermitage gewohnt, sondern in einem Haus in der Nähe, bei den Mühlen. Prevost, ihr Mann, habe auf Seiten der Briten gekämpft, und trotzdem habe sie, als sie erfuhr, dass George Washington auf einem seiner Rückzüge bei Ho-Ho-Kus vorbeikomme, die Gelegenheit ergriffen und den Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee in die Hermitage eingeladen. Washington sei der Einladung gefolgt, genauso wie weitere Gründungsväter der USA nach ihm, so zum Beispiel der spätere fünfte Präsident, James Monroe.
"Und was wurde aus Theodosia?", wollte Mrs. McCurdy wissen.
"Ihr Mann fiel auf dem Schlachtfeld, für die falsche Sache, würde man heute sagen. Einer der prominenten Besucher des Hauses aber, Aaron Barr, der Anwalt und Politiker war, und mit Präsident Jefferson der dritte Vizepräsident, verliebte sich in Theodosia und besuchte sie heimlich in der Nacht, über längere Zeit. Schliesslich heirateten sie, 1882."
Mr. McCurdy merkte auf, als er Barrs Name hörte.
"Aaron Barr, war das nicht der Barr, der Alexander Hamilton in einem Duell tötete?"
Bess antwortete:
"Ja, genau. Es war eine sehr turbulente Zeit, Burr wurde als Vizepräsident mit einer Hetzkampagne unter Druck gesetzt und das ganze entlud sich in dem Duell. Seine politische Karriere war damit beendet, aber er wurde nie zur Rechenschaft gezogen für den Mord."
"Unglaublich!", fand McCurdy.
In der Bibliothek trafen sich nach dem Essen das Ehepaar McCurdy, Edmond, Jules und auch Bess Rosencrantz, die Mr. McCurdy überrumpelt hatte mit der nicht als Frage gemeinten Bemerkung: "Wenn Sie nichts dagegen haben."
Jules war stehen geblieben, die andern setzten sich und sahen ihn an. Niemand bot ihm einen Stuhl an, er hatte einen trockenen Hals.
Edmond wollte beginnen mit ein paar einleitenden Sätzen, wurde aber gleich unterbrochen von Mr. McCurdy, der, wie Jules wusste, ziemlich viel getrunken hatte und zur Sache kommen wollte.
"Ich möchte nicht lange herumreden Mr. Chiquet. Edmond Jacquelin hat Sie mir ja schon in New York empfohlen, und sie sollen im Brook, von dessen Mitgliedern sich bis heute keiner aufraffen konnte, mich einzuladen, einen hervorragenden Job gemacht haben. Was ich heute von Ihnen gesehen habe, gefiel mir sehr, muss ich sagen. Wir hatten ja bislang nur weibliches Personal, mit einer kurzen Ausnahme..."
Er sah kurz zu seiner Frau, die nickte und dazu die dramatisch die Augen verdrehte.
"Ich hatte kurze Zeit einen Kammerdiener, mit dem ich aber gar nicht zufrieden war. Zu aufdringlich, kein Gefühl für die angemessene Distanz. Das scheint bei Ihnen vorhanden zu sein, sie haben das gewisse Etwas. Sie sind schnell und geschickt, wenn es nötig ist, und man sieht sie nicht, wenn es nicht nötig ist. Vous êtes employé à titre probatoire!"
Nachdem er mit der Trambahn Nummer drei durch die ganze Stadt gefahren war, stieg er an der Burgfeldenstrasse aus und ging zu Fuss, den Rest des Wegs bis zur Grenze. Er wunderte sich darüber, dass er während der Fahrt etwas wie Heimweh nach New York verspürt hatte, er freute sich auf kommende Fahrten mit der Hochbahn, bei denen man die Bewegung durch Strassenschluchten aus erhobener Position geniessen konnte. Sein Bruder war immerhin informiert worden über den Besuch, und man hatte ihm erlaubt, sich während einer halben Stunde mit ihm abzugeben.
"Ich durfte meine Mittagspause vorverschieben. Wir können uns ins Wachlokal setzen."
Dann sassen sie sich an einem langen Tisch gegenüber, der Raum war überheizt, die Luft roch nach abgestandenem Rauch von Zigarren. Jules musste sich eingestehen, dass er vom Auftreten seines älteren Bruders beeindruckt war. Er trug einen schmalen Schnurrbart, sonst war er tadellos rasiert, trug die Haare sehr kurz geschoren. Die Uniform schien frisch gebügelt und gebürstet, mit polierten Messingknöpfen, und mit Schulterpatten, noch ohne Abzeichen. Den Hut, mit dem silbernen Stern über dem Schirm, darin das Schweizerkreuz, hatte er sorgfältig umgedreht und neben sich auf dem Tisch platziert, die Handschuhe abgestreift und darübergelegt.
"Wie geht es Papa?", wollte er als erstes wissen. "Meinst du, man kann ihn alleine lassen?"
Jules entgegnete, dass er ja nicht allein sei, Marie bleibe noch eine Weile, und auch die Mutter sei noch sehr rüstig. Papas Husten sei lästig, wie er sage, aber nicht allzu schlimm. Den Schwächeanfall im Stall erwähnte er nicht. Als er von seinen Aussichten auf eine neue Stelle berichten wollte, und von seinen bisherigen Erfahrungen im New Yorker Club, merkte er, wie Josephs Aufmerksamkeit schnell nachliess. Bald drehte das Gespräch, und der Bruder erzählte nur noch von sich, vom Dienst an der Grenze. Von den Herausforderungen, welche ein Geflecht von Gesetzen und Vorschriften, aber auch subtilen diplomatischen Beziehungen des kleinen Vaterlandes mit dem deutschen Kaiserreich, mit sich bringe. Wie eisern Hierarchie und Disziplin der Zollbehörden funktionierten und, ja, funktionieren müssten. Jules glaubte nicht, dass er selber in der Lage wäre, an Josephs Stelle zu bestehen, wie schon so oft. Während sein Bruder die Uniform trug wie eine zweite Haut, war ihm immer unwohl gewesen bei dem Gedanken, je eine tragen zu müssen. Unvermittelt zog Joseph seine Uhr aus der Tasche und sagte:
"So, wir müssen Schluss machen. Jetzt habe ich vor lauter Schwatzen vergessen, dir etwas anzubieten."
Er holte seine Tasche, zog ein eingepacktes Brot heraus und teilte es mit seinem Taschenmesser. Jules sah gerührt zu.
"Du kannst es hier essen, wenn du willst, ich muss wieder hinaus."
"Nein, ich will auch weiter." Jules musste an die frische Luft. Er begleitete seinen Grenzwächterbruder bis zum Schlagbaum, dort umarmten sie sich kurz und steif. Dann machte er sich auf den Weg, zurück zur Tramstation.
Am Morgen vor dem heiligen Abend kam er in Le Havre an. Es wurde ihm bald klar, dass das Schiff nicht voll würde. Die Zahl der Passagiere an der Station war überschaubar, und alles lief ruhig und gelassen ab. Da sie noch etwas Zeit hatten vor dem boarding, konnte Jules am Pier auf und ab gehen und das Schiff von aussen in Augenschein nehmen. Es war etwas kleiner als die 'Provence', aber in Form und Proportionen sehr ähnlich, auch mit zwei rotschwarz gestrichenen Kaminen ausgestattet. Die Masten dienten als Lastkräne. Ein Bereich am Ufer war abgesperrt mit Schranken, weil von dort noch Fässer und Kisten verladen wurden. Jules wollte zusehen, wie die Hafenarbeiter ein grosses, schweres Automobil mit einem Netz und vielen Gurten für den Kran vorbereiteten, musste nun aber sein Gepäck holen und sich in die Reihe stellen. Als er über den Steg zum Schiffsrumpf hochstieg, sah er das Auto am Himmel schweben, wie ein Scherenschnitt.
Nachdem der Heilige Abend auf der 'Tourrène' nur dezent angedeutet worden war, mit Kerzenlichtern auf den Tischen aller Klassen sowie je einem mit roten Kugeln und Bandschlaufen dekorierten Weihnachtsbaum, wobei der im Esssaal der Ersten selbstverständlich der grösste war, wurde für die Festlichkeit am Fünfundzwanzigsten kein Aufwand gescheut. Das Essen umfasste sogar in der dritten Klasse mehrere Gänge, in Jules' zweiter spielte ein kleines Orchester und es wurde um Erscheinen in festlicher Kleidung gebeten. Die Tische waren zu grossen Tafeln zusammengrückt, man hatte von den Passagierlisten die Namen herausgelesen und auf Tischkarten übertragen. Als Jules, gekleidet in seinem besten Anzug, mit einem weissen noeud pappillon unter dem Kinn, in den Saal trat, musste er wie alle andern seinen Platz suchen. Er fand ihn schliesslich zwischen zwei Damen in Abendkleidern, und gegenüber von einem Herrn im Smoking. Die Frau zu Jules' Linken war in den Fünfzigern, eine eindrucksvolle, etwas korpulennte und in der Körpermitte stark eingeschnürte Erscheinung in weinrotem Taft. Sie musterte ihn ohne eine Spur von Hemmung, mit dem Monokel, von Kopf bis Fuss, und stellte sich dann vor, auf Französisch mit italienischem Akzent, als Madame Angela Cattelli, die Gemahlin des ihm gegenüber sitzenden Herrn, Monsieur Giuseppe Cattelli. Beide lebten schon seit über fünfzehn Jahren in Kanada, hatten die Heimat in Italien besucht und waren auf der Rückreise nach Montreal, wo Herr Cattelli ein Geschäft mit forstwirtschaftlichem Gerät betrieb. Die Frau zu Jules' Rechten war etwa gleich alt wie er. Sie hiess Lillian Dyke, war aus New York, und unterwegs zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem Ehemann Otto, der schräg gegenüber sass. Die beiden schienen sehr unruhig, verliessen abwechslungsweise immer wieder den Tisch, weil sie nach ihren Kindern sehen wollten, die in einem speziellen Essraum assen, einen Stock tiefer, zusammen mit vielen anderen Kindern und betreut von einem Dutzend Kinderfrauen, welche die Schiffahrtsgesellschaft stellte. Es herrsche ein höllischer Lärm und grosses Durcheinander im Saal der Kinder, die nurses seien ihrer Aufgabe nicht gewachsen, sagte die junge Mutter entschuldigend, als sie sich wieder an den Tisch setzte. Sie könne wohl nicht bis zum Dessert bleiben.
Auch hier war es mit zunehmendem Konsum des recht guten Weins lauter geworden, was die Cattellis und ihre Nachbarn aber nicht davon abhielt, über Politik zu diskutieren. Obwohl sie sehr laut sprechen und ihre Sätze des öftern wiederholen mussten, kam es Jules so vor, als wollten sie das bald zu Ende gehende Jahr Ereignis für Ereignis durchgehen. Er konnte nicht viel dazu beitragen, denn vieles erfuhr er zum ersten Mal. Er kam sich vor, wie ein dummer Bub vom Land. Immerhin wurde sein Interesse wieder geweckt, als man auf den Schwarzen Freitag von London zu sprechen kam. Fiona, Kuiwa und Margaret hatten sich an jenem Abend von Thanksgiving sehr ereifert über die Gewalttätigkeit der Polizei und der männlichen Gaffer, und eine hitzige Diskussion war ausgebrochen darüber, ob solche Übergriffe Gegengewalt rechtfertigten. Hier, an Bord des Weihnachtsschiffs, nahm das Gespräch eine Richtung, welche die drei Frauen erst recht in Rage gebracht hätte. Madame Catellis Gesicht, als sie lautstark verkündete, was man ihrer Meinung nach mit den Suffrageten machen müsste, wurde Jules plötzlich so widerwärtig, dass er am liebsten aufgestanden und weggegangen wäre. Da aber in dem Moment die Kellner das Geschirr des Hauptgangs abzuräumen begannen, wurde die Debatte jäh beendet, und er blieb doch sitzen.
Nach einem Tusch des Orchesters trat der Kapitän der 'Tourrène' auf für eine kurze Rede, die von Jules' Tischumgebung als ganz nett beurteilt wurde, obwohl sie hier, wie wohl auch davor in der ersten Klasse, vom Blatt abgelesen war. Darauf intonierte das Orchester in forschem Tempo ein Weihnachtslied, Il est né le divin enfant, die Hälfte der Passagiere sang mit, mit einem halben Takt Verzögerung und ziemlich unrein. Als das Lied ausgeklungen war, nahm man sich das Dessert vor, dazu wurde die vor kurzem ausgebrochene Revolution in Mexiko besprochen. Jules hatte genug, er liess sich entschuldigen, wünschte allerseits eine gute Nacht und verliess den Saal. Beim Ausgang traf er Otto Dyke, der zurückkehrte von seinen väterlichen Pflichten.
"Sie sind im Bett, Gott sei Dank! Gibt es noch Dessert?"
Am Nachmittag des dritten Januar kam Jules mit der Eirie Railroad bei der Station in Ho-Ho-Kus an. Es war schneidend kalt, die dünne Schneeschicht wurde vom Nordwind verblasen. Er stand mit seinem Gepäck neben dem Bahnhofsgebäude, einem kleinen, rechteckigen Bau mit aus mächtigen Flusskieseln gebauten Wänden, die sich gegen den Boden hin verbreiterten. Das gab ihm etwas militärisch Trotziges. Das nach allen vier Seiten weit auskragende Dach wirkte wie ein Helm, hier weiss man sich zu verteidigen, dachte Jules. Er stellte seine Sachen an eine Wand und ging um das Gebäude. An einer der Schmalseiten standen zwei Handkarren, wie gebaut für das Gepäck eines Riesen, daneben regungslos eine schwarze Gestalt unter einem dicken Cape aus Filz, mit einem Hut, wie sie die Schafhirten im Jura trugen. Es war ein älterer Mann mit Vollbart. Jules zeigte ihm seinen Zettel mit der Adresse und fragte ihn, ob er ihm mit Koffer und Taschen behilflich sein könne. Der Mann spuckte einen braunen Tabakstrahl in den Schnee und sagte:
"Yes, Sir. Dafür bin ich ja da! Ist nicht weit, Sir. Fünf Minuten."
Dann, nach einem Blick auf Jules' Schuhe:
"Zehn Minuten."
Er war froh, als er in der warmen Stube stand. Edmond stellte ihn den Gastgebern vor, Irène Dubois Carter und William S. Carter, ein älteres Ehepaar im Ruhestand. Mit Edmond hatte Irène lange Zeit, ein halbes Leben, wie sie ausrief, bei sehr reichen Herrschaften gedient, William war Lateinlehrer gewesen am College of the City in New York. Er wirkte gebrechlich, Jules gab sich Mühe, seine knochendünne Hand nicht zu fest zu drücken, während seine Frau drallfröhlich und sehr gesund wirkte. Ihre Stimme war laut wie eine Posaune, und sie wechselte mitten im Satz von Englisch zu Französisch, oder umgekehrt. Wenn der neue Gast sich eine wenig frisch gemacht habe, könne man essen, ordnete sie an. Jules bekam ein kleines Zimmerchen unter den Dach, in dem alles, bis auf den kleinsten Gegenstand, entweder in Weiss oder in Hellblau gehalten war. Er setzte sich aufs Bett, auf dem Kopfkissen neben ihm sass ein kleiner Bär in Menschenkleidern, weiss, hellblau. Es wurde ihm zu warm, darum stand er auf, öffnete das Fenster und sog die kalte Luft ein. Es hatte wieder zu schneien begonnen.
Beim Nachtessen wollte Edmond gleich über seine Vorhaben berichten, und über die Pläne zu Jules Zukunft, aber Irène bestand darauf, dass dieser zuerst von seinem Besuch in der Heimat erzählen solle. Er habe schliesslich eine lange, anstrengende Reise hinter sich, und es interessiere sie auch persönlich, woher er komme, denn ihre Vorfahren stammten ebenfalls aus dem Jura, wenn auch aus dem französischen Teil. Jules wusste nicht, wo er beginnen sollte, aber Irène half ihm, indem sie nachfragte, aufmerksam zuhörte und nur selten unterbrach. So erzählte er von seinen Eltern, von den Schwestern, vom älteren Bruder, von den Menschen im Dorf. Er staunte selber über seine Offenheit, und als er einmal auf Englisch die Worte nicht fand, sagte er es auf Patois. Irène war hell entzückt, sie wiederholte seinen Satz in ihrem eigenen Dialekt, und man stellte fest, dass es sehr ähnlich klang. Als sich nun auch William zu Wort meldete, zu einem Vortrag über die Verwandtschaft galloromanischer Sprachen ausholen wollte, fuhr Edmond dazwischen. Er war verärgert.
"Nun müssen wir aber wirklich über die Gegenwart und unsere unmittelbare Zukunft sprechen, meine Herren, und meine Dame, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbrochen habe."
Jules sah auf seinen Teller, aber Irène zeigte sich wenig betroffen.
"Ja, machen Sie nur, lieber Edmond. Ich muss mich meinerseits entschuldigen, aber es war doch wirklich sehr interessant, was uns Jules da berichtet hat. Wie eine Reise in eine andere Welt, nicht wahr?"
"Es geht darum, dass ich unseren Jules bei den McCurdys als Kammerdiener unterbringen möchte."
So begann Edmond eine lange Erklärung der Umstände, weshalb er Jules hatte nach Ho-Ho-Kus kommen lassen und was er mit ihm vorhatte. Der Ort wirke ja wohl auf Neuankömmlinge nicht besonders einladend, vor allem jetzt, bei diesem Winterwetter. Ursprünglich den Delaware-Indianern abgetrotztes Territorium, im Revolutionskrieg Durchzugsland, sowohl für die Hessians und die Briten als auch für die Truppen Washingtons. In jener Zeit sei hier ein Haus gebaut worden, das sich zwar heute in veränderter Form präsentiere, aber noch immer als herausragend geschichtsträchtiger Ort gelten könne. Die Hermitage, wie Grundstück und Gebäude genannt würden, ziehe seit langem Besucher aus dem ganzen Land an, die mit eigenen Augen sehen wollten, wo einst Washington, Monroe, Paterson, Lafayette, Stirling und Burr als Gäste ein und aus gegangen seien. Dies gelte auch für den äusserst wohlhabenden und erfolgreichen Bankier Robert Henry McCurdy Junior, für den er, Edmond Jacquelin, schon mehrfach Hausangestellte mit ausgezeichneten Qualifikationen gesucht und gefunden habe, alle weiblich bisher. Deshalb habe er auch erfahren, dass Mr. McCurdy einen Kammerdiener suche, und dass er ausserdem im Januar mit seiner Frau der Hermitage einen Besuch abstatten wolle. Dies habe er als eine hervorrragende Gelegenheit betrachtet, den Herrschaften Jules sowohl vorzustellen als auch als Diener vorzuschlagen. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, dass es für das Gelingen solch delikater Gespräche und Abwägungen unabdingbar sei, sich den Dienstherren zu einem Zeitpunkt anzunähern, wo diese nicht unter dem Druck ihrer beruflichen Verhältnisse stünden, am besten an einem neutralen und gleichzeitig angenehmen Ort, wo sie die Musse fänden, sich in die Niederungen der Haushaltsführung zu begeben, sich mit erhofften als auch tatsächlichen Eigenschaften einer Person abzugeben, deren Nähe sie, nach positivem Vertragsabschluss, täglich ausgesetzt sein würden. Er habe deshalb mit Bess Rosencrantz und deren Nichte Mary Elizabeth ausgemacht, dass man den MacCurdys nach der Besichtigung der Hermitage ein Nachtessen in den geschichtsträchtigen Räumen ausrichten werde, selbstverständlich auf seine, Edmonds, Rechnung und mit Hilfe von zwei Angestellten, die er aus New York kommen lasse. Es sei vorgesehen, dass auch Jules an diesem Abend als Steward die Gäste bediene und sich so, quasi in Aktion, vorstelle.
Jules war erschlagen, und um irgendetwas zu sagen fragte er:
"Wer sind die beiden Damen Rosencrantz?
Irène war schneller als Edmond.
"Die kennt hier jeder, und auch weit herum. Bess hat die Hermitage und einen Teil der Mühle von ihrem Onkel geerbt. Sie kam ins Haus, um ihren Bruder und dessen zweite Frau beim Grossziehen der Kinder zu unterstützen, Dayton, und eben Mary Elizabeth, beide aus erster Ehe. Seine erste Frau, Mary Warner, ist früh verstorben. Mit der Nichte und deren Stiefmutter, die verwirrenderweise Bessy heisst, nicht Bess, und schon ziemlich gebrechlich ist, bewirtschaftet sie das Haus. Wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, sie hat schon die halbe Welt gesehen. Bess ist jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, Mary Elizibeth hat ungefähr Ihr Alter, Jules, schätze ich. Der Bruder und Onkel, Will heisst er, möchte, dass Bess die Hermitage verkauft, denn seine Geschäfte gehen nicht gut. Gingen nie gut, soviel ich weiss. Auch Dyton möchte das, weil er Geld für seine Ausbildung braucht. Aber Bess und Mary Elizabeth hängen an dem Ort. Sie leben schon lange mit seiner Geschichte, und können sie auch hervorragend zum Besten geben, Sie werden sehen. Am liebsten würde Bess wohl ein Museum daraus machen, mit einem Lokal, in dem man Tee trinken und Konzerte anhören kann, so etwas in der Art. Sie liebt es, Besucher zu empfangen und sie in die Geheimnisse der Hermitage einzuführen."
William ergänzte:
"Eine erstaunliche, sehr gescheite und gebildete Frau. Man kann wunderbare Gespräche mit ihr führen."
Jules wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er fühlte sich eingeschüchtert, nicht am richtigen Ort. Wie sollte er bestehen unter diesen Menschen, die so fliessend und gescheit reden konnten, deren Hände immer weich waren, und sauber? Aber er zog es vor, seine Zweifel für sich zu behalten.
Zur Vorbereitung des Dinners mit den McCurdys gehörte ein erstes Treffen zum Nachmittagstee bei den Damen Rosencrantz in der Hermitage. Es war immer noch sehr kalt, als Edmond und Jules auf das Haus zugingen. Der Schnee auf dem Parkweg knirschte unter ihren Füssen. Das Hauptgebäude war nicht sehr gross, aber es erschien Jules wie ein kleines Schlösschen, oder wie ein Kapelle, gebaut aus rotem Sandstein über einem T-förmigen Grundriss. Die Dachflächen waren mit Holzschindeln gedeckt, die Giebel der Gebäudeflügel und der vielen Lukarnen waren verziert mit aus Brettern gesägten schlangenförmigen Ornamenten, die in ihrem Scheitelpunkt kleine Masten in den Himmel streckten, alles weiss gestrichen. Die Fenster waren mit senkrecht stehenden, weissen und gelben Rhomben verglast. Als sie den Hausflur betraten, bewunderten sie die Lichteffekte, welche die Wintersonne durch die Scheiben in die Räume zauberten. Bess Rosencrantz empfing sie und führte sie in die Stube, wo Marie Elizabeth noch mit dem Decken des Tischs beschäftigt war, und sie nun auch begrüsste.
Das Gespräch dauerte mehr als zwei Stunden, während denen vor allem Bess und Edmond alle Einzelheiten des geplanten Nachtessens besprachen. Das Essen sollte in geeigneten Behältern geliefert werden vom lokalen Metzger sowie vom Gasthof Ho-Ho-Kus Inn, von wo auch die Getränke, das Geschirr und Besteck bestellt worden waren. Edmond war erleichtert, dass er nur eine zusätzliche Hilfskraft würde kommen lassen müssen, da Mary Elizabeth darauf bestand, beim Bedienen der Gäste zu helfen, und auch die Metzgerei einen Mann mitschicken wollten, die sich mit dem Warmhalten der Speisen auskannte. Bess sollte an dem Abend möglichst davon befreit sein, oder davon abgehalten werden, wie Mary Elizabeth präzisierte, selber anzupacken, damit sie sich ganz dem Gespräch mit den McCurdys widmen und ihnen die sicher gewünschten historischen Hintergründe des Ortes schildern könne. Jules hatte sich gleich zu Beginn der Besprechung in einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit versetzt, eine Fähigkeit, die er sich im Club angeeignet hatte, zu Beginn mit viel Mühe. Nun stellte er fest, dass es ihm nicht schwerfiel, die wichtigen, ihn unmittelbar betreffenden Aufgaben zu erkennen und sich zu merken. Trotzdem notierte er sich ein paar wesentliche Punkte in einem kleinen Notizbuch, das er seit dem Verlassen des Brook nicht mehr benutzt hatte. Er nahm sich vor, Edmond später noch zu den Tätigkeiten und Verdiensten von Mr. McCurdy zu befragen. Bess Rosencrantz beeindruckte ihn sehr. Als sie ihnen die Türe geöffnet hatte, war er bestürzt gewesen über sein erstes, unüberlegtes Urteil, dass eine typische Jüdin vor ihm stehe. Gleichzeitig hatte er den unangenehmen Eindruck, sie habe seine Reaktion durchschaut. Im Laufe des Nachmittags lernte er sie als eine nachdenkliche Frau kennen, die genau zu wissen schien, was sie wollte. Wenn Edmond etwas vorschlug, was ihr nicht passte, sah man ihre Ablehnung daran, dass sie den Blick abwandte und, sichtbar nachdenkend, ins Leere richtete. Sie liess ihr Gegenüber zuerst weiter reden. Wenn er dann aber das Thema wechseln wollte, kam sie auf den betreffenden Punkt zurück und legte ihren gegenteiligen Standpunkt so ruhig, klar und unmissverständlich dar, dass Widerspruch zwecklos schien. Edmond probierte es auch gar nicht.
Jules hatte wenig Erfahrung mit jüdischen Menschen. In New York war er vielen begegnet, die durch ihre Kleidung und Haartracht auffielen, und er hatte sich die Unterschiede zwischen Orthodoxen und Sekulären erklären lassen. Er hatte mitbekommen, dass in den letzten Jahren immer mehr Juden aus dem Osten vor Verfolgungen fliehen mussten, nach Europa, sogar in die heimatliche Schweiz, aber auch nach Amerika. Er hatte sie gesehen auf seinen Schifffahrten, arme Menschen, die verzweifelt versuchten, nicht arm zu erscheinen. Und in Cornol waren die Juden immer wieder Gegenstand von hitzigen Debatten gewesen, man machte sie verantwortlich für alle möglichen schlechten Entwicklungen, vor allem, wenn es um die Wirtschaft, um Geld ging. Vielleicht stimmte es ja, und Papa und Maman sahen das auf jeden Fall so. Warum genügten die auffällig markante Nase und der spezielle Name einer Frau, ihn ihr gegenüber so befangen zu machen? Dabei konnte er sich jetzt, nach ein paar Stunden, in der er sie erlebt hatte, sogar vorstellen, dass man mit ihr darüber sprechen könnte.
Robert Henry McCurdy Junior war ein grosser Mann mit beeindruckend dickem Bauch. Ein dichter Schnurrbart und der oft aufgesetzte strenge Blick konnten die weichen Gesichtszüge nicht gänzlich verdecken, und auch aus seiner Stimme war ein Widerstreit von Impulsivität und Zurücknahme zu hören, was sich in einem etwas gepressten Tonfall äusserte. Lady Suckley McCurdy war eine vornehm wirkende, würdevolle Dame, deren üppige Rundungen in ein dunkelblaues, raschelndes Seidenkleid gehüllt waren. Sie wich nicht von der Seite ihres Mannes und hatte die Angewohnheit, seine Worte in etwas anderer Formulierung zu wiederholen. Beide schätzte Jules auf etwa fünfzig.
Das Abendessen war in vollem Gang. Jules war, zusammen mit Mary Elizabeth, beschäftigt mit Auf- und Abtragen von Tellern und Schüsseln, mit Nachschenken von Wein und Wasser, währenddem John, der von der Metzgerei geschickt worden war, und Louise, die Edmond mitgebracht hatte, im Hintergrund blieben und die Verbindung zur Küche aufrecht erhielten. Jules las fallengelassene Servietten vom Boden auf und ersetzte sie durch frische, behob ein Unglück mit einem umgestürzten Weinglas, indem er den Schaden so rasch und rücksichtsvoll wie möglich mit einem schmalen Tischtuchstreifen abdeckte. Er beobachtete die Gäste genau, um dem richtigen Zeitpunkt für das Nachschenken oder das Wegräumen von Tellern weder vorzugreifen, noch ihn zu verpassen. Es entging ihm nicht, wie er dabei sowohl von Mr. McCurdy als auch von dessen Frau beobachtet wurde. Man würde sich nach dem Essen in der kleinen Bibliothek treffen, um seine Arbeit zu besprechen und, je nach Urteil, die weiteren Schritte festzulegen, hatte ihm Edmond beschieden. Davor aber entwickelten sich die Ausführungen von Bess über die Geschichte der Hermitage zu einem eigentlichen Vortrag. Sie erzählte von der Zeit vor dem Revolutionskrieg, als im Jahre 1767 Ann Bartow DeVisme das Haus gekauft habe, das noch sehr anders ausgesehen habe als heute. Wie deren Tochter Theodosia Bartow, die den Offizier James Marcus Prevost heiratete, während dem Krieg von ihrem Mann alleine gelassen worden sei, mitsamt den gemeinsamen Kindern. Sie habe damals nicht in der Hermitage gewohnt, sondern in einem Haus in der Nähe, bei den Mühlen. Prevost, ihr Mann, habe auf Seiten der Briten gekämpft, und trotzdem habe sie, als sie erfuhr, dass George Washington auf einem seiner Rückzüge bei Ho-Ho-Kus vorbeikomme, die Gelegenheit ergriffen und den Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee in die Hermitage eingeladen. Washington sei der Einladung gefolgt, genauso wie weitere Gründungsväter der USA nach ihm, so zum Beispiel der spätere fünfte Präsident, James Monroe.
"Und was wurde aus Theodosia?", wollte Mrs. McCurdy wissen.
"Ihr Mann fiel auf dem Schlachtfeld, für die falsche Sache, würde man heute sagen. Einer der prominenten Besucher des Hauses aber, Aaron Barr, der Anwalt und Politiker war, und mit Präsident Jefferson der dritte Vizepräsident, verliebte sich in Theodosia und besuchte sie heimlich in der Nacht, über längere Zeit. Schliesslich heirateten sie, 1882."
Mr. McCurdy merkte auf, als er Barrs Name hörte.
"Aaron Barr, war das nicht der Barr, der Alexander Hamilton in einem Duell tötete?"
Bess antwortete:
"Ja, genau. Es war eine sehr turbulente Zeit, Burr wurde als Vizepräsident mit einer Hetzkampagne unter Druck gesetzt und das ganze entlud sich in dem Duell. Seine politische Karriere war damit beendet, aber er wurde nie zur Rechenschaft gezogen für den Mord."
"Unglaublich!", fand McCurdy.
In der Bibliothek trafen sich nach dem Essen das Ehepaar McCurdy, Edmond, Jules und auch Bess Rosencrantz, die Mr. McCurdy überrumpelt hatte mit der nicht als Frage gemeinten Bemerkung: "Wenn Sie nichts dagegen haben."
Jules war stehen geblieben, die andern setzten sich und sahen ihn an. Niemand bot ihm einen Stuhl an, er hatte einen trockenen Hals.
Edmond wollte beginnen mit ein paar einleitenden Sätzen, wurde aber gleich unterbrochen von Mr. McCurdy, der, wie Jules wusste, ziemlich viel getrunken hatte und zur Sache kommen wollte.
"Ich möchte nicht lange herumreden Mr. Chiquet. Edmond Jacquelin hat Sie mir ja schon in New York empfohlen, und sie sollen im Brook, von dessen Mitgliedern sich bis heute keiner aufraffen konnte, mich einzuladen, einen hervorragenden Job gemacht haben. Was ich heute von Ihnen gesehen habe, gefiel mir sehr, muss ich sagen. Wir hatten ja bislang nur weibliches Personal, mit einer kurzen Ausnahme..."
Er sah kurz zu seiner Frau, die nickte und dazu die dramatisch die Augen verdrehte.
"Ich hatte kurze Zeit einen Kammerdiener, mit dem ich aber gar nicht zufrieden war. Zu aufdringlich, kein Gefühl für die angemessene Distanz. Das scheint bei Ihnen vorhanden zu sein, sie haben das gewisse Etwas. Sie sind schnell und geschickt, wenn es nötig ist, und man sieht sie nicht, wenn es nicht nötig ist. Vous êtes employé à titre probatoire!"
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