Donnerstag, 21. Januar 2021

Die Américains – weitere Sedimente, neue Fragen

Erweiterte Quellen, die Auskünfte geben über Reisedaten und Adressen von Auswanderern, haben sich mir erschlossen dank eines längeren Telefongesprächs und nach regem Mailkontakt mit der Historikerin Marie-Angéle Lovis, die ein Buch über die Emigration aus dem Dorf Cornol in den Jahren zwischen 1815 und 1956 geschrieben hat. Dabei handelt es sich einerseits um die öffentlich zugänglichen Daten der US-amerikanischen Immigrationsbehörden auf Ellis Island, andererseits um Dokumente aus Volkszählungen in den USA, die Frau Lovis bereits ausgewertet hat.

Um das Familiensystem der Cornoler Chiquets besser zu verstehen, wollte ich ausserdem die noch fehlenden Geburts- und Sterbedaten eruieren. Die Familie kommt ursprünglich aus Asuel, einem Dorf, das in einer schattigen Senke der Jurahöhen zwischen Cornol und der Caquerelle liegt. Aus ökonomischen Gründen wurde 2009 die Administration der Gemeinden von Asuel, Charmoille, Fregiécourt, Miécourt und Pleujouse zusammenlegt und, damit sich keines der beteiligten Dörfer benachteiligt fühle, unter dem Flurnamen La Baroche zu einer Kollektivgemeinde zusammengefasst. Die Familienregister von Asuel liegen heute im Gemeindesekretariat, im ehemaligen Primarschulhaus von Charmoille, deshalb fuhren wir dorthin.

Eine drittes Feld, aus dem sich neue Einsichten ergaben, sind Fotos und Postkarten aus dem Nachlass meines Vaters und einer Tante. Beim Durchsehen und Scannen der Fotos wurde mein Blick für Ähnlichkeiten in den Gesichtern geschärft. So wusste ich zum Beispiel bis vor Kurzem nicht, wie die jüngste unter den ausgewanderten Grosstanten, Clara, ausgesehen hat. Nun konnte ich sie auf verschiedenen Fotos entdecken, die in den Vereinigten Staaten aufgenommen wurden, und auf denen sie in Gesellschaft offensichtlich wohlhabender Damen zu sehen ist. Ich lernte, meinen Grossonkel auch ohne den späteren Schnauzbart zu erkennen, bei Unsicherheiten habe ich gelegentlich zwei Fotos transparent übereinandergelegt, um die Übereinstimmung in den Proportionen zu prüfen, genauso wie es in Kriminalfilmen gemacht wird.

Die Ergänzungen der Familiendaten haben bereits wieder zu Korrekturen bisheriger Annahmen geführt. Aufgrund mündlicher Überlieferung ging ich davon aus, dass Longjules 1917 nach Cornol zurückkam, weil sein Vater im Sterben lag oder gestorben war. Dieser ist aber erst am sechsten Januar 1921 gestorben. Wir wissen also nicht, was die Gründe seiner endgültigen Rückkehr nach Cornol waren. Der Vater war vielleicht nicht mehr in der Lage, den kleinen Bauernhof zu führen, weshalb die Begründung, Jules habe seine Mutter unterstützen wollen, nach wie vor Geltung haben kann. Es könnte auch sein, dass der Eintritt Amerikas in den Weltkrieg eine Rolle gespielt hat, wir wissen es nicht. Jedenfalls sind alle seine drei Schwestern in Amerika geblieben.

Ich habe nun auch die Geburts- und Todesdaten der vierten Schwester, Augustine. Sie war die einzige, die nicht in die USA auswanderte. Sie wurde drei Jahre nach Longjules, 1888, geboren, heiratete 1915 einen Zürcher Postbeamten, Alwin Moser, und hatte mit ihm eine Tochter, Elisabeth. Meine Urgrosseltern scheinen sehr stolz gewesen zu sein auf ihre erste Enkelin. Augustine und ihre Tochter sind auf vielen Fotos zu sehen, seltener ihr Mann, da er den Fotoapparat bediente, als Familienfotograf, wie mein Vater erzählt hat.

Die Überlieferung durch meinen Vater ist nicht sehr verlässlich, wie ich auch hier wieder erfahren habe. Es gibt Notizen von ihm, die er als Achtzigjähriger über seinen Vater, meinen Grossvater, aufgeschrieben hat. Dieser, Joseph Babtiste Chiquet, wurde in der Familie von allen Papa genannt. Er war der älteste Bruder meiner Grosstanten und von Longjules, machte seine Ausbildung zum Grenzwächter zuerst im Jura, dann in Basel an der Burgfelder Grenze, wo er seine spätere Frau kennenlernte, Frieda Bitter aus Wallbach, mit der er sieben Kinder hatte. Longjules soll ihm für den Kauf eines Hauses in Riehen ein grosszügiges Darlehen gegeben, dafür aber auch kräftig in die Wahl dreingeredet haben. Später hat Longjules den Schuldschein in einer theatralischen Performance zerrissen.

In einer der erwähnten Notizen schreibt mein Vater: sein dreijähriges Schwesterchen Clara, das an Keuchhusten starb, konnte er (Papa, mein Grossvater) nicht vergessen. Wie wir jetzt im Familienregister von La Baroche nachlesen konnten, sind meinem Vater bei der Erinnerung an diesen frühen Kindstod verschiedene Verwechslungen unterlaufen. Es handelte sich nicht um ein Schwesterchen, sondern um ein Brüderchen, Jules mit Namen, das 1884 mit drei Monaten gestorben ist. Drei Jahre alt war damals der kleine Joseph, mein späterer Grossvater, der getrauert hat. Clara ist der Name der jüngsten meiner Grosstanten, die in die USA ausgewandert ist. Sie verstarb 1958 in Manhattan, wo sie bei ihrer Schwester Berthe und deren Mann wohnte. Im gleichen Jahr, nur gerade zwei Monate später, starb auch Berthes Mann, Louis Dirand. Berthes Trauer, vor allem um ihre Schwester, war unermesslich. Ich kann mich noch daran erinnern, dass sie bei jedem unserer Besuche in Cornol mindestens einmal auf Clara zu sprechen kam, dabei von ihr redend, als lebe sie noch. Wenn sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Clara gestorben sei, brach sie in Schluchzen und Klagen aus, als erfahre sie zum ersten Mal vom Tod ihrer Schwester. Vielleicht hat deshalb die Erinnerung meines Vaters aus dem kleinen Jules ein Schwesterchen Clara gemacht. Nur ein Jahr nach dem frühen Tod von Jules I. kam Longjules zur Welt. Dass man auf diese Weise, mit der Wiederholung des Namens, den Verlust eines Kindes auszugleichen suchte, war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich.

Was haben die Daten der Auswanderungsbehörden an neuen Erkenntnissen gebracht? Beginnen wir mit Longjules, dessen Geschichte über seine Dienerschaft bei John D. Rockefeller Junior ja den Ausgangspunkt meiner Recherchen bildete. Longjules reist am 11. Mai 1907 mit dem Transatlantikdampfer Provence von Le Havre aus nach New York, wo er sechs Tage später ankommt. Er hat eine Kabine zweiter Klasse, während ein entfernter Onkel, Henri Schneider aus Cornol, der auf demselben Schiff reist und denselben Zielort angibt, Sterling in Ohio, in der dritten Klasse fährt. Longjules gibt als Beruf watchmaker an, während bei Henri Schneider fruitier, Obsthändler, steht. Ob die beiden tatsächlich nach Sterling, Ohio, weiterreisen, zum Cousin von Henri, respektive zum Onkel von Jules, mit dem Namen Stoquet oder Stöckli, ist nicht bekannt. Wenn Longjules dorthin gefahren ist, kehrt er jedenfalls nach New York zurück. Offenbar will er nicht Landwirtschaft betreiben wie zuhause in Cornol. Seine Schwester Marie kommt im Oktober desselben Jahres mit der La Tourène nach New York, auf dem Zwischendeck, wie schon bei ihrer ersten Reise. Sie ist seit 1903 in New York gewesen und hat offenbar die Heimat besucht.

Es gibt noch keine Hinweise dafür, wo und als was Longjules in der Zeit bis zu seiner zweiten Reise nach New York gearbeitet hat. Bisher haben wir nur die Adresse in Ohio für diesen Zeitabschnitt. Er muss dann vor Ende des Jahres 1910 nach Hause, in den Jura, gekommen sein, denn am vierundzwanzigsten Dezember 1910 besteigt er in Le Havre wieder ein Schiff in Richtung New York, diesmal die La Lorraine, und kommt zu Silvester in New York an. Das Billet zweiter Klasse hat er selber bezahlt, und nicht, wie ich gemutmasst habe, sein Arbeitgeber Rockefeller. Auch gibt er als Adresse in den USA nicht eine der Mansions des Milliardärs in Manhattan an, sondern die Anschrift eines Freundes mit dem Namen Jacquelin in Ho-Ho-Kus, Bergen County, New Jersey. Unter Beruf steht dieses Mal servant. Ob er als Diener in New Jersey arbeitet und wie lange er dort bleibt, ist unbekannt. Jules ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt.

Am siebten November 1911 kommt seine Schwester Marie, die inzwischen achtundzwanzig ist und auch wieder die Heimat besucht hat, zusammen mit der jüngeren, neunzehnjährigen Schwerster Berthe, nach zehntägiger Reise auf der Chicago, in New York an. Für Berthe geben sie ein höheres Alter an, einundzwanzig Jahre, vielleicht in der Hoffnung, sich damit Schwierigkeiten bei der Ankunft zu ersparen. Ihre Adresse ist das Home Jeanne d'Arc, eine katholische Institution in Manhattan, die alleinstehenden Frauen kostengünstig Unterkunft anbietet. Marie bezeichnet sich als couturière, Näherin, und Berthe als modiste, Hutmacherin. Ob sie in diesen Funktionen arbeiten werden, ist nicht bekannt. Immerhin gibt Marie bei allen weiteren Besuchen nun immer diesen Beruf, Näherin, an. Es könnte sein, dass sie längere Zeit in einer Kleiderfabrik oder einem Schneideratelier in New York gearbeitet hat.

Ein drittes Mal reist Longjules am einunddreissigsten Januar 1914 mit der Chicago von Le Havre ab und kommt, offenbar nach einer stürmischen und beschwerlichen Reise, erst am vierzehnten Februar in New York an. Er hat sich das Ticket für die zweite Klasse selbst bezahlt, nennt als Beruf steward, eine Bezeichnung mit ziemlich offener Bedeutung, nach dem Cambridge-Diktionär: a person whose job it is to organize a particular event, or to provide services to particular people, or to take care of a particular place. Diesmal gibt er eine vornehme Adresse in Midtown an, im Herzen von Manhattan, Nr. 39 East 51th Street. Das Haus steht heute noch. Es war eines von drei sechsstöckigen Backsteinhäusern, welche die Architektin und Frau eines Immobilienhändlers, Jenny S. Parker, gebaut hatte. Nach der Fertigstellung wurde das Haus als Spekulationsobjekt mehrfach weiterverkauft, bis es 1906 der Treuhänder Robert Henry McCurdy übernahm und für mehrere Jahre bewohnte. Die McCurdys führten einen grossen, vornehmen Haushalt mit acht Bediensteten, darunter mehrere Iren und eine französische lady's maid.

Da Longjules diese Adresse angegeben hat, könnte man annehmen, dass er bei McCurdy als steward gearbeitet hat. 1910 scheint dies noch nicht der Fall gewesen zu sein, denn laut Marie-Angèle Lovis gibt es für jenes Jahr ein Verzeichnis der Bediensteten der McCurdys. Longjules ist nicht darauf zu finden. Und die Volkszählungen fanden nur alle runden zehn Jahre statt, also gibt es für 1914 keinen konkreten Hinweis auf einen Diener Jules Chiquet. Jedenfalls scheint Longjules auch Ende 1915 noch an dieser Adresse gewohnt zu haben, denn seine Schwestern Berthe und Clara geben sie bei ihren Reisen im November jenes Jahres beide an. Sie reisen auf zwei verschiedenen Schiffen und im Abstand von knapp einem Monat, zu Jules Chiquet, Nr. 39 East 51th Street.

Man kann sicher verstehen, dass mir in der Zwischenzeit Zweifel an der Rockefeller-Geschichte gekommen sind. Woher kamen aber die Kleider und die Schuhe? Ich habe mit einem pensionierten enséminateur aus Cornol gesprochen, einem Monsieur Rondez, den mir Frau Lovis als jemanden empfohlen hat, der sich noch an die Chiquets im Dorf erinnern kann. Er hat noch nie von dieser Geschichte über Longjules sagenhaften Arbeitgeber gehört. Die Kleider könnten auch von Berthe und Clara nach Cornol gebracht worden sein. In seiner Familie habe es ebenfalls vornehme Kleidungsstücke gegeben, welche Verwandte aus den USA mitgebracht hätten. Monsieur Rondez gab mir noch die Telefonnummer einer neunzigjährigen Dorfbewohnerin. Sie wusste nichts von einem Diener bei den Rockefellers.

Berthe und Clara waren dagegen nachweislich über Jahre bei einer sehr reichen Frau angestellt, bei einer gewissen Mrs. Margaret Bailey Deway. Diese hat ihnen Überfahrten auf Luxusdampfern bezahlt, in der ersten Klasse, auf dem Schwesternschiff der Titanic zum Beispiel, auf der Olimpic. Und von Berthe gibt es eine Postkarte aus Paris, vom Luxushotel Majestic an der Rue Kléber, wo sie offenbar 1923, als Begleitung ihrer Arbeitgeberin, logiert hat.

Dazu aber später. Jetzt lassen wir das alles einmal wirken und absinken.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Die Américains (auf geht's!)

Gesichert scheint lediglich, dass mein Grossonkel Longjules im Mai 1907, im Dezember 1910 und im Februar 1914 mit dem Schiff von Le Havre nach New York gefahren ist. Mündlich überliefert wurde in der Familie, dass er 1917 "mit einem Kriegsschiff" zurückgekehrt ist, weil sein Vater, Joseph Chiquet, im Sterben lag oder kürzlich gestorben war. Er übernahm darauf den kleinen Bauernbetrieb und sorgte für seine Mutter, Marie Chiquet Crétin, bis zu deren Tod.

Für Longjules Tätigkeit als Kammerdiener (valet) von John D. Rockefeller Junior gibt es nur noch mündliche Zeugnisse. Die Fotos, auf denen er in der herrschaftlichen Umgebung der Milliardärsfamilie zu sehen war, und die er zuweilen Besuchern aus der Familie zeigte, bleiben bis jetzt verschollen. Ebenso gibt es keine Kleidungsstücke und Schuhe von Rockefeller Junior mehr, von denen ihm sein Patron offenbar einige grosszügig überlassen hat.

Es besteht aber kein Zweifel daran, dass es sie gegeben hat, denn mehrere Familienmitglieder erzählen übereinstimmend und detailliert davon. Mein Vater erhielt von Longjules mehere Paare identische, handgefertigte Schuhe, hellbraun, rahmengenäht und im Stil von Golferschuhen mit Lochgirlanden geschmückt. Er trug sie so lange, bis das Leder brach. Longjules hatte berichtet, dass Rockefeller von jedem Schuhtyp immer gleich mehrere Paare anfertigen liess, und dass er dieselbe Schuhgrösse gehabt habe wie er, sein Diener. Mir waren diese Schuhe leider zu klein. Ich durfte als Halbwüchsiger dafür einen halblangen, schwarzen Mantel aus feinem Wollstoff austragen, mit Applikationen aus schwarzer Seide auf dem Kragen. Auf der Innentasche war eine Stoffettikette aufgenäht mit der Aufschrift John D. Rockefeller Jr. Esq.. Der Mantel erregte zu jener Zeit, um 1969, Bewunderung und Neid bei meinen Schulkameraden. Meine damalige Freundin strickte mir dazu einen roten Wollschal, mit dem ich, wie sie fand, Aristide Bruant auf dem Plakat von Toulouse Lautrec glich.

Im Alter ging Longjules nicht zimperlich um mit diesen Erinnerungsstücken. Entweder er verschenkte sie, oder stopfte damit Ritzen im Stall, wie ein Cousin berichtet, der einmal einen dieser Lumpen herauszog und als Smoking von Rockefeller Junior identifizierte.

Das erwähnte Buch von Marie-Angèle Lovis über die Auswanderer von Cornol gibt lediglich die Daten der Einschiffung in Le Havre wieder. Wie schon erwähnt fuhr mein Grossonkel nach 1907 noch zweimal in Richtung New York über den Atlantik: im Winter 1910 und im Februar 1914. Ob er 1910 schon bei Rockefeller angestellt war, und ob er es bis zu seiner endgültigen Rückkehr 1917 blieb, weiss ich nicht. Ich habe dazu eine Mail an das Rockefeller Archive Center in Sleepy Hollow, NY, geschickt mit der Frage, ob sich irgendwelche Belege finden liessen für die Anstellung von Jules Chiquet als valet bei John Rockefeller Junior. Eine Mrs. Beckerman hat mir daraufhin sehr freundlich geantwortet, sie habe in den betreffenden Karteikarten nachgesehen, bisher aber noch keinen Hinweis auf meinen Grossonkel gefunden. Dies könne aber darauf zurückzuführen sein, dass das betreffende Aktensystem damals gerade erst eingeführt worden sei, und dass darin wahrscheinlich nur die geschäftlichen Daten abgelegt wurden. Sie versprach, in weiteren möglichen Quellen zu suchen.

Falls er 1910 und 1914 Diener bei Rockefeller Junior war, könnte es sein, dass dieser ihm die Reise für den Besuch der Eltern und Verwandten in der Heimat bezahlt hat. Lovis schreibt in ihrem Buch, dass dies bei sehr wohlhabenden Arbeitgebern durchaus vorkommen konnte. Wie seine Reisen mit denen seiner Schwestern Marie und Berthe zusammenhingen, und welchen Tätigkeiten diese in New York nachgingen, ist noch völlig unklar.

Marie reiste bereits 1903 ein erstes Mal in die Staaten, zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol. Laut dem Namensregister in Lovis' Buch hatten vermutlich alle schon Verwandte in Amerika, die in den Jahren davor ausgewandert waren und ihnen beim Ankommen und zum Start ins neue Leben behilflich sein konnten. Lachat, Grillon, Adam, Buchwalder, alles Namen, die mehrfach zu finden und zum Teil durch die Namen ihrer Eltern zusammen zu bringen sind. Auch Marie wurde möglicherweise von einen Onkel erwartet, der den Namen ihrer Mutter trug, Crétin.

Hat sie eine Anstellung gefunden als Hausangestellte, hat sie, vier Jahre später, ihrem Bruder Jules zu seiner Stelle als Kammerdiener bei den Rockefellers verholfen? Von den Auswanderern aus der Ajoie, speziell aus Cornol, scheinen es jedenfalls viele geschafft zu haben, in wohlhabenden oder gar extrem reichen Haushalten eine Anstellung zu finden. Die Schweizer galten als zuverlässig, pünktlich und sauber. Dass sie französisch sprachen, fand man schick. Und das Netzwerk der Cornoler scheint sehr gut funktioniert zu haben, Marie-Angèle Lovis berichtet von mehreren erfolgreichen Vermittlungen und Einführungen von Neuangkömmlingen durch die bereits etablierten Landsleute.

Zwischen 1904 und 1915 gaben sich einige junge Frauen aus Cornol die Adresse des Home Jeanne d'Arc weiter, wo sie gratis oder für ein sehr geringes Entgeld wohnen konnten, bis sie eine Arbeitsstelle fanden. Dieses Wohnheim für junge Mädchen und ledige Frauen wurde 1896 von der katholischen Congregation of Divine Providence of Kentucky gegründet. Es konnte bis 1911 nur zwölf Frauen beherbergen. Danach wurde ein grosses, siebenstöckiges Haus an der vierundzwanzigsten Strasse gebaut, in der Nähe der achten Avenue im Stadtteil Chelsea, das hundertvierzig weibliche Gäste aufnehmen konnte. In der Zeit, als Marie ankam, wurde diese Institution also gerade erst ins Leben gerufen. Die Einrichtung und das Haus gibt es immer noch. Während anfangs vor allem Französisch sprechende Frauen dort wohnten, ist die Kundschaft heute international.

Ein mit dem Home Jeanne d'Arc lose verbundenes und in der Nähe gelegenes Zentrum der Cornoler Gemeinschaft war die römisch-katholische Kirche Saint-Vincent-de-Paul an der dreiundzwanzigsten Strasse. Die Kirchgemeinde wurde 1841 für die französischen Einwanderer gegründet. 1869 baute man dann das Gotteshaus in neoklassizistischem Stil, das heute noch steht, eingeklemmt zwischen Wohnhäusern. Allerdings finden in dem Haus keine Gottesdienste mehr statt. In der Zeit, in der Marie und Longjules, später Berthe, in New York waren, galt Saint-Vincent-de-Paul auch als kulturelles Zentrum für alle frankophonen Einwanderer von New York. Dort wurde geheiratet und getauft, dort verabschiedete man sich von Verstorbenen. Kirchenfeste und Basars boten Gelegenheiten, sich zu treffen. Dabei wurden Erfahrungen ausgetauscht, und Hinweise zu möglichen Arbeitsstellen weitergegeben.

Für Longjules war diese Kirche wohl auch während seiner Zeit als Kammerdiener bei den Rockefellers eine wichtige Adresse. Es könnte sein, dass ihm sein Arbeitgeber jeweils für den Besuch der Sonntagsmesse Urlaub gegeben hat. Rockefeller Junior war frommer Babtist wie sein Vater, aber mit einer modernen, ökumenischen Einstellung, die Menschen anderer Glaubensrichtung ihre eigene Religionspraxis zugestand. Von der Mansion der Rockefellers in der vierundfünfzigsten Strasse war ein nicht allzu weiter Weg bis zur Hochbahnstation in der sechsten Avenue zurückzulegen. Bei der vierten Haltestelle konnte er praktisch vor der Kirche aussteigen.

Es werden sich sicher noch weitere Hinweise ergeben aufgrund meiner Recherchen. Vielleicht findet die freundliche Dame in Sleepy Hollow einen Hinweis auf Longjules Präsenz im Hause Rockefeller. Mit der Autorin des erwähnten Buches habe ich Kontakt aufgenommen. Sie wusste nichts von einer Tätigkeit meines Grossonkels als valet, es könnte aber sein, dass sie zu den Grosstanten noch weitere Informationen beisteuern kann. Wenn ich eine Geschichte, oder mehrere, aus den vielen Puzzleteilen zusammensetzen möchte, sind kürzere oder weitere Ausflüge ins Reich der reinen Imagination unumgänglich.

Es waren wilde Jahre damals, zwischen 1907 und 1917, für die Auswanderer, für die Rockefellers, für die Welt. Springen wir hinein, beginnen wir irgendwo mittendrin. Wenn neue Erkenntnisse Korrekturen erfordern, werden wir sie eben einbauen, oder gröbstenfalls den Grossonkel und die Grosstanten abermals neu erfinden.

Donnerstag, 7. Januar 2021

Die Américains (Anfänge und Korrekturen)

Wie oft hat mein Grossonkel LongJules wohl erleben müssen, dass man seinen Geschichten über die Zeit in Amerika keinen Glauben geschenkt hat. Kammerdiener von Rockefeller junior warst du? Erzähle das jemand anderem! Vor allem, wenn man ihn danach, nach 1917, wieder im kleinen jurassischen Dorf antraf, als Kleinbauer mit zwei drei Kühen, ein paar Obstbäumen. In der eigentümlichen Sprache der Ortsansässigen seine Erlebnisse zum Besten gebend. Alle wussten zwar, dass er Geld besass, seitdem er aus den Staaten zurückgekommen war. Er verteilte es grosszügig, wo er dies für nötig erachtete. Aber dass er es in den Diensten eines der reichsten Männer der Welt verdient haben sollte, dazu in dessen grösster Nähe, das glaubten ihm sicher nicht viele. Er lachte gerne über seine eigenen Worte, was seine Geschichten nicht glaubwürdiger wirken liess. Nie wusste man, ob er sich über den Zuhörer oder über sich selber lustig machte.

Auf mich kamen LongJules Geschichten nur indirekt, bei Besuchen in Cornol, wenn unsere Familie zusammen mit ihm und den beiden Grosstanten am Tisch sass. Obwohl mein Vater nur wenig Patois verstand, und meine Mutter und wir Kinder erst recht kein Wort davon, rutschten die drei alten Leute immer wieder in ihre eigene Mundart. Auch französisch verstand ich damals kaum, war auf die gelegentliche Übersetzung durch meinen Vater angewiesen. So erreichten mich die Geschichten lückenhaft, mit vielen Unterbrüchen. Wir Kinder verdrückten uns meist, sobald wir konnten, nach draussen oder in die Scheune, wo man vom oberen Tenn ins Heu herunterspringen konnte.

Die Fotos aus der Amerikazeit machten mir Eindruck. LongJules war da inmitten sehr vornehmer Leute zu sehen, im schicken Anzug, mit Gilet, gestärktem Kragen und breiter Seidenkrawatte, nur wenig dezenter oder bescheidener gekeidet als sein Herr und Geldgeber. Mein Grossonkel schien sich zwischen den hübschen, offensichtlich reichen Frauen mit ihren geschnürten Taillen im Element zu fühlen. Die Damen trugen enorme Hüte, die Hündchen adrette Schleifen, und die Autos polierte Kühlerfiguren.

Dass LongJules von Cornol nach Amerika auswanderte, war nicht sehr ungewöhnlich, obwohl das Dorf fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch dem Sog über den Atlantik widerstanden hatte. Im Gegensatz übrigens zum Ursprungsort des Chiquetklans, zu Asuel, das sich fast völlig entvölkert hatte. Nun aber zogen in wenigen Jahrzehnten auch aus Cornol über fünfhundert Einwohner aus, um in den Staaten ihr Glück zu versuchen, mitgerissen von einer neuartigen Dynamik aus Propaganda und Aufbruchstimmung, welche die Ajoie ergriffen hatte. Ich stellte mir vor, LongJules sei als Pionier der Familie ausgewandert, mit der Absicht, bei Erfolg die Schwestern Marie und Berte nachkommen lassen. Dass es ganz anders war, erfuhr ich erst vor kurzem. Aber davon später.

Was erhoffte er zu finden in den USA? Wollte er, als Bauernsohn, nach seiner Ankunft weiterziehen in den Mittleren Westen, um dort Landwirtschaft zu betreiben, wie einige seiner Landsleute? Geld, um Land zu erweben wird er keines gehabt haben, also musste er zuerst eine Arbeit finden. Dies erschien ihm in New York einfacher, oder es fehlten ihm schlicht die Mittel zur Weiterreise, so wie den meisten Emigranten aus Europa. Eine grosse Zahl der Einwohner waren zu dieser Zeit, um 1907, Neuankömmlinge und Secondos.

Dass er in den zehn Jahren, die er in den USA verbrachte, Kammerdiener bei John D. Rockefeller junior wurde, und es auch blieb bis zu seiner Rückkehr nach Europa 1917, ist in jeder Hinsicht eine höchst erstaunliche Geschichte. Er wird zu Beginn kaum flüssig, für Amerikaner verständlich, englisch gesprochen haben, und auch sein Französisch war nicht über alle Zweifel erhaben. Von seinem Vater, einem Kleinbauern und Heimarbeiter der Uhrenindustrie, hatte er Grundkenntnisse der Landwirtschaft sowie ein paar feinmechanische Fertigkeiten mitbekommen. Wie fand er Zugang zur Familie Rockefeller? Hat er sich auf eine Stellenausschreibung beworben, konnte er auf ein Netzwerk von Landsleuten zurückgreifen, oder war es eine zufällige, schicksalshafte Begegnung, die ihn, den kleinen Mann aus Cornol, für diese Königsfamilie des wilden Kapitalismus um 1900 nützlich machte?

Ich könnte es bedauern, dass ich meinen Vater nicht noch zu Lebzeiten ausgefragt habe über die Einzelheiten von LongJules Abenteuer. Aben nun ist es so, man weiss wenig bis gar nichts darüber und muss von dem ausgehen, was man hat, und beharrlich nach weiteren Anhaltspunkten suchen. Die in der Familie überlieferten Anekdoten und Legenden haben dabei schon jetzt ein paar Korrekturen erfahren, genauso wie meine Spekulationen, Projektionen und Phantasien.

Erhalten ist zum Beipiel die Passagierliste des Schiffs, mit dem Longjules am 11. Mai 1907 über den Atlantik fuhr. Es handelt sich um ein bedrucktes, wie als Leporello gefaltetes Blatt, stark vergilbt und brüchig, auf dem sein Name, M. J. Chiquet, fein unterstrichen zu finden ist. Wenn man das Dokument genauer untersucht, erkennt man eine Einschränkung. Es handelt sich um die Liste des Passagers de Cabine, was bedeutet, dass hier nur die Passagiere der ersten und zweiten Klasse mit Kabine aufgeführt sind, die einen höheren Preis zahlten und gut einen Drittel der insgesamt zwölfhundert Reisenden ausmachten. Die achthundert Passagiere der dritten Klasse im Zwischendeck sind nicht namentlich aufgeführt, sondern werden nur durch eine dürre Zahl repräsentiert, achthundertsieben.

Die Entdeckung, dass mein Grossonkel mit der zweiten Klasse in die USA gefahren war, hat interessanterweise eine leise Enttäuschung bei mir ausgelöst. Da ich bereits begonnen hatte mich mit Berichten und Bildern über die katastrophalen Bedingungen der Massenauswanderung des ausgehenden neunzehnten und anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts zu befassen, hatte ich mir wildromatisch eingefärbte Phantasien erlaubt darüber, wie mein Grossonkel die Strapazen im dunklen Schiffsbauch überlebt haben könnte. Wie er sich bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten zuerst der mühsamen und erniedrigenden Prüfung durch die Einwanderungsbehörden auf Ellis Island hat unterziehen müssen. Das hätte auch eine Geschichte ergeben. Aber.

Koinzidenzen sind etwas Wunderbares. Dieses Mal geschah sie in Gestalt eines Buches, das ganz neu, wegen der Pandemie mit etwas Verzögerung, genau zu dem Zeitpunkt herausgegeben wurde, als meine Phantasie eine Korrektur brauchte. Geschrieben hat es die Pruntruter Historikerin Marie-Angèle Lovis, und es trägt den Titel: Un village émigre – Le cas de Cornol dans le canton du Jura (1815 - 1956). Darin konnte ich nachlesen, dass sich knapp ein Viertel der Auswanderer aus Cornol in den Jahren 1903 bis 1914 Tickets für die zweite Klasse leisteten. Von denen, die beim ersten Mal im Zwischendeck oder in der dritten Klasse gereist waren und nun, nach einem Besuch in der Heimat, sich wieder auf die Reise machten, entschieden sich viele, nach den beschwerlichen Erfahrungen beim ersten Mal, die Mehrkosten für die zweite oder gar die erste Klasse auf sich zu nehmen. Vor allem die Aussicht, bei der Ankunft nur eine kurze Prüfung durch die Behörden, direkt auf dem Schiff, zu durchlaufen, anstatt auf Ellis Island mit einer Nummernettikette versehen, mit Kreidezeichen angeschrieben, tagelang in einer Masse von armen Schluckern und heulenden Kindern ausharren zu müssen, machte die Wahl einfach, sofern man die Mittel aufbringen konnte. So kam es, dass viele Dörfler sich auf dem Schiff in einer Umgebung wiederfanden, die ihnen neu und unglaublich luxuriös vorkam. Die Schiffe hatten Aufzüge, in den Kabinen gab es zwei oder höchstens vier Betten, Waschschüsseln mit fliessendem kalten und warmem Wasser, alles Dinge, die sie in ihren Häusern im Dorf nicht kannten. Das Schiff der Companie Générale Transatlantique, mit der Longjules am 11. Mai 1907 losfuhr, hiess La Provence, und war erst ein Jahr vorher gebaut worden, als grösstes Schiff der Gesellschaft. Es war eines der schnellsten seiner Zeit und brauchte für die 5'665 Kilometer lange Strecke nur sechs Tage.

Am 17. Mai 1907 kam mein Grossonkel in New York an. Diese Angabe fand ich, gegen Ende des genannten Buches, auf einer Liste aller aus Cornol mit dem Schiff ausgereisten Personen zwischen 1819 und 1957. Und zu meiner grossen Verblüffung fand ich den Namen seiner älteren Schwester Marie schon unter den Auswanderern im Jahre 1903. Sie war die Pionierin.

Zusammen mit fünf anderen unverheirateten Frauen aus Cornol kam sie am 31. Oktober 1903 in New York an. Es ist zu vermuten, dass sie von Verwandten oder Bekannten abgeholt worden sind, denn sonst wären sie mit Sicherheit auf Ellis Island gelandet. Zwei der Frauen stammten aus der Familie Grillon, von der schon früher einige Mitglieder in die USA ausgewandert waren, und auch aus der Familie von Marie Chiquets Mutter, die mit Nachnamen Crétin hiess, gab es möglicherweise Verwandte, die sie erwarteten und am Hafen abholen konnten.

Ein Foto aus dem Nachlass meines Vaters zeigt meine Grosstante Marie Joséphine Chiquet, wie sie in dieser Zeit, mit etwa zwanzig Jahren aussah. Das Bild könnte in den USA aufgenommen worden sein. Sie trägt modische schwarze Kleidung, eine Seidenbluse mit Falten und gebauschten Ärmeln, einen langen Rock. Die fülligen Haare sind aufgesteckt, darauf trägt sie selbstbewusst einen voluminösen Hut, ebenfalls schwarz, mit pelzigflauschiger Krempe. Die Hände stecken in schwarzen Handschuhen, die rechte ist locker in der Taille abgestützt, in der linken trägt sie ein winziges Henkeltäschchen. Ihr Gesichtsausdruck ist schwer zu bestimmen. Freundlich, aber ohne ein deutliches Lächeln. Etwas zwischen Abwarten und in sich Ruhen.

Ich habe sie noch erlebt im Alter. In ihren letzten Jahren sass sie nur noch auf dem Sofa in der Stube. Wie sie es dorthin schaffte aus dem kleinen Schlafzimmerchen im ersten Stock, und wie sie wieder die steile Treppe hinaufgelangte, ist mir ein Rätsel. Sie hatte Wasser in den Beinen und konnte sich nur sehr mühsam, schwer auf den Stock aufstützend, vorwärtsbewegen. Sie war fast völlig erblindet, schien Schmerzen zu haben und reagierte oft mürrisch, vor allem auf Äusserungen und Verhalten ihrer jüngeren Schwester Berthe.

1928, mit 45 Jahren, reiste sie zum sechsten und letzten Mal in die USA. Endgültig zurückgekommen ist sie wohl kurz vor oder nach dem zweiten Weltkrieg. Bisher konnte mir noch niemand in der Familie darüber Auskunft geben, was diese Pionierin unter den Chiquets Américains in den Vereinigten Staaten erlebt hat.

Sonntag, 20. Dezember 2020

gelungen - misslungen

Bei keiner anderen Katze hatte ich je dieses Verhalten beobachtet. Als ich es zum ersten Mal sah, war ich irritiert und besorgt, weil es weder zu ihrem sonstigen Geschick noch zu ihrer beeindruckenden Kraft beim Springen und Klettern passte.

Sie geht auf den Heizkörper zu, auf dem sie sich gerne den Bauch wärmt. Nimmt die Höhe in den Blick, bringt die Hinterläufe in Stellung, duckt sich leicht und. Landet auf der halben Höhe. Prallt, gar nicht katzenelegant, seitwärts gegen die Röhren, bringt, kurz vor dem Boden, die Pfoten unter den Leib. Findet schliesslich wieder ihr Gleichgewicht. Das spielt sich in Sekunden ab. Meist springt sie kurz darauf ein zweites Mal, in gewohnt schmeidiger, zurückgenommener Manier, die Höhe um keinen Millimeter verfehlend, genau im Höhepunkt der Sprungparabel aus der Luft aussteigend auf festen Grund, wie wenn es nichts bedeutete.

Die misslungenen Versuche las ich zuerst besorgt als Symptome einer möglichen Krankheit. Die Vorfälle blieben jedoch selten, und mir schien es nach genauerem Hinschauen eher eine Macke. Wenn sie auf diese Weise ihr Vorhaben verfehlte, war es, als ob sie es schon vor dem Losschnellen der Fersengelenke abbrechen würde, so als hätte ihr Körper den Sprung in Angriff genommen, bevor ihr Geist dazu bereit war. Ich sah, in der Zeit eines Wimpernschlags, die mangelnde Übereinstimmung in den Feinheiten ihrer Bewegung. Oder eher, spürte sie in meinem Körper, auftauchend aus dem Speicher ähnliche Erfahrungen. Die Beiläufigkeit, mit der die Katze ihren zweiten Versuch unmittelbar nach ihrem Scheitern realisierte, wirkte beruhigend. Manchmal erschien sie aber verlegen, und musste sich zuerst eine Weile putzen, als hätte sie eigentlich nur das gewollt.

Man kann es sich zur Methode machen, mit dem Arbeiten zu beginnen, bevor überhaupt die richtigen Werkzeuge dafür bereitgelegt sind, ja bevor auch nur genügend Platz und eine ausreichend geordnete Umgebung geschaffen wurden. Das würde einen bewahren vor der Beschämung, zu scheitern, nachdem und obwohl alles sorgfältig bereitet war, die Arbeitskleidung übergezogen, die Tischfläche abgedeckt, genügend Papier in Griffnähe, verschiedene Stifte und Pinsel in Wartestellung gebracht, gewisse Vorentscheidungen bezüglich der zu benützenden Mittel, Formate und Vorgehensweisen getroffen, der Kopf geleert, die Schultern entspannt und im Künstlerhabitus eingerichtet. Dann die Niederlage, den Misserfolg hinnehmen zu müssen, erschiene zweifach demütigend, weil sich zur Bitternis des Misslingens die Lächerlichkeit gesellte. Das sorgsam inszenierte Ritual der Vorbereitung würde durch die klägliche Qualität, oder noch schlimmer, durch das völlige Ausbleiben von Ergebnissen als Anmassung blossgestellt.

Und wenn auch die Umgebung kopfschüttelnd fragt, wie kannst du bloss in einer solchen Unordnung? - oder anrät, ich würde zuerst einmal dies und jenes!, so erscheint es dennoch verlockend, und leichter, jede Vorbereitung überspringend direkt mit der Arbeit zu beginnen. Nein, ein Anfang soll gar nicht zu erkennen sein, dann liesse sich im Falle einer Stockung, eines Scheiterns oder gar Abbruchs leichter so tun, als habe man gar nichts getan, ja nicht einmal etwas gewollt. Und man könnte einen Teil des Misserfolgs den Umständen zuschreiben, die einen Erfolg nicht zugelassen hätten. Noch nicht.

Vielleicht ist es aber einfach der fehlenden Kraft zuzuschreiben, dass man vor, während und nach dem Arbeiten nicht in der Lage war, Ordnung zu schaffen.

Ich mache mich daran, eine Geschichte aufzuschreiben, und mit einer Folge von Zeichnungen zu illustrieren. Anlass ist die Weihnachtszeit, zu der dem Enkelkind in der Ferne ein Märchen zum Vorlesen, mit Bildern zum Ausmalen, geschenkt werden sollen. Das Märchen der Rapunzel scheint für ein kleines Mädchen geeignet, wobei das Ende aus der neapolitanischen Urfassung die allzu tränenreiche Version der Gebrüder Grimme ersetzen wird.

Wieder einmal den Einstieg ins figürliche Zeichnen finden. Mit der Hexe zu beginnen ist wohl eine gute Idee, da wirken sich missgestaltete Glieder nicht zum Nachteil aus. Man kann experimentieren mit verschiedenen Graden von Naturalismus, mit Anlehnungen an Comic-Figuren und gelungen erscheinende Illustrationen.

Nichts vorbereitet und schon mittendrin, mit einem schlecht gespitzten Bleistift auf dem Block aus Makulatur, auf schlechtes Papier für den Drucker, mit von der Rückseite durchscheinender Schrift. Also richtiges Zeichenpapier geholt, den Stift gespitzt. Danach aber schaut mich die Hexe, und dann noch das Rapunzelmädchen!, so an, dass ich mich winde vor Unbehagen. Sie sind auf ungute Weise meine Kinder, ich sehe in ihnen Aspekte eines Selbstbildes, die mir unbehaglich sind.

Also wende ich mich an die ersten Versuche. Die Hexe da ist gut, sie hat Schmuddel, und sie hat sich von mir gelöst, ich kann unbeschwert an ihr herumdoktern. Ich schneide sie grob aus, klebe sie auf den besser gelungenen Hintergrund eines andern Blattes, auf stärkeres, reinweisses Papier. Die diebische Mutter Rapunzels, die im Garten der Hexe Wurzeln stiehlt, ist zu karikiert. Die wird der Enkelin vielleicht zu hässlich, zu bäurisch erscheinen, aber ich lasse sie. Sie hat sich von mir emanzipert.

Das fertige erste Bild ist eine sperrige Kollage, ich zwänge sie in den Scanner. Als digitale Zeichnung kann sie weiter überarbeitet werden. Ungeschickte Schlenker sind entfernbar, ich kann Teile der Zeichnung herausschneiden, vergrössern, drehen, spiegeln und, und. Auf der neuen Stufe von Entscheidungen sind Offenheit und die Vielzahl der Möglichkeiten nur durch intuitives Spielen zu bändigen. Irgendwann muss man dem ein Ende setzen, sich festlegen und die bleibende Ambivalenz schlucken.

Wieder am Tisch, mit der Feder in der Hand, ertappe ich mich mehrmals beim Suchen nach einer Reset-Taste, wenn ich den Strich schlecht geführt habe. Die erste Rapunzel ist unbrauchbar, zu alt, zu naturalistisch, zu wenig frech. Es hilft, zwischendurch in Ungerers Liederbüchern zu blättern. Plötzlich habe ich sie. Die Knopfaugen unter den hochgezogenen Brauen blicken konzentriert und etwas verärgert auf die Seilrolle, mit der sie die schwere Haarpracht herunterlassen soll. Rapunzel gleicht auf diesem Bild sogar etwas unserer Enkelin.

Freitag, 6. November 2020

Lügengeschichten (Krimi 2)

Bürer hofft, man höre ihn im Auto und hantiert umständlich herum. Die Videokamera liegt in der offenen Tasche. Er spürt ihre Blicke, als sie in den Hinterhof gehen. Hier stinkts, das Tier sitzt verklebt im Käfig. Bürer zieht die Kamera aus der Tasche und richtet sie auf die Katze. Man schreit ihn an: "No film!" Bürer steckt die Kamera zurück, dabei entscheidet er intuitiv sie laufen zu lassen. Die Händler sprechen aufgeregt, Bürer meint, auf Chinesisch und Kirgisisch, oder Kasachisch. Er wendet sich dem Käfig zu. Das Tier macht sich flach, bewegt sich in Zeitlupe rückwärts und faucht. Hinter ihm wird es ruhiger, sie lachen. Da kommt vom Hof ein dritter Mann. Starrt Bürer an wie angenagelt. Der ist baff, er kennt den Mann: Nigmat, ein junger Uigure, den er in Almaty bei Tursun getroffen hat. Bürer sagt laut: "I buy the cat!" Nigmat schreit und zeigt auf ihn. Bürer wird herumgewirbelt, die Bauchtasche ist weg. Wildes Gerenne um den Käfig herum zur Rückseite des Hofs. Von dort kommen zwei. Hinter Bürer stürmen Hennings Leute aus dem Haus, zwei mit Filmgerät. Vorne wird einer überrannt, der andere zieht die Waffe, Henning brüllt, die Kameraleute rennen. Bürer sieht Nigmats Beine für einen Moment über der Mauer. Er erwartet einen Schuss, es fällt aber keiner.

Am nächsten Tag habe ich der Dolmetscherin das Band vorgespielt. Erst hat man schwankende Gitterstäbe gesehen, dahinter unscharf das zusammengekrümmte Tier. Von rechts ein Schatten, die Hand hat sich über das Bild gelegt, rosa durchscheinend, dazu: "No film!" Dann schwankende Wände, ein Stück Himmel, ein Kleiderhaufen, Dunkel.
Jetzt sind nur noch die Stimmen zu hören gewesen. Ich habe Asel gefragt: Kannst du mir übersetzen? Ich habe vor und zurückgespult und in mein Buch notiert. Zwei Stellen habe ich ihr nochmals vorgelesen, ich kann sie auswendig:
Uigure: Wo ist Nigmat?
Mann aus Guangdong: Fick deine Mutter, er kommt bald. Nächstes Mal werden wir sowieso ohne Nigmat abhauen. Der ist erledigt.
Uigure: Haben wir den Mist hier noch nötig? Das Ding mit dem Bus bringt doch viel mehr, zweihunderttausend? dreihundert? (lacht)
Mann aus Guangdong: Dollars, ja. Wird aber noch anders stinken als das hier. So, Klappe jetzt, Nigmat kommt.
Asel hat von mir wissen wollen, woher ich Nigmat kenne. Ich hab gesagt: Von Almaty. Von einem Projekt. Wir waren uns sympathisch, glaube ich. Er hat mich zu sich eingeladen, den ganzen Abend von der uigurischen Minderheit und ihren Problemen erzählt. Nigmat ist kurz vorbeigekommen und hat Drucksachen mitgebracht. Tursun hat gesagt, er passe auf ihn auf, weil er noch so jung sei und hier keine Familie habe. Tursun muss jetzt für ein paar Tage in Osh sein, er hat dort Verwandte besuchen wollen. Als ich Osh erwähnt habe, hat Asel offensichtlich gehen wollen. Die Stadt ist ein heisses Pflaster.
Tursun hat pausenlos erzählt. Von eingeschleusten chinesischen Provokateuren. Aus China geflohene uigurische Separatisten würden sie erst ködern und dann hochgehen lassen. Man beginne mit harmlosen Aufträgen, dann beteilige man sie an Überfällen. Irgendwann würden sie geschnappt. China übe wachsenden Druck auf die zentralasiatischen Länder aus, Separatisten aus Xinjiang auszuliefern. Systematisch schüre man den Hass auf Uiguren, unterstelle ihnen bei jeder Straftat terroristische Motive. Für ausgelieferte Delinquenten könne das die Todesstrafe bedeuten, Folterung auf jeden Fall. Die kirgisischen Behörden gäben trotz internationaler Proteste immer wieder nach. Ich habe ihn gefragt, woher er das wisse? Vieles vom Internet, hat er behauptet. Ich habe mir den Kopf zermartert: Sollte ich Tursun vom Schneeleoparden erzählen? Hat er vom illegalen Geschäft mit den Wilderern gewusst? Ist Nigmat in eine Falle der Chinesen getappt? Was hat Tursun mit der ganzen Sache zu tun gehabt. Er hat mir gesagt, die uigurische Sache interessiere ihn natürlich, weil er mütterlicherseits Uigure sei. Ich habe den Eindruck gehabt, Tursun sei tiefer in der Sache drin gesteckt als er mir gegenüber zugegeben hat. Aber ich habe gezögert, mit ihm Kontakt aufzunehmen, weil ich nicht habe enttäuscht werden wollen. Und weil ich mich für die Katzengeschichte geschämt habe.

Bürer hat Durchfall. Er kann das Telefon nicht abnehmen. Als es wieder klingelt, ist es Asel. Es geht um die Tonspur des Filmes, und sie will sofort mit ihm reden. Sie wirkt erschrocken und verstört. Als Bürer in einem Cafe auf sie wartet, liest er den Bericht in einer Zeitung. Das Bild zeigt den Bus am Grund einer Schlucht, der Kommentar dazu ist erstaunlich differenziert. Erste Annahme: Unfall. Am zweiten Tag steigen Polizisten zum Wrack ab und sehen, dass alle Leichen Schusswunden aufweisen. Es gibt zwei Thesen: Kirgisstan spricht von Gaunern mit ökonomischen Motiven, China unterschiebt Tat und Motiv uigurischen Separatisten. Eine mögliche Version: 28 Händlern sind von Xinjiang mit Waren auf den Markt in Bishkek gefahren. Sie haben einen Bus gemietet für die Fahrt in die Hauptstadt und wieder zurück. Nun ist alles verkauft und sie fahren mit dem Geld (bar, in Dollars) zurück nach China. Davon erfahren Kriminelle (oder Terroristen) und beschliessen, die Händler auszurauben. Sie erstellen eine Strassensperre und wollen den Bus stoppen. Der Fahrer versucht, die Sperre zu durchbrechen, worauf die Banditen das Feuer eröffnen. Der Fahrer wird getroffen, der Bus stürzt über den Steilhang ab. Ein Teil der Insassen wird getötet, andere werden verletzt, zwei oder drei befreien sich unversehrt aus dem Wrack. Die Gauner erschiessen alle und erbeuten knapp dreihunderttausend US-Dollars, mit denen sie entkommen. Die Grösse der Beute lässt beide offiziellen Thesen zu.

Ich habe versucht Asel davon zu überzeugen, dass die Tonspur noch keine Verbindung der Tierhändler mit dem Busüberfall beweise. Sie hat mir gar nicht zugehört sondern behauptet, für die Aufklärung der Sache und für die Gerechtigkeit mache es keinen Unterschied, ob man die Aufnahme den Behörden melde. Ich hätte dann aber sicher in Kirgisstan keine ruhige Minute mehr. Sie wolle das Video aus ihrem Gedächtnis löschen, wenn ich mich auch dazu entschliessen könne es zu überspielen und zu niemandem davon zu sprechen. Und noch am gleichen Abend hat sich Tursun aus Kasachstan gemeldet. Er hat sich Sorgen gemacht, hat schon erfahren von Nigmats Verschwinden. Ich bin zu feige gewesen, habe kein Wort über die Lippen gebracht. Er hat etwas gemerkt und mich gefragt, ob ich krank sei? Da habe ich die Darmprobleme vorgeschoben.

Am Nachmittag des folgenden Tages wird Bürer zum Direktor zitiert. Er kann nicht unschuldig tun, denn da steht einer, den er kennt, aus dem Innenministerium. Bürers Auftrag ist mit sofortiger Wirkung beendet, weitere Zusammenarbeit fraglich. Man übernimmt alle Kosten, die aus Umbuchungen und dem Abbruch der Miete entstehen. Auch die Kosten seines zweiten Visums für Kasachstan werden zurückerstattet. Er braucht nur die Airline anzurufen, dann fliegt er morgen früh nach Frankfurt. Ob man ihn rausschmeisse? Ach, er solle doch nicht so tun, er sei doch Profi. Und in diese Lage habe er sich selbst gebracht.

Zu Fuss auf den Heimweg habe ich das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Ich habe immer wieder angehalten und mich umgedreht. Schon ziemlich wütend habe ich meine Wohnung erreicht, wo ich die kleine Tasche gepackt und die Kamera dazugesteckt habe. Meine anderen Sachen habe ich in den grossen Rollkoffer gestopft und ihn in den Eingang gestellt. Dann bin ich in die Laufschuhe geschlüpft und habe mir eine dünne Windjacke übergezogen. Mit der Tasche über der Schulter habe ich die Wohnung verlassen. Die Sonne ist gerade am Untergehen gewesen.

Jetzt ist er sicher, verfolgt zu werden. Wenn er sich umdreht, halten zwei Männer an und reden eifrig miteinander. Bürer beginnt zu laufen, mit eiskalten Füssen. Hält bei einem Kiosk. Die kommen auf ihn zu, und Bürer bekommt Angst: links läuft der Chinese! Also nicht das Ministerium. Er rennt los, nimmt blindlings den vertrauten Weg: Internetcafe, Platanenallee zur grossen Kreuzung, Busbahnhof, die Unterführungen. Er dreht sich, der Chinese, schon mitten auf der Strasse, wedelt mit den Armen. Lautes Hupen, Bürer beschleunigt, niemand kommt entgegen. So kann er nur kurz laufen. Bei der Kreuzung in den nächsten Abgang, drei Stufen aufs Mal, über die Beine einer Bettlerin. Der Schuhputzer weicht nicht aus, Bürer hört es klirren. Menschen sausen vorbei, Gitter rasseln. Bürer, langsamer, trabt schwer atmend die Buden entlang, man schaut verwundert. In der Mitte, unter dem Zentrum der Kreuzung, nimmt er die Querverbindung und rennt zurück. In einer winzigen Papeterie verschwindet der Verkäufer eben hinter einem Vorhang. Bürer folgt ihm in den dunklen Lagerraum, eng wie ein Kasten. Zuckt der Mann zusammen und will ihn zurückdrängen. Bürer bringt heraus: only for a moment! Gestikuliert, drückt etwas nieder. Der Mann mustert ihn: Problems? Bürer nickt. Police? No, no! Bürer zeigt auf seine Uhr: Can I wait here? Five minutes? Ok. Ein Stuhl wird ihm angeboten, er stützt sich stehend auf die Lehne und lässt den Kopf sinken. Der Verkäufer räumt weiter zusammen. Bürer schnaufend, schaut auf. Was wollen die? Nigmat wird erzählt haben, dass er mich kennt. Und worüber Tursun mit mir gesprochen hat. Bringt es Tursun fertig, Nigmat auszuliefern? Der Mann schreckt ihn hoch: I close now. Nimmt kein Geld. Bürer muss gehen, drückt sich die Wände entlang, dreht sich, äugt hemmungslos hierhin und dorthin. Die sind weg. Oder warten oben. Von rechts hört er die Stimmen vieler Menschen, also dorthin. Die Treppe schleicht er hoch, sie endet mitten in den Leuten: Busfahrer rufen Reiseziele, Menschen verabschieden sich und steigen ein. Lange bleibt Bürer stehen und wartet. Nichts geschieht. Schliesslich fragt er einen Fahrer: to Almaty? Der schüttelt den Kopf und holt eine Kollegin, die erklärt: To the new station, then with the big bus to Almaty. You have a visa? Yes. You must leave now.

Und jetzt sitze ich neben Ihnen im Bus, schwatze Ihnen den Kopf voll. Ich habe immer noch Bauchweh, hoffentlich ist der Bus nicht aufgetankt und hält nochmals am Stadtrand. Was würden Sie machen? Ich will das verstehen, Tursun gegenüber stehen und fragen.

Donnerstag, 5. November 2020

Lügengeschichten (Krimi 1)

Als ich neu in den Kindergarten kam, wurde ich zuhause oft gefragt, wie es mir dort gehe, was wir machen würden, was es dort zum Spielen gebe. Mein Bruder konnte das Angebot mit dem vergleichen, was er, in einem anderen Kindergarten, erlebt hatte, und so kam es zu einer Art Wettstreit darüber, wer die besseren Bedingungen gehabt habe. Ich erfand ein grosses Feuerwehrauto, das in meiner Erzählung durch die Lust an Ausschmückung und Übertreibung sowie durch die Fragen meines Bruders nach Details immer grösser und funktionsmächtiger wurde. Zwar merkte ich bald, dass mir mein Bruder nicht mehr glaubte, aber auch er schien an der Entwicklung des traumhaften Spiel- und Fahrzeugs seinen Spass zu haben, schlug von sich aus phantastische Erweiterungen vor, die ich eifrig bestätigte. Die Sache endete für mich kläglich, weil mein Bruder mich schliesslich auf dem Weg zum Kindergarten auffliegen liess, indem er ein paar meiner Kameraden zu dem Feuerwehrauto befragte. Ich verkleinerte das phantasierte Konstrukt, buchstabierte die Geschichte auf ein Mass zurück, bei dem wenigstens eines der anderen Kinder hätte bestätigend einsteigen und mich retten können. Da es aber in unserem Kindergarten nicht einmal ein kleines Feuerwehrauto gab, liessen sie mich gnadenlos hängen und ich stand als Lüger und Betrüger da. Ich lernte meine Lektion, Geschichten darf man nicht erfinden.

An einem meiner Geburtstage, der wie immer in den Sommerferien lag, fuhr ich mit meinem Vater nach Zürich, wo wir das Kunsthaus besuchten. An die Ausstellung kann ich mich nicht erinnern, wohl aber daran, dass ich Papi für einen Tag für mich alleine hatte. Nach dem Besuch der Ausstellung sassen wir im Museumsrestaurant im Freien, und ich durfte mir etwas zum Essen und Trinken aussuchen. Neue Dinge, Rollmops mit frischem Brot, und Sauser. Und ich bekam von meinem Vater ein Taschenbüchlein geschenkt, das hiess 'Seemannsgarn und andere Lügengeschichten'. Da ich es im Museum nicht sehr lange ausgehalten hatte, wollte mein Vater nochmals in die Ausstellung gehen und schlug mir vor, ich könne sitzen bleiben und lesen, wenn ich wolle. Ich war schon sehr gespannt auf die Lügengeschichten, die auf dem Umschlag des Büchleins so unverfroren angekündigt wurden, willigte ein und begann zu lesen. Vergass alles um mich herum. Es war unglaublich, mein Feuerwehrauto war nichts gewesen im Vergleich zu den haarsträubenden Übertreibungen, Prahlereien und Schlitzohrigkeiten dieser Geschichten! Sie waren toll geschrieben, und weil mir diese Form der Fiktion noch immer als etwas Verbotenes erschien, war die Lektüre umso aufregender.

Ich habe noch nicht viel rein Fiktives geschrieben. Merkwürdigerweise fällt es mir bei erfundenen Geschichten schwerer, einen Ton zu finden, der über meine Person hinausträgt. Vor fünfzehn Jahren schrieb ich mal einen kurzen Krimi, der hiess 'Bürer beschleunigt'. Hier ist der erste Teil davon. Der zweite Teil folgt im nächten Posting.

Bürer beschleunigt

Bürer, den ich noch vor einer halben Stunde nicht kannte, sitzt im Bus nach Almaty neben mir, schwer atmend. Sein Hemd klebt. Im Bus ist es so eng, dass ich es aufgebe, Bürer beim Zuhören das Gesicht zuzuwenden. Es ist schon dunkel und draussen ist nicht mehr viel zu sehen. So starre ich wie er auf die Fläche aus schmuddeligem Kunstfasersamt vor mir, als wäre da ein Bildschirm. Er ist aufgedreht und schwatzt pausenlos, ohne ein Detail auszulassen, gegen die Lehne des vorderen Sitzes, mit weit offenen Augen.

Meinen Namen kennen Sie schon: Lorenz Bürer, siebenundfünfzig, Bauingenieur aus Ror-schach. In der Nacht auf letzten Montag mit dem Flugzeug angekommen, aus Almaty. In Ka-sachstan habe ich einen Monat lang Landsleute beraten. Ich bin zum ersten Mal in Bishkek gewesen und habe hier Bauland zu analysieren gehabt, für eine deutsche Firma. Am Montag-morgen bin ich also durch Bishkek gejoggt, im Trainingsanzug.

Bürer ist zu weit gerannt. Hier werden die Häuser niedriger, die Betonplatten der Trottoirs sind alle zerbrochen. Er muss seine Füsse höher nehmen bei jedem Schritt und ärgert sich. Im Mai sticht die Sonne um halb acht Uhr schon empfindlich, dazu hat der Arbeitsverkehr eingesetzt und macht das Atmen schwer. Schon am ersten Morgen in Bishkek meint er wie zu Hause laufen zu müssen. Bürer beschäftigt sich beim Laufen mit kniffligen Themen, als Teil des Programms. Wenn er abschweift, weiss er, dass er zu schnell rennt. Er hält an einer Kreuzung und orientiert sich: im Süden die Bergkette, rechts das Zirkusgebäude. Er staunt darüber, wie sehr er sich geirrt hat und überquert die Strasse gehend in einer Menschengruppe. Auf der anderen Seite beginnt er wieder zu laufen. Bis zu seiner Wohnung braucht er so fünf Minuten. Es gelingt ihm nicht mehr, den Faden aufzunehmen. Erst in der Badewanne, unter dem dünnen Duschestrahl, bringt er es zusammen.

Kennen Sie das: man ist an einem fremden Ort, ich meine, wirklich fremd? So dass es einen frösteln müsste. Man erlebt etwas, zum Beispiel: der Taxifahrer nimmt bei Tempo hundert-zwanzig beide Hände vom Steuer, führt sie ganz langsam vor sein Gesicht, bedeckt einen Moment lang beide Augen, legt sie dann seelenruhig wieder ans Steuer. Auf einer Strasse, wo unvermutet Schlaglöcher von einem halben Meter Tiefe auftauchen können. Ja, er hat gebetet, bei jedem Friedhof, an dem wir vorbeibrausten. So eine Erklärung beruhigt. Das Erschreckende ist nur: ich blieb schon vorher ruhig. Als ob ich mir die Emotionen aufsparen wollte für später! Für dann, wenn ich darüber erzählen würde. Reise ich zu oft? Oder noch immer zu wenig?

Man umsorgt Bürer, die Firma schickt einen Fahrer. Bishkek findet er vom Auto aus kleiner und schäbiger als Almaty. Man hält vor einem Bau aus den Siebzigerjahren. Er wird vom Direktor und kirgisischen Mitarbeitern mit Tee empfangen. Der Terminplan ist sinnvoll, aber dicht. Man stellt ihm die Dolmetscherin vor. Er kann nur ihren Vornamen behalten: Asel. Sie ist knapp dreissig, hat ein rundes, sehr flaches Gesicht, trägt Jeans und einen Pullover. Sie kann Deutsch, Russisch besser als Kirgisisch. Und Chinesisch. Das wird von der Firma geschätzt, weil Transporte von und nach China zunehmen. Bürer ist beeindruckt. Man verabredet sich für den Abend, die Firma wird ihre Partner in Bishkek empfangen.

Ich habe damals den ganzen Nachmittag verschlafen. Als ich die Vorhalle betreten habe, ist sie festlich geschmückt gewesen und das Büffet bereits eröffnet. Ich hasse Sekt und habe Ausschau gehalten nach Bier. Das habe ich dann auch gefunden, bei einer Gruppe Deutscher. Einer von denen, Henning, hat einen Vortrag für Insider gehalten: es ist um ein Tier gegangen, das er uncia genannt hat, oder ak ilbirs. Ich habe dann herausgefunden, dass das eine Raubkatze sein muss. Als ich nachgefragt habe, sind die anderen verschwunden und ich bin Henning alleine ausgesetzt gewesen. Er hat erzählt, dass er eine Organisation zur Rettung der Schneeleoparden in Zentralasien vertrete. Ich habe das Thema wechseln wollen und gesagt, ich hätte Mühe mit Katzen, reagiere allergisch auf ihre Haare. Henning hat das weggewischt: alles psychosomatisch!

Mitten in Bishkek wollen sie einen Schneeleopard befreien, die Händler dabei verhaften. Dazu braucht es einen fiktiven Käufer. Einer, etwa in Bürers Alter, ist ausgestiegen. Ob er einspringen wolle, Henning halte ihn für geeignet. Keiner kenne ihn und er entspreche dem Bild, das sie den Händlern per Mail beschrieben hätten. Bürer, fasziniert, schüttelt heftig den Kopf: kein Bier mehr jetzt. Laut sagt er: Nein, nein, wo denken Sie hin. Henning gibt ihm die Karte. Rufen Sie mich an, bis morgen Abend.

Ich habe am nächsten Tag viel zu tun gehabt, Kontakte knüpfen, Bauplätze besichtigen, mit dem Fahrer und meiner Dolmetscherin. Ich habe die junge Frau sofort gemocht und ihr das Du angeboten. Mich hat sie aber weiter mit Sie anreden wollen. Ich habe es auf den Altersunterschied geschoben und sie gefragt, wie alt sie mich den schätze. Sie hat es genau getroffen, das hat mich gewurmt.

Er schaltet den Fernsehapparat aus und steht in der dunklen Wohnung. Das Licht draussen ist blau, die Neonschrift auf dem Zirkus leuchtet rot. Dahinter die Bergspitzen des Tienschan, noch schwach rosa glühend. Er holt sich vom Eisschrank ein zweites Bier. Dann schliesst er seine Kamera am Fernseher an und drückt auf play. Für einen Moment erkennt er nicht, was er sieht und hört: eine schnurgerade Strasse, aus der Ferne ansteigend. Der Himmel bleigrau, die Hügel rechts der Strasse rotocker, der links abfallende Hang gelblich, darunter ein Stausee. Der Wind bullert gegen das ungeschützte Mikrophon. Im Fluchtpunkt taucht eine kleine Bewegung auf, leises Brummen: ein Lastwagen. Ganz langsam nimmt das Motorengeräusch zu, Bürer kann voraussehen, wann es den Wind übertönen wird. Ein chinesischer Lastwagen. Bevor der an ihm vorbeidonnern kann, friert Bürer das Bild ein und starrt es lange an. Mit klopfendem Herzen steht er auf, da ist es schon entschieden. Er ruft an und hört sich sagen: „Ich machs!“

Ich habe dann nicht gut geschlafen. Henning hat mir drei Männer vorgestellt, einen Österreicher und zwei Kirgisen in dunklen Anzügen: Beamte aus dem Innenministerium. Sie haben bereits ein Auto besorgt gehabt, und auf Anweisung der Schwarzhändler eine grosse Kiste samt Käfig für die Katze. Ins Auto haben sie ein Mikrophon platzieren wollen, ein zweites in meine Jacke. Sie haben die Absicht gehabt mit zwei zivilen Polizisten anzurücken, einer bewaffnet. Anweisung des Ministers. Ich habe geschwitzt und versucht, mich zu konzentrieren. Man wird mir unauffällig nachfahren und an Ort versuchen, die Fluchtwege abzuschneiden. Die Händler werden mit einem Auto an der Ecke Erkindik / Bokonbayev warten. Ich habe ihnen zu folgen. Falls es schief läuft, soll ich sagen: "My wife will be happy". Für die Händler bin ich der Geschäftsmann Berger, der die Katze für seine Frau kaufen will, die Papiere werden sie mir mitgeben. Ich soll einfach den Businessmann mimen, dem Artenschutz scheissegal ist. Ob ich verstehe? Auf keinen Fall aus Bishkek hinausfahren! Das Geld ist in der Bauchtasche, ein Teil in echten Scheinen. Sie werden aber zuschlagen, bevor es zum Zahlen kommt. Sie erscheinen auf mein Signal, der Satz heisst: "I buy the cat". Die ganze Zeit habe ich gemeint, ich stehe neben mir. Aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen auszusteigen.

Donnerstag, 15. Oktober 2020

gelungen

An einem der endlosen Nachmittage, an denen ich nicht die Kraft hatte, etwas von dem zu tun, was ich eigentlich hätte tun sollen, was meine Pflicht gewesen wäre, das Zimmer aufzuräumen, oder wenigstens mein Pult. Die Hausaufgaben zu machen, oder mindestens so zu tun als ob. Auf meinem Instrument zu üben, war es die Blockflöte oder schon das Cello?

Ging ich in den Keller, ohne Plan, in der vagen Hoffnung, im Gerümpel der Werkstatt etwas zu finden, was zu bearbeiten sich lohnte, und einen Ausweg versprach aus dem Kopfwehgrau, aus Sinnlosigkeit und Öde des Tages. Ich griff mir ein Rundholz mit Rinde, ein kurzes, krummes Aststück, das im Hobelbank eingespannt wurde, so gut es ging, und begann es mit Sägeschnitten eines Fuchsschwanzes zu traktieren. Erst als ich dem knorrigen Zylinder ein paar Kerben und Flächen zugefügt hatte, sah ich die Möglichkeit, ein Pferdchen daraus zu formen. Am Schwierigsten war es, das Stück Holz so festzuklemmen, dass es den Stössen meiner Säge widerstand und sich nicht immer wieder aus den Backen des Schraubstocks herausdrehte. Ich wusste auch nicht, wie das Material zwischen zwei Einschnitten, zum Beispiel zwischen den Beinen, herauszuholen war. Ich säbelte also kreuz und quer, sägte schräg und meinen Winkel laufend verändernd in der Lücke umher, bis alles Holz im Zwischenraum als Späne, Splitter und Sägemehl meinen Anstrengungen gewichen und heruntergerieselt war. Der Bauch des Pferdchens wurde struppig und zottig, aber es begann mir zu gefallen. Zwar tauchte die Frage auf, was ich denn mit einem hölzernen Tier anfangen sollte, wenn es denn einmal fertig würde, was also der Sinn meines Tuns sein könnte, und fast fiel ich heraus aus dem Fluss des eifrigen Hantierens, aus dem Kampf mit Material und Werkzeug, bedroht durch die vertrautverhasste Frage, was ich denn da mache. Ich verdoppelte darauf den Einsatz, wurde richtig schnell in meinen Entscheidungen und daraus folgenden Eingriffen, die allerdings allesamt unumkehrbar waren. Das Tier wurde kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich sah vieles zu spät, dass aus einem Knubbel am Hinterteil ein Schwanz zu machen gewesen wäre. So griff ich zum Bohrer, und in das Loch am Ende des Rückens stopfte ich eine dicke Hanfschnur, die ich mit reichlich Leim sicherte und anschliessend zu einem Schweif aufdröselte. Als mir das Holztier fertig erschien, oder ich nicht mehr weiterarbeiten mochte, zum Aufräumen fehlte mir erst recht die Energie, fegte ich mit dem Handrücken eine Fläche auf dem Hobelbank frei und stellte mein Werk darauf. Drehte und wendete es, betrachtete es von allen Seiten. War mir etwas gelungen? Ich hatte dieses Gefühl, ganz bestimmt, aber es bezog sich nicht auf dieses rohe, plumpe und unnütze Ding, das da vor mir stand. Es war mir gelungen, die bleierne Schwere von Langeweile und Melancholie zu durchbrechen. Den drängenden inneren Stimmen, die gemahnt hatten, man könne, solle, müsse etwas tun, hatte ich die Schnauze gestopft, indem ich irgendetwas anfing, etwas Unwahrscheinliches, ausserhalb jeden Zwecks Stehendes. Ich spürte den Impuls, mir diesen Nachmittag und die damit verbundenen Vorgänge zu merken.

Die Ausbildung zum Kunstpädagogen, zum Zeichenlehrer, wie es damals hiess, absolvierte ich an der Kunstgewerbeschule in Basel. Sie war stark geprägt einerseits von akademischen Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert, andererseits von der englischen Arts and Crafts-Bewegung sowie von Ideen des Bauhauses. Es gab eine wirkungsmächtige Vorstellung von handwerklichen und theoretischen Grundlagen im Gestalterischen, die es, vom einfach Elementaren, schrittweise hin zum Komplexen, zu durchschreiten galt. Das Modell einer evolutionären, hierarchischen Entwicklung bildete sich ab in einem Curriculum aus Fächern, deren Abfolge, zeitliche Ausstattung und räumliche Verortung genau festgelegt waren. Am augenfälligsten wurde dieser Aufbau in der Stellung des Aktzeichnens. Während der ersten Semester beschäftigte man sich zeichnerischn ausschliesslich mit toten Gegenständen, vom Würfel zum Zylinder, darauf mit einfachen Werkzeugen, Flaschen und Geräten. Dann erst kamen Naturobjekte dazu wie Obst und Gemüse, Wurzeln, Steine. Die Beschäftigung mit der Figur wurde vorbereitet im Völkerkundemuseum, vor stark abstrahierten Holz- und Steinfiguren aus Afrika, Südamerika und der Sepik. Später ging man in die Skulpturenhalle und arbeitete sich vor Gipsabgüssen antiker Statuen zum Naturalismus vor, von den archaischen über die klassischen bis zu den spätantiken Vorbildern. Parallel setzte das Tierzeichnen im Zoo ein, dann das Kopfzeichnen nach lebendigen Modellen, das figürliche Skizzieren in den Trainingsräumen des Balletts, alles in entsprechend bezeichneten Fächern mit festen Stunden und dafür spezialisierten Lehrern, die ausschliesslich Männer waren. Und man wusste, das Aktzeichnen kommt zuletzt, der Aktsaal trohnt auch im obersten Stock über allem, und der Zutritt führt exklusiv über die Abarbeitung all dieser notwendigen Vorstufen.

Als ich zum ersten Mal meine Staffelei im Aktsaal aufstellte, meine Papierbögen, die Kohlen, Wischlappen und den Knetgummi bereitlegte, war ich etwas aufgeregt. Man wusste, dass die Modelle ausschliesslich weiblich waren. Wie würde sich das anfühlen? Als die Frau in einem weissen Morgenrock hereinkam, ihn ablegte und an einem Haken in der Wand aufhängte, sich vom Lehrer kurz die gewünschte stehende Stellung erläutern liess, ohne Berührung, und dann für die nächste Stunde ohne die kleinste Veränderung in dieser Position verharrte, war klar, dass sich das Aktzeichnen nur in Nuancen vom Zeichnen in der Skulpturhalle unterscheiden würde. Das Modell hatte einen durchtrainierten Körper ohne ein sichtbares Gramm an Fett, und die Frau war, wie sich zeigen sollte, eine Yogameisterin, was sich nicht in abenteuerlichen Posen äusserte, sondern darin, dass sie auch Stellungen mit verdrehtem Rückgrat lange durchhalten konnte, ohne sie zu verändern. Sie wirkte auf uns junge Männer absolut unerotisch, fast geschlechtslos. Nichts störte das objektivierende Sehen und Umsetzen, um das es der Institution und ihren Lehrmeistern ging. Es gab keine formulierten Qualitätskriterien, man wurde gelenkt durch knappe Bemerkungen. Durch ironische, manchmal direkt abwertende Umschreibungen dessen, was man aufs Papier gebracht hatte. Bestärkt wurde durch Auslassen von Kritik, durch Versammeln der Studenten vor der Staffelei mit einer in den Augen des Lehrers geglückten Arbeit. Hohes Lob äusserte sich dadurch, dass einem ein gelungenes Blatt abgenommen und der Sammlung guter Beispiele einverleibt wurde. Das höchste, wenn es in einem der Gänge des Hauses, hinter Glas im Wechselrahmen, auftreten durfte.

Eine solche Auszeichnung konnte auch zum Bumerang werden. Als ich mich im zweiten Semester Aktzeichnen auf der Suche nach einer eigenen Form und nach persönlichem Ausdruck in meinen Zeichnungen verheddert hatte, meinte Lehrer Maier, das hätte ich auch schon besser gekonnt. Er verschwand kurz im Nebenraum und kam mit einem meiner Blätter aus dem letzten Semester wieder. Da! Ich war niedergeschmettert. Die Studien auf dem Papier waren gut, das musste ich zugeben. Aber sie waren mir fremd, machten mich unsicher, ob ich je wieder so etwa schaffen könnte. Und führten mir deutlich vor Augen, dass ich das nicht, dass ich etwas anderes wollte. Nur, was?