Donnerstag, 15. Oktober 2020

gelungen

An einem der endlosen Nachmittage, an denen ich nicht die Kraft hatte, etwas von dem zu tun, was ich eigentlich hätte tun sollen, was meine Pflicht gewesen wäre, das Zimmer aufzuräumen, oder wenigstens mein Pult. Die Hausaufgaben zu machen, oder mindestens so zu tun als ob. Auf meinem Instrument zu üben, war es die Blockflöte oder schon das Cello?

Ging ich in den Keller, ohne Plan, in der vagen Hoffnung, im Gerümpel der Werkstatt etwas zu finden, was zu bearbeiten sich lohnte, und einen Ausweg versprach aus dem Kopfwehgrau, aus Sinnlosigkeit und Öde des Tages. Ich griff mir ein Rundholz mit Rinde, ein kurzes, krummes Aststück, das im Hobelbank eingespannt wurde, so gut es ging, und begann es mit Sägeschnitten eines Fuchsschwanzes zu traktieren. Erst als ich dem knorrigen Zylinder ein paar Kerben und Flächen zugefügt hatte, sah ich die Möglichkeit, ein Pferdchen daraus zu formen. Am Schwierigsten war es, das Stück Holz so festzuklemmen, dass es den Stössen meiner Säge widerstand und sich nicht immer wieder aus den Backen des Schraubstocks herausdrehte. Ich wusste auch nicht, wie das Material zwischen zwei Einschnitten, zum Beispiel zwischen den Beinen, herauszuholen war. Ich säbelte also kreuz und quer, sägte schräg und meinen Winkel laufend verändernd in der Lücke umher, bis alles Holz im Zwischenraum als Späne, Splitter und Sägemehl meinen Anstrengungen gewichen und heruntergerieselt war. Der Bauch des Pferdchens wurde struppig und zottig, aber es begann mir zu gefallen. Zwar tauchte die Frage auf, was ich denn mit einem hölzernen Tier anfangen sollte, wenn es denn einmal fertig würde, was also der Sinn meines Tuns sein könnte, und fast fiel ich heraus aus dem Fluss des eifrigen Hantierens, aus dem Kampf mit Material und Werkzeug, bedroht durch die vertrautverhasste Frage, was ich denn da mache. Ich verdoppelte darauf den Einsatz, wurde richtig schnell in meinen Entscheidungen und daraus folgenden Eingriffen, die allerdings allesamt unumkehrbar waren. Das Tier wurde kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich sah vieles zu spät, dass aus einem Knubbel am Hinterteil ein Schwanz zu machen gewesen wäre. So griff ich zum Bohrer, und in das Loch am Ende des Rückens stopfte ich eine dicke Hanfschnur, die ich mit reichlich Leim sicherte und anschliessend zu einem Schweif aufdröselte. Als mir das Holztier fertig erschien, oder ich nicht mehr weiterarbeiten mochte, zum Aufräumen fehlte mir erst recht die Energie, fegte ich mit dem Handrücken eine Fläche auf dem Hobelbank frei und stellte mein Werk darauf. Drehte und wendete es, betrachtete es von allen Seiten. War mir etwas gelungen? Ich hatte dieses Gefühl, ganz bestimmt, aber es bezog sich nicht auf dieses rohe, plumpe und unnütze Ding, das da vor mir stand. Es war mir gelungen, die bleierne Schwere von Langeweile und Melancholie zu durchbrechen. Den drängenden inneren Stimmen, die gemahnt hatten, man könne, solle, müsse etwas tun, hatte ich die Schnauze gestopft, indem ich irgendetwas anfing, etwas Unwahrscheinliches, ausserhalb jeden Zwecks Stehendes. Ich spürte den Impuls, mir diesen Nachmittag und die damit verbundenen Vorgänge zu merken.

Die Ausbildung zum Kunstpädagogen, zum Zeichenlehrer, wie es damals hiess, absolvierte ich an der Kunstgewerbeschule in Basel. Sie war stark geprägt einerseits von akademischen Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert, andererseits von der englischen Arts and Crafts-Bewegung sowie von Ideen des Bauhauses. Es gab eine wirkungsmächtige Vorstellung von handwerklichen und theoretischen Grundlagen im Gestalterischen, die es, vom einfach Elementaren, schrittweise hin zum Komplexen, zu durchschreiten galt. Das Modell einer evolutionären, hierarchischen Entwicklung bildete sich ab in einem Curriculum aus Fächern, deren Abfolge, zeitliche Ausstattung und räumliche Verortung genau festgelegt waren. Am augenfälligsten wurde dieser Aufbau in der Stellung des Aktzeichnens. Während der ersten Semester beschäftigte man sich zeichnerischn ausschliesslich mit toten Gegenständen, vom Würfel zum Zylinder, darauf mit einfachen Werkzeugen, Flaschen und Geräten. Dann erst kamen Naturobjekte dazu wie Obst und Gemüse, Wurzeln, Steine. Die Beschäftigung mit der Figur wurde vorbereitet im Völkerkundemuseum, vor stark abstrahierten Holz- und Steinfiguren aus Afrika, Südamerika und der Sepik. Später ging man in die Skulpturenhalle und arbeitete sich vor Gipsabgüssen antiker Statuen zum Naturalismus vor, von den archaischen über die klassischen bis zu den spätantiken Vorbildern. Parallel setzte das Tierzeichnen im Zoo ein, dann das Kopfzeichnen nach lebendigen Modellen, das figürliche Skizzieren in den Trainingsräumen des Balletts, alles in entsprechend bezeichneten Fächern mit festen Stunden und dafür spezialisierten Lehrern, die ausschliesslich Männer waren. Und man wusste, das Aktzeichnen kommt zuletzt, der Aktsaal trohnt auch im obersten Stock über allem, und der Zutritt führt exklusiv über die Abarbeitung all dieser notwendigen Vorstufen.

Als ich zum ersten Mal meine Staffelei im Aktsaal aufstellte, meine Papierbögen, die Kohlen, Wischlappen und den Knetgummi bereitlegte, war ich etwas aufgeregt. Man wusste, dass die Modelle ausschliesslich weiblich waren. Wie würde sich das anfühlen? Als die Frau in einem weissen Morgenrock hereinkam, ihn ablegte und an einem Haken in der Wand aufhängte, sich vom Lehrer kurz die gewünschte stehende Stellung erläutern liess, ohne Berührung, und dann für die nächste Stunde ohne die kleinste Veränderung in dieser Position verharrte, war klar, dass sich das Aktzeichnen nur in Nuancen vom Zeichnen in der Skulpturhalle unterscheiden würde. Das Modell hatte einen durchtrainierten Körper ohne ein sichtbares Gramm an Fett, und die Frau war, wie sich zeigen sollte, eine Yogameisterin, was sich nicht in abenteuerlichen Posen äusserte, sondern darin, dass sie auch Stellungen mit verdrehtem Rückgrat lange durchhalten konnte, ohne sie zu verändern. Sie wirkte auf uns junge Männer absolut unerotisch, fast geschlechtslos. Nichts störte das objektivierende Sehen und Umsetzen, um das es der Institution und ihren Lehrmeistern ging. Es gab keine formulierten Qualitätskriterien, man wurde gelenkt durch knappe Bemerkungen. Durch ironische, manchmal direkt abwertende Umschreibungen dessen, was man aufs Papier gebracht hatte. Bestärkt wurde durch Auslassen von Kritik, durch Versammeln der Studenten vor der Staffelei mit einer in den Augen des Lehrers geglückten Arbeit. Hohes Lob äusserte sich dadurch, dass einem ein gelungenes Blatt abgenommen und der Sammlung guter Beispiele einverleibt wurde. Das höchste, wenn es in einem der Gänge des Hauses, hinter Glas im Wechselrahmen, auftreten durfte.

Eine solche Auszeichnung konnte auch zum Bumerang werden. Als ich mich im zweiten Semester Aktzeichnen auf der Suche nach einer eigenen Form und nach persönlichem Ausdruck in meinen Zeichnungen verheddert hatte, meinte Lehrer Maier, das hätte ich auch schon besser gekonnt. Er verschwand kurz im Nebenraum und kam mit einem meiner Blätter aus dem letzten Semester wieder. Da! Ich war niedergeschmettert. Die Studien auf dem Papier waren gut, das musste ich zugeben. Aber sie waren mir fremd, machten mich unsicher, ob ich je wieder so etwa schaffen könnte. Und führten mir deutlich vor Augen, dass ich das nicht, dass ich etwas anderes wollte. Nur, was?

Freitag, 18. September 2020

Jimi

In der Oberstufe kam ein Neuer in die Klasse, ein grosser, phlegmatischer Kerl, sehr freundlich, mit langen, gewellten Haaren und einer grossen, markanten Nase. Er war etwas älter, rauchte Françaises mit Maispapier, und hatte eine enorme Plattensammlung. Bei ihm machte ich Entdeckungen, Hendrix, Cream. Zappa war mir zu schräg, und ich verstand seine Texte nicht, die offensichtlich wichtig waren. Ich durfte sogar Platten ausleihen, ein Privileg, und so konnte ich mich an Sperriges herantasten. An die Falsettstimmen von Jack Bruce und Eric Clapton, die mir zuerst affektiert, weibisch vorkamen. An die Länge der Stücke musste ich mich auch gewöhnen, an die zuweilen chaotischen Improvisationen zwischen den Teilen mit dem eigentlichen musikalischen Thema, dem Song. Bald begann ich selber nach Musik zu suchen, fand Musiker und Stile, die auch den andern neu waren. Otis Redding. Vanilla Fudge, Colosseum. Oder die Savage Rose aus Dänemark. Als mein Bruder in Zürich zu studieren begann, und ich das Zimmer für mich alleine hatte, stellte ich einen kleinen Plattenspieler neben das Bett. Es gibt Stücke, die ich so oft beim Einschlafen gehört habe, dass sie sich mit jedem Ton, jedem Geräusch und jeder Pause in mein Gehirn eingeschrieben haben. Rainy Day von Jimmi Hendrix, zum Beispiel, auf der zweiten Platte des Doppelalbums Electric Ladyland, das erste Stück. Beginnt mit einer winzigen Spielerei seiner Gitarre, die er ein paar Töne von sich geben lässt, wie eine quitschende Türe. Hustet dann zweimal, zieht die Nase hoch. Dann das jazzige Intro des Saxophonisten, für den ich mich nie interessierte. Er hiess Freddy Smith, und war mit seiner Soulband zufällig im gleichen Studio am Aufnehmen wie Hendrix, und man half sich gegenseitig aus. Dann ein einfacher Rhythmus von Schlagzeug und Congas, darüber ein spielerischer Dialog der Hammondorgel mit dem Saxophon, zuletzt mit der Gitarre. Dazu, mal dahinter, mal im Vordergrund, Jimmis Sprechgesang, cool, schwarz.

Hey man, take a look out the window 'n' see what's happenin'
Hey man, it's rainin'
It's rainin' outside man

Sie werfen sich Töne und kurze Tonfolgen zu, hin und her, dann Break. Leichtfüssige Überleitung zum Song, den er in typischer Weise halb spricht, halb singt.

Rainy day, dream away
Ah let the sun take a holiday
Flowers bathe an' ah see the children play
Lay back and groove on a rainy day

Nochmals ein Rhythmuswechsel, dann, wenn ich hier am Einnicken war, werde ich wieder wach. Die Wah-wah-Gitarre ruft. Wioau. WaeWoau. Ghiuhuageddiwua, und noch ein kurzes Solo, nochmals seine Stimme, langsam ausgeblendet. Von Jimmis Texten habe ich fast nichts mitbekommen, Englischunterricht war freiwillig im altsprachigen Gymnasium, und es ging mir vor allem um die Musik. Vielleicht bin ich auch der Düsternis aus dem Weg gegangen, bei den Doors bin ich mir sogar sicher. Mit dem Freund, der so viele Platten besass, hätte ich Erfahrungen mit LSD machen können, wenn ich es gewollt und ihm gesagt hätte. Davor hatte ich aber zu viel Respekt. Und es gab ja solche, die den Rückweg aus ihren Trips nie mehr fanden, einer in meiner Klasse, der sich später aus dem Fenster einer Anstalt geworfen hat. 1970 und 1971 waren traurige Jahre, unsere musikalischen Idole starben wie die Fliegen.

Kurz nachdem ich Jimi für mich entdeckt hatte, das muss im Laufe von 1969 gewesen sein, lieh ich mir Electric Ladyland aus, das Doppelalbum mit dem berüchtigten Cover. Neunzehn nackte Frauen posieren vor einem schwarzen Hintergrund, damit konnte man Reaktionen der Erwachsenen provozieren, und prüfen, wie sie mit der neuen Herausforderung, nicht als verklemmt zu gelten, umgingen. Das Bild war aber auch an sich hochinteressant, es liessen sich Frauenkörper miteinander vergleichen, Hauttypen, Brustformen, Brustwarzen. Schultern und Achseln, denn viele posierten leicht abgedreht. Manche wirken natürlich, ob selbstewusst, neugierig oder scheu, andere scheinen Haltung und Gesichtsausdruck vor dem Spiegel oder vor anderen Fotografen geübt zu haben.

Als ich die ausgeliehene Platte zurückgeben musste, kaufte ich sie mir sofort selber. Im Plattenladen waren die nackten Frauen nach innen gefaltet. Wir waren uns einig, dass dieses Foto das eigentliche Cover sei, also drehte ich die Hülle um. Die Musik war da aber schon viel wichtiger.

Die Frau ganz rechts auf dem Cover von Electric Ladyland, die mir besonders amerikanisch vorkam, hält auf ihrem Schoss ein schwarzweisses Porträt von Hendrix, das der Fotograf David Silverstein 1967 gemacht hat. Im Original zeigt das Bild Jimis ganzen Körper bis zu den Knien, sehr sorgfältig ausgeleuchtet und pastisch fotografiert mit einer Studiokamera, vor einem neutral grauen, nach oben heller werdenden Hintergrund. Er trägt helle Jeans, mit einem geknoteten Schal und einer zusätzlichen Silberkette mit Anhängern als Gürtel. Das geblümte Hemd ist weit geöffnet, so dass man seinen haarlosen, gut trainierten Bauch sieht. Die Brust wird grösstenteils verdeckt durch einen riesenhaften Anhänger und Jimis rechte, beringte Hand, mit der er an der Kette des Schmucks spielt. Die linke Hand, mit der er, wie wir wissen, auf der Gitarre das Plektrum führt, hält er lässig auf die Hüfte gestützt. Sein Kopf ist leicht nach oben gehoben, und unter schweren Lidern schaut er uns herausfordernd an, was ist los? Berühmt, und immer wieder kopiert, wurde eine Fassung des Bildes, die durch Track Records als Poster für Fans verkauft wurde. Dabei hatte man den Kontrast bis zur restlosen Trennung von Schwarz und Weiss gesteigert, was der Popart-Ästhetik von damals entsprach. Die Abstraktion erleichterte es den Fans, Schablonen vom Porträt anzufertigen, so auch mir, der mit Stencil-Posters, verkauft an die Klassenkameraden, eine Zeit lang sein Taschengeld aufbesserte.

Als mich die Nachricht von Jimis Tod erreichte, war das ein harter Schlag, gefolgt von wochenlanger Trauer. Ich hatte mir kurz zuvor das Album Band of Gipsys gekauft, und spielte es die ganze Zeit ab, wenn ich zuhause war. Seine Interaktionen mit dem Publikum während des Livekonzerts, seine rauhe Stimme und die meist beiläufig dahingenuschelten Worte, trösteten ein wenig.

Mittwoch, 9. September 2020

rollende Steine

Ich stelle mir vor, der Klarinettenschüler kommt, gedemütigt, traurig. Dann zornig, den säu-erlichen Mief der Musikschule hinter sich bringend, abschüttelnd die verächtliche Strenge des Bläserlehrers. Das muss alles ein Ende nehmen, alles. Kommt ans Ende der Strasse, die in den ehemaligen Stadtgraben mündet, auch eine Strasse jetzt zwischen hohen Mauern, jäh abfallend zum Barfüsserplatz. Und zwischen dem aufragenden Lohnhofgefängnis und dem efeubewachsenen Kohlenberg hört er auf einmal Trost, ein wummerndes Intro. Was ist es? Bombomm, bababaaa bababaaa, bababa bommbomm. Jumpin' Jack Flash. Es knetet ihn, hebt ihn hoch, leicht wird sein Schritt. Das gibt es ja, die andere Musik, von der die Erwachsenen ihre Finger noch so gerne lassen. Er geht, jetzt ist alles offen, zum Platz und weiter zur Bühne, vor der sich die Menschen zu sammeln beginnen, junge Menschen wie er, und schon tanzend und ihre Köpfe werfend. Dabei ist, was sie hören, eine Kopie, aber das stört sie nicht. Rollende Steine sind rollende Steine, in unserer Stadt. Und er weiss nun, dass er zum letzten Mal in der Musikschule gewesen ist. Wenige Tage später ruft er den Lehrer an und teilt es ihm mit. Die Mutter stellt er vor vollendete Tatsachen, und kommt sich erwachsen vor. Sie nimmt es gelassen.

Die Rolling Stones hätten damals, so sagt man, einen Spalt zwischen die Jugendlichen getrieben, sie gezwungen, sich zu entscheiden zwischen ihrem stampfenden Rock mit den eindeutig zweideutigen Texten, und den schönen, eingängigen Melodien mit den harmlosen, locker psychedelischen Bildern in den Songs der Beatles. Ich war näher bei den Beatles, neue Lieder von ihnen drehten sich mir manchmal wochenlang im Kopf. An die Stones musste ich mich herantasten und gewöhnen. Mick Jaggers nölende Stimme ging mir lange auf die Nerven, und die Musik schien mir zu simpel. Wie für viele meiner gleichaltrigen Kameraden und Freunde spielten die Texte von Popsongs lange keine Rolle. Ich verstand sie nicht spontan, da ich Englisch mehr schlecht als recht im Wahlfach lernte, und weil es mir blöd vorkam, wenn ich für meine Erkundungen im Dschungel von Rock und Pop das Wörterbuch hervorholen musste. Das änderte sich erst, als Songtexte öffentlich thematisiert und kontrovers diskutiert wurden. Je bedenklicher sie von den Erwachsenen beurteilt wurden, desto mehr interessierten wir uns dafür. Wie explizit die Stones waren, lass uns zusammen die Nacht verbringen!, wurde mir ausgerechnet im Religionsunterricht klar, wo uns der Lehrer, ein katholischer Priester, sanft aber unmissverständlich auf die Seite der Beatles schubsen wollte. Zwar merkte man an den Auslassungen in seiner Auswahl, dass auch ihm die dunkleren Seiten der Beatles aufgegangen waren, dass sie nicht so harmlos waren, wie sie manchmal tönten, mit LSD experimentierten, Lucy in the Sky with Diamonds, oder, Fool on the Hill, mit Dropouts sympathisierten.

Es waren solche Reaktionen der Erwachsenen, die mir die Rolling Stones näher brachten, und auch die Erfahrung, dass sich zu ihren Stücken besser und wilder tanzen liess. Die Fans der Rollenden Steine erschienen mir nun ungebundener, frecher und, das war das Wichtigste, erfahrener. Down Home Girl wurde zum Soundtrack einer meiner ersten Liebesgeschichten. Dass in dem Song ein Mädchen besungen wird, als Landei mit drastischen Merkmalen, wusste ich damals nicht, da ich mir auch hier nicht die Mühe machte, zu verstehen.

Mir fiel auch nie eine Parallele auf zwischen dem Namen der Band und meiner Leidenschaft als Jugendlicher, reale Steine ins Rollen zu bringen. Begonnen hatte dies nicht einmal mit Steinen, sondern, zusammen mit meinem Cousion A, mit Autoreifen. In ihrer Garage lag immer mindestens ein Satz Reifen herum. Diejenigen mit weissen Seiten durften wir nicht anrühren, aber wir fanden noch genug schwarze, um damit eine Barrikade auf dem Rütiring zu errichten, uns zu verstecken und aus der Deckung zu beobachten, wie die Autofahrer darauf reagierten. Es gab solche, die verunsichert im Auto warteten, ob sich der Spuk von selbst auflöse, schliesslich umständlich kehrten und einen anderen Weg suchten. Wir lachten uns tot. Als dieses Spiel langweilig wurde, begannen wir einander die Reifen hin und her zuzurollen. Durch Zufall entdeckten wir, dass ein paar Liter Wasser, eingefüllt in die Rundung des Kännels, den Rollbewegungen eine grössere Stabilität verliehen. Wir überprüften das auf einem kleinen, geteerten Pfad, der vom Rütiring zur Wackernagelstrasse hinunter führte. Schon auf dem ersten, nur leicht geneigten Stück entwickelte der Pneu eine eindrückliche Geschwindigkeit, und derjenige von uns, der etwas weiter unten stand und die Aufgabe hatte, das Ding zu stoppen, wurde von der Wucht einfach umgerissen. Es erschien uns natürlich, dass man dem Reifen einmal seinen freien Lauf lassen sollte, irgendwo würde er schon zum Stehen kommen. Wir rollten ihn ein weiteres Mal hoch und liessen ihn fahren, voller Spannung und Vorfreude darauf, was passieren würde. Da wir ihn im Übereifer nicht genau ausgerichtet hatten, streifte er schon nach kurzer Fahrt die Buchenhecke auf der einen Seite des Wegleins. Zu unserer Verblüffung, wir rannte dem Reifen hinterher, leiteten ihn die Zweige und die Trägheit des Wassers in seinem Bauch zurück auf die gerade Bahn. Schon sehr schnell geworden, fuhr er nun in eine quer stehende Hecke, die den ab da in Serpentinen weiterführenden Pfad begrenzte. Unbewusst und unabgesprochen hatte wir beide damit gerechnet, dass die Abfahrt hier enden würde. Der Pneu hatte aber so viel Schwung, dass er einige Meter hoch in die Luft katapultiert wurde, zehn Meter hoch!, meinten wir hinterher, und im Steilhang jenseits der Hecke seine Hatz fortsetzte. Unter den Geländern des Wegleins flutschte er mit atemberaubendem Tempo hindurch, nahm die direkteste Abkürzung in der Falllinie und liess sich durch kleinere Hindernisse nicht mehr ins Taumeln bringen. Schwer atmend schauten wir vom Hang aus zu, wie er die kleine Aussichtsterrasse über dem Pissoir an der Wackernagelstrasse in einem Sekundenbruchteil überquerte, dann vom Abschlussmäuerchen wiederum hoch in den Himmel geschleudert wurde, schliesslich unseren Blicken entschwand. Einen Moment lang blieben wir hocken, dann dämmerte uns, dass der Reifen jetzt auf der Autostrasse, was, wie? Also rasten wir los. Auf der letzten Treppe nahmen wir zwei drei Stufen aufs Mal, standen schliesslich auf dem Trottoir, da sahen wir ihn wieder. Er torkelte, viel weiter unten, ganz langsam schräg über die Strasse, blieb schliesslich am Randstein stehen, und kippte müde auf die Seite. Wir lachten so, dass wir uns auf den Boden setzen mussten. Es war wie im Film gewesen. Aber wir waren auch erleichtert, dass nichts Schlimmes passiert war.

Steine liessen wir einmal rollen auf einem Zweitägigen, den wir in der Sechsten des Gymnasiums ins Gotthardgebiet unternahmen. Das Wetter war kühl und neblig, die Landschaft eine einzige riesige, graue Geröllhalde. Der Weg zur Hütte, in der wir übernachten wollten, führte entlang dem Hang eines endlos ansteigenden, nicht sehr breiten, ehemaligen Gletschertals. Es gab nur diesen einen Weg, und wir waren die einzigen Menschen, die einzigen Lebenwesen, weit und breit. Ab und zu löste einer von uns einen Stein, der sich darauf klackernd in Bewegung setzte, bald zu hüpfen und, sich wild drehend, zu springen anfing. Anfänglich gab es Warnrufe und Ermahnungen vom Lehrer, wenn solches geschah. Bald aber merkten alle, dass die Steine für niemanden eine Gefahr darstellten, da wir ihren Weg in voller Länge überschauen konnten, und das Tal völlig leer und unbewohnt war. So begannen einige von uns, Steine gezielt in Bewegung zu versetzen, wobei es bald zu einem Wettstreit kam, wer den grössten Brocken aus dem Hang lösen und auf den Weg schicken könne. Der Lehrer liess uns nach anfänglichen Bedenken gewähren, vielleicht weil er hoffte, dass wir, wegen der zusätzlichen körperlichen Anstrengung, in der kommenden Nacht im Massenlager früher Ruhe geben würden.

Bei der Hütte angelangt, waren wir zwar schon müde, hielten aber noch immer Ausschau nach möglichen Kandidaten für unsere Experimente mit Masse und schiefer Ebene. Weil auch unsere Herberge über einer übersichtlichen Senke stand, wollten wir vor dem Nachtessen einen letzten grossen Felsbrocken hinunter donnern lassen. Das ging beinahe schief, weil einer von uns dreien oder vieren, die sich an dem riesigen Stein abmühten, ein netter Junge, der erst vor Kurzem in die Klasse gekommen war, fast mit in die Tiefe gesaust wäre, als sich der Stein plötzlich aus dem sandigen Untergrund löste. Ich meine, dass ich ihn gerade noch am Kragen packen konnte und ihn so vor dem Absturz bewahrt habe. Vielleicht war es aber auch umgekehrt. Da nichts Böses passiert war, konnte man es sich leisten, die genauen Umstände zu vergessen.

Freitag, 4. September 2020

Zeug_1


Wie alle Kinder haben mich Dinge angezogen, deren ausgefeilte Form auf eine bestimmte, mir jedoch noch verschlossene Verwendung hindeutete. Wenn sie dazu bewegliche Teile aufwiesen, oder wenn sich mit ihnen Spuren erzeugen liessen, machte sie das für mein erkundendes Spielen umso interessanter. Leider waren diese Dinge, die von den Erwachsenen Werkzeuge oder gar Instrumente genannt wurden, meist für Kinder verboten, und sie waren mir rasch aus der Hand genommen, worauf ein längerer Vortrag über die Bezeichnung, den eigentlichen Verwendungszweck, die Gefahren sowie die zukünftigen Regeln des Gebrauchs, oder halt nur des Betrachtens meinerseits, erfolgte.

Im Einflussbereich meiner Mutter gab es zum Beispiel zwei Instrumente, die ähnlich geformt, aber aus unterschiedlichen Materialien gefertigt waren. Es handelte sich um Rädchen, die mittels einer kurzen Achse drehbar an einem Griff befestigt waren. Das eine war aus Holz, roch ganz leise ranzig, und befand sich in einer Schublade der Küche. Beim andern, das sich im Umfeld der Nähsachen befand, waren Rädchen, die Achse und Lagerung aus einem schwarzen Metall, befestigt in einem glänzenden, wohlgeformten kurzen Griff aus Holz. Während das Rad aus Holz einen Zickzack-Rand aufwies, hatte das metallene aggressive Spitzen, die beim Abrollen auf einer Fläche eine gepunktete Spur hinterliessen. Dieses Experiment war nun aber genau so eines, das mir strengstens verboten wurde, vor allem auf der Tischfläche. Nun schau doch mal, was du angerichtet hast, da sind Löcher, im Esstisch! Später, als der Ärger der Mutter etwas verflogen war, wurde mir erklärt und gezeigt, wie man, nie ohne Unterlage!, mit dem Rädchen Schnittmuster auf andere Papiere oder auf den Stoff übertragen konnte, im ersten Fall als Linien aus feinen Löchern, im zweiten als weisse Punkte, deren Farbe von einem beschichteten Kopierpapier stammten. Mit dem hölzernen Rädchen in der Küche liess sich Teig so zerschneiden, dass er danach einen gezackten Rand aufwies. Da meine Mutter gut und gerne kochte, machte sie manchmal sogar Ravioli selber. Dabei kam das Rädchen zum Einsatz, und ich durfte helfen.

Die Schubladenmöbel unter der Werkfläche, die sich über die ganze Breite des Esszimmers erstreckte, waren wunderbar gefüllt mit Werkzeug, aber für uns Kinder absolut tabu. Natürlich habe ich die Schubladen trotzdem immer wieder herausgezogen, vor allem die kleinen, um zu schauen, die zum Teil winzigen Zangen zu bewundern, oder die metallenen Stäbchen, deren polierten Enden Sternchen und Blümchen aufwiesen. Punzen hiessen die, und mein Vater konnte mit einem einzigen satten Schlag seines Hämmerchens die Verzierungen ins Blech übertragen. Er legte Wert darauf, dass wir die richtigen Bezeichnungen der Werkzeuge lernten, bei den Zangen zum Beispiel Rundzangen von Flachzangen oder Halbrundzangen unterscheiden konnten. Das Beisszangen auch Vor- oder Vornschneider genannt wurden, und dass es daneben Seitenschneider gab. Viele der kleinen Zangen hatten polierte Backen, was sehr wichtig war, damit das bearbeitete Metall keine unnötigen Prägespuren erhielt. Darum merkte mein Vater später, als wir selber bastelten und werkten, und dabei manchmal das Verbot missachteten, seine feinen Werkzeuge zu benützen, immer sofort an den Spuren unseren Murks damit. Dann konnte er richtig wild werden, und schimpfte wie sonst kaum je. Am schlimmsten traf es ihn, wenn er eines seiner geliebten Zänglein verrostet im Garten fand. Mit Metall konnte mein Vater sehr gut umgehen, vor allem im Formen von Blech durch Ziselieren und Treiben war er ein Virtuose. Ich weiss nicht mehr, ob bei ihm, meiner Mutter oder bei einer Kollegin in der Schule der Wunsch entstand, Stoff in der Batiktechnik zu bemalen. Jedenfalls suchte mein Vater im Geschäft für Kunstbedarf, beim Rebetez in der Bäumleingasse, nach den kleinen Dingern, mit denen man das Wachs auf den Stoff aufbringen kann. Batikkännchen heissen sie, etwas prosaisch, auf Deutsch. Bei Rebetez hatte sie welche direkt aus Japan, mit dem geheimnisvollen Namen Tjanting. Sie waren allerdings sehr teuer, und dabei noch handwerklich schlecht gemacht. Mein Vater kaufte widerwillig zwei davon, machte aber aus seinem Urteil keinen Hehl und sagte zum Verkäufer, nicht ganz ernst, er könne die besser und billiger machen. Daraus wurde ein Auftrag, und über die folgenden Jahre produzierte er für den Laden immer wieder zwischendurch eine kleine Serie Tjanting aus Kupfer, für die er die Hälfte des Verkaufspreises erhielt.

In Beijing kaufte ich einmal zwei winzige Hobel, der kleinere ist nur gerade sechs Zentimeter lang. Ich hatte damals keine Ahnung, wofür die gebraucht werden. Erst jetzt, Jahrzehnte später, leisten sie mir gute Dienste beim Zurichten von Bambusstäben, die ich für meine Drachen brauche. Ich verwende sie auf Stoss, obwohl ich weiss, dass Asiaten praktisch immer ziehend hobeln. Ich habe es versucht, aber ich müsste es neu lernen.

In der Kunstgewerbeschule hatten wir anfangs der 1970er-Jahre Unterricht in Holzbearbeitung bei einem Schreiner. Bei der ersten Arbeit, die ich dort als Aufgabe erhielt, konnte ich zwar selber bestimmen, was ich machen wollte, durfte dazu aber keine Maschine benützen. Ich entwarf eine würfelförmige Kiste mit Deckel, die als Hocker dienen sollte, und in deren Innerem sich Vynil-Schallplatten verstauen liessen. Im Laufe der Fertigung lernte ich Werkzeuge und deren Gebrauch kennen, die für mich neu waren, vor allem Hobel. Die Rauhbank, einen besonders langen Hobel, verwendete ich, um die Stirnseiten der Bretter zu richten. Dazu wurde er auf der Seite liegend gestossen, und das Werkstück musste gegen einen Hartholzklotz gedrückt werden, damit das Ende der Kante nicht ausbrach. Später habe ich mit Nut- und Grundhobel die Schlitze, oder eben Nuten, in zwei der Bretter angebracht, für die Eckverbindungen. Ich liebte diese Werkzeuge, auch wenn sowohl ihre Einstellung als auch Handhabung Zeit und Übung erforderten. Ich habe sie mir später selber angeschafft, auch den Falzhobel, und mit dem ganzen Set war es mir möglich, ein kleines Kellerfenster zu ersetzen, ganz von Hand und mit allen erforderlichen Profilen. Den damit verbundenen Stolz, eine ganz spezielle Art von gutem Gefühl, das einen ergreift, wenn man handwerklich etwas hinbekommen hat, lernte ich früh kennen, und noch immer zieht es mich dorthin.

Freitag, 21. August 2020

magische Dinge_2


Ich würde mich nicht als Schuhfetischisten bezeichnen, aber Schuhe waren und sind für mich immer etwas Spezielles. Ich habe an anderer Stelle von den Lackschühchen geschrieben, die mein Bruder und ich als kleine Knirpse für die Hochzeit einer Tante tragen durften. Obwohl mir die Füsse darin nach kurzer Zeit weh taten, musste ich doch immer nach unten schauen und die Glanzlichter auf den Kappen bewundern. Ähnlich erging es mir mit den poppigen Schuhen, die ich mir 1968 in London kaufen durfte, in dem Sommer, als Yellow Submarine Premiere hatte.

Sportschuhe waren nochmal etwas anderes für mich. Im unteren Gymnasium war wieder, wie in der Primarschule schon, Fussball ungeheuer wichtig für einige der tonangebenden Klassenkameraden. Die hatten Fussballschuhe mit Stollen, und waren für mich, der wie die meisten, die mit dem Ball nicht viel anfangen konnten, in der Verteidigung eingesetzt wurde, meist schon nach ein paar Schritten und Haken auf und davon. Ich rutschte mit meinen Hallenturnschuhen oft aus und manchmal haute es mich auch ohne Berührung des Balls oder Gegners auf den Rasen. Trotzdem schoss ich einmal in einem Match gegen eine Parallelklasse ein entscheidendes Tor. Eigentlich wollte ich einfach den taktischen Vorgaben meiner Chefs folgen und den Ball nach vorne hauen, wenn du ihn hast, einfach weg, weg, weg! Diesmal schien mein Kick mit der Fussspitze, etwas anderes konnte ich noch nicht, dem Ball Zauberkräfte zu verleihen. Niemand vermochte ihn mehr von seiner Bahn in Richtung Tor abzubringen, er schlitterte zwischen Beinen durch und an den geschicktesten Technikern vorbei, bis ihm schliesslich sogar der gegnerische Goalie mit einer unfreiwilligen Pirouette Platz machte. Dieses Tor liess mich dazugehören, ich wurde auf einmal in den Überlegungen zu Mannschaftsaufstellung in Betracht gezogen und auf verschiedenen Positionen auf die Probe gestellt. Mit dem wachsenden Selbstvertrauen kam auch die Übung, mit weiteren sportlichen Betätigungen die Kraft dazu, sodass ich bald mit dem rechten und dem linken Fuss hohe Flankenbälle schlagen konnte. Das war wichtig, denn damit half ich den Stars, sich in Szene zu setzen mit Kopfbällen und Direktabnahmen, auch wenn es meistens bei Versuchen blieb. Der Dank für eine schöne Flanke bekam ich sogar eher und herzlicher, wenn der Stürmer scheiterte. In dieser Zeit kaufte ich mir zum ersten und einzigen Mal Fussballschuhe. Zwar durfte man diese längst nicht immer anziehen in den Matches, die wir im Sportunterricht oder in der Freizeit spielten, denn wir wurden älter und damit kräftiger und schwerer. Die Mehrheit spielte noch immer mit normalen Turnschuhen, und praktisch niemand hatte Schienbeinschoner, so dass die wenigen Stollenschuhe gefürchtet waren und manchmal eben aus Gründen der Fairness ausgeschlossen wurden. Aber wenn ich sie trug, genoss ich die direkte Verbindung zum Boden, die Möglichkeit, sehr schnell durchzustarten und enge Kurven und Zickzacklinien laufen zu können. Es waren meine Schuhe, die ich mir gekauft hatte, und auch sorgfältig putzte und pflegte. Und sie waren das eindeutige Zeichen dafür, dass ich nun auch in diesem Teil des Sports zu den anderen dazu gehörte. Auch die Hallenschuhe kaufte ich mir nun selber, das Modell Rom von Addidas, weil ich begann, Volleyball zu spielen, und dieser Schuh dabei besonders populär war. Oder das Modell Gazelle, das aus rot gefärbtem Wildleder gemacht war, und ziemlich ausblutete, wenn es feucht wurde. Als es in meiner Umgebung hiess, die Schuhe von Künzli gäben einen besseren Halt, kaufte ich mir ein solches Paar. Und als ich sie zum ersten Mal im Sportunterricht trug, erzielte ich damit ebenfalls ein legendäres Tor in einem Fussballspiel. Ich zog auf der linken Seite nach vorn, konnte einen Gegenspieler umspielen und setzte dann zu einer hohen Flanke auf einen Mitspieler an, der in der Mitte den Arm hob. Das Bild habe ich noch immer vor Augen, der Ball stieg und stieg, ich dachte schon, ich hätte es vermasselt, da begann er sich zu senken, hatte aber von meinem Vorwärtsstürmen noch so viel Fahrt in die Tiefe, dass er in der entfernten oberen Torecke landete. Ein Meisterschuss, mit dem neuen Schuh. Das sollte aber eine Flanke sein und keine Torschuss, oder?, fragte der Klassenkamerad, der in der Mitte vergebens gerannt war. Ich zuckte mit den Schultern.

Beim Rudern ist die Geschichte mit den Schuhen eine eigene und eigentümliche Sache. Bis heute, wo man in manchen Klubs damit begonnen hat, die Boote mit Klicksystemen auszustatten, so dass jeder Ruderer seine persönlichen Schuhe im Boot befestigen kann, waren sie in den Ruderbooten fest verschraubt. Man war daran gewöhnt, und die meisten sind es noch immer, dass man in Schuhe schlüpft, in denen immer wieder andere Füsse stecken, Hygiene hin oder her. In meiner ersten Saison als Junior hatte unser Boot noch gar keine eigentlichen Schuhe auf den Stemmbrettern, sondern lediglich grobe, schnürbare Lederlaschen für den Vorderfuss, sowie zwei halbrunde Schalen aus Aluminium für die Fersen, die sich, wenn man sich auf der Rollschiene ganz nach vorne bewegte, bei jedem Schlag heraushoben und beim Durchdrücken der Beine wieder hineinsenkten. Man musste dicke Socken tragen beim Rudern, und deren Fersenteile wurden immer schwarz, und bald löcherig, weil das Aluminium Risse bekam, welche die Socke durchscheuerten. Für den Weg zum Bootssteg und wieder zurück waren in unserem Club damals Holzschuhe Mode, entweder die leichten, niederländischen, die ganz aus Lindenholz gefräst waren, oder dann die Schweizer Holzböden, mit Lederriemen. Irgendwann setzte sich aber die Einsicht durch, dass diese Holzdinger gefährlich waren für Ruderer und Boote, weil damit eine ganze Mannschaft ins Rutschen geraten konnte beim Tragen des Bootes auf den nassen Stegen. Nach der zweiten, erfolgreichen Saison als Junioren bekamen wir ein neues Boot, das nur wir benützen durften. Es war ein Vierer mit Steuermann, ein ziemlich schweres Gerät, was uns aber damals nicht störte. Es war mit dem neuen Schuhsystem ausgerüstet, das sich mit nur wenigen Anpassungen bis heute bewährt hat. Zuerst wurden einfach umgebaute Sprintschuhe verwendet, die an den Fussballen auf den Stemmbrettern festgeschraubt waren und die Abrollbewegung des Fusses erlaubten. Man schnürte die Schuhe mit Bändeln zu, und es gab noch keine Leinen, welche den Schuh bei einem erzwungenen Ausstieg, bei einer Kenterung, so niedergehalten hätten, dass das Herausschlüpfen einfach möglich gewesen wäre. Heute ist dieser Mangel aus Sicherheitsgründen behoben worden, alle Schuhe sind speziell für den Rudersport gemacht, sie haben Klettverschlüsse, die miteinander verbunden sind und sich mit einem Handgriff lösen lassen. Die vorschriftsmässige Ausstattung damit sowie mit den Leinen, welch die Schuhfersen im Notfall niederhalten, wird bei jedem Boot und vor jedem einzelnen Rennen von den Organisatoren überprüft.

Heute kommen die Ruderer mit Joggingschuhen oder Badelatschen auf den Bootssteg. Bei Regatten sind die Stege übersäht mit einem Gewühl aus Schuhen, Latschen, Trinkflaschen und Rudern, und es ist nicht einfach, seine Schuhe wieder zu finden. Da man meistens auch noch an einem anderen Steg landen muss als an dem, von dem man losfuhr, ist es besonders schwierig und man ist froh, wenn man Helfer hat, welche die Schuhe gleich einsammeln und zum Landesteg bringen. Und wenn man seine Schuhe irgendwie markiert hat. Ich habe auf meine die chinesischen Zeichen für Yeye aufgesprayt, Grossvater. Daran erkenne ich sie von Weitem.

Sonntag, 2. August 2020

Am Beschde, Si schmeissets weg!


Wir sagen manchmal, halb im Scherz, wir könnten nie umziehen, weil wir so viele Dinge in unserem Haus haben. Lange schon wollten wir wieder einmal mit einer ausgesuchten Ladung auf den Flohmarkt gehen, um die Entsorgung auf dem Werkhof bei den Sachen zu vermeiden, die wir dafür zu schade finden. Und das sind einige. Zum Beispiel ein letztes, halbrundes Eichenfenster unseres Hauses, das wir vor vierzig Jahren mühsam abgelaugt und geölt hatten, und bei dem mein Vater die Gläser herausgenommen und frisch verkittet hatte. Irgendwann wurden uns die Umstände mit dem Putzen der kleinteiligen Fenster, mit dem Ein- und Aushängen der Vorfenster zu viel. Auch war die Isolation gegenüber Temperaturen und Lärm von aussen schwach, so dass wir im ganzen Haus moderne Fenster mit doppelter Verglasung einbauen liessen. Die alten eichenen, fein profilierten Stücke nach ihrem Ausbau in eine Mulde zu werfen, kam für uns nicht infrage, und wir waren sehr froh, als sich ein Spezialist für historisches Baumaterial dafür interessierte und auch gleich alles mitnahm. Bis auf dieses eine Fenster, das wir aus Sentimentalität behielten, ohne einen Verwendungszweck dafür bereit zu haben. So stand es lange im Keller herum, musste immer wieder seinen Standort wechseln, und wurde schliesslich bei einer Entsorgungsfuhr mitgenommen. Es kehrte aber vom Werkhof wieder nach Hause zurück, weil der zuständige Mitarbeiter dort sich weigerte, das Fenster wegzuwerfen. Wir sollten es verkaufen oder verschenken, dafür gebe es genügend Interessenten. Nun, da wir lange genug gezögert und gewartet haben, kommt der Flohmarkt zu uns, als Quartiersveranstaltung, zu der alle, die möchten, ihren Vorgarten zum Verkaufsstand machen können. Wir werden das Fenster anbieten, natürlich für einen symbolischen Preis, denn wir möchten es ja loswerden ohne schlechtes Gewissen.

Nun ist der ganze Keller verstellt mit Schachteln, in denen wir die Objekte für den Markt vorbereiten. Kinderspielsachen zum Beispiel. Gerade bei denen fällt die Entscheidung, behalten oder wegschmeissen, besonders schwer, da wir ja Enkel haben. Aber von gewissen Spielsachen gibt es mehr als genug, oder sie wurden von den Buben mit Desinteresse behandelt, weshalb nun die Aussortierung nicht schwer fällt. Wie verfahren mit den von meinem Vater geschnitzten Holztieren? Er war so produktiv, dass er uns unzählige hinterliess, mit durchaus schwankender handwerklicher und gestalterischer Qualität. Ich habe mir solche Urteile schon lange erlaubt, da ich ab und zu Tiere reparieren musste, wenn deren Beine, Hörner, Ohren oder Rüssel beim Spiel der Kinder abbrachen. Manchmal war eine Reparatur zu aufwändig, weil mein Vater die Richtung der Holzmaserung missachtet hatte, oder weil es von der gleichen Tierart viel schönere Exemplare gab. In den Schachteln im Keller warten nun deshalb nicht die besten Werke meines Vaters auf einen Käufer. Oder sollen wir sie gleich verschenken, wenn sich jemand dafür interessiert? Soll man, darf man das an einem Flohmarkt, oder untergräbt man durch Gratisangebote den Sinn der Sache? Und was ist ein angemessener Preis für Dinge, die jemand in stunden- oder gar tagelanger Handarbeit geschaffen hat? Das Kinderbettchen aus Kirschenholz zum Beispiel, das nun zwei Generationen gedient hat, unseren Söhnen und allen drei Enkelkindern? Für uns besteht seine Patina aus Schichten von Erinnerungen, und ich denke nicht daran, die Pfosten und Docken abzuschleifen und neu zu ölen vor dem Verkauf. Aber gruselt es einer möglichen Interessentin vor den Spuren des Gebrauchs? Oder besuchen Menschen mit derartigen Empfindlichkeiten schon gar keinen Flohmarkt? Wir haben das Bettchen fotografiert und dann auseinandergenommen, so dass es leicht transportiert werden kann. Auf einem Handzettel wird es mit den Fotos und wenig Text vorgestellt. Lässt es sich von jedem beliebigen Käufer so leicht wieder zusammensetzen wie ein Möbel von Ikea? Oder ist das schon zu schwer? Wir werden sehen. Dass ich das Holz für das Bettchen damals gekauft und mit dem Bau begonnen hatte, als wir nach einer Fast-Fehlgeburt des ersten Kindes eine gewisse Sicherheit und Zuversicht verspürten, werde ich niemandem erzählen, der das Bettchen haben möchte. Es war ein magisches Objekt damals, aber nur für uns.

Ich hatte in einem früheren Text über die Unsicherheit beim Erinnern geschrieben, über die verstörende Wirkung eines grundsätzlichen Einwandes anderer, wenn man nach ihrer Meinung die Dinge verdreht und verschiebt. Ich hatte dabei eine Auseinandersetzung mit meiner Frau im Sinn, die mir im Detail erst hinterher wieder klarer ins Bewusstsein trat. Es ging um einen Witz, von dem ich behauptete, er sei von RW erzählt worden, einem lieben Nachbarn unseres Elternhauses. Physikprofessor aus dem Badischen mit wunderbar trockenem Humor. Da der Witz von einem badischen Handwerker handelt, und weil er in seiner Qualität gut zu ihm passte, war ich ganz sicher, dass er ihn erzählt hatte, ja, ich meinte, seine Stimme und seinen Dialekt zu hören, wenn der Alte in der kleinen Geschichte sprach. Meine Frau aber entgegnete, es sei Herbster gewesen, der die Anekdote erzählt habe. Der war selber ein Handwerker, nämlich Giesser aus Stetten bei Lörrach, der nach seiner Pensionierung in derselben Freizeiteinrichtung mithalf, in der auch meine Frau eine Zeit lang Goldschmiedekurse gab. Als ich vor kurzem die Frau des inzwischen verstorbenen Nachbars traf, erschien es mir plötzlich klar, weshalb ich ihn als Urheber des Witzes in meine Erinnerung eingebaut hatte. Er fand ihn damals unglaublich lustig, es schüttelte ihn vor Lachen und er wiederholte die drei Stufen sowie den Schluss der Geschichte immer wieder. Hier ist sie also.

Eine Frau im Badischen findet beim Aufräumen im Keller eine alte, kupferne Bettflasche. Da sie vor dem Einschlafen oft kalte Füsse hat, möchte sie die Flasche, die sie im Übrigen schöner findet als die modernen Gummidinger, wieder aktivieren. Grosse Enttäuschung, als sie sie zum ersten Mal mit Wasser füllt. Die Flasche leckt an mehreren Stellen aus den verzinnten Nähten. Sie bringt sie zu einem alten Handwerker, einem Schlosser oder Schmied, von dem sie meint, dass er sich mit Metallsachen auskennt. Er begutachtet die Flasche von allen Seiten, stellt sie vor sich auf die Werkbank, kratzt sich am Kopf, zündet die Pfeife an, nimmt das Ding wieder in die Hand. Sagt endlich etwas. Me könnts löte. Dann wieder lange nichts, wiegt den Kopf hin und her, dreht das Kupfergefäss in alle Richtungen. Dann das erste Urteil. Aber des hält net. Erneut langes Abwägen, hin und her. Dann, mit Betonung. Me könnts HART löte. Nach einer längeren Pause dann, aber des hält au net! Schliesslich, wir kennen ihn nun, nach wiederum langer Betrachtung und stummem Zwiegespräch mit sich selber. Me könnts SCHWEISSE. Nach einer kurzen Pause das Fazit. Aber denn ischs he (hin)! Am Beschte, Si schmeissets weg!

Freitag, 17. Juli 2020

zum Beispiel ein Tisch

Dinge, auch unscheinbare, können einen um Generationen überleben. Es gibt in unserem Atelierhaushalt einen kleinen Tisch aus Kirschholz, den wir beim Kauf des Hauses als eines von ganz wenigen Dingen übernommen und behalten haben. Es könnte sein, dass das kleine Möbelstück noch aus der Zeit des Architekten stammt, der das Haus für sich und seine Familie 1907 gebaut hat. Auf einer Fotografie aus der Zeit nach der Fertigstellung sitzen Gottfried Gfeller und seine Frau Marie, geborene Steinmann, mit ihren beiden Kindern Erika und Arnold auf dem Kiesplatz seitlich neben dem Haus, dort, wo wir achtzig Jahre später eine Terrasse mit einem Wintergarten ans Haus anbauen liessen. Der Architekt trägt einen karierten Anzug mit Gilet und gut sichtbarer, silberner Uhrenkette. Über dem gestärkten Hemdkragen ein etwas spöttisch zum Fotografen blickender Charakterkopf, mit Bürstenschnitt und quer gezwirbeltem Schnurrbart. Seine Frau, in einem schweren, schwarzen Rock, darüber eine reich bestickte, weisse Bluse mit Stehkrägchen, die Haare kunstvoll frisiert und hochgesteckt, blättert in einem Buch, das auf einem kleinen Beistelltischchen liegt. Davor die beiden Kinder, auch sie sonntäglich gekleidet mit weissen Spitzenkragen. Arnold, der später Architekt wird wie sein Vater, scheint sich über ein Bild im Buch zu amüsieren, das seine Schwester auf ihrem Schoss hält. Die kleine Erika schaut herausfordernd in die Kamera. Die Eltern sitzen auf zwei gleichen Stühlen, die sie aus dem Haus nach draussen geholt haben, Möbelstücke aus Kirschholz, mit Rattangeflecht auf Sitzfläche und in der Rücklehne, die oben durch eine quer liegende, gedrechselte Docke abgeschlossen wird. Wir benützen sie heute als Kleiderstühle.

Das Tischchen aus Kirschholz, von dem anfangs die Rede war, ist auf dem Bild nicht zu sehen. Ich sah es zum ersten Mal als Kind, und zwar in der Mansarde des Hauses, das dann nicht mehr der Familie Gfeller gehörte, sondern einer Frau D, die darin als Witwe wohnte, zusammen mit ihrem jüngsten, geistig behinderten Sohn. Frau D war die Grossmutter eines meiner Spielkameraden, dem jüngsten Kind der Familie H, mit der meine Eltern auf eine etwas komplizierte Weise befreundet waren. Ich wurde einmal mitgenommen ins Haus der Grossmutter, und wir durften auf dem Estrich spielen, der sich, aufregend und etwas gruselig dunkel, um die Mansarde zog wie der Gang einer Geisterbahn. In einer Pause unseres Spiels führte mich mein Kamerad zu Werni. Dieser sass im schwachen Schein einer Lampe an einem kleinen Tisch und arbeitete an seinen Musikkatalogen. Aus den Broschüren eines Musikhauses schrieb er Titel um Titel akkurat ab in ein Heft, in Grossbuchstaben, auf jeder Zeile in einer anderen Farbe, und er zeigte uns sein Werk mit würdevollem Stolz. Dass diese Tätigkeit als bizarr angesehen wurde, merkte ich erst am Verhalten und an den Äusserungen der Familienmitglieder, die sich, zwar nicht lieblos, aber doch recht ungeniert, über ihren Webstübeler lustig machten.

Ich mochte Werni, vor allem, nachdem ich ihn einmal im Winter beim Schlitteln auf dem Hang unter der Wackernagelstrasse angetroffen und mit ihm einen sehr vergnügten Nachmittag verbracht hatte. Werni legte sich bäuchlings auf seinen Davoserschlitten und fädelte die Unterschenkel in die Kufen meines Schlittens ein, den er dann, oft wild schleudernd, hinterherzog. Bob nannten wir solche Verbände, die manchmal auch auf drei oder vier Schlitten verlängert wurden. Dann hat es das auf dem letzten sitzende Kind aber meist abgeworfen, und die verbindenden Beine des Zugs bekamen blaue Flecken und Verstauchungen ab. Werni war da vorsichtig. Bei ihm durfte sich immer nur ein Schlitten anhängen. Weil viele Kinder mit ihm fahren wollten, musste man warten, bis man an der Reihe war. Mich liess er an diesem Nachmittag aber unvermittelt auf seinem Rücken mitfahren. Ich spürte zwischen meinen Beinen, wie er mit seinem breiten, mir unendlich stark vorkommenden Rücken steuerte, und sah ein Stück seines geröteten Nackens zwischen dem gestrickten Mützenrand und dem schwarzen Kragen der Windjacke. Die Mütze rutschte ihm während der Fahrt immer über die Augen, was für ihn eine Gelegenheit zu ausgiebigem, lustvollem Fluchen war. Im Ziel sagten wir lachend zu ihm, aber, aber, Werni, red doch nicht so unanständig, worauf er alle schlimmen Wörter der Abfahrt nochmals sorgfältig wiederholte, dazu grinsend von einem Ohr zum andern.

Später, als ich in der Stadt zur Schule ging, begegnete ich Werni nach zwölf im Zweiertram. In der warmen Jahreszeit blieben die Schiebetüren der alten Tramwagen geöffnet, und es wurde eine Querstange zwischen die Türpfosten eingehängt. Der Platz an diesen Stangen war begehrt, für Werni musste aber immer einer frei bleiben, denn dort, halb im Freien hängend, mit wehenden Haaren und tränenden Augen über die Wettsteinbrücke segelnd, war er Tramführer, Billetteur, Kontrolleur und deren aller Chef gleichzeitig. Sein so sichtbares Glück wurde ihm nie streitig gemacht, auch von den gröbsten Rabauken nicht.

Wernis Tischchen aus Kirschenholz ist nun ein Werktisch, an dem ich handwerkliche Arbeiten für meine Kunstprojekte ausführe. Es steht immer noch, oder wieder, auf demselben Estrich, in deren Mansarde Werni seine farbigen Listen malte. Die mit Schilfmatten armierten Gipswände der Mansarde haben wir bei einer unserer Renvationsrunden herausgerissen und aus dem Estrich einen einzigen, grossen Raum gemacht. Dass wir einmal in dem Haus wohnen, es sogar besitzen würden, hätte ich mir damals, als ich vor Wernis Tischchen stand und seine farbige Schönschrift bewunderete, nie träumen lassen. Aber anfangs der Achtzigerjahre suchten wir ein Haus, weil die Situation in der Kleinbasler Wohnung für eine junge Familie ungünstig wurde und meine Frau nach dem frühen Tod ihrer Eltern etwas geerbt hatte. Die ehemalige Freundschaft meines Vaters zur Familie H wurde nun plötzlich zu einem schicksalshaften Vorteil, weil er in einer zufälligen Begegnung mit Frau H erfuhr, dass diese ihr Elternhaus in Riehen verkaufen wollte. Sie berichtete über die unterschiedlichen Ansichten bezüglich des Verkaufs zwischen ihren Geschwistern, und als mein Vater ihr dann von unserer Suche nach einem Haus erzählte, versprach sie, sich für uns, für eine junge Familie, einzusetzen. Was sie dann auch mit Erfolg tat, so dass wir 1980 in den Besitz des Gfellerhauses kamen, mit Werni-Tischchen.

In meiner letzten Ausstellung wurde es in eine grosse Installation eingebaut. Ich habe die unaufgeräumte Situation, die ich beim Modellieren darauf angerichtet hatte, fotografiert, und in der Ausstellung mit allen Dingen, mit allen Tonbröseln und mitsamt dem Staub, wieder aufgebaut. Es hat mich erstaunt, wie sehr sich das kleine Möbel durch die Verschiebung des Kontextes in meinen Augen veränderte, und wie vollständig es sich danach wieder in das ganz normale Werktischchen zurück verwandelt hat. Gerade habe ich Drachen darauf gebaut, für ein nächstes Vorhaben. Mir gefällt der Gedanke, dass das Tischchen noch viel länger leben könnte als ich. Auch wenn, oder gerade weil dann niemand mehr wissen wird, wie einst Werni daran gearbeitet hat, und dass ich an einem der gedrechselten Beine ein Astloch sorgfältig mit Kirschholz geflickt habe.